Zwei Plätze in der Meistergruppe sind noch zu vergeben, fünf Vereine hätten sie gerne. Showdown oder - schweizerisch angehaucht - Strichkampf: Man möge es nennen, wie man will.
Am Sonntag erfahren WSG Tirol, SV Ried, SCR Altach, SK Rapid und der TSV Hartberg ihr Schicksal.
Selbst in der Hand haben es nur die Wiener und Steirer - einzig das Spiel zwischen LASK und WAC hat keine Auswirkungen auf die so entscheidende Liga-Teilung.
Die 90minuten-Redakteure Daniel Sauer und Georg Sohler diskutieren vor der 22. Bundesliga-Runde vier Thesen der Redaktion:
These: Für die Entwicklung des SK Rapid wäre eine Teilnahme an der Quali-Gruppe besser.
Daniel Sauer: Ohne Zweifel. Was wäre das Best-Case-Szenario für den SK Rapid im restlichen Saisonverlauf? Wiedergefundenes Selbstvertrauen, eine Serie an respektablen Ergebnissen, Ruhe im Verein, Vertrauen in das taktische System - all das könnte man sich in der Meistergruppe abschminken. Die Bilanz gegen Hartberg, Salzburg, Austria und LASK ist bis dato verheerend, nur gegen Sturm hat Rapid zweimal gewonnen, das reicht nicht.
Auch in der Qualifikationsgruppe müsste man kratzen und beißen, keine Frage. Sollte aber selbst das nicht mehr möglich sein, wäre es ohnehin Zeit für größere Fragen. Dazu kommt: Als Sechster stünde man hinsichtlich Europacup Playoff letztlich mit leereren Händen da, als der Siebte und Achte. Verloren wäre mit einem "Abstieg" in die Quali-Gruppe also wirklich gar nichts.
Georg Sohler: Ich bin mit meinem Rapid-Latein mittlerweile am Ende. Mir fehlt nach 18 Jahren ohne Titel wirklich die Fantasie, welches schlechte Bundesliga-Ergebnis den Klub so weit in seinen Grundfesten erschüttern kann, dass sich an der chronischen Erfolglosigkeit wirklich etwas ändert. Vor allem vor dem Hintergrund, dass man Erfolg zwar wahrscheinlicher machen kann - ohne einen reicheren Onkel mit mehr Geld als die Firma mit Sitz in Fuschl braucht es aber Geduld.
Insofern ist es vollkommen wurscht, ob Rapid in den letzten zehn Runden Salzburg und Sturm oder GAK und Wolfsberg kämpfend besiegen wird oder nicht. Für die vielen nach wie vor treuen Fans bleibt in dem Zusammenhang eh nur die Hoffnung, dass Katzers dritte Traineridee sportlich funktioniert – und die in der Geschäftsstelle in den letzten Jahren angestoßenen Veränderungen tatsächlich zu einem Wandel im Verein führen.
Ansonsten ist man wieder jahrelang nach drei Siegen im Sommer Meister, um drei Monate später den Trainer zu wechseln und in Folge hauptsächlich darüber zu diskutieren, welche Gruppe an Dauerpubertierern wieder eine Toilette im Auswärtssektor demoliert hat.
These: Der SCR Altach schafft es in die Meister-Gruppe und Ognjen Zaric wird im Sommer Trainerkandidat bei einem heimischen Top-Klub.
Georg Sohler: Der SCR Altach hat den Bullen die Hörner gestutzt und steht im ÖFB-Cup-Finale - der Einzug in die Meisterguppe wäre aber ein noch größerer Erfolg. Warum? Es schafften schon Zweit- und Drittligisten den Einzug ins Endspiel und sogar Cupsieger können absteigen.
Was spricht für den Serben? In der "Zaric-Tabelle" seit Spieltag 17 liegt der SCR Altach voran. Vermutlich werden sie ihm bei diesem vorzeitigen Klassenerhalt eine Statue errichten, aus den vielen Steinen, die den Verantwortlichen in Altach vom Herzen fallen werden.
Natürlich wird er dann von Großklubs umgarnt, die Trainer brauchen. Der aktuelle SCRA-Coach wird sich hingegen genau überlegen, wer da anklopft. Stress hat er mit 37 Jahren keinen, da könnte er ruhig dem Vorbild von Maximilian Senft folgen, der ebenfalls beim "Kleinklub" blieb. Ein weiteres Beispiel ist just sein Vorgänger, der den Klassenerhalt schaffte und dann später von Sturm Graz geholt wurde.
Aktuell wüsste ich nicht, wer ihn holen sollte. Beichler hat einen langfristigen Vertrag. Parensen würde sich nicht gleich wieder in Altach bedienen, wenn ein Altach-Trainer gerade unerfolgreich war. Sollte der LASK nicht komplett zusammenbrechen, bleibt Kühbauer. Einzig die Wiener Großklubs sind immer wieder für eine Überraschung gut, wobei die Antwort auf mögliche Fragen nach einem Trainerwechsel nicht Zaric lauten wird.
Daniel Sauer: Man kann vor Ognjen Zaric nur den Hut ziehen. Nicht jeder Trainer hätte die Nachfolge von Fabio Ingolitsch ähnlich souverän angetreten und eine eigentlich bereits ordentliche Halbsaison derart in den Schatten gestellt. Gleichzeitig sollte man die Kirche im Dorf lassen. Vier seiner ersten sechs Spiele hat Zaric mit Altach zu Hause bestritten. Ja, die Defensive steht grundsolide. Ja, Zaric ist bis jetzt ungeschlagen. Gleichzeitig benötigt die Offensive derzeit 71 Minuten pro Tor - es gibt also Luft nach oben.
