Was kann der neue Sport-Club-Platz (nicht)?
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Was kann der neue Sport-Club-Platz (nicht)?

Österreichs neuestes Stadion steht in Wien-Hernals. Zu sehen gibt es bis auf Weiteres vor allem Regionalliga-Fußball: Der Sport-Club hat sein Zuhause wieder. 90minuten macht einen Rundgang durch die schwarz-weißen Hallen.

Selten beginnt ein Rundgang mit folgenden Worten: "Alleine in einem dieser Räume sind mehr funktionierende Toiletten installiert, als früher im ganzen Stadion."

Marcel Ludwig spricht mit einem Augenzwinkern, er unterstützt den Wiener Sport-Club seit 2014 ehrenamtlich in Medienangelegenheiten und hat die Gegebenheiten in der alten Anlage natürlich bestens in Erinnerung.

Zwischen Getränkepaletten und Bierfässern, die sich derzeit noch im Eingangsbereich stapeln, kramt er auf seinem Handy alte Fotos hervor. Zu sehen ist viel Schimmel sowie ein massives Kühlaggregat, das aufgrund eines Defekts eingefroren ist. "Wenn man ein Stadion mit Dach plant, aber nie ein Dach baut, ist natürlich nichts darauf ausgelegt, 40 Jahre an Regen und Witterung standzuhalten", meint er über den alten, längst baufällig gewordenen Sport-Club-Platz.

Der WSC-Grundstein: Eine alte Steinstufe des Linienamtes Hernals aus dem 19. Jahrhundert soll "die lange Geschichte des 1883 gegründeten Sportvereins" repräsentieren.
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Der WSC-Grundstein: Eine alte Steinstufe des Linienamtes Hernals aus dem 19. Jahrhundert soll "die lange Geschichte des 1883 gegründeten Sportvereins" repräsentieren.

Nach weniger als zwei Jahren Bauzeit wird das neue Stadion am 17. April im Ligaspiel gegen den SV Horn eröffnet. Ein früherer Termin musste kurzfristig verschoben werden - offiziell, weil der neue Rasen nicht ausreichend verwurzelt war. Dem Verein wird es egal sein: Was sind schon zwei Wochen, wenn man bereits Jahrzehnte gewartet hat. Immer wieder wurden Ideen präsentiert und Finanzierungen versprochen, passiert ist bis Juni 2024 wenig. Die Verantwortung dafür teilen sich der Verein und die Stadt Wien. Gekostet hat das Projekt rund 22 Millionen Euro, finanziert wurde es von der Stadt.

Kein Vergleich zum alten Stadion

An den Charakter der alten Heimstätte kommt der Neubau nicht heran, noch wirkt er etwas steril. In allen anderen Belangen ist das neue Stadion überlegen: Lifte sorgen für Barrierefreiheit und angenehmere Bedingungen für VIP-Gäste. Dank einer Wärmepumpe, Photovoltaikanlagen und neuem Flutlicht funktioniert der Betrieb nahezu energieautark. Alle Plätze der drei Tribünen sind überdacht, außerdem wurde die Anzahl der Bierzapfanlagen drastisch erhöht.

Der relativ karge Kabinentrakt
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Der relativ karge Kabinentrakt
Die Kabinen
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Die Kabinen

Vorbei an Lager- und Funktionsräumen führt ein langer Gang zu den Kabinen und dem "Spielertunnel" - es ist eine schlichte Glastür. "Wir planen, diesen Bereich noch zu personalisieren", versichert Ludwig.

Inwiefern die Vienna Vikings mit dem Spielertrakt glücklich werden, muss sich erst zeigen. Österreichs erfolgreichstes American-Football-Team wird seine Heimspiele künftig hier austragen und braucht Platz für über 40 Spieler und viel Ausrüstung. Die eigentlich großzügigen Räumlichkeiten werden so schnell eng, Fußballteams sollten sich aber problemlos ausbreiten können.

Beim ersten Schritt auf das Feld wird an Spieltagen die gefüllte Friedhofstribüne zur Linken ins Auge stechen, im leeren Stadion fällt vor allem die "Schwarze Tribüne" gegenüber auf. Dass das hier verewigte Gründungsjahr des Gesamtvereins wenig mit Fußball zu tun hat, sorgt in Fankreisen für Schulterzucken. 1883 entstand aus dem Ruderverein "Pirat" zunächst der Wiener Cyclistenclub, gekickt wurde erst ab 1907.

Die Friedhofstribüne
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Die Friedhofstribüne
Die ehemals blaue, nunmehr "Schwarze Tribüne"
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Die ehemals blaue, nunmehr "Schwarze Tribüne"

So es einen braucht, wird die "Schwarze Tribüne" künftig auch als Gästeblock fungieren. Handläufe zwischen den Sitzreihen können unkompliziert durch Zäune ersetzt werden.

Drei Tribünen, eine Mauer

Richtet man den Blick aus dem Spielertunnel geradeaus, sieht man eine Mauer. Hier stand früher die Tribüne Kainzgasse, die der Spielfeldverbreiterung weichen musste. Dass hier in Zukunft doch noch gebaut werden könnte, ist nach 90minuten-Informationen nicht gänzlich ausgeschlossen.

Mit wenigen Tribünenreihen wäre das Stadion nahezu geschlossen, auch ein kreatives Logenkonzept ist denkbar. Die Gasse hinter der Stadionbegrenzung wurde inzwischen zur Begegnungszone umgebaut, wenige Meter Platz gäbe es unter Umständen noch zu holen. Das ist allerdings Zukunftsmusik.

