Aufstieg aus der Landesliga im zweiten Jahr und sofort vorne mit dabei - wäre da nicht der überlegene Tabellenführer ASK Voitsberg, der im Profibetrieb antritt, erst drei Mal Punkte abgeben musste sowie die Wiener Austria aus dem ÖFB-Cup kegelte:
Der SC Kalsdorf hätte gute Chancen auf den Meistertitel. Verantwortlich dafür ist Jörg Schirgi. Er übernahm den Verein zur Rückrunde 2023/24 und verlor nur drei Spiele. Im ersten vollen Jahr gelang der Aufstieg in die Regionalliga.
Jetzt liegen die Kalsdorfer im Spitzenfeld. Wie bringt man sich in so eine Situation, vor allem, wenn man als Gymnasiallehrer einen Vollzeitjob hat? "Man braucht einfach ein gutes Zeitmanagement, um alles unter einen Hut zu bringen. Mir macht der Job in der Schule extrem Spaß und der Fußball ist meine große Leidenschaft", sagt Schirgi.
In die Schlagzeilen schaffte er es, weil ihn sein Freund Daniel Beichler als Co-Trainer zu Red Bull Salzburg lotsen wollte. Schirgi sagte ab. Warum zum Teufel sagt man dazu nein? 90minuten berichtet über die Hintergründe.
Im Unterhaus mit den Jungen
Zunächst zum Verein. Wer den Regionalliga-Fußball nicht wirklich verfolgt, wird den SC Kalsdorf maximal von den ÖFB-Cup-Auftritten kennen. 2012/13 und 2013/14 kickten die Steirer gar im Achtelfinale. Seit Sommer 2012 gehörte der Verein bis zum Abstieg 2023 zum Regionalliga-Mitte-Bestand, davor war der Klub im Regelfall weiter unten zu finden.
Es ist kein Geheimnis, dass der Dani und ich befreundet sind und er hätte sich eine Zusammenarbeit vorstellen können. Es wäre kein freundschaftlicher Gefallen gewesen, ich denke, ich wäre für beide Seiten eine gute Ergänzung gewesen.
Nach dem Abstieg stellte sich der Verein neu auf und setzte vermehrt auf die Jugend. Nimmt man die drei Zweitvertretungen und Lafnitz, das mit Pilsen kooperiert, aus der Rechnung, betreut er den viertjüngsten Kader. Yannis Traun entwickelt sich so gut, dass der LASK ihn im Winter zu den Amateuren holt. Schirgi kritisiert an dieser Stelle auch die Ausbildung, denn bei Kalsdorf steht die Entwicklung junger Spieler im Fokus.
Viele Vereine achten auf Werte: Wie groß ist einer, wie schnell kann er laufen. Da bleiben schon einmal ein paar auf der Strecke. Klar, der Fußball wird immer athletischer, aber "ich denke, dass so wie jetzt viele Jungs durchs Raster fallen". Der Klub ist schnell wieder nach oben gekommen, vielleicht zu schnell.
Ein 2.-Liga-Aufstieg ist zeitnah eher unrealistisch. Gar nicht so sehr wegen der Infrastruktur, sondern eher wegen der finanziellen Situation. Was macht Schirgi aus?
Der Turnograph
Der heutige Trainer war im Sturm-Nachwuchs und spielte bis zur U19 mit Kickern wie Roland Gercaliu, Jakob Jantscher oder Florian Kainz. Eine große Profikarriere verhinderte unter anderem ein Kreuzbandriss.
"Es hat eben nicht ganz gereicht, die Verletzung geschah zu einem blöden Zeitpunkt", erklärt er im Gespräch mit 90minuten. "Das war der Knock-out und es war wirklich bitter für mich."
Den Sport gibt er aber nicht auf, eher das Gegenteil ist der Fall. Er studiert nicht nur in Graz Bewegung und Sport sowie Geographie auf Lehramt, sondern trainiert neben dem Kicken bei Pachern in der Landesliga auch noch den dortigen Nachwuchs. Ab 2015 lässt er in Gössendorf die Karriere ausklingen und fängt beim LAZ Mooskirchen an zu arbeiten.
Daneben absolviert er die UEFA-A-Lizenz und lässt sich am Internationalen Fußballinstitut zum Spielanalysten ausbilden. Mit gerade einmal 27 Jahren übernimmt er im Sommer 2015 den SV Gössendorf und kann sich nach vier Jahren für einen Trainerjob beim SC Kalsdorf empfehlen. 2017 fängt er im Oeversee-Gymnasium zu arbeiten an.
