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Rapid vs Sturm: Wie man mit zehn Mann verteidigt - Rapid viel zu hektisch[Spiel-Analyse]

Über 50 Minuten war Sturm Graz gegen Rapid Wien in Unterzahl. Mit hervorragender defensiver Leistung und immer wiederkehrenden hohen Pressingphasen konnten sie das 0:0 halten. Rapid fand im Spielaufbau kaum eine Lösung und kreierte auch nur wenige Torchancen.

+ + 90minuten.at Exklusiv + + Eine Spielanalyse von Simon Goigitzer

 

In der dritten Runde des Finaldurchganges duelliert sich der SK Rapid Wien mit dem SK Sturm Graz. Trotz Unterzahl schafften es die Grazer 50 Minuten lang die Hütteldorfer von ihrem Tor fernzuhalten.

Bei den Gästen gab es in der Abwehr – im Vergleich zum Sieg gegen die WSG Tirol – nur zwei Veränderungen. Niklas Geyrhofer und Jusuf Gazibegovic starteten statt David Wüthrich und Lukas Jäger. Bei den Gastgebern gab es hingegen einige Veränderungen in der Startelf im Vergleich zur Niederlage gegen den FC Red Bull Salzburg: Maximilian Hofmann und Mateo Barac wurden von Leo Greiml und Dejan Ljubicic in der Innenverteidigung ersetzt. Zudem kamen Thorsten Schick und Srdjan Grahovac in die Stammformation.

Rapid Wien startete mit einer 4-2-3-1 Formation. Im Spielaufbau mussten die Wiener anfangs immer wieder hohe Bälle in die Sturmspitze spielen. Aufgrund des hohen Pressings der Grazer kamen die Abwehrspieler der Hütteldorf im Ballbesitz sehr früh unter Druck und hatten auch nur selten flache Passoptionen im Ballbesitz. Dazu kam noch, dass Sturm Graz nach Balleroberung versuchte, sehr schnell nach vorne zu spielen. So ergab sich ein sehr intensives Spiel mit vielen hohen Zuspielen und Ballwechseln. Dadurch kam es auch nur selten zu längeren Ballbesitzphasen der beiden Mannschaften. Dies kann auch durch die Statistik der „Pässe pro Ballbesitzphase“ belegt werden. Im gesamten Spiel hatte Graz 2,09 durchschnittliche Pässe pro Ballbesitzphase und bei Rapid lag dieser Wert bei 3,6. (Statistik laut Wyscout-Plattform). Bei den Gastgebern ist der Wert um einiges höher, da Rapid in der zweiten Hälfte viel mehr Ballbesitz und Sturm in Unterzahl nur in Kontersituationen den Ball hatte.

Waren die Hütteldorfer im Ballbesitz, so attackierten die Grazer in ihrer gewohnten 4-1-2-1-2-Fomration - um Details über das Pressing zu erfahren hier eine Mannschaftsanalyse der Grazer: "Sturm Graz unter Christian Ilzer: Erfolgreicheres Pressing und dominantes Auftreten im Ballbesitz [Mannschafts-Analyse]" Im Pressing attackierten die Gäste sehr ballorientiert. Das heißt, dass die gesamte Mannschaft weit auf den ballnahen Flügel schob, um den Raum möglichst engzumachen. In der ersten Halbzeit gab es jedoch ein paar Szenen, in denen sich Rapid aus dem engen Raum am Flügel lösen und über einen zentralen Mittelfeldspieler den ballfernen freien Raum ausnutzen konnte.

Ein weiteres Merkmal im Ballbesitz von Rapid war, dass Marcel Ritzmaier und Maximilian Ullmann mehrmals Positionen getauscht haben. Das bedeutet, dass der Mittelfeldspieler immer neben dem linken Innenverteidiger abkippte und der Außenverteidiger auf dem Flügel hochschob. Somit kamen die Stärken von den beiden Spielern besser in den Vordergrund. Ritzmaier konnte eher den Ball am Fuß bekommen und ruhig den Ball verteilen. Ullmann hingegen konnte immer wieder in die Tiefe geschickt werden und dabei auch am Flügel in 1 gegen 1 Situationen kommen, um daraufhin auch in Flankenposition zu kommen. Als Veranschaulichung eine Szene um die Positionen der Wiener im Aufbau und das Pressing der Grazer besser darzustellen. (Abbildung 1)

Abbildung 1: Positionen im Spielfaufbau von Rapid und das grazer Pressing.

