Freitagabend, Wiener Stadtliga, Gerasdorf Stammersdorf gegen Austria XIII. "Jetzt ist die Kälte aber schon sehr ungut", sagt ein Zuschauer in der Mitte der zweiten Hälfte auf der Tribüne. Zeitgleich setzt der Regen wieder ein. Auf dem Feld wird es kurz darauf hitzig.
Ein Gästespieler foult seinen Gegner an der Seitenauslinie und tritt offenbar nach. Die Wogen gehen hoch. Die Aufregung bei den Gerasdorfern ist groß, der Trainer protestiert lautstark. Es dauert einige Momente, bis sich die Gemüter wieder beruhigen. Dann zeigt der Schiedsrichter zwei glatt Rote. Die erste sieht der Heimtrainer, die zweite gibt es für den Gästespieler, der nachgetreten hat.
Andreas Fellinger hat die Szene, die sich vor der Tribüne abspielt, gut im Blick. Als das Spiel wieder läuft, schlägt er sein rotes Notizbuch auf und notiert seine Beobachtungen zum Verhalten der Unparteiischen in der Situation.
Fellinger ist einer von fast 40 Schiedsrichter-Beobachtern beim Wiener Fußball-Verband (WFV). Während sich Spieler in die Notizbücher der Scouts spielen, nehmen bei Schiedsrichtern die Beobachter Einfluss auf die Karrierewege.
Doch wie genau läuft eine Schiedsrichter-Beobachtung ab? Anhand welcher Kriterien werden die Unparteiischen bewertet? Und wie steigen die Referees in die Bundesliga auf? 90minuten war bei einer Schiedsrichter-Beobachtung dabei.
In der Überzahl
Eine halbe Stunde vor dem Spiel: Die Mannschaften und die Schiedsrichter wärmen sich auf. Fellinger kommt gerade auf den Sportplatz und schüttelt viele Hände. In Gerasdorf, am Wiener Stadtrand, hat sich eine größere WFV-Delegation eingefunden.
Darunter einige junge Schiedsrichter aus dem Wiener Talentekader, die das Potenzial für höhere Aufgaben haben. Einer von ihnen pfeift heute die Partie. Auch Dominic Schilcher, der Leiter des Talentekaders, ist vor Ort. Genauso wie Christian Pfann, der die Schiedsrichter-Beobachter koordiniert. "Heute sind wir ja fast in der Überzahl", scherzen die WFV-Kollegen.
Die Stimmung ist ausgelassen. Zugleich merkt man: Heute zählt’s. Der Schiedsrichter steht gleich mehrfach unter Beobachtung. Nicht nur Fellinger hat ihn im Blick, auch die Schiedsrichter-Talente schauen heute genau hin. Sie sollen sich Notizen über ihren Kollegen am Feld machen, Stärken und Schwächen analysieren. Dasselbe gilt für die Schiedsrichterassistenten, die Fellinger ebenfalls bewertet.
Zudem wird das Spiel gefilmt. Wenige Tage später diskutieren alle gemeinsam bei einer Schulung in den Räumlichkeiten des Ernst-Happel-Stadions ausgewählte Szenen. So eine große, gemeinsame Beobachtung ist eine Ausnahme, sie findet ein Mal pro Halbsaison bei einem ausgewählten Referee statt. Grundsätzlich werden die Schiedsrichter des Talentekaders in einer ganzen Saison sechs Mal beobachtet.
Champions League und Stadtliga
In Gerasdorf sind heute also mehr Augen als sonst auf den Schiedsrichter gerichtet. Eine Situation, in der manch Unparteiischer angespannter ist als unter "Normalbedingungen". Als junger Schiedsrichter sei Fellinger bei den ersten Beobachtungen durchaus nervös gewesen, wie er sagt. "Mit der Zeit waren sie nichts Neues mehr und gehörten dazu", so der 54-Jährige.
Du kannst einen Schiedsrichter mit einem ruhigen Naturell nicht dazu auffordern, auf dem Platz emotionaler und lauter zu agieren. Klare Ansagen braucht es aber.
Der gebürtige Wiener machte als Schiedsrichterassistent Karriere. Er stand in der UEFA Champions League in Arsenals Emirates Stadium oder in der WM-Qualifikation in Norwegen an der Seitenauslinie. Auch im ägyptischen Supercup war er einmal im Einsatz. Bis Anfang 2023 leitete Fellinger die Schiedsrichter-Abteilung beim ÖFB, diese Stelle besetzte er fast fünf Jahre lang.
Bereits seit 13 Jahren beobachtet er Kollegen, die in seine Fußstapfen treten wollen. Rund 20 Einsätze hat er in einer Saison. Dafür erhält er pro Spiel eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 65 Euro.
