Sturm: Weiter als gedacht, trotzdem erst der Anfang
Die Grazer stehen zum sechsten Mal in Folge in einer europäischen Ligaphase. Das bringt finanziellen Spielraum, viel Selbstvertrauen und gute Stimmung im Umfeld. Der Erfolg gegen die Hearts ist viel wert, aber nur teilweise ein Maßstab.
Drei Pflichtspiele, 9:0 Tore. Davon sechs in der Champions League-Qualifikation. Nicht ganz verkehrt, wie der SK Sturm Graz in die Saison 2026/27 gestartet ist.
Neben dem Einzug in die nächste Cup-Runde bedeutet dieser Auftakt erstens die fixe Teilnahme an der Europa-League-Ligaphase und zweitens rund zehn Millionen Euro Mehreinnahmen für die Klub-Kassa der Schwoazn.
Finanzieller Spielraum erarbeitet
Diese finanziellen Kennzahlen sind es auch, die unter dem Strich nach dem Duell gegen die Hearts of Midlothian am schwersten wiegen. Mit diesen Mehreinnahmen hat sich Sturm und seine sportliche Leitung in Zeiten des von oben verordneten Sparkurses eine gewisse Beweglichkeit am Transfermarkt erarbeitet.
Trainer Fabio Ingolitsch rief schon vor dem Rückspiel in Schottland die Devise aus, dass im Falle einer europäischen Ligaphase jede Position in seinem Kader adäquat doppelt besetzt sein müsse.
Die aktuelle Kader-Bewertung des SK Sturm >>>
Das umzusetzen, sollte für Sportchef Michael Parensen jetzt auch möglich sein.
Vor allem in der Außenverteidigung wird Sturm wohl noch tätig werden, in den verbleibenden Wochen der Transferzeit. Dazu sind weiterhin die angestrebten Lösungen mit jenen Spielern zu finden, mit denen nicht mehr geplant wird. Maurice Malone, Niklas Geyrhofer, Peter Kiedl und Amady Camara möchte man vor dem Herbst gerne noch "anbringen".
Seedy Jatta ist unermüdlich unterwegs, bindet Gegenspieler, behauptet vorne unzählige Bälle und lässt sich durch nichts unterkriegen.
Zuletzt ließ Parensen öffentlich wissen, dass auch Szymon Wlodarczyk und Seedy Jatta bei passenden Angeboten den Klub verlassen können. Sollte das passieren, muss Sturm sich auch ganz vorne noch einmal umschauen. Die beiden bildeten in den Spielen gegen die Hearts den Stamm vorne drinnen, blieben aber ohne Torerfolg.
Eine Ode an den Seedy
Wobei diese beiden Angreifer aus meiner Sicht differenziert zu betrachten sind. Der Pole, der von einer Leihe zurückkam, bemüht sich, wirkt aber über weite Strecken des Spiels, als wäre er nicht in das Geschehen am Feld integriert. Dazu kommen oft falsche Entscheidungen und ein, wohl den Misserfolgen der letzten Jahre geschuldet, komplett fehlendes Selbstvertrauen, was sich an der kläglich vergebenen Torchance im Tynecastle Park am Dienstag versinnbildlichte.
Jatta hingegen ist unermüdlich unterwegs, bindet Gegenspieler, behauptet vorne unzählige Bälle und lässt sich durch nichts unterkriegen. Nicht durch ein umstritten aberkanntes Tor in Edinburgh, nicht durch monatelange, teils rassistische Beschimpfungen im eigenen Stadion.
Nicht umsonst haben von Mika Biereth abwärts noch alle Top-Stürmer der Grazer der letzten Jahre festgehalten, dass ihnen Seedy Jatta der liebste Partner vorne drinnen war. Er schafft Räume und beschäftigt die gegnerische Abwehr unentwegt.
Sturm braucht nur noch den Angreifertyp, der diese Räume auch nutzen kann. Vielleicht wurde dieser mit Nelson Weiper in Mainz gefunden, vielleicht wird es Leon Grgic sein, mit dem nach seiner Knieverletzung voraussichtlich ab Oktober wieder zu rechnen ist.
ORF-Schmähbrüder
Das Tore-Schießen hat Jatta, den einst Andreas Schicker von Valarenga Oslo nach Graz geholt hat, freilich nicht erfunden, wie auch zuletzt im Europacup wieder zu sehen war. Aber was er an Mehrwert für eine Mannschaft einbringen kann, wird vielfach unterschätzt und von den meisten nicht (an)erkannt.
