Christoph Schößwendter: "Zuerst abgeschrieben, jetzt reden Leute von den Top 6" [Exklusiv-Interview] (2)
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Christoph Schößwendter: "Zuerst abgeschrieben, jetzt reden Leute von den Top 6" [Exklusiv-Interview] (2)

Seit Sommer leitet der ehemalige Verteidiger die sportlichen Geschicke des Bundesliga-Aufsteigers. Der direkte Umstieg in die zweite Karriere ist damit gelungen, inzwischen arbeitet Christoph Schößwendter intensiv an den nächsten Entwicklungsschritten seines Vereins. Im Exklusiv-Interview spricht er über Scouting, Kaderplanung und seinen Werdegang.

Für mich war es schon als Spieler ein Mitgrund für den Wechsel nach Linz, dass Gespräche über einen direkten Umstieg in die zweite Karriere möglich waren.

Schößwendter über seine Karriere

Bei vielen Vereinen sieht man den Sportdirektor nur selten. Meine Herangehensweise ist, dass ich so nah wie möglich an der Mannschaft und dem Trainerteam sein will.

Christoph Schößwendter

90minuten.at: Für Fragen sorgt aktuell auch Raphael Hofer, der im Sommer von Salzburg ausgeliehen wurde. Im U21-Team ist er weiterhin dabei, zu Beginn der Saison hat er auch für Blau-Weiß gespielt. Seit Anfang September stand er aber nur ein Mal im Kader. Gibt es dafür einen Grund?

Schößwendter: Einen konkreten Grund gibt es nicht. Bei ihm muss man klar festhalten: Er ist ein junger Spieler, der mit der Erwartungshaltung gekommen ist, dass es für ihn eine Art Zwischenschritt zwischen Liefering und Salzburg werden kann. Seine Vorbereitung war richtig gut, nach den ersten Runden – die für die ganze Mannschaft schwierig waren – haben wir aber gemerkt, dass er in gewissen Bereichen noch Zeit braucht. Wir sehen in ihm ein unglaubliches Potenzial, aber er steht noch ganz am Anfang. In den ersten Gesprächen mit ihm habe ich ihm gesagt, dass es auch Phasen geben wird, die härter werden. Dazu kommt, dass wir unser System umstellen mussten, wodurch seine größten Stärken nicht mehr so gut zur Geltung kommen. Er ist ein Bursche mit einer sehr guten Einstellung, der Trainer und ich sind nach wie vor voll von ihm überzeugt. Der Raphi hat sich selber einen großen Druck auferlegt, er wollte Salzburg zeigen wie gut er ist und uns ja nicht enttäuschen. Wir haben uns irgendwann gefragt, ob es nicht besser ist, einen Schritt zurück zu machen. In den letzten Wochen hat er im Training richtig gut aufgezeigt und ist wieder viel näher an Einsätzen dran.

 

90minuten.at: Bleibt er trotz allem für den Rest der Saison bei euch?

Schößwendter: Ja. Natürlich ist er mit seiner Rolle momentan nicht zufrieden, aber er sieht den Weg, den wir aktuell gehen und dass wir ihn weiterbringen wollen. Auch für uns wäre es ein riesiger Mehrwert, wenn er bei uns voll einschlägt und sich für Salzburg empfehlen kann. Er ist bei uns in guten Händen und kann den nächsten Entwicklungsschritt machen. Durch den „Jugendwahn“, der im Fußball herrscht, werden die jungen Spieler und ihre Berater schneller unruhig. Meine ersten Jahre als Profi waren nur davon geprägt, sich anzupassen und sich körperlich zu entwickeln. Es kann nicht bei jedem jungen Spieler funktionieren, dass er zu einem Verein kommt und sofort zum Stammspieler wird. Es fällt auch gestandenen Spielern oft schwer, jede Woche abzuliefern.

90minuten.at: Schneller durchgesetzt hat sich der schon angesprochene Conor Noß. Eine spannende Personalie, er ist von Borussia Mönchengladbach nach Linz gewechselt – wie schwer oder einfach war es sich gegen andere Interessenten durchzusetzen?

