Fällt Österreich wirklich nur Andreas Herzog ein?

Die Zeit von Marcel Koller geht langsam aber doch dem Ende zu. ORF und Boulevard bringen Andreas Herzog in Stellung. Folgt der ÖFB diesem Ruf oder geht er abermals den Weg des Widerstands? Ein Kommentar von Michael Fiala

„Der Fußball hat eigene Gesetze“ – mit Floskeln wie dieser hat sich Vorarlbergs Fußballpräsident Horst Lumper vor dem Georgien-Match von seiner „besten“ Seite gezeigt und die Teamchefdiskussion auf ein offizielles Niveau gehoben – immerhin ist er einer von neun Landespräsidenten, die mehr oder weniger viel Einfluss auf die Frage haben, ob es eine Zukunft von Koller geben wird und wenn nicht, wer ihm denn folgen könnte. Warum Lumper dieses Interview gegeben hat, ist nicht überliefert. Hat der ÖFB dieses Interview initiiert, um jemanden vorzuschicken? Oder hatte der ORF gar selbst diese „glorreiche“ Idee? Wenn ja, warum?

 

Auffallend ist jedenfalls, dass Thomas König vom ORF, der dieses Interview geführt hat, genau einen Namen ins Spiel brachte, wenn es um die mögliche Nachfolge von Marcel Koller geht: Andreas Herzog. Übrigens jener Andreas Herzog, der wenige Stunden zuvor - drei Mal dürfen Sie raten – im ORF-Studio von Sport am Sonntag sitzen und darüber sprechen durfte, ob er sich den vorstellen könnte, neuer Teamchef zu werden. Verglichen mit Deutschland wäre dies so, wenn bei der Teamchefdiskussion die ARD Lothar Matthäus ins Rennen schicken würde. 

 

Warum bekommt Herzog so viel Werbezeit?

Abgesehen davon, dass Herzogs Analyse in Sport am Sonntag an Oberflächlichkeit schwer zu überbieten war, darf man sich schon die Frage stellen, warum Herzog so viel Werbezeit bekommt? Dabei geht es auch nicht darum, Andreas Herzogs Fähigkeiten in Frage zu stellen. Es geht vielmehr darum, dass hier einseitig und subjektiv Stimmung für einen Kandidaten gemacht wird. Dabei gäbe es relativ viele Kandidaten, wenn man sich ein bisschen Zeit nimmt, darüber nachzudenken.

 

Die öffentliche Diskussion um eine mögliche Koller-Nachfolge ist irritierend und zugleich auch wenig überraschend. Dass Herzog als Teamchefnachfolger genannt wird, ist auch keine Premiere. Bereits vor einigen Jahren wurde Österreichs Rekordnationalspieler immer wieder als potenzieller Teamchef hochgeschrieben, obwohl er auf seiner Trainer-Visitenkarte damals noch so gut wie keine Referenzen stehen hatte. Doch das hat den Boulevard natürlich nicht davon abgehalten, ihn als „perfekten Kandidaten“ zu nennen. Gerade Boulevard-Medien sind (nicht nur in Österreich) dafür bekannt, ihren Kandidaten zu pushen, um in weiterer Folge dann einen guten Draht für Insiderinformationen zu haben.

 

Die Landespräsidenten haben an Einfluss gewonnen

Doch kommen wir zurück zu Horst Lumper, der meint: „Der neue Trainer muss den österreichischen Fußball verstehen.“ Und somit subtil andeutet: Nach Koller sollte jetzt wieder ein Österreicher das Ruder übernehmen.

 

Das Machtspiel rund um die Wiederwahl von Leo Windtner im Juni hat gezeigt: Die Landespräsidenten haben wieder an Einfluss gewonnen. Damit steigt leider aber auch wieder die Gefahr, dass bei der Auswahl eines möglichen Nachfolgers von Marcel Koller analytisches Denken in den Hintergrund gedrängt wird. 

 

Welches Anforderungsprofil ist aktuell gültig?

Als Marcel Koller im Jahr 2011 bestellt wurde, hieß es in der Pressemitteilung des ÖFB:  „So wurde nach einer Persönlichkeit mit internationaler Erfahrung gesucht, die Erfolge in Form von Titeln auf nationaler und/oder internationaler Ebene mitbringt.“ Diesen - für den ÖFB wichtigen - Teilaspekt des Profils würde Herzog jedenfalls nicht erfüllen. Es wäre jedoch auch keine Überraschung und nicht das erste Mal in der österreichischen Fußballgeschichte, wenn das Anforderungsprofil so geändert wird, dass man den eigenen Favoriten am besten argumentieren kann.

 

Der ÖFB steht – wenn Koller nicht verlängert wird - somit vor einer wichtigen Entscheidung: Wer wird neuer Teamchef? Oder anders gesagt: Wählt man wie bei Koller noch einmal den Weg des allgemeinen Widerstands oder folgt man den Rufen des ORF, des Boulevards und der laut schreienden Landespräsidenten?