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Womit die Fans Recht haben und womit nicht

Am Dienstag veröffentlichten zahlreiche Fangruppen des Landes eine gemeinsame Erklärung. Sie sprechen wunde Punkte an, so mancher verlangt aber nach einer differenzierten Auseinandersetzung.

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+ + 90minuten.at Exklusiv + + Ein Kommentar von Georg Sander

 

Jeder Fußballfan würde derzeit wohl lieber am Wochenende im Stadion sein oder unter der Woche im Beisl des Vertrauens Fußball schauen. Das Gebot der Stunde während Corona ist aber: Gar kein Fußball, mit ein paar Ausnahmen. Den Herzensverein ohne Wenn und Aber anzufeuern, Choreos vorzubereiten, das machen die organisierten Fans. Sie sind zudem oftmals Sprachrohr, um auf Entwicklungen aufmerksam zu machen. So wie nun in der Corona-Pandemie. Doch bei einigen Punkten gehen die Argumente ins Leere (>> "Die Geisterspiele, die ich rief": Fans mit Kritik an Geisterspielen). Eine kritische Auseinandersetzung:

 

Diese Umstände führen dazu, dass die Abhaltung von Geisterspielen von den Entscheidungsträgern als nahezu selbstverständlich und diskussionslos ins Auge gefasst wird.“

Die Geisterspiele sind für die großen Ligen tatsächlich die einzige Alternative. Die Qualität des Kicks hängt im Großen und Ganzen mit Investitionen zusammen, sei es in Beine oder Steine. Das kostet Geld, das eben auf höchstem Level – Österreich hat von 55 Mitgliedsverbänden die aktuell zwölftbeste Liga – aus TV-Verträgen und internationalen Bewerben kommt. Weiters ist es schlichtweg kaum argumentierbar, warum ein Freizeitdienstleister unter behördlichen Auflagen nicht eine Freizeitdienstleistung anbieten soll. Oder will man, dass die Allgemeinheit den Fußballprofis die Kurzarbeit zahlt, wenn es eben anders, TV-Präsenz sei Dank, auch geht? Zudem: Während in den großen internationalen Ligen die TV-Gelder einen Gutteil des Klubbudgets ausmachen, ist der Anteil in Österreich vergleichsweise gering. Wenn also Ticketing und Teile des Sponsorings aufgrund der Corona-Krise wegbrechen, warum sollte man dann den letzten Strohhalm TV-Gelder auch riskieren?

 

Der Abschluss der Bundesliga und damit die Vergabe der Europacupplätze sei folglich auf sportlichem Wege anzustreben. Für die Vereine unterhalb der Bundesliga, bei denen es um existenziell wichtige Auf- und Abstiege geht, scheint diese Fairness jedoch nicht zu gelten – ein sehr durchschaubarer Vorwand.“

Hierbei wird es aus analytischer Sicht problematisch. Die unterste professionelle Fußballstufe, in Österreich die 2. Liga, in Deutschland die 3. Liga, ist schon ohne weltweiter Krise eine, die nicht mit Geld gesegnet ist, wo viel gekämpft werden muss. Das ist logisch: Wären die Vereine mit mehr Budget gesegnet, könnten sie in allen Bereichen investieren, würden aufsteigen. Wenn die Voraussetzung für die höchsten Spielklassen nun ist, dass sie sich die Sicherheit, also die Corona-Tests, selber zahlen müssen, dann müsste das auch für alle unterhalb gelten. Zudem ist der Kreis der Klubs, auf den „existentiell wichtig“ zutrifft, überschaubar. Das ist in Wahrheit Ried, das wurde medial transportiert. Die Vienna schloss aus zu klagen. Vielleicht auch, weil man als Viertligist auf weitere Rückzüge aus der Ostliga hofft. Und natürlich ist ein Livespiel für Klubs mit vielen Fans wichtig – glaubt man aber der Regierung, dann wird es hierbei ein Hilfspaket geben, das auch in unteren Klassen Existenzen sichern soll.

 

" Fußball findet nicht mehr für die Fans im Stadion statt,[...] Der Tribünenbesucher, der Fan, ist so nur noch Aufputz für die TV-Übertragungen."

Durch die Hintertür „Covid-19“ setzt sich derzeit ein Paradigmenwechsel fort, der in den 1990er-Jahren in England seinen Anfang nahm: Fußball findet nicht mehr für die Fans im Stadion statt,[...] Der Tribünenbesucher, der Fan, ist so nur noch Aufputz für die TV-Übertragungen.“

Dieser Punkt stimmt. Fußball hat sich in den letzten Jahren zu einem Milliardenbusiness entwickelt, in England, aber auch ausgehend vom Re-Branding des Meistercups in Champions League, mitsamt seinen TV-Millionen. Allerdings hat es schon auch die eine oder andere Schwäche, weil es ein Henne-Ei-Problem ist. Ist ein Fußballklub erfolgreich, landet er vermehrt im TV, das zieht Fans an und so weiter. Rapid spielt auch vor mehr Fans gegen Inter Mailand als gegen den SCR Altach.