Schößwendter: Es hat bei ihm schon einige Interessenten gegeben, in der 2. Deutschen Bundesliga waren einige lässige Vereine dabei. Die Euphorie im Verein und das neue Stadion haben sicher mitgeholfen. Aber auch, dass Blau-Weiß gezeigt hat, dass junge Spieler eine Plattform bekommen und der Trainer nicht davor zurückschreckt, jungen Spieler eine Chance gibt. Das ist schon vor allem der Arbeit der letzten Jahre geschuldet und nicht rein meiner Überzeugungsarbeit. Wahrscheinlich kann ich manche Dinge aber auch besser vermitteln, weil ich gerade noch selber Spieler im Verein war.

 

90minuten.at: Bis zur letzten Saison, dann haben Sie den direkten Sprung in den neuen Job als Sportdirektor gemacht. Inzwischen sind mehrere Monate vergangen, wie zuhause fühlen Sie sich schon in Ihrem Büro?

Schößwendter: Ich bin absolut angekommen und fühle mich von Woche zu Woche noch mehr bereit für diese verantwortungsvolle Position. Das ist auch dem geschuldet, dass ich viel Unterstützung vom Trainer und Christoph Peschek habe und ich mich schon seit April hinter den Kulissen mit Tino einarbeiten konnte. Mir hilft das immens, ich weiß aber auch, dass ich noch viel zu lernen habe. Ein gutes Stichwort dafür ist bei uns die Nachwuchsakademie, die in den nächsten ein bis drei Jahren ein Thema wird. Für den Verein und mich sind das große Projekte. Ich weiß, dass ich noch viel Zeit und Arbeit investieren muss, damit ich den Posten so ausfüllen kann, wie ich das von mir erwarte.

 

90minuten.at: Offiziell vorgestellt wurden Sie Ende April. In der Presseaussendung dazu war die Rede von Hearings und mehreren Kandidaten. Ab wann hat sich abgezeichnet, dass sich für Sie eine Möglichkeit ergeben könnte?

Schößwendter: Für mich war es schon als Spieler ein Mitgrund für den Wechsel nach Linz, dass Gespräche über einen direkten Umstieg in die zweite Karriere möglich waren. Am Anfang war angedacht, dass ich der Assistent vom Tino werde, oder im Trainerteam mitarbeite. Ich habe deswegen schon als Spieler versucht, viel hinter den Kulissen mitzubekommen. Richtig angelaufen ist das Ganze mit Tinos Entscheidung für einen Wechsel nach St. Pölten. Es hat viele Bewerber gegeben, auch mit mir wurden früh Gespräche geführt. Die Frage war zuerst, wie die Zusammenarbeit mit mir ausschauen könnte, wenn jemand von außen dazukommt. Irgendwann hat mich der Verein dann aber gefragt, ob es für mich denkbar wäre, gleich den großen Schritt zu machen. Ich hätte mich wahrscheinlich selber angelogen, wenn ich sofort zugesagt hätte, weil für mich zuerst zu klären war, was das für mich überhaupt bedeutet. Deswegen habe ich zuerst um ein bis zwei Wochen Bedenkzeit gebeten und mich bei einigen Bekannten in Fußballösterreich ausgetauscht, die ähnliche Positionen innehaben. Danach war für mich klar, dass ich es mir - mit der notwendigen Unterstützung und vollen Überzeugung vom Verein – zutraue. Letztendlich habe ich den Vorstand in zwei Hearings mit einer sehr ausführlichen Präsentation überzeugen können.

90minuten.at: Die Übergabe stelle ich mir nicht unkompliziert vor. Tino Wawra stand vor einem Wechsel zur Konkurrenz, Sie waren selbst noch Teil der Mannschaft und der Aufstieg war auch erst in letzter Minute wirklich fix.

