Wo ist Österreichs Marie-Louise Eta?
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Wo ist Österreichs Marie-Louise Eta?

Union Berlin hat Marie-Louise Eta von der Co- zur Cheftrainerin gemacht. Damit ist sie die erste Trainerin in der deutschen Männer-Bundesliga. Ist das auch in Österreich möglich?

"Wir ernennen keine Frau, sondern eine voll qualifizierte Fußballtrainerin", erklärt Union-Berlin-Präsident Dirk Zingler bei der Bestellung von Marie-Louise Eta.

Doch so einfach ist das nicht. Klar, Eta ist ehemalige Frauen-Bundesliga-Spielerin, seit 2014 im Trainergeschäft und verfügt über die UEFA-Pro-Lizenz.

Doch wer sich diverse Postings in den angeblich sozialen Medien durchliest, registriert nebst Zuspruch auch einiges an dummen bis dreisten Sexismus. Wäre es "normal", dass eine Frau ein Männerfußballteam trainiert - noch dazu so weit oben - könnte man sich diesen Artikel hier auch sparen.

Gerade deshalb lohnt sich der Blick nach Österreich: Wie realistisch ist ein solcher Schritt hierzulande überhaupt? Die Antwort ist jedenfalls keine schöne.

Einordnende Daten

Ein Blick auf die Zahlen zeigt, wie groß die Lücke tatsächlich ist: Der ÖFB hat mehr als 2.200 Vereine und es gibt laut Verband 533 lizenzierte Fußballtrainerinnen. Um das Missverhältnis noch mehr zu unterstreichen: Bei der Mindestanzahl an vorgeschriebenen Mannschaften braucht es knapp 18.000 Trainer.

Kurz: Rund drei Prozent der Trainer sind Frauen. 0,08 Prozent dürften in der 2. Liga Chefcoach sein; 0,17 Prozent in der Bundesliga.

Dass es aktuell keine Cheftrainerin in der Frauen-Bundesliga gibt, ist ein Signal, das man ernst nehmen sollte. Auch in der 2. Frauen Bundesliga und in der Landesliga bin ich kaum auf Trainerinnen getroffen.

Katja Gürtler, Cheftrainerin SK Rapid Frauen

Das sind Ex-Teamchefin Irene Fuhrmann, Neulengbach-Sportchefin Maria Wolf und Lisa Alzner, die aber erst am kommenden Pro-Lizenz-Kurs ist. Sie dürfte aber schon coachen. Ex-SKN-Trainerin Liese Brancao absolvierte den Kurs übrigens auch in Österreich.

In den Trainerteams der zwölf Bundesligisten gibt es exakt null Frauen. Die eine oder andere Frau arbeitet in den medizinischen/physiotherapeutischen Abteilungen.

Gesellschaftliches Thema

Dass sich im Betreuerstab genau diese Berufsfelder finden, ist ebenfalls kein Zufall. Denn all diese Zahlen kommen nicht von ungefähr – sie sind Ausdruck struktureller Probleme. Es liegt schlichtweg an den Zuständen unserer Gesellschaft, dass viel mehr Männer Zeit dazu haben, Trainer zu werden:

Pro Tag wenden Frauen gemäß Statistik Austria doppelt so viel Zeit für unbezahlte Care-Tätigkeiten auf wie Männer. Am höchsten ist dieser Wert Anfang/Mitte 30; also just dann, wenn Frauen im Durchschnitt das erste Mal Mutter werden.

Sie bleiben länger zuhause, die durchschnittlichen Karenztage in den ersten drei Jahren nach der Geburt betragen bei Frauen laut ÖAW 416 Tage – bei Männern sind es neun. Also bleibt den Männern viel Zeit für die Karriere und Hobbys - wie Fußballtrainer zu sein. Gemäß einer EU-Statistik liegt der Frauenanteil an Trainer:innen insgesamt bei gerade einmal 17 Prozent.

Irene Fuhrmann war die Teamchefin der ÖFB-Frauen - sie könnte, wenn jemand wollte, einen Männer-Bundesligisten trainieren
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Irene Fuhrmann war die Teamchefin der ÖFB-Frauen - sie könnte, wenn jemand wollte, einen Männer-Bundesligisten trainieren

Eine Thematik, die die Politik am Schirm hat. "Auf diese Zahlen sollte man keinesfalls stolz sein, die Anteile müssen gesteigert werden", sagte dazu Sportstaatssekretärin Michaela Schmidt bei sportsbusiness.at. Langfristig müsse das Ziel (bei Trainern und Funktionären) 50:50 lauten. Es ist also ein weiter Weg.

Strukturen und Unterstützung notwendig

Der Weg dorthin muss aber auch ermöglicht werden. Dass es aktuell keine Cheftrainerin in der Frauen-Bundesliga gibt, ist für Katja Gürtler ein "Signal, das man ernst nehmen sollte. Auch in der 2. Frauen-Bundesliga und in der Landesliga bin ich kaum auf Trainerinnen getroffen."

Gegenüber 90minuten erklärt die SK-Rapid-Frauen-Cheftrainerin, wie es bei ihr war - anders: "In meinem direkten Umfeld bei Rapid ist das Standing als Cheftrainerin eigentlich keine Frage - wir haben dort die Strukturen und die Unterstützung, die es braucht." Umso mehr ist es bemerkenswert, dass das andernorts nicht der Fall ist.