Für angehende Schiedsrichter-Beobachter – sie sollten auch selbst gepfiffen haben – gilt das Prinzip "Learning by Doing". Gemeinsam mit Beobachtungsreferent Pfann analysieren sie bei mindestens drei Spielen die Leistungen der Unparteiischen, auch die anschließende Nachbesprechung gehört dazu.
In Wien wissen die Spielleiter, bei welchen Partien sie unter die Lupe genommen werden. Das ist nicht in allen Bundesländern so, es gibt auch unangekündigte Beobachtungen.
Nuancen entscheiden
Mittlerweile läuft das Spiel in Gerasdorf. Fellinger hat es sich auf der Tribüne bequem gemacht. Für die Schiedsrichter seien die erste und die letzte Viertelstunde einer Partie entscheidend, erklärt der gelernte Bankkaufmann. Nach dem Anpfiff gehe es darum, die Linie vorzugeben. Eine Fehlentscheidung in der Schlussphase kann spielentscheidend sein.
Bei einer Beobachtung zählt am Ende jedenfalls das große Ganze, die Entscheidungen des Schiedsrichters müssen in den Gesamtkontext der Partie eingeordnet werden. Fellinger: "Ich schreibe mir alle Szenen auf, bewerte sie aber erst nach dem Spiel."
In der Anfangsphase muss er sich nur wenige Notizen machen. Die Gäste führen seit der zehnten Minute mit 1:0. Sonst war nicht viel los. Es sind demzufolge Details, die Fellinger auffallen. In der Mitte der ersten Hälfte geraten zwei Spieler kurz aneinander. "Die hätte ich mir hergeholt, wenn der Ball schon rausgeht", sagt Fellinger bei der nächsten Unterbrechung. Oft sind es Nuancen, die darüber entscheiden, in welche Richtung sich ein Spiel entwickelt.
Dabei gehe es für jeden Referee darum, seine eigene Linie zu finden. "Du kannst einen Schiedsrichter mit einem ruhigen Naturell nicht dazu auffordern, auf dem Platz emotionaler und lauter zu agieren. Klare Ansagen braucht es aber", sagt Fellinger. Wichtig sei jedenfalls, dass einem das Spiel nicht entgleite. Andernfalls gibt es Punktabzüge.
Das Notensystem
Bei einer Beobachtung startet der Schiedsrichter mit der Note 8,4 ins Spiel. Das ist bei allen Landesverbänden, beim ÖFB (Bundesliga und 2. Liga) sowie bei der UEFA so.
Der Beobachter bewertet den Schiedsrichter in verschiedenen Kategorien. Nicht nur die korrekte Regelauslegung, sondern auch das Auftreten auf dem Platz oder die Laufleistung sind zentrale Bestandteile des Beobachtungsberichts. Im Bericht hält der Beobachter nach dem Schlusspfiff seine Eindrücke fest, kommentiert die Schlüsselszenen des Spiels und vergibt die Endnote. Alle Berichte gehen zum Check an den Beobachtungsreferenten, der sie dann an die Schiedsrichter weiterleitet.
Grundsätzlich zieht der Beobachter dem Schiedsrichter Punkte ab, wenn er eine Fehlentscheidung trifft. Ein leichter Fehler wäre es zum Beispiel, wenn eine Gelbe Karte nicht passt. Dann verliert der Schiedsrichter 0,1 Punkte. Bei einem schweren Fehler sind 0,5 Punkte weg. In diesem Fall hat der Referee beispielsweise einen klaren Strafstoß oder ein Rot-würdiges Foul übersehen. Der Unparteiische kann auch aufgewertet werden, also Punkte dazugewinnen. Zum Beispiel, wenn der Beobachter das Spiel als schwer zu pfeifen einschätzt.
Unter Verschluss
Die Noten der Schiedsrichter fließen in eine Rangliste ein, nur die Referees sehen sie. Für die Klubs soll es keinen Anlass dazu geben, sich darüber zu beschweren, dass der achtbeste und nicht der bestbewertete Schiedsrichter ihr Spiel pfeift. Die Unparteiischen haben die Möglichkeit, Beobachtungen anzufechten. Das komme aber äußerst selten vor.
Die Noten entscheiden am Ende – gemeinsam mit den regelmäßigen Sport- und Regeltests – über Auf- und Abstieg der Schiedsrichter. Grundsätzlich sei es das Ziel, von Jahr zu Jahr in der nächsthöheren Liga zu pfeifen, wobei auf die individuelle Entwicklung Rücksicht genommen werde. Bei manchen geht es schneller, manche brauchen etwas länger.
