It didn’t come home. Again. [Euro 2020, Tag 32]
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It didn’t come home. Again. [Euro 2020, Tag 32]

England scheitert knapp vor der Ziellinie erneut daran, einen Titel zu holen. Vergeigt hat es wohl der Mann an der Linie. Italien legte erneut nach einer schwierigen Situation ein Comeback hin und wird verdient Europameister.

Pfeifen bei des Gegners Hymne und dann wirklich nur noch grindige, rassistische Riots rund um das Finale. Shame on you. Als wollte man versuchen, den Ungarn das Wasser zu reichen.

Jürgen Pucher

++ Pucher schaut EM – der tägliche 12 Meter zur Europameisterschaft ++

 

Finalentscheidung im Elfmeterschießen. Wohl das unwürdigste Ende eines Turniers. Ich weiß auch nicht, was man stattdessen einführen sollte, aber Penalties um den Sieger zu küren, ist schlicht und einfach Mist. Gestern war es zumindest so, dass jene Mannschaft am Ende gewonnen hat, die an diesem Tag die richtige war. England überraschte die Italiener zwar zu Beginn mit neuem System und dadurch hervorgerufenem frühen Tor, wie so oft im Verlauf dieser Euro kamen die Italiener aber wieder zurück zur gewohnten Stärke. Was diese Mannschaft mental leisten kann, ist schlichtweg gigantisch. Und sie hat einen Trainer, der es versteht zu adaptieren, wenn es nicht läuft. 

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Roberto Mancini war aus meiner Sicht ein wesentlicher Faktor, dass Italien nach dem denkbar schlechten Beginn wieder in die Spur fand. Er fing nach einiger Zeit die angreifenden Außenspieler Luke Shaw und Kieran Trippier ab und stabilisierte sein in den Seilen hängendes Team im Laufe der ersten Halbzeit. Er ließ außerdem Jorginho in der Mannschaft, obwohl er schon in der ersten Halbzeit nicht mehr zu hundert Prozent fit war. Das war Gold wert, selbst mit nur 80 Prozent war er als Denker und Lenker in der Zentrale präsent. Gut, dass Mancini seine Einstellung von vor ein paar Jahren, als er meinte Oriundi sollten nicht das blaue Trikot tragen, noch einmal gut überdacht hat. Nach der Pause wurden die Azzurri jedenfalls stärker und stärker. Leonardo Bonucci staubte schließlich nach etwas mehr als einer Stunde zum verdienten Ausgleich ab. Gareth Southgate ließ das alles geschehen. Etwas verkürzt ausgedrückt, wollte er die Führung nach zwei Minuten nur noch über die Zeit bringen. Geht meistens schief.

Nachdem England mit Wunden lecken fertig ist, wird sich Southgate wahrscheinlich einiges anhören müssen. Neben dieser Passivität nach der Führung, hat der englische Teamchef außerdem vorgezeigt wie man sogar ein leidiges Elfmeterschießen als Coach vergeigen kann. Drei Youngsters waren für Penalty drei, vier und fünf nominiert. Für den letzten der erste 19-Jährige Bukayo Saka. So einen jungen Spieler in seinem ersten wirklich ganz großen Spiel in so eine Situation zu bringen, der er dann verständlicherweise nicht standhält, ist wirklich nicht nachvollziehbar. Dass noch zwei andere, die er extra für das Elferschießen eingewechselt hat, auch verschießen, passt gut ins Bild. Er hätte sich lieber um ein zweites Tor während der regulären Spielzeit kümmern sollen.

„Bester Coach des Turniers“ geht nicht nach England. Der Fairplay-Award für das Publikum auch nicht. Laserpointer gegen den Dänemark-Goalie im Semifinale, pfeifen bei des Gegners Hymne und dann wirklich nur noch grindige, rassistische Riots rund um das Finale. Shame on you. Als wollte man versuchen, den Ungarn das Wasser zu reichen. Auch was in den sozialen Medien über die Spieler zu lesen war, die im Finale Elfmeter verschossen haben, ist mehr als nur übel. Premierminister Boris Johnson verurteilte diese Auswüchse in einem Statement. Er sollte sich lieber überlegen, was er und seine regierenden Tories mit der Entwicklung der englischen Gesellschaft in eine solche Richtung zu tun haben. 

 

Das Team der Euro

Aber zurück zum Sport. Und der war in den letzten Wochen wirklich toll. Deshalb hier zum Abschluss noch elf Spieler, die aus meiner Sicht wesentlich zum guten Fußball bei dieser Euro 2020 beigetragen haben. Im Tor muss beim Team dieser Endrunde Gianluigi Donnarumma stehen. Er wirkt jetzt schon wie eine Institution und strahlt die Ruhe eines Routiniers aus. In der Abwehr links dann wieder Italien mit Leonardo Spinazzola, der bis zu seiner Verletzung überhaupt mit der beste Mann im Turnier war. Rechts spielt Kyle Walker und in einer Dreierkette in der Mitte natürlich die Italo-Twins Giorgio Chiellini und Leonardo Bonucci. Dazu möchte ich noch Harry Maguire stellen, der einfach ein bärenstarkes Turnier gespielt hat. 

Im Dreiermittelfeld würde ich gerne Sergio Busquets und Pedri von den Spaniern aufstellen. Dazu natürlich noch den Spieler dieses Turniers: Jorginho. Ohne ihn hätte Italien den Titel nicht geholt. Er war der Taktgeber und Stratege im Team, sogar dann noch, als er minutenlang nur noch humpelnd im Finale unterwegs war. Ein würdiger Nachfolger für Andrea Pirlo. Vorne dann wieder nur England und Italien. Diese beiden Mannschaften standen schlichtweg über allen anderen, hinsichtlich der Qualität der Einzelspieler. Es stürmen gemeinsam Raheem Sterling und Federico Chiesa. Auch wenn Sterling ein Dive vorgeworfen wird, der zum Elfmeter gegen Dänemark geführt hat, war er trotzdem bei fast allen wesentlichen Momenten für England bei dieser Endrunde beteiligt. Chiesa zeigte mit ähnlichem Speed wie Sterling auf und er stand zudem sinnbildlich für den unbändigen Willen, mit dem Italien sich immer wieder aus schwierigen Situationen befreit hat. Um ihn vom Ball zu trennen, brauchte es manchmal die halbe Mannschaft des Gegners. 

Im ersten Eintrag zu diesem Turnier habe ich England als Europameister in Wembley getippt. Knapp vorbei ist auch daneben. Nichtsdestotrotz hat dieses Turnier Spaß gemacht. Rundherum gibt es natürlich viel Anlass zur Kritik. Zuschauerregelungen, Turnier in elf Ländern und so weiter. Aber der Fußball und das Spiel haben sich in den Vordergrund gedrängt. Und das war gut so. 

 

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