Sie glaubt aber, dass es mit einer höheren Professionalisierung und generell mehr Vollzeitjobs im Frauenfußball auch zu einer höheren Frauenquote kommen kann.

Eine, die das entscheiden kann, ist Tanja Schulte. Die gebürtige Deutsche ist Sportchefin bei den SKN-St.-Pölten-Frauen. Sie sagt: "Gerade in Österreich ist der Anteil der Trainerinnen mit einer A-Lizenz sehr gering. Das Standing ist bei entsprechender Qualität aber schon vorhanden." Und es braucht Vertrauen: Sie installierte (und entließ) Lisa Alzner.

Wenn das Angebot und die Qualität vorhanden ist, würde kein Verein eine Frau ablehnen. In Österreich gibt es jedoch keine, die sich mit dem Männerfußball befasst hat oder dort tätig war, daher stellt sich die Frage nicht.

Tanja Schulte, Sportliche Leiterin SKN St. Pölten Frauen

Weg zum Trainerjob

Doch das sind Frauen-Bundesligisten. Wie steht es denn generell um den Weg zu den notwendigen Lizenzen? "Der Weg ist einfacher, wenn man selbst als Spielerin aktiv war - die Erfahrung hilft enorm auf dem Weg zu den höheren Lizenzen", so Gürtler.

"Aber das ist natürlich auch Teil des Problems", führt sie aus: "Es gibt weniger Fußballerinnen als Fußballer, also auch weniger potenzielle Trainerinnen, also auch weniger Vorbilder – ein Kreislauf, der sich selbst verstärkt."

Ganz allgemein denkt sie, dass es Ziel sein sollte, mehr Trainerinnen bis zur Pro-Lizenz auszubilden. Bei Rapid wurde ein eigenes Trainerinnen-Traineeprogramm entwickelt: "Pro Halbjahr können vier bis sechs Trainerinnen direkt bei uns hospitieren, bekommen nach Trainingseinheiten strukturiertes Feedback von unseren Mentorinnen und Mentoren und sammeln echte Praxiserfahrung."

Die Rückmeldungen zeigen den Hütteldorferinnen, dass vor allem die niedrige Hemmschwelle wichtig ist: "Viele haben den Einstieg in den Trainerberuf einfach noch nicht als reale Option für sich gesehen."

Vorbilder schaffen

Frauen in Führungspositionen, das muss eine Organisation heutzutage leider oftmals noch immer wollen. Gürtler sieht Rapid unter Verweis auf Vizepräsidentin Edeltraud Hanappi-Egger und Geschäftsführerin Daniele Bauer gut aufgestellt.

Auch ihr Trainerinnenteam sowie die Nachwuchstrainerinnen bei den Mädchenteams sind überwiegend weiblich. "Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis bewusster Entscheidungen", stellt sie klar.

Mehr kickende Frauen ergeben hoffentlich mehr Funktionärinnen, somit auch Trainerinnen
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Mehr kickende Frauen ergeben hoffentlich mehr Funktionärinnen, somit auch Trainerinnen

Redaktionell wurde auch überlegt, die Klubs zu fragen, ob sie eine Trainerin als Chefin des Männerteams installieren würden. Die Antwort wäre vermutlich 2.000 Mal ja gewesen.

Schulte dazu: "Wenn das Angebot und die Qualität vorhanden ist, würde kein Verein eine Frau ablehnen. In Österreich gibt es jedoch keine – oder mir nicht bekannte, die sich mit dem Männerfußball befasst hat oder dort tätig war, daher stellt sich die Frage nicht."

Damit schließt sich der Kreis zur Ausgangsfrage: Geschlechtergerechtigkeit ist letztlich ein langwieriger Prozess. Derzeit sieht es aus Gütlers Sicht noch trist aus: "Ich denke, dass man vor allem im Sport potenziell mehr Männer in Führungsrollen findet im Vergleich zu anderen Branchen."

Weiter Weg

Es geht allerdings um Profifußball. Und da betont Schulte: "Jedem muss bewusst sein, dass es im Fußball kein freies Wochenende und keinen richtigen 'Feierabend' gibt. Wer das leisten kann und möchte, noch dazu die nötige Kompetenz mitbringt, wird unabhängig vom Geschlecht eine Rolle finden."

Auch Gürtler bezeichnet ihren Job als "nicht gerade familienfreundlich". Und weil die Care-Arbeit gesamtgesellschaftlich gesehen wie dargelegt nach wie vor an den Frauen hängen bleibt, somit kaum Zeit für Dinge wie Fußballtrainerin zu sein, übrig bleibt, gibt es so wenige. Und je weniger Breite, desto kleiner ist die Spitze.

Die eingangs gestellte Frage lässt sich daher ernüchternd beantworten: Die rot-weiß-rote Marie-Louise Eta ist überspitzt formuliert entweder in der Küche oder holt die Kinder von der Schule ab – und ihr Mann arbeitet währenddessen und trainiert nachher die U11.

Die Schlussworte gehören der Rapid-Trainerin: "Solange Sexismus im Sport strukturell verankert bleibt – wie zuletzt der Fall Union Berlin wieder gezeigt hat – bleibt der Fortschritt fragil."


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