 

Vom Geld geblendet wurden die TV-Rechte der Liga bekanntermaßen ins Pay-TV verschoben. Wieder nichts mit Massenphänomen und gesellschaftlicher Verantwortung. Die Abo-Zahlen des Rechteinhabers werden aber wenigstens dort die Kasse klingeln lassen. Wir gratulieren.“

Das wohl am schwierigsten zu bewertende Argument. Vor allem einmal deshalb, weil noch offen ist, ob Rechteinhaber Sky in Österreich nicht doch Geisterspiele frei verfügbar machen wird – Gespräche dazu laufen. Eine Liga schreibt TV-Rechte aus, der, der das beste Paket (was meistens das lukrativste ist) bietet, bekommt den Zuschlag. Viele Entwicklungen der letzten Jahre wären ohne einen teureren TV-Vertrag, der Exklusivität bietet, wohl in der Form nicht möglich gewesen. Das geht über die nackten Zahlen hinaus, die Klubs verkaufen ja auch noch Werbeflächen an ihre Partner und so weiter. Auch wenn es immer wieder Investitionen der öffentlichen Hand gibt, siehe die Stadien von Rapid und Austria oder den Neubau des Sportclub-Platzes, braucht es für professionellen Fußball eben Geld. Das muss irgendwo her kommen, aktuell eben auch aus einem TV-Vertrag mit dem Pay-TV.

 

Der Profifußball hat sich in den letzten Jahrzehnten auf eine unheilige Allianz aus windigen Investoren, TV-Vermarktung und unseriösen Spielerberatern eingelassen. Selbst Korruption auf höchster Verbandsebene wurde zur Normalität. In Katar sterben laufend Menschen für eine WM, die dort kein einziger Fußballfan haben will. Moralisch gibt es für das Fußballgeschäft global betrachtet kaum noch Luft nach unten.“

Das ist mit Sicherheit ein Punkt, der international den Nagel auf den Kopf trifft. Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

"Fußball muss für alle sozialen Schichten leistbar sein. Die Fanszenen der einzelnen Fußballclubs setzen sich seit Jahren vehement für moderate Ticketpreise ein."

Viele Bereiche des öffentlichen Lebens sind nach wie vor stark eingeschränkt, während für Trainings und Geisterspiele der Bundesligavereine auffällig viel Energie investiert wird. Auch wenn es derzeit an jeder Ecke heißt, dass dies alles gar keine Auswirkungen auf andere Lebensbereiche habe (Stichwort PCR-Tests), so bleibt doch das Faktum bestehen, dass alle anderen Team- und Ballsportarten ihren Meisterschaftsbetrieb eingestellt und ihre Bewerbe abgebrochen haben.“

Das ist nun einmal die normative Kraft des Faktischen. Fußball ist gemessen an Mitgliedern laut aktuellsten BSO-Zahlen die absolute Nummer eins mit 440.000 Mitgliedern, dann folgt Tennis mit weit weniger als der Hälfte. Die heimischen Klubs sind im Vergleich zu anderen Profisportarten aus den oben genannten Gründen vergleichsweise reich, können sich das alles leisten und – wie oben erwähnt – sollen das auch tun. Dass andere Sportarten aus x verschiedenen Gründen nicht so riesig sind, dafür kann der Fußball in Österreich nichts. Und: Möglicherweise dient der Fußball auch als Best-Practice-Beispiel für andere Sportarten, die dann in einigen Monaten nachfolgen.

 

Mit diesem nicht wegzudiskutierenden Sonderstatus verabschiedet sich der Profifußball zunehmend von seiner Basis. Dabei ist Fußball mehr denn je ein weltweit populäres Massenphänomen.“

Der Sonderstatus des Fußballs ergibt sich aus mehreren, verschiedenen Parametern. In Indien beispielsweise liebt man hingegen Cricket. In den USA Football, Basketball, Eishockey, Baseball. Dass die (nationale) Spitze weniger mit der Breite zu tun hat, ist dabei eigentlich eine notwendige Bedingung. Allerdings, da muss irgendwie doch eine Lanze für die heimischen Profis gebrochen werden, verdienen diese zwar deutlich über dem Durchschnitt in der Bevölkerung, Berührungsängste gibt es aber nicht, sei es auch nur aus Marketing-Gründen, geben sich die Kicker in der Regel nicht sonderlich abgehoben. Man denke an Steffen Hofmann mit einer Bengalo, Instagram-Videos mit den Haustieren, flockige Beidl-Sager aus Linz. Und gerade in der Corona-Zeit zeigt sich der Fußball in Österreich von einer ziemlich privaten Seite.

 

Fußball muss für alle sozialen Schichten leistbar sein. Die Fanszenen der einzelnen Fußballclubs setzen sich seit Jahren vehement für moderate Ticketpreise ein.“

Ticketpreise sind immer eine große Diskussion, 90minuten.at widmet sich diesen Fragen regelmäßig. Die Diskussion ist nicht einfach zu führen, was für den einen nichts ist, ist für den näcshten viel. Der Durchschnitt bei den Abos ist in der laufenden Saison bei 20,1 Euro recht happig (Längsseite), für (Steh-)Plätze beträgt der Schnitt 12,4 Euro. Ja, die 131 bis 280 Euro muss man im Sommer auf einen Sitzer hinblättern, aber es ist für viele wohl keine astronomische Summe.