Ein Spieler weniger, was nun?

Kurz vor der Pause und die gesamte zweite Halbzeit war Sturm Graz aufgrund des Ausschlusses von Kelvin Yeboah in Unterzahl. Dennoch schafften die Grazer es, viele Torchancen von Rapid zu verhindern und dabei auch selbst einige Male in das gegnerische Drittel zu kommen. Nach der roten Karte wechselten sie von der Raute im Mittelfeld zu einer 4-4-1-Formation. Dabei lag der Fokus vor allem darauf, die Mitte zu zumachen und Rapid auf den Flügel zu leiten.

Kommt eine Mannschaft in Unterzahl, so wurde häufig das Pressing in die eigene Hälfte verlagert. Das heißt, dass das Ziel vor allem eine tiefstehende Abwehrlinie war und offensive Aktionen hauptsächlich über Kontersituationen geschehen. (Abbildung 2)

Abbildung 2: Schick bekam am Flügel den Ball und Graz versuchte eine Überzahl in Ballnähe zu schaffen.

Die Grazer gingen jedoch vor allem zu Beginn der zweiten Halbzeit eine andere Herangehensweise an: In den ersten zehn Minuten der zweiten Hälfte lag der Fokus noch immer auf hohem Pressing und hohen Balleroberungen. So konnten sie zunächst verhindern, dass von Beginn an Rapid mit einer hohen Aufbaulinie immer wieder Angriffe auf das Tor starten konnte. Das hohe Pressing der Gäste kam auch immer wieder in kurzen Phasen im Verlauf der zweiten Halbzeit. Somit sorgten sie immer wieder für Fehler im Spielaufbau der Wiener und auch für Entlastung der Abwehrreihen. Vor allem Einwürfe oder Standardsituationen sorgten für diese Entlastungen und kurze Pausen, in denen sie dich Grazer Defensivspieler kurz ausruhen können.

Kam Rapid in das letzte Drittel, so war es wichtig, dass sie den ballführenden Spieler unter Druck setzten, um den Raum vor dem Strafraum nicht komplett frei zu lassen. Das bedeutet, dass der Ballführende sofort attackiert werden musste und nur wenige Passoptionen haben durfte. Vor allem am Flügel mussten die Außenspieler attackiert werden, sodass sie nicht ohne Gegnerdruck in den Strafraum hineinflanken konnten. Dies machte Graz teilweise sehr gut und konnte immer wieder Zuspiele oder Flanken in den Strafraum abblocken. Hier ein Beispiel aus den Schlussminuten. (Abbildung 3)

Abbildung 3: Durch die Überzahl am Flügel konnte der Flankenversuch abgeblockt werden.

Der Ball kommt auf den Flügel und Schick wurde sofort von Amadou Dante unter Druck gesetzt. Da Ullmann zum Hinterlaufen ansetzte, kamen Andreas Kuen und Jan Gorenc-Stankovic zur Unterstützung, um die Flanke abzublocken oder einen möglichen tiefen Pass auf Ullmann verhindern.

Kommt man in Unterzahl, hat man als Mannschaft die aufgezählten Herausforderungen zu meistern, jedoch muss auch die Mannschaft in Ballbesitz Lösungen finden, um den tiefen Block zu überwinden.

 

Rapid findet keine Lösungen

In der 58. Minute wurde Yusuf Demir eingewechselt. Von Cheftrainer Didi Kühbauer war das die richtige Entscheidung den jungen Mittelfeldspieler als erste Einwechslung zu tätigen. Aufgrund des tiefen Abwehrblockes der Grazer war der Raum um den Strafraum sehr eng und besonders die beiden Viererketten standen eng beieinander, sodass es nur sehr schwer war, in den Zwischenlinienraum hineinzukommen. Demir konnte sich in engen Räumen immer wieder für den richtigen Pass entscheiden und Spieler in diesem Zwischenlinienraum anspielen. Ein Beispiel: (Abbildung 4)

Abbildung 4: Demir findet Grahovac im Zwischenlinienraum.

