Zeitpunkte, Thomas Letsch vor die Tür zu setzen, hätte es in den letzten zwölf Monaten genug gegeben.
Den Start mit hohen Niederlagen gegen Real und Atlético Madrid sowie dem Cup-Aus gegen den LASK mag man ihm nach dem Lijnders-Missverständnis noch nachsehen. Aber statt Red Bull Salzburg hatten der finanziell kriselnde FAK sowie der WAC bis zuletzt Chancen auf den Meisterteller.
Die Königsklasse wurde in der dritten Qualifikationsrunde verspielt. In der Ligaphase der Europa League vermochte die Letsch-Elf nur anzudeuten, was möglich wäre. Dass just der als Ruhepol geholte Routinier Jacob Rasmussen mehr als nur einen individuellen Fehler beging, darf hier auch erwähnt werden.
Der Punkteschnitt von 1,55 ist der schlechteste aller Trainer in der Red Bull-Ära. Zwar sind die Salzburger Tabellenführer, aber schon der Spätherbst war durchwachsen. Selbst nach der mittlerweile dritten Vorbereitung waren spielerische Highlights die Ausnahme.
Dem Mathematik- und Sport-Lehrer fehlt natürlich auch persönlich alles, was spektakulär ist. Das darf den Blick auf Letsch' Erfolge nicht verstellen. Als er vor einem Jahr übernahm, war der Kader aus der Balance. Das Team war verunsichert.
Aber: Die Habenseite
Dem Mathematik- und Sport-Lehrer fehlt natürlich auch persönlich alles, was spektakulär ist. Keine jugendliche Arroganz wie bei Matthias Jaissle; kein Feuer, wie Gerhard Struber versuchte zu entzünden; selbst Pep Lijnders versprühte eine selbstsichere Fachmann-Aura.
Das darf den Blick auf Letsch' Erfolge nicht verstellen. Als er vor einem Jahr übernahm, war der Kader aus der Balance. Das Team war nach der missglückten Struber-Ära, die von Lijnders Umkrempelung gefolgt wurde, verunsichert
Letsch bekam mit Vertessen und Onisiwo, im Sommer Lainer, Routiniers für die ganzen jungen Talente. Die werden zum Teil auch bleiben, selbst wenn man wieder vermehrt auf ganz junge Kicker setzt.
In der Bundesliga dauerte es acht Spiele, bis die erste Niederlage kam. Mit ein, zwei oder drei anderen Entscheidungen wäre sich vermutlich sogar der Titel ausgegangen. Und klar, der vergangene Herbst war alles andere als das Gelbe vom Ei.
Aber in den letzten zwölf Monaten schickte Letsch mit Tim Trummer, Valentin Sulzbacher, Jannik Schuster und Christian Zawieschitzky vier rot-weiß-rote Eigengewächse erstmals in ein Pflichtspiel.
Der schon als Missverständnis abgestempelte Petar Ratkov brachte doch noch Millionen, genauso wie Dorgeles Nene. Mit Kerim Alajbegovic entwickelt sich ein weiteres Talent ganz ausgezeichnet.
Alles neu macht der Februar
"Neue Impulse sind erforderlich", ließ sich Geschäftsführer Sport Marcus Mann in der Aussendung am Dienstag zitieren, damit endete die Ära Letsch. Er stabilisierte das Team nach eineinhalb verlorenen Jahren wieder, etablierte eine Kaderstruktur, auf der man aufbauen kann.
Es ist trotz des ersten Platzes schon verständlich und richtig, dass der Verein jetzt handelt. Denn wenn man sich mindestens unsicher ist, ob es mit dem aktuellen Trainer noch weiter gehen kann, ist der Zeitpunkt der richtige. Sollte man beispielsweise warten, bis irgendwann im April die Titelchancen Richtung null gehen?
Gerade weil die Liga so knapp - bzw. ehrlicherweise schwach beinand - ist, kann der neue Trainer jetzt peu à peu seine Ideen implementieren. Die Alternative wären zwei oder vier Spiele nach einigen Nackenschlägen in der Meistergruppe. Oder überhaupt ein Start in der 2. Runde der Conference League.
Nun bekommt der 37 Jahre alte Ex-Profi Daniel Beichler seine Chance als Chefcoach und die Möglichkeit, den Teller zurück an die Salzach zu holen.
Dass die Mannschaft prinzipiell mehr kann, zeigte sich in Spielen wie gegen Porto oder Basel. Um dort aber hinzukommen, braucht es diese Leistungen inklusive mehr geschossener als erhaltener Tore halt auch in Linz oder Wolfsberg.
Erfahrungsschatz einbringen
In Manns Worten: "Daniel verfügt über eine klare Idee, wie er spielen und was er von seiner Mannschaft sehen möchte. Nicht ohne Grund hatten ihn auch andere Klubs in der jüngeren Vergangenheit im Blick. Er erhält die volle Unterstützung, notwendige Änderungen anzuschieben, um unsere Mannschaft weiterzuentwickeln und die kommenden Herausforderungen erfolgreich zu meistern."
Seit 2021 ist Beichler in der Welt von Red Bull, betreute von der U14 bis zur U18. Mit letzterer holte er den Teller. In der Youth League schaffte er es ins Final Four. Beim FC Liefering war er zwei Jahre Trainer; dass Letsch die oben genannten Jungen einbauen konnte, war mindestens auch Beichlers Verdienst.
Als Spieler war der 37-Jährige vielleicht nicht so erfolgreich, wie viele es sich bei seinem Wechsel von Sturm zu Hertha BSC 2010 erhofft hatten. Statt deutsche Bundesliga kickte er in St. Gallen, Duisburg, Ried, Sandhausen und am Ende der Karriere wieder bei Sturm und letztlich dem SKN St. Pölten.
Vielleicht aber sind gerade diese Erfahrungen ein wertvolles Asset gegenüber den jungen Spielern - schließlich hoffen die Trummers, Sulzbachers und Co. ebenfalls auf eine große Karriere.
Qualität abrufen
Hoffentlich sind er und der gesamte Verein Thomas Letsch letztlich dennoch dankbar, dass er den Klub wieder in die richtige Richtung gelenkt hat, selbst wenn ihm das Ankommen im Hafen verwehrt bleibt.
Dass die Mannschaft prinzipiell mehr kann, zeigte sich in Spielen wie gegen Porto oder Basel. Um dort aber hinzukommen, braucht es diese Leistungen inklusive mehr geschossener als erhaltener Tore halt auch in Linz oder Wolfsberg.
Talent alleine reicht nämlich auf Dauer nicht. Und Qualität bedeutet schließlich, außergewöhnliche Leistungen regelmäßig abzurufen.
Gelingt es Beichler, auf Letsch' Vorarbeit entsprechend aufzubauen, ist das eine gute Nachricht für die Bullen - und eine schlechte für die Konkurrenz.
Georg Sohler