Die Hearts haben einen Umbruch hinter sich und waren in der Vorbereitung noch nicht soweit, wie Sturm es war, was vor allem auch körperlich in beiden Spielen nach der ersten Halbzeit sichtbar wurde.
"Bist du deppat"-Schreier Daniel Warmuth wurde nicht müde, in der ORF-Live-Übertragung laufend Witzchen über Jattas Unvermögen vor dem Tor einzustreuen und fand sich dabei selbst ziemlich lustig. Dass Jattas Sturmpartner Wlodarczyk die bei weitem schlechtere Leistung bot und die bei weitem klarere Torchance vernebelte, hat er nicht erkannt oder es hat ihm nicht ins Konzept gepasst.
Leider ließ sich sein Co-Kommentator Roman Mählich, der Jattas Qualitäten sehr wohl beurteilen kann, teilweise dazu verleiten, in diese unpassenden Schmähungen mit einzusteigen. Hat ihm dann wohl leidgetan, am Ende lobte er Jatta explizit und hielt fest, er hätte sich ein Tor verdient.
Hearts richtig einordnen
Was gilt es insgesamt zur rein sportlichen Performance gegen den schottischen Vize-Meister zu sagen? Zunächst einmal war das ein klarer Erfolg, der für Stimmung, Mentalität und Selbstvertrauen vor dem Liga-Start besser nicht hätte sein können.
Dazu kommen die Bonusspiele in der Champions-League-Quali gegen starke Gegner, die der Entwicklung der Mannschaft sicher nicht schaden werden.
Wichtig ist es, diese Partien und vor allem die Leistungsfähigkeit des Gegners bei aller Euphorie richtig einzuordnen. Die Hearts haben einen großen Umbruch hinter sich und waren in der Vorbereitung noch nicht soweit, wie Sturm es war, was vor allem auch körperlich in beiden Spielen nach der ersten Halbzeit sichtbar wurde. Zudem fehlte die Eingespieltheit und damit verbunden jegliche Effizienz vor dem Tor.
Die Auslosung mit Wattens, Altach und Lustenau zu Beginn mag einfach klingen, wie hart das Ligabrot beim Verzehr aber oft sein kann, sollten alle im Hinterkopf haben.
Sturm hat das alles mehr als ordentlich gemacht und hinsichtlich Resultat mehr als das Optimum herausgeholt. Aber der Gegner war nur teilweise auf Augenhöhe und es darf keinesfalls passieren, diese Begegnung zu hoch einzustufen.
Schon in der nächsten Runde gegen Fenerbahce oder Gornik Zabrze wird ein ganz anderer Wind wehen. Und nicht zu vergessen: Die Auslosung mit Wattens, Altach und Lustenau zu Beginn mag einfach klingen, wie hart das Ligabrot beim Verzehr aber oft sein kann, sollten alle im Hinterkopf haben.
Kader besser als erwartet
Personell hat sich aber in jedem Fall gezeigt, dass die Neuzugänge Simon Seidl und Jürgen Heil sehr gut ins Team gefunden haben und diese Sturm-Mannschaft sicher verstärken werden. Die Youngsters Luca Weinhandl und JP Hödl liefern mittlerweile konstant weit mehr als Talentproben ab und sind Stützen des Teams. Und mit Daniil Khudyakov, der endlich ohne Verletzungen geblieben ist, steht ein richtig guter Mann im Tor.
Über die Relevanz von Kapitän Jon Gorenc Stankovic muss nicht viel gesagt werden und mit Albert Vallci hat Sturm erstmals seit Gregory Wüthrich wieder einen absoluten Abwehrchef. Dazu kommt ein überraschend positiv auffallender Emran Soglo auf der linken Seite, der eigentlich nach seiner Leih-Rückkehr aus Belgien als Abgangskandidat galt.
Zusätzliche Anmerkung: Das alles hat großteils ohne den "Chef" Otar Kiteishvili stattgefunden, der, wenn er wieder bei hundert Prozent ist, diese Gruppe noch einmal verstärken wird. Es werden andere Gegner als die Hearts kommen und ein Liga-Alltag mit englischen Wochen wird sicher nicht einfach. Aber Sturm steht vor dem Start der ADMIRAL Bundesliga personell besser da, als viele erwartet hätten.
Jürgen Pucher ist Buchautor, Politikwissenschaftler, Fußballjournalist und praktizierender Sturmfan in Wien. Der Steirer war Mitgründer der Fanplattform Sturm12.at. Seit 2015 ist Pucher als Betreiber des Podcast BlackFM aktiv, der sich den "Schwoazn" widmet. Für 90minuten.at schreibt er in regelmäßigen Abständen die Kolumne "12 Meter".
Jürgen Pucher