Schößwendter: Wir haben gemeinsam mit dem Tino schon relativ schnell entschieden, dass er in die Planungen für die neue Saison nicht mehr involviert sein kann. Von April weg war ich vor oder nach den Trainings tagtäglich im Büro dabei, der Tino hat mir seine Arbeitsweise nähergebracht und alle Unterlagen und Verträge übergeben. Er hat mir auch viele Leute aus dem Fußball-Geschäft, der österr. Bundesliga und von anderen Vereinen vorgestellt, mit denen er stärker zusammengearbeitet hat – ich bin ihm auch sehr dankbar, dass er sich dafür viel Zeit genommen hat. Es war aber klar, dass Entscheidungen über Spieler bei dem Scheibi, Christoph Peschek und mir liegen. Wir sind mit dem ganz klaren Plan hineingegangen, dass wir den bisherigen Leistungsträgern auch in der Bundesliga vertrauen. Ab Ende April haben wir uns deswegen intensiv damit beschäftigt, welche Position im Sommer verstärkt und ergänzt werden sollen. Leicht war es nicht, weil bis zum letzten Spieltag nicht klar war, ob wir in der Bundesliga oder 2. Liga spielen. Alleine aus finanzieller Sicht und bei der Kaderplanung macht das klarerweise einen großen Unterschied.

 

90minuten.at: Den Trainer haben Sie selbst schon öfter angesprochen. Auch das war wahrscheinlich keine leichte Umstellung, nachdem Sie ja zuerst Spieler, dann aber plötzlich sein Vorgesetzter waren. Wie ist das Verhältnis zu ihm inzwischen?

Schößwendter: Wir haben von Anfang an ein sehr, sehr gutes Verhältnis gehabt. Ich muss aber einhaken und sagen, dass ich nicht als der „klassische“ Spieler gekommen bin, sondern klar war, dass es auch nach der Karriere eine Zusammenarbeit geben soll. Natürlich war er mein Chef und das, was er gesagt hat, wurde gemacht. Aber abseits vom Platz war ich in einem sehr intensiven Austausch mit dem Trainerteam. Wir haben eine ähnliche Sichtweise über unser Spiel und kommen gut miteinander klar. Für uns ist es nicht komisch, dass ich jetzt sein Chef bin. Ich sitze jeden Tag stundenlange mit dem Trainerteam zusammen - für mich ist das auch wichtig, weil ich in meiner Position noch sehr frisch bin.

 

90minuten.at: Wie sieht Ihr aktueller Arbeitsalltag sonst aus?

Schößwendter: Ich habe viele Vereine gehabt, bei denen man den Sportdirektor bei Vertragsgesprächen, Vertragsunterzeichnungen und vielleicht alle zwei Wochen bei Heimspielen gesehen hat. Meine Herangehensweise ist, dass ich so nah wie möglich an der Mannschaft und dem Trainerteam sein will, um die Situation besser einschätzen zu können. Ich finde es einfach nicht richtig, den ganzen Tag im Büro zu sitzen, mir die Spiele anzuschauen und nur anhand der 90 Minuten zu urteilen. Da fehlt ein gewaltiger Teil vom Gesamtbild. Es gibt viele Meetings, aber ich versuche sie mir so zu legen, dass ich bei jedem Training dabei sein kann. Um die Stimmung mitzubekommen, aber auch um die Entwicklung der Mannschaft besser mitzubekommen. Für mich ist das in der Betrachtung sehr wichtig.

 

90minuten.at: Das klingt nach einem sehr vollen Terminkalender.

Schößwendter: Es ist extrem zeitintensiv. Ich habe das Glück, dass mich meine Frau sehr unterstützt. Mit ihr habe ich im Vorfeld auch lange über das Jobangebot geredet, in dem Bewusstsein, dass es für mich als Neueinsteiger noch aufwendiger wird. Für mich ist es aber auch keine klassische Arbeit. Fußball ist für mich von klein auf die größte Leidenschaft, dass ich jetzt weiter in diesem Bereich arbeiten darf, ist für mich wirklich schön. Deswegen investiere ich auch gerne Zeit. Auch wenn ich bis spät am Abend im Büro sitze, fühlt es sich nicht wie Arbeit an.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

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