Regionalliga-Tabellenführer SV Leobendorf: Aufstieg ausgeschlossen
Nach einem dominanten Herbst will sich der SV Leobendorf zum Meister der Regionalliga Ost küren. Weil der Verein nicht aufsteigen kann, müsste man dann auch auf den Cup verzichten. Vom eigenen Weg will man sich deshalb aber nicht abbringen lassen.
Im Schatten der Burg Kreuzenstein, nördlich von Wien, wird erfolgreich Fußball gespielt. Die eigentlichen Titelfavoriten der Regionalliga Ost hat man längst in den Rückspiegel verbannt, an ihrer statt genießt der SV Leobendorf die gut gepolsterte Tabellenführung. Zehn Punkte fehlen dem ersten Verfolger nach 16 Runden, das kommt selten vor - in den letzten 20 Jahren überhaupt nicht.
Schade ist nur, dass ein Aufstieg für den überlegenen Leader der Ostliga nicht zur Diskussion steht. "Aktuell ist die 2. Liga mit ihren Anforderungen für einen Verein wie Leobendorf nicht stemmbar. Für die Gesundheit des Vereins war es die einzig richtige Entscheidung, aus dem Prozedere auszusteigen", sagt Sportchef Michael Tackner im Gespräch mit 90minuten.
Aufstieg zu teuer
Beim Workshop, den die Bundesliga alljährlich im Herbst organisiert, sollen Aufstiegs-Interessenten über die Zulassungsbedingungen informiert werden. Leobendorf war zum zweiten Mal dabei, danach musste man das Thema rasch ad acta legen. Die Liste der offenen Baustellen ist nur länger geworden.
Es bräuchte eine komplett neue Flutlichtanlage und einen Gästesektor samt WC-Anlage und Kantine. Platz dafür gibt es eigentlich nicht, das Stadion steht an drei Seiten im Wald. Dazu kämen kleinere Projekte wie ein Raum für Dopingkontrollen und eine geringfügige Vergrößerung des Spielfeldes.
Wir haben das vor zwei Jahren durchkalkuliert und müssen von rund 300.000 Euro ausgehen.
"Wir haben das vor zwei Jahren durchkalkuliert und müssen von rund 300.000 Euro ausgehen", erklärt Tackner. Dazu käme eine deutliche Steigerung des Etats, Spieler und Mitarbeiter müssten bezahlt werden: "Aktuell gehen alle Spieler und das Trainerteam arbeiten. Das wäre in der 2. Liga nicht möglich. Man spricht dort zwar immer von einem Mix aus Amateuren und Profis, ich wüsste aber nicht, wie man eine Sonntags- oder Freitagabendpartie in Vorarlberg mit einem Beruf verbinden sollte."
Ganz verabschieden möchte man sich vom Gedanken an die zweite Spielklasse zwar nicht, für die Umsetzung bräuchte es aber eines von zwei Dingen: Mehr Kapital von einem Sponsor oder eine Reform.
"Wir hoffen, dass diese Saison in der Regionalliga Ost ein Anstoß zum Nachdenken sein kann. Als Verein sind wir der Meinung, dass ein Meister aufsteigen soll. Dass es bei uns nicht funktioniert, tut natürlich weh", meint Michael Tackner.
Von der Vereinsführung wurde der Titel trotzdem als klares Ziel ausgegeben, es wäre nach dem Regionalliga-Aufstieg 2018 der größte Erfolg der eigenen Historie.
"Strafe" für den Meister
Es gibt aber auch noch ein zweites Thema, an dem Leobendorf im Sommer zu nagen hätte, sollte das Frühjahr erfolgreich verlaufen. "Wir halten es zwar für unfair, müssen aber davon ausgehen, dass wir als Meister nicht im Cup dabei wären", erklärt der Sportchef.
