Die heimische Liga geht in die Länderspielpause und die kommt gerade recht!
Wenn man sich Spiele wie exemplarisch Sturm gegen Red Bull Salzburg am Freitag ansieht, dann tut ein wenig Verschnaufen und die eine oder andere Besinnung darauf, dass es Fußballspielen und nicht raufen heißt, sicher gut.
Auch das wieder einmal aufwallende Kühbauersche Mütchen kann abkühlen und Dietmar Riegler kann zwei Wochen telefonieren, ob sich vielleicht ein anderer Trainer findet, der den drohenden Abstiegskampf des WAC eher abwenden kann.
Und alle Trainerteams der oberen sechs Mannschaften können sich schon einmal überlegen, wie sie es psychologisch anlegen werden, dass sie ab jetzt acht Runden lang Finalspiele haben werden und in keinem davon Favorit sind.
Sturm-Umbruch ist im Gange
Der eine oder andere mag die Geschichte dieser Meisterschaft aus der Perspektive der Spannung und der extrem dicht beieinanderliegenden Teams erzählen. In Wahrheit ist es eher ein Drama der sukzessive abfallende Leistungsfähigkeit der früheren Top-Klubs.
Alle in der Liga sollten sich in Fragen der Ausbildung, der Spielweise und der Strategie wie man sich innerhalb der österreichischen Rahmenbedingungen als Fußballklub positionieren könnte, so ihre Gedanken machen.
Es gilt, für den viel gescholtenen Sportchef Michael Parensen eine Lanze zu brechen. Das Allermeiste, was er in der letzten Übertrittszeit gemacht hat, hatte Hand und Fuß.
Aber das ist eine eigene Geschichte, die uns in den nächsten Monaten und Jahren ohnehin begleiten wird. Lässt man diesen eklatanten Niveauabfall einmal beiseite, zeigt sich bei Sturm in Graz aktuell folgendes Bild: Der laufende Umbruch des amtierenden Meisters wird relativ gut aufgefangen und es formt sich unter Fabio Ingolitsch schön langsam ein sich stabilisierendes Gefüge.
Die extrem anfällige Verteidigung wird stabiler, der Switch zwischen Dreier- und Viererkette funktioniert und es bildet sich beim neuen Trainer ein Stamm heraus, um den herum er seine Hierarchie und Herangehensweise definiert. Dass er kein geeignetes Personal auf den Außenbahnen hat, kann Ingolitsch kurzfristig nicht lösen, das wird die Aufgabe für die kommende Transferzeit im Sommer.
Gute Transfers trotz wenig Geld
Stichwort Transfers: Da gilt es für den - auch immer wieder zurecht - viel gescholtenen Sportchef Michael Parensen eine Lanze zu brechen. Das Allermeiste, was er in der letzten Übertrittszeit gemacht hat, hatte retrospektiv Hand und Fuß. Jusuf Gazibegovic, Ryan Fosso, Gizo Mamageishvili, Albert Vallci oder Paul Koller sind sinnvolle Zugänge.
Nimmt man dazu noch die finanzielle Daumenschraube, die ihm vom Vorstand angesetzt wird, kann man die Wintertransferzeit als durchdacht und im Rahmen der Möglichkeiten absolut nachvollziehbar bezeichnen. Im Sommer wird es dann nicht leichter werden. Das Füllhorn wird auch da nicht ausgeschüttet werden und die eine oder andere Baustelle im Kader gilt es trotzdem anzugehen.
Die Nordkurve ist in guter Form, reißt Liebenau mit und lässt sich auch von wirklich unansehnlichen Fußballspielen nicht aus dem Konzept bringen.
Gesondert erklären wird Parensen bei den Jänner-Transfers wohl nur müssen, was die Gedanken zur Leihe von Rory Wilson im Angriff waren. Da fehlt mir die Fantasie, was Sturm dazu bewogen hat, genau diesen jungen Mann für eine Leihe bis Sommer auszusuchen. Offensichtlich kann er weder kurzfristig helfen, noch scheint er im Moment überhaupt im Erwachsenenfußball einsetzbar.
Keine schlechten Karten für das Triple
Dafür kommt ein anderer Stürmer immer besser in Schuss, der ständig – vielfach auch absolut unter der Gürtellinie - in der Kritik stand. Seedy Jatta zeigt gute Leistungen, wird unter dem neuen Coach auch wieder mit Bällen versorgt, mit denen er etwas anfangen kann. Er war etwa gegen Blau-Weiß Linz und die Austria einer der Spieler, die den Unterschied machten. Dazu kommt Dreh- und Angelpunkt Otar Kiteishvili wieder in Form, Filip Rozga fügt sich nach und nach ein und Youngster JP Hödl wird langsam unverzichtbar in diesem Kader.
Das zusammengenommen, hat Sturm keine schlechten Karten bis zum Ende in der Verlosung für eine dritte Meisterschaft in Folge zu bleiben. Die Stimmung um den Verein wird nämlich auch wieder besser. Ein Verdienst der Fangruppen, die sich schon zum Ende des Grunddurchgangs mit motivierendem und mitreißendem Verhalten hervorgetan haben und für guten Wind gesorgt haben.
Die Nordkurve ist in guter Form, reißt Liebenau mit und lässt sich auch von wirklich unansehnlichen Fußballspielen nicht aus dem Konzept bringen. Dieser Support von den Rängen kann, angesichts der sportlich ausgeglichenen Schonkost aller Teams, durchaus ein Umstand sein, der am Ende den Unterschied macht.
Jürgen Pucher ist Buchautor, Politikwissenschaftler, Fußballjournalist und praktizierender Sturmfan in Wien. Der Steirer war Mitgründer der Fanplattform Sturm12.at. Seit 2015 ist Pucher als Betreiber des Podcast BlackFM aktiv, der sich den "Schwoazn" widmet. Für 90minuten.at schreibt er in regelmäßigen Abständen die Kolumne "12 Meter".
Jürgen Pucher