Die Schiedsrichter des Wiener Talentekaders, die in Gerasdorf zuschauen, sind zwischen 16 und 26 Jahre alt und pfeifen maximal in der Regionalliga. Unter den 19 Referees ist eine Schiedsrichterin. Insgesamt stehen allwöchentlich 400 Unparteiische auf Wiens Fußballplätzen, darunter 15 Frauen. Sie sind die sogenannten "Breiten-Schiedsrichter".
Die Besten des Talentekaders haben die Aussicht auf den ÖFB-Förderkader, für den es einen Aufnahmetest gibt. Die neun Landesverbände nominieren jeweils einen Schiedsrichter und einen Assistenten für den Test, der einmal im Jahr stattfindet.
Bestehen die Referees den Test, sind sie Teil des Förderkaders und können sich in der Regionalliga für den Elitekader empfehlen. Die Elite-Schiedsrichter pfeifen in der 2. Liga und in der Bundesliga. Für den Aufstieg in Österreichs höchste Spielklasse müssen die Schiedsrichter bei Seminaren und Spielen positiv auffallen, zudem müssen sie eine VAR-Ausbildung durchlaufen.
Dieser Prozess, an dessen Ende der Sprung in die Bundesliga steht, dauert im Durchschnitt zehn bis zwölf Jahre.
Bodycheck ohne Folgen
Das ist die Theorie. Zurück zur Praxis. Nach dem 0:1-Rückstand gleicht Heimteam Gerasdorf noch vor der Pause zum 1:1 aus. In der zweiten Hälfte kippt die Stimmung am Feld dann ein wenig. Der Ton wird rauer, die Spieler beschweren sich häufiger beim Schiedsrichter. Kurz nach dem 2:1 der Gerasdorfer kommt es an der Seitenauslinie zu dem Tritt des Gästespielers, der – wie der Gerasdorf-Coach – Rot sieht. Fellinger zückt sein Notizbuch, womit sicher ist, dass die Szene in der Nachbesprechung diskutiert werden wird.
Genauso eine Strafraumszene kurz vor Schluss, das Heimteam führt mittlerweile mit 3:1. Ein Spieler der Gäste rauscht heran und verpasst seinem Gegenspieler nahe der Torlinie einen Bodycheck. Die Pfeife bleibt stumm. Fellinger schlägt sein Notizbuch auf.
Unstrittig ist der Hand-Elfmeter auf der Gegenseite, wodurch Austria XIII mit dem Schlusspfiff auf 2:3 verkürzen kann.
Nachbesprechung
Nach dem Spiel ist die Gerasdorfer Kantine gut gefüllt. Der Kamin wärmt die kalten Hände. Während sich eine Handvoll Spieler am Nebentisch über den Bacardi-Cola-Nachschub freut, bereitet Fellinger die Nachbesprechung vor. Ihm ist wichtig, nicht nur Fehler aufzuzeigen, sondern auch Positives hervorzuheben. Tipps gibt er sowieso immer mit.
Das Schiedsrichter-Team ist fertig mit dem Duschen und setzt sich an den Tisch. Zunächst schildern sie ihre Eindrücke des Spiels. Was ist ihnen aufgefallen? Was lief gut? Was war weniger gut?
Dann beginnt Fellinger mit Lob. Das Stellungsspiel und die Laufleistung des Schiedsrichters hebt er positiv hervor. Danach bespricht die Runde kleinere Entscheidungen. Zwei Szenen, die beiden Roten Karten und den nicht gegebenen Elfmeter in der Schlussphase, diskutieren sie ausführlicher. Bei den Platzverweisen hätte sich Fellinger mehr Präsenz von den Unparteiischen gewünscht. Zudem hätte er erst dem Spieler Rot gezeigt, dann dem Trainer. Auf dem Feld war die Reihenfolge andersrum.
Die Strafraumszene kurz vor Schluss ist die wohl strittigste Entscheidung des Spiels und für Fellinger ein klarer Fall. Der Unparteiische hätte auf den Punkt zeigen müssen. Der Schiedsrichter hatte jedoch eine andere Wahrnehmung, tendiert deshalb zu "kein Elfer". "Da bin ich gespannt, was die Kollegen sagen", spricht Fellinger die bevorstehende Schulung, in der das Spiel mit dem Talentekader nochmals analysiert wird, an.
Nach über einer Stunde ist alles gesagt. Die Schiedsrichter packen zusammen. Auch Fellingers Arbeitstag ist zu Ende. Schon bald wird er einem anderen Schiedsrichter über die Schulter schauen.
Christoph Bosnjak