Man kann es so sagen: Beim SK Sturm ist seit der letzten Runde 2025 im Dezember kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Zunächst wurde Jürgen Säumel in einem für eine Vereinslegende unwürdigen Prozess, dafür dürfen sich die Verantwortlichen noch lange nachschämen, schließlich entlassen.
In einem erneut holprigen Vorgang ist zuerst Maximilian Senft doch nicht neuer Trainer geworden. In Zürich hat man bei Gerald Scheiblehner angerufen, dem das Abenteuer Sturm derzeit wohl zu heikel war. Verpflichtet haben die Grazer dann den "Wunschkandidaten von Anfang an" (O-Ton Michael Parensen) Fabio Ingolitsch aus Altach.
Der Meister ist im Umbruch angekommen
Und dieser neue Übungsleiter startet einen Job in Messendorf, den man getrost als Mammutaufgabe bezeichnen kann. Mittlerweile sagen nämlich die Leute von den Schwoazn selbst, was allen anderen ohnehin schon längst aufgefallen ist: Es findet ein Umbruch beim Meister statt. Kaderkosten müssten reduziert werden und Neuverpflichtungen haben einer Entwicklungsperspektive zu folgen, um später gute Transfererlöse erzielen zu können.
Sportchef Michael Parensen sprach ins TV-Mikrofon: Wir haben Qualität dazugeholt. Da hat der eine oder andere wohl verdutzt die Augenbrauen nach oben gezogen.
Und das nicht nur diesen Winter, sondern über den kommenden Sommer hinaus. Der Aderlass in diesem Jänner war schon recht groß. Tochi Chukwuani nach Glasgow, Tomi Horvat nach Bristol und Tim Oermann zurück nach Leverkusen. Drei nicht unwesentliche Spieler, die ab sofort nicht mehr zur Verfügung stehen. Dazu kommen die Langzeitverletzten Dimi Lavalee, Leon Grgic und zuletzt auch noch Tormann Daniil Khudyakov.
Ergänzt wurde der Kader mit Albert Vallci und Paul Koller für die Innenverteidigung, Ryan Fosso und Gizo Mamageishvili im Mittelfeld sowie einer Leihe des U21-Stürmers von Aston Villa, Rory Wilson. Sportchef Parensen sprach dazu ins TV-Mikrofon: Wir haben Qualität dazugeholt. Da hat der eine oder andere wohl verdutzt die Augenbrauen nach oben gezogen. Die Zeit wird zeigen, ob der Geschäftsführer Sport hier recht behalten wird oder ihm wieder eine unbedachte Aussage passiert ist, die ihm später um die Ohren fliegt.
Neuerungen im Spiel erkennbar
Für den neuen Coach ist es trotz aller Entwicklungsvorgaben wohl jedenfalls ein Muss, sich für einen internationalen Startplatz zu qualifizieren, mit dem es auch eine realistische Aussicht auf eine europäische Gruppenphase gibt. Die beste Chance dazu, den Cupsieg, hat man schon Anfang Februar im Vorarlberger Winter liegengelassen.
Ingolitsch hat erkannt, dass Sturm zu leicht auszurechnen war und er zugleich nicht die richtigen Spieler für den früheren Ilzer-Fußball hat.
In diesem fürchterlichen Fußballspiel gegen des Trainers Ex-Verein lief gar nichts zusammen, was Ingolitsch dazu verleitete, nach dem Spiel "alles hinterfragen zu wollen". Auch mit einem Tag Abstand und mit weniger Emotionen im Gepäck, blieb er im Podcast BlackFM.at bei dieser Einschätzung.
Abseits von Fußballtrainerphrasen ist nach mittlerweile vier Pflichtspielen unter Ingolitsch schon die eine oder andere Neuerung erkennbar. Mit dem "Hurra die Gams vorne drauf" ist es vorbei. Sturm steht tiefer, wartet ab, will das Kombinationsspiel forcieren und startet zudem das Projekt Dreier/Fünferabwehr als zweiten Anzug.
Weiterhin kommunikative Defizite
Ingolitsch hat erkannt, dass Sturm zu leicht auszurechnen war und er zugleich nicht die richtigen Spieler für den früheren Ilzer-Fußball hat. Etwas, was Beobachter schon lange nicht müde werden zu betonen, von der sportlichen Leitung lange negiert wurde, jetzt aber im allgemeinen Sturm Graz-Bewusstsein angekommen ist.
Es werde in Richtung der Saisonen 2027/28 geschaut, um wieder die volle Schlagkraft beisammenzuhaben, hört man aus dem Verein. Soll sein, dazu bedarf es aber einer vernünftigen kommunikativen Einbettung dieses Vorhabens. Das Umfeld ist bereits unruhig und es setzt zuweilen wüste und jenseitige Kritik in den Kommentarfunktionen der sozialen Medien. Das ist – nicht nur, aber auch – eine Folge einer Nicht-Kommunikation der Verantwortlichen.
Schweigen lässt immer die Lautesten gewinnen.
Die organisierte Fanszene, die lange zurückhaltend geblieben ist, verliert langsam die Geduld. In einer Aussendung am Wochenende betont die Brigata, der größte und einflussreichste Fanklub der Grazer Nordkurve, dass "das Ausbleiben von klaren Einordnungen, Erklärungen und öffentlicher Haltung" die Negativspirale massiv befeuern würde. "Schweigen lässt immer die Lautesten gewinnen" und das schade dem gesamten Umfeld, heißt es weiter.
Schwierige Voraussetzungen für Umschwung
Eine durchaus fordernde Gemengelage also, die der neue Trainer und der Sportchef aktuell vorfinden. Umso wichtiger ist es, dass vor allem Michael Parensen endlich zu einer Linie findet, klar kommuniziert und sich auch in schwierigen Situationen einordnend vor seinen Trainer und die Mannschaft stellt.
Was aktuell bei Sturm passiert, ist einer dieser Zyklen, die im Fußball eben stattfinden. Momentan befinden sich die Schwoazn in einer Down-Spirale und es ist schwer zu sagen, wann es zu einem Umschwung kommt und wer und was ihn bewirken wird.
Ob es die derzeit handelnden Personen sein können, wird sich zeigen. Die Voraussetzungen sind schwierig, der Vorstand hält den Sparstift in der Hand und die Formkurve der verbliebenen Leistungsträger zeigt nicht unbedingt nach oben. Unabdingbar ist in jedem Fall eines, ohne das ein Turnaround ausgeschlossen ist: Nachvollziehbare Kommunikation dessen, was man warum tut.
Jürgen Pucher ist Buchautor, Politikwissenschaftler, Fußballjournalist und praktizierender Sturmfan in Wien. Der Steirer war Mitgründer der Fanplattform Sturm12.at. Seit 2015 ist Pucher als Betreiber des Podcast BlackFM aktiv, der sich den "Schwoazn" widmet. Für 90minuten.at schreibt er in regelmäßigen Abständen die Kolumne "12 Meter".
Jürgen Pucher