Sturm vor Weichenstellung - auf und neben dem Platz
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Sturm vor Weichenstellung - auf und neben dem Platz

Sturm startet in den Europacup und hat ein richtungsweisendes Spiel vor der Brust. Demonstrativ wird die gute Stimmung beschworen, aber zumindest abseits des Feldes läuft nicht alles rund. Und auch das ewige Stadion-Thema lässt wieder unschön grüßen.

Die Langzeit-WM ist endlich vorbei und das tägliche Fußballbrot ohne Hydration Breaks, ohne lächerliche Show-Elemente, ohne Anti-Fußball-Argentinier und ohne Donald und Gianni rückt wieder in den Mittelpunkt.

Für den SK Sturm ist im österreichischen Fußballalltag die Vorbereitung zu Ende, es wartet am Dienstag das richtungsweisende Spiel in der Champions-Legaue-Qualifikation gegen Heart of Midlothian.

Die Partien in Liebenau und die Woche drauf in Edinburgh werden so einige Weichen stellen, wohin die Reise beim Vize-Meister in dieser Spielzeit geht.

Zukunft gebunden, eine Wand ausgeliehen

Das betrifft zunächst den Transfermarkt und die Flexibilität dort. Kommt Sturm über die Hürde Hearts hinweg, sind die Europa-League-Ligaphase und damit beträchtliche Mehreinnahmen fix, die Champions League weiter möglich. Das würde Michael Parensen die Hände für punktuell noch immer notwendige Transfers freispielen.

Es besteht also Hoffnung, dass Sturm schon ein paar Schritte weiter beim Formen des neuen Teams und ein Stück weit eingespielter als die Hearts of Midlothian ist.

Mit Leon Grgic hat ein Stürmer für die Zukunft gerade seinen Vertrag verlängert. Er ist aber noch am Weg zurück von einem Kreuzbandriss und frühestens im Herbst ein Thema, weshalb Fabio Ingolitsch intern darauf gedrängt hat, noch einen "Wandstürmer" zu verpflichten, der Gefahr in der Box und Durchsetzungskraft aufweist.

Mit Nelson Weiper, der bis Saisonende aus Mainz kommt, wurde dieser für den Moment gefunden. Weiper wurde auch noch rechtzeitig angemeldet, sodass er im Europacup spielberechtigt ist. Aber er ist eben nur ausgeliehen und das ohne Kaufoption.

Ingolitsch: "Atmosphärisch so gut wie nie zuvor"

Einen Linksverteidiger braucht Sturm nach dem Abgang von Emir Karic jedenfalls, auch in der Innenverteidigung könnte es noch Bedarf geben. Inzwischen ist der Sportdirektor händeringend darum bemüht, seinen Kader schlanker werden zu lassen und die Spieler anzubringen, mit denen man nicht mehr plant.

Emanuel Aiwu wurde erfolgreich nach Zypern transferiert, bei Niklas Geyrhofer, Amady Camara oder Maurice Malone heißt es weiter: Bitte warten. Dass die beiden erstgenannten gerade wieder verletzt sind, wird den Prozess eher nicht beschleunigen. Unabhängig davon ist die Ausgangslage für die Schwoazn vor dem Europacupspiel nicht die schlechteste.

Die Ingolitsch-Elf trifft auf einen Gegner, der sich im Totalumbruch befindet. Nachdem in der abgelaufenen Saison auf den letzten Metern der Titel noch vergeigt wurde, ist der Trainer zu den Glasgow Rangers gegangen und vom Top-Torjäger abwärts hat ein weiteres halbes Dutzend Stammspieler die Mannschaft aus dem Tynecastle Park verlassen.

Es besteht also Hoffnung, dass Sturm schon ein paar Schritte weiter beim Formen des neuen Teams und ein Stück weit eingespielter als der Gegner ist.

Die Stimmung könnte jedenfalls besser nicht sein, sagt der Cheftrainer in der "Kleinen Zeitung". Leute wie Jürgen Heil oder Albert Vallci würden durch ihre positive Art viele mitreißen, die Mischung im Kader würde passen und überhaupt sei es "atmosphärisch so gut wie nie zuvor", so das Gefühl von Fabio Ingolitsch.

Wie oder woran er das nach erst sechs Monaten bei Sturm festmacht, wird nur er selbst wissen. Aber gut, wenn die Gefühle positive sind.

Sturm lässt sich schlechtmachen

Abseits des Spielfeldes läuft derzeit in Graz nicht alles rund. Lauter kleine bis mittlere Baustellen sorgen immer wieder für Unruhe und wie gewohnt handhabt man die Dinge kommunikativ nicht optimal.

Man nehme dazu nur das Beispiel Aiwu, der vor seinem Abgang zum Training der zweiten Mannschaft versetzt wurde und sich erfolgreich dagegen wehrte.