Demir bekam am Flügel den Ball und konnte Grahovac im linken Halbraum anspielen. Dieses Zuspiel sorgte nicht nur für das Zusammenrücken der Grazer, sondern auch der Raum vor dem Sechzehner wurde größer, da Otar Kiteishvili näher an den zentralen Mittelfeldspieler rücken musste. Da sich Grahovac nicht mit Schulterblicken umschaute, konnte er die Situation nach der Ballmitnahme nicht optimal lösen und musste auf den Flügel spielen. Hätte er sich umgeschaut, hätte er gesehen, dass er nicht direkt von Kiteishvili attackiert wurde und somit wäre ein Dribbling Richtung Tor möglich gewesen. 

Allerdings war Demir einer wenigen positiven Erscheinungen im Spiel von Rapid. Die Hütteldorfer fanden kaum eine Lösung gegen den tiefstehenden Block und hatten kaum große Chancen kreiert. Dies zeigte auch der expected Goals-Wert, der nur bei 1,20 lag. (Statistik: Fotmob). Das Spiel mit dem Ball war, sobald die Wiener in das letzte Drittel gelangen, viel zu hektisch. Die Spieler versuchten immer wieder den Ball in den Strafraum hineinzubringen, obwohl der Sechzehner von den Offensivspieler nicht optimal besetzt wurde. Somit kam es immer wieder zu Klärungen von den Grazern Abwehrspielern oder die Zuspielversuche wurden gleich abgeblockt. Wie zum Beispiel in der 73. Minute. (Abbildung 5)

Abbildung 5: Schick mit einem hektischen Chipball in den Strafraum.

Filip Stoijkovic kam an den Ball und spielte mit dem dritten Kontakt einen Chipball auf Ercan Kara. Der Stürmer konnte den Ball nicht richtig kontrollieren und Rapid verlor beinahe den Ball. Zwar kam es zu keinem Ballverlust, jedoch musste der Spielaufbau von der Mittellinie neu gestaltet werden und Sturm konnte sich neu formieren. In dieser Situation gab es einige bessere Optionen, wie zum Beispiel Christoph Knasmüllner, der in der Mitte anspielbar war oder auch Greiml, der sich gerade frei lief, da es keine Passoptionen nach vorne gab.

Mit diesen zwei Passmöglichkeiten wäre Rapid kontrollierter im Ballbesitz gewesen und hätte die Seite wechseln beziehungsweise nochmal den Angriff neu aufbauen können. Zudem war das Zuspiel von Stojkovic auf den Kopf von Kara, somit hatte der Stürmer nur sehr wenige Optionen. Da er auch nur von Demir unterstützt wurde, hatte Kara wenige Möglichkeiten den Ball auf einen Mitspieler weiterzuleiten.  
Durch die andauernden Versuche viel zu früh in den Strafraum zu gelangen oder den Abschluss zu suchen, spielten die Gastgeber viel zu hektisch und hatten zu oft unnötige Ballverluste. 

 

Fazit

Der SK Sturm Graz hatte einen starken Beginn der ersten Hälfte und wurde im Verlauf der ersten 45 Minuten immer stärker. Jedoch bekam Yeboah die rote Karte und somit waren die Steirer im Nachteil. Allerdings kamen sie mit einem klaren Plan nach der Pause auf das Spielfeld und setzten viele Dinge um, die es braucht, um mit einem Mann weniger kein Tor zu bekommen. Im eigenen Drittel konnten sie den ballführenden immer wieder unter Druck setzen und dadurch auch Passversuche in den Strafraum verhindern. Zudem sorgten die kurzen Pressingphasen und die wenigen Kontersituationen für Entlastung der Abwehrspieler.

Rapid Wien hatte gegen den tiefen Abwehrblock große Probleme und fand kaum Lösungen, um zum Abschluss zu kommen. Im Ballbesitz waren im letzten Drittel viel zu hektisch und versuchten zu schnell in den Strafraum zu kommen. Dies sorgte dafür, dass sie sehr viele Flanken in den Sechzehner versuchte, die entweder geblockt oder geklärt wurden. Gegen einen tiefstehenden Abwehrblock muss der Ball sehr viel zirkuliert werden und die Spieler brauch eine Menge Geduld, damit sie bei einer guten Torchance den Treffer erzielen.

 

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