Sollte Altach am Sonntag gegen Sturm Graz gewinnen und in die Meister-Gruppe einziehen, kann der Verein zum ersten Mal seit Langem in Ruhe arbeiten. Ich würde die Weiterentwicklung von Mannschaft und Trainer gerne über eine volle Saison sehen - wenn sie ähnlich verläuft wie bisher, wäre ein beruflicher Aufstieg mehr als verdient. Überraschen - das steht spätestens seit Mittwoch fest - kann Zaric jedenfalls wie derzeit kein anderer. Wer Meister und Vizemeister aus dem Cup eliminiert und ins Finale einzieht, hat sich mit Sicherheit schon jetzt in einige Notizbücher eingetragen.
These: Die SV Ried mag zwar bisher eine richtig gute Saison gespielt haben, am Ende bleibt aber nur ein unspektakulärer Klassenerhalt, nicht mehr.
Daniel Sauer: An einem unspektakulären Klassenerhalt des Aufsteigers nahe am Trennstrich ist per se nichts verkehrt. Alles Weitere - so ehrlich muss man sein - käme derzeit auch noch zu früh. Mit Blick auf die Fünfjahreswertung wäre die SV Ried auf einem Europacupplatz schlecht aufgehoben - noch, das möchte ich betonen. Richtig ist, dass die Senft-Elf nichts mit dem Abstieg zu tun haben wird.
Man hat offensichtlich ein Rezept gefunden, das funktioniert und darf mit den bisherigen Leistungen absolut zufrieden sein. Warum der Erfolgslauf seit der Winterpause stockt, ist eine Frage, die man sich im Innviertel stellen wird müssen. Vielleicht wurde in der Vorbereitung der ein oder andere Prozentpunkt liegengelassen.
Viel wichtiger als die Endplatzierung wird jedenfalls sein, die Führungsriege für eine weitere Saison zusammenzuhalten, um weitere Entwicklungsschritte zu setzen. Dass ein anderer Trainer diesen Kader ähnlich nahe an sein Leistungsmaximum führen könnte, darf bezweifelt werden.
Georg Sohler: Ich glaube nicht, dass man darüber diskutieren muss, ob die Rieder in der Liga bleiben – angenehm oder eine g'mahte Wies'n wird es meiner Meinung nach aber nicht.
Das angesprochene Rezept schmeckt den Gegnern so gar nicht. Die Innviertler foulen, als ob sie im Abstiegskampf wären - nur Sturm hat bislang mehr Zweikämpfe bestritten. Es kommt sehr selten vor, dass ein Kapitän eines Gegners nach einem Spiel sagt, dass die Spielweise des Gegners grenzwertig ist. Wenn schon vor der Kamera in aller Deutlichkeit darüber gesprochen wird, kann man sich ausmalen, wie in der Kabine gesprochen wird.
Und da muss ich Daniel widersprechen: Die Teams unten, die noch ums sprichwörtliche Überleben kämpfen, können den Wikingern ihre eigene Medizin verabreichen.
Grundsätzlich gibt ein - wie auch immer erreichte - Klassenerhalt dem Duo Senft/Fiala recht. Dass das Spiel der Oberösterreicher so abschätzig bedacht wird, wird die vermutlich am allermeisten ärgern und ohnehin dazu führen, dass sie an der feineren Klinge arbeiten.
These: Hartbergs Teilnahme an der Meister-Gruppe wird Elias Havel die Teilnahme an der WM kosten.
Georg Sohler: Ich geb's zu, ich musste diese These auch zweimal lesen und mir erklären lassen. Dann habe ich mir die Gegner angeschaut, gegen die er getroffen hat. Ein Muster erkenne ich hierbei ebenfalls nicht, also dass er nur gegen Klubs von oben oder unten trifft.
Aber es stimmt schon: In der Meistergruppe ist Hartberg auf dem Papier in allen Spielen Außenseiter. Das ist man auch am Feld. Der TSV hat mit Abstand die wenigsten Ballkontakte in der Bundesliga aller Klubs.
Jetzt könnte man einwenden, dass Außenseitertum einem wieselflinken Stürmer entgegenkommt. Aber genau das ist das Problem.
Wenn es Österreichs Nationalteam aktuell an einer Sache nicht mangelt, sind es schnelle Spieler, die im Konter – Pardon: in Umschaltmomenten! - mit dem sich öffnenden Raum viel anfangen können. Bei den für einen Aufstieg entscheidenden Spielen gegen Algerien und Jordanien wird hingegen genau das Gegenteil notwendig sein.
Daniel Sauer: Grundsätzlich funktioniert Konter-Fußball auch gegen die Großen. Ein Fanlager, das zur Zeit mit der Restverteidigung des eigenen Teams zufrieden ist, darf man hierzulande lange suchen.
Um die Erkenntnisse des Kollegen weiter auszuführen: Elias Havel hat 2025/26 gegen sechs von acht Teams, die für die Meistergruppe in Betracht kommen, Scorerpunkte gesammelt. Auch wenn es nicht einfacher wird und letztlich vielleicht nicht zur Krönung als Torschützenkönig reicht, sollte der 22-Jährige oben wie unten zu Chancen kommen.
Ob Havel für Ralf Rangnick wirklich ein ernsthafter WM-Kandidat war oder ist, werden wir vielleicht nie erfahren. Viele Plätze im Sturm sind nicht frei, allzu aussichtsreich waren daher Chancen wohl nie - als Bundesligaspieler muss man sich schon aufzwingen, um wirklich dabei zu sein. Im Gegensatz zu Georg wäre ich mehr Tempo in der Offensive nicht abgeneigt, als Teamchef hätte ich Havel als Alternative zu Gregoritsch und Arnautovic zumindest im erweiterten Kader, sofern seine Effizienz nicht komplett verloren geht.
Georg Sohler
Daniel Sauer