Eigentlich hätte der Niederösterreichische Landesverband (NÖFV) sechs Starplätze für den ÖFB-Cup zu vergeben - an den Landescup-Sieger, den Landesligameister und die vier bestplatzierten Amateurvereine. Eine besondere Regelung schließt einen Meister von Pokalbewerben aus, wenn er auf den Aufstieg verzichtet. Auch auf einen Direktaufstieg im Folgejahr und die offizielle Meisterehrung müsste er verzichten, was wohl weniger schmerzt.
Was im tieferen Unterhaus sinnvoll erscheinen mag, wirkt an der Schwelle zum Profifußball übertrieben. Zumal die NÖFV-Bestimmung eine Eigenheit ist, Wien und das Burgenland haben sie nicht. Dass die nächstbesten Klubs aus Niederösterreich - der SV Gloggnitz und der FCM Traiskirchen - ebenfalls nicht aufsteigen würden, aber im Cup spielen könnten, rundet die kuriose Konstellation ab.
Das Team performt einfach sensationell. Dass man dafür bestraft wird, spricht nicht für den Verband.
Eine Änderung der Regel ab 2026/27 scheint wahrscheinlich, für die laufende Saison ist das nicht mehr möglich. "Ich nehme an, dass man daraus lernen wird. Uns wird das nicht helfen. Wir haben das gleiche Budget wie im letzten Jahr und keine Mannschaft zusammengestellt, die Meister werden muss. Das Team performt einfach sensationell. Dass man dafür bestraft wird, spricht nicht für den Verband."
Seit 2014 war Leobendorf insgesamt neun Mal im ÖFB-Cup vertreten, drei Mal gelang der Einzug in die zweite Runde. 2023 war sogar Sturm Graz zu Gast, damals vor 1.500 Zuschauern.
Viel Erfahrung
Zum selben Zeitpunkt im Jahr 2025 musste sich Leobendorf mit dem Abstiegskampf auseinandersetzen, Trainer Lukas Fürhauser hat seitdem aus vielen Neuzugängen eine Einheit geformt. Aus dem Profifußball kennt man zum Beispiel Marco Hofer, der gemeinsam mit Niklas Hedl, Lukas Sulzbacher, Martin Moormann und Leo Greiml für den SK Rapid II auf dem Platz stand. Auch Stürmer Hakan Gökcek blickt auf Zweitligaerfahrung zurück.
Der prominenteste Spieler im Kader ist Mario Pavelic, der 128 Bundesligaspiele vorweisen kann. Vor zweieinhalb Jahren stand er für Zalgiris Vilnius noch in der Qualifikation zur Conference League auf dem Platz.´Heute arbeitet der 32-Jährige in einem Ziviltechnik- und Architekturbüro, parallel absolviert er einen Master-Studiengang im Bereich Sportmanagement. Damit lässt Pavelic sich Türen in den Fußball, aber auch die Immobilienbranche offen - auch mit einem Profi-Comeback als Spieler hat er noch nicht gänzlich abgeschlossen, wie er gegenüber 90minuten andeutet.
Zwei, drei Jahre auf einem höheren Niveau könnte ich mir auf jeden Fall vorstellen. Sollte sich im Sommer etwas ergeben, wäre ich nicht abgeneigt
"Ich fühle mich gut und würde mir auch noch die Bundesliga zutrauen. Zwei, drei Jahre auf einem höheren Niveau könnte ich mir auf jeden Fall vorstellen. Sollte sich im Sommer etwas ergeben, wäre ich nicht abgeneigt", sagt der Ex-Rapidler.
Durch seinen Wechsel in die Innenverteidigung könne er einer Mannschaft Stabilität geben, meint er. Ein Angebot müsste jedenfalls Hand und Fuß haben, um die laufenden Ausbildungen tatsächlich hintanzustellen. Im Vordergrund steht jetzt aber ohnehin Leobendorf: "Primär habe ich jetzt das Ziel, Meister zu werden."
Dass ein Aufstieg mit dem SV Leobendorf nicht möglich ist, stört den Routinier jedenfalls nicht. "Das ist nicht unser Thema. Unabhängig vom Aufstieg hätte jeder Spieler trotzdem den Meistertitel in der Vita stehen, das muss man erst einmal schaffen. Und für einige kann es ein Sprungbrett in die 2. Liga, ins Ausland oder vielleicht sogar in die Bundesliga sein."