Schwieriger Start mit Corona
2019 wechselt er zum SC Kalsdorf. Es ist ein schwieriges Umfeld. 2020 fällt der Amateurbereich Corona zum Opfer. Der Verein aus dem Ort südlich von Graz rangiert nach 17 Spieltagen als Zwölfter im unteren Mittelfeld. Auch die kommende Saison wird abgebrochen, da lag der Klub im vorderen Tabellenmittelfeld. Nach dem 0:8 gegen Red Bull Salzburg tritt er zurück.
Schirgi schafft es in den Pro-Lizenz-Kurs. Gemeinsam mit bekannten Namen wie Roman Wallner oder Jürgen Säumel absolviert er ab 2022/23 den Kurs und lernt viel. Einerseits gibt es Wissen, andererseits den Austausch mit den anderen. LAOLA1 schreibt im März: "ÖFB-Trainer-Hoffnung Schirgi übernimmt SC Weiz."
Der Jahrgang ist übrigens ein guter, aktuell sitzen folgende Teilnehmer auf der Trainerbank eines Bundesligisten: Stephan Helm, Maximilian Senft, Philipp Semlic, Jürgen Säumel und Ognjen Zaric.
Ich bin mein Trainerleben lang Cheftrainer. Vielleicht ist das auch etwas mit eingeflossen. Und ich habe mir ein gutes Leben aufgebaut, bin zu 100 Prozent Familienmensch, somit hätte dieser Teil meines Lebens darunter gelitten.
Er verhindert den Abstieg und gewinnt den Steirer-Cup. Nach einer enttäuschenden Hinrunde setzt man ihn vor die Türe. Der Lehrer nahm sich eine Auszeit vom Fußball. Dann klingelte das Telefon, der neue Vorstand seines Ex-Klubs Kalsdorf war am Telefon und Schirgi saß bald wieder auf der Trainerbank. Schirgi stand in Runde 16 das erste Mal an der Seitenlinie und coachte den Klub bis auf den dritten Rang.
Der Anruf
Es ist also insgesamt alles andere als unlogisch, dass sein Freund Daniel Beichler ihn nach Salzburg lotsen will. Warum aber sagte man Red Bull Salzburg ab? "Das haben mich mehrere Leute tatsächlich gefragt. Es ist kein Geheimnis, dass der Dani und ich befreundet sind und er hätte sich eine Zusammenarbeit vorstellen können. Es wäre kein freundschaftlicher Gefallen gewesen, ich denke, ich wäre für beide Seiten eine gute Ergänzung gewesen."
In einer ähnlichen Situation war er 2022/23, als er mit Klaus Schmidt beim GAK im Gespräch war. Damals wie heute kommt ihm sein Arbeitgeber entgegen, die Schule hätte ihm "keine Steine in den Weg gelegt", weil er sonst ein sehr akribischer und verlässlicher Lehrer ist. Nicht einmal das Risiko, nach wenigen Monaten wieder ohne Job dazustehen, spielt eine Rolle.
"Ich bin mein Trainerleben lang Cheftrainer. Vielleicht ist das auch etwas mit eingeflossen", denkt er nach. Das Gesamtpaket passt ihm eben nicht ganz so. Schirgi lehnt zunächst auch Interview-Anfragen ab.
Der Familienvater hat einen Vollzeitjob, ist Klassenvorstand einer achten Klasse: "Und ich habe mir ein gutes Leben aufgebaut, bin zu 100 Prozent Familienmensch, somit hätte dieser Teil meines Lebens darunter gelitten."
Also alleine
Also widmet er sich zumindest auf Sicht der Arbeit mit jungen Menschen, in der Schule und im Verein. Sein angehäuftes Wissen und die dazugehörende Erfahrung wird ihn - wie erwähnt - nicht mit seinem jetzigen Klub eine Liga höher bringen.
Aber: "Ich bin überzeugt, dass der SC Kalsdorf nächste Saison um den Titel mitspielen wird können."
Insofern wird Schirgi sein Ziel, einmal als Cheftrainer in einer großen Liga zu arbeiten, ohne seinen gegenwärtigen Arbeitgeber verfolgen müssen. Sein Ziel ist bekannt. "Deutschland, das ist meine Vision", sagt er. Das Rüstzeug sollte er haben, denkt er.
"Aber ich will auch keine Bewerbung abgeben", meint er abschließend. "Mein Bauch muss sagen, dass es passt – sonst bist du nicht ready, weil Profifußball, das ist 24/7-Druck." Angesichts all dessen ist es schwer zu glauben, dass das nicht irgendwann passieren wird.
Georg Sohler