 

Die Liga, die Vereine und alle Entscheidungsträger haben dafür zu sorgen, dass für die Zeit dieser Ausnahmesituation, jeder Fan ohne zusätzlichen Abo-Vertrag mit einem TV-Sender alle Spiele verfolgen kann. Für aktuelle Saisonkartenbesitzer muss dieses Service auf jeden Fall kostenlos sein! Die Abwicklung sollen jene übernehmen, die davon profitieren, dass Fußball hinter der Bezahlschranke versteckt wurde, nämlich die Liga, die TV Stationen und die Vereine.“

Das ist mit Sicherheit das Hauptargument des Schreibens. Man wird sehen, wie Sky damit umgeht, allerdings gibt es Sky X derzeit für sechs Monate um 9,99 Euro pro Monat. Ohne übertrieben Werbung machen zu wollen, ist das wie bei den Stehplatz-Abos keine Summe, die unfinanzierbar scheint.

"Es ist an der Zeit, das Hauptaugenmerk auf jene zu richten, die das eigentliche Rückgrat des Fußballs bilden – die Fans."

Spannend ist auch die Argumentation, es wären Liga, TV und Vereine, nicht aber die Fans, die von der Bezahlschranke profitieren. Wieder kommt es zum Kreislauf: Mehr TV-Geld bringt bessere Bedingungen, das führt zu größerem sportlichen Erfolg und mehr Einnahmen, weil die Menschen wenig überraschend in der Masse lieber erfolgreichen Fußball sehen als ein 0:0 in der Qualifikationsgruppe. Somit sind es letztlich ja auch die Fans, die am Ende von TV-Geldern aus dem Bezahlfernsehen profitieren.

 

Genau jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen, entsprechende Maßnahmen einzuleiten, um sich weniger abhängig von Sponsoren und TV-Stationen zu machen. Vielleicht ist ausgerechnet diese schwierige Situation die Chance, um wieder auf einen gesünderen Weg zurückzukehren.“

Vordergründig ist das ein gutes Argument. Allerdings sind Öffentlichkeit und die damit verbundenen Einnahmen die Existenzgrundlage eines Freizeitdienstleisters. Ohne Öffentlichkeit gibt es kaum jemanden, der investiert, das führt dazu, dass man statt Vollprofis halt einen Gebietsligakick hat. So einfach ist das. Und der gesunde Weg wurde, das muss auch lobend erwähnt werden, durch eine extrem harte Lizenzierung schon vor Jahren eingeschlagen. Stand 29. April ist kein Fußballklub sofort in die Insolvenz geschlittert, Verträge mussten nicht aufgelöst werden. Das liegt freilich auch an Maßnahmen wie der Kurzarbeit, aber eine offensichtlich ungesunde Fußballvereinsgemeinschaft hätte es hierzulande wohl schon zerbröselt. Dass natürlich zum Teil geopolitische Investitionen, vor allem von den noch reichen Erdölstaaten im Nahen Osten oder aus Russland, problematisch sind, ist logisch.

 

Der Fußball muss wieder unabhängiger werden und sich von diesem offensichtlich kaputten Geschäftsmodell verabschieden. Es ist an der Zeit, das Hauptaugenmerk auf jene zu richten, die das eigentliche Rückgrat des Fußballs bilden – die Fans.“

Natürlich ist ein Fanblock schön anzusehen. Aber es zeugt durchaus von einiger Selbstüberschätzung, wenn man glaubt, dass der jeweilige harte Kern das ist, was einem das Stadion füllt oder das bezahlt, was man am Feld sieht. Das klingt nun überhart, aber das Rückgrat sind wohl nicht nur die Fans in der Kurve, die die billigsten Tickets kaufen. Fußball, das sind alle, die ins Stadion kommen, von den organisierten Fans, die zu jedem Spiel kommen, über den Längsseitensitzer bis hin zu den VIPs und den Zuschauern vor den TV-Geräten. Diese Erkenntnis ist wichtig.

 

Die organisierten Fanszenen legen mit ihrem Schreiben Finger in Wunden, die zuweilen zu wenig Beachtung finden. Es wird zugespitzt, das ist vollkommen legitim. Schließlich sind ja auch die beliebten Spruchbänder keine wissenschaftlichen Abhandlungen, sondern verknappte Messages. Auch wenn die oben erwähnten Punkte bei näherer Betrachtung in der Realität anders sind als in dem Schreiben, so täten alle Stakeholder - in Österreich die Liga, der TV-Partner und der Verband - gut daran, den harten Kern der Fans anzuhören. Denn sie gehören schon lange genau so zum Fußball, wie TV-Bilder, Sponsoren und Marketing-Artikel. In den meisten Fällen sind sie auch noch dann da, wenn diese weg sind.

 

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