Der Geschäftsführer Wirtschaft hat es geschafft, die eigenen Fangruppen gegen sich aufzubringen, weil er in einem Interview deren Einbindung im Merchandising-Bereich in den Raum gestellt hat, was die Fans in Form einer Aussendung zurückwiesen.

Die Vereinigung der Fußballer (VdF) hat dabei öffentlich recht harsche Kritik am Verhalten Sturms geübt, der Verein verzichtete darauf, seinen Standpunkt öffentlich zu machen und entsprechend darauf zu reagieren. Stehen bleibt: Sturm behandelt Spieler schlecht, mit denen man nicht mehr plant. Wäre vermeidbar gewesen, da gerade der betroffene Spieler und sein Verhalten ausreichend Gelegenheit geboten hätten, sich selbst in ein besseres Licht zu rücken.

Der Geschäftsführer Wirtschaft schaffte es derweil, die eigenen Fangruppen gegen sich aufzubringen, weil er im Interview mit dem Podcast BlackFM deren Einbindung im Merchandising-Bereich in den Raum gestellt hat, was die Fans in Form einer Aussendung zurückwiesen. Überhaupt bedarf es im Nachgang von Thomas-Tebbich-Interviews immer eines vertiefenden Faktenchecks, weil vieles oft nur teilweise richtig oder zumindest missverständlich ist, was er zum Besten gibt.

Faktenchecks und Personalrochaden

Der Unmut der Anhänger, auch abseits der organisierten Fanszene, darüber wächst. Ein weiteres Beispiel aus der Kategorie vermeidbare Aufregung, könnte man doch schlichtweg konkretere Aussagen treffen, diese auch erklären und damit weniger Raum für Interpretation und Spekulation lassen.

In der Geschäftsstelle wurde außerdem in diesem Sommer der Technische Direktor Benjamin Schunk nach nur eineinhalb Jahren beim Verein freigestellt. Der Job heißt jetzt Head of Scouting & Recruitment und Philipp Kaufmann, bislang bei Basel und Osnabrück tätig, folgt auf Schunk, mit dessen Arbeit man nicht zufrieden war. Aus Vorstandskreisen ist zu hören, dass es nicht ausgeschlossen sei, dass es noch zur einen oder anderen weiteren Personalveränderung kommen könnte.

Durch die akute Grazer Finanznot wird aber vielleicht der KPÖ-Beton hinsichtlich Veräußerung des Baurechts an die Vereine bröckeln.

Das Stadion Graz-Liebenau lässt auch wieder einmal von sich hören. Die Arena heißt jetzt auch ganz offiziell so, weil der Sponsorvertrag mit Merkur ausgelaufen ist und die Stadtpolitik es bislang nicht geschafft hat, einen neuen Deal abzuschließen.

Um den alten Kasten zumindest Europa-League-tauglich zu machen, wurde jetzt ein neues Flutlicht- und Soundsystem installiert. Was darüber hinaus im Herbst in Sachen Um- und Ausbau passieren wird, steht leider in den Sternen.

Der Pleitegeier kreist über Graz

Graz hat im Juni gewählt, Elke Kahr wird Bürgermeisterin bleiben und verhandelt gerade mit den Grünen über eine neue Stadtregierung. Die beiden Parteien haben dabei eine ziemliche Hypothek am Tisch liegen. Ein Rohbericht des Rechnungshofes besagt, Graz sei derart pleite, dass alle städtischen Leistungen und Investitionen auf das absolut Nötigste zurückgefahren werden sollten.

Die "Kleine Zeitung" schreibt am Wochenende davon, dass die für das Stadion zugesagten Millionen relativ sicher trotzdem fließen würden, weil man sich hier keinen Rückzieher mehr erlauben könne. Fragt man bei Insidern aus der Stadt nach, heißt es aber: "Momentan ist gar nichts sicher, alles steht zur Debatte."

Wieder einmal ist es mehr als ungewiss, was der nächste Schritt bei diesem Thema sein wird. Durch die akute Finanznot wird aber vielleicht zumindest der KPÖ-Beton hinsichtlich Veräußerung des Baurechts an die Vereine bröckeln. Man würde ein jährliches Minusgeschäft los und das Budget dadurch ein wenig entlasten. Ideologie muss man sich eben auch leisten können.

So oder so: Für die Fans und Beobachter des SK Sturm steht ein ereignisreicher Herbst bevor. Wir bleiben gespannt, was er alles bringen wird.

Jürgen Pucher ist Buchautor, Politikwissenschaftler, Fußballjournalist und praktizierender Sturmfan in Wien. Der Steirer war Mitgründer der Fanplattform Sturm12.at. Seit 2015 ist Pucher als Betreiber des Podcast BlackFM aktiv, der sich den "Schwoazn" widmet. Für 90minuten.at schreibt er in regelmäßigen Abständen die Kolumne "12 Meter".

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