Plattform für ambitionierte Amateure
Ambitionierte Kicker gibt es beim Ostliga-Tabellenführer zuhauf, der Verein möchte ihnen eine Plattform bieten. "Es gibt einige Junge, die Angebote bekommen werden, davon gehe ich aus. Wir werden ihnen keine Steine in den Weg legen, das ist auch so vereinbart", meint Michael Tackner.
"Das Budget gibt es gar nicht her, dass wir 16 gestandene Spieler im Kader haben. Wir brauchen gute, junge Talente, die auf ein bisschen Geld verzichten, sich dafür aber in die Auslage spielen können", ergänzt er lachend. Winterneuzugang Eron Terziu (22) - Doppeltorschütz beim Frühjahres-Auftaktsieg gegen die Wiener Viktoria - könnte einer sein, der schon im Sommer für einen Profiverein interessant wird.
Grundsätzlich soll das Team aber auch in der kommenden Saison zusammengehalten werden. "Alle haben es sich verdient, dass wir weiter auf sie setzen", erklärt der sportliche Leiter.
Von Mario Pavelic, der seit Jänner 2025 in Leobendorf spielt, gibt es Lob für die Kollegen: "Der Erfolg beruht darauf, dass wir richtig geile Charaktere im Team haben und jeder sich für den anderen reinhaut. In der Rückrunde wird entscheidend sein, dass wir es wieder so auf den Platz bringen. Über den Witner wurde zudem der Spielstil adaptiert und das ein oder andere Element ergänzt, mit dem man die Konkurrentz überraschen möchte.
Mit wenigen Ausnahmen ist die Truppe fit, einem weiteren Erfolgslauf steht somit nicht viel im Weg. Einfach zu übertreffen sind die Ergebnisse aus dem Herbst allerdings nicht. Die erste und einzige Niederlage setzte es Mitte Oktober. "Dass es so gut läuft, ist für uns alle überraschend gekommen. Bis wir das realisiert haben, waren schon einige Runden vorbei. Nach dem ersten, zweiten oder dritten Spiel denkt man noch an Glück. Erst dann merkt man, was wirklich dahinter steckt", erinnert sich Mario Pavelic.
Familiärer Betrieb
Michael Tackner beschreibt den SV Leobendorf als eine große Familie, wie es sie auch in der Regionalliga nicht mehr oft gäbe: "Am Vormittag vor einem Spiel helfen alle mit, den Platz vorzubereiten und die Tribünen zu putzen. Da ist vom Präsidenten über den Kassier bis zum sportlichen Leiter jeder dabei." Rund 36 Personen würden rund um Heimpartien ehrenamtlich anpacken, zu Auswärtsspielen fahre ein Fanbus mit 50 bis 60 Personen.
Sollte kein Angebot von Barcelona kommen, wird es mich nur hier geben.
Sogar die sportlichen Agenden teilt man sich zu dritt, wie seine beiden Kollegen ist Tackner beruflich in Vollzeit tätig: "Wir haben alle drei über 15 jahre in Leobendorf Fußball gespielt. Das sind alles Leute, die dem Verein seit Jahrzehnenten die Treue halten. Es gibt jeder alles." Auch seine Frau und sein Bruder haben Funktionen übernommen. Selbst für Geld würde Tackner nicht weggehen, meint er, macht aber eine Ausnahme: "Sollte kein Angebot von Barcelona kommen, wird es mich nur hier geben."
Auch deshalb ist Profifußball in Leobendorf vorerst kein Thema: "Es steht zu viel auf dem Spiel. Wir werden der nächsten Generation nicht Schulden hinterlassen um uns damit brüsten zu können, einmal in die 2. Liga aufgestiegen zu sein. Das haben unsere Vorgänger nicht gemacht, wir werden es unseren Nachfolgern auch nicht antun. Wir werden keinen Scherbenhaufen hinterlassen, das geht einfach nicht."
Daniel Sauer