Die Begegnungszone Kainzgasse, neben dem neuen Sport-Club-Stadion
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Die Begegnungszone Kainzgasse, neben dem neuen Sport-Club-Stadion

Auf dem besten Sitz im Stadion sitzt Platzsprecher Roland Spöttling, seine Kabine liegt unterhalb der VIP-Räumlichkeiten, zwischen Friedhofs- und Haupttribüne. Auch für Medien wurde alles vorbereitet, es gibt genügend Platz für größere Pressekonferenzen. Im Stadion arbeitet man mit entsprechender Akkreditierung auf besonders komfortablen Drehstühlen: Dieselben Modelle wurden auch im Santiago Bernabeu verbaut, wird uns erklärt.

Der Arbeitsplatz von Platzsprecher Roland Spöttling
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Der Arbeitsplatz von Platzsprecher Roland Spöttling

Untauglich für die Bundesliga

Wie gut alle Abläufe von Kiosken bis zum Ticketing funktionieren, wird sich erst während der Premiere zeigen. Weil der neue Pachtvertrag zwischen der Stadt Wien als Eigentümerin und dem Wiener Sport-Club erst vor wenigen Tagen unterschrieben wurde, bleibt keine Zeit für aufwändige Testläufe.

Im ersten Spiel wird jeder der 5.600 Plätze gefüllt sein, man hätte sie auch doppelt verkaufen können. Bis Saisonende spielt der Sport-Club nur noch einmal auswärts und neun Mal im neuen, alten Zuhause. Sportlich erhofft man sich von dieser Konstellation einen dringend benötigten Formaufschwung. Die HMänner-Mannschaft belegt den 13. von 17 Tabellenplätzen. Vor dem ersten Auftritt am Freitag wird kein Training mehr im Stadion stattfinden, nur ein Mannschaftsabend soll sich noch ausgehen.

Einen halben Liter Bier gibt es beim Sport-Club für 4,90 Euro
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Einen halben Liter Bier gibt es beim Sport-Club für 4,90 Euro

Verbessert sich die sportliche Leistungsfähigkeit in den kommenden Jahren, wäre ein Aufstieg in die ADMIRAL 2. Liga dank der Infrastruktur grundsätzlich möglich. Weiter hinauf gehen kann es aktuell nicht, dafür müsste nachgerüstet werden.

Auf den Einbau einer Rasenheizung - Kostenpunkt rund eine Million Euro - hat man verzichtet. Trotz der guten öffentlichen Anbindung des Standortes in Dornbach müssten in unmittelbarer Nähe außerdem zusätzliche Parkplätze geschaffen werden. Mittels Umwidmungen soll das zwar möglich sein, eine Umsetzung würde aber frühestens im Bedarfsfall angestoßen werden.

Damit fällt das Stadion auch als mögliches Ausweichquartier für den FAC und die Vienna aus, die ihre ebenfalls baufälligen Stadien für einen Bundesliga-Aufstieg verlassen müssten. Von Profifußball ist der Sport-Club aktuell aber ohnehin noch weit entfernt. Mit dem Platzwart ist aktuell nur eine Person beim Verein angestellt. Während der Stadionbesichtigung dreht er auf dem Rasenmäher seine Runden über das Spielfeld. In den kommenden Wochen wartet viel Arbeit auf ihn.

Wie funktioniert ein Multifunktions-Stadion?

Künftig teilt sich der Sport-Club den Platz nicht nur mit den Vienna Vikings. Zusätzlich gastiert das Frauen-Nationalteam Anfang Juni im Westen Wiens. Dazu kommen die erwähnten neun Heimspiele der Männer und zwei der Sport-Club-Frauen. Letztere stecken tief im Abstiegskampf der 2. Frauen-Bundesliga und sind akut auf Spenden angewiesen, um ihren Betrieb absichern zu können.

Der noch unmarkierte Rasen im neuen Stadion ist bereit für die Eröffnung
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Der noch unmarkierte Rasen im neuen Stadion ist bereit für die Eröffnung

Von Mitte April bis Mitte Juni wird der Rasen mindestens 15 Mal bespielt, dazu kommen Trainingseinheiten, die das Geläuf weiter strapazieren werden. Eine echte Sommerpause wird es auch danach nicht geben, mit Beschädigungen ist daher zu rechnen. Im Rahmen der Pachtvereinbarung soll sich der Sport-Club von derartigen Kosten, die von Mitnutzern verursacht wurden, schadlos halten können. Wie das in der Praxis aussehen soll, wird sich zeigen.

Noch ist das Grün gänzlich unmarkiert. Gewöhnen muss sich das Fußballpublikum voraussichtlich an einige zusätzliche weiße Striche auf dem Feld: Zwei Mal wird in dieser Saison am Freitag Fußball, dann am Samstag Football gespielt. Dafür werden Yard-Markierungen benötigt, die sich nicht vollständig über Nacht auftragen lassen.

Kontrolle darüber, wer wann im neuen Stadion spielt, hat der Verein nur noch an eigenen Spieltagen. Die "Vergabe an externe Nutzer:innen im Sinne der Multifunktionalität", wie es in einer Presseaussendung heißt, läuft über die Wien Holding Sport GmbH. Auch der Sport-Club kann zusätzliche Untermieter vermitteln, ein Beispiel dafür ist das Frauen-Länderspiel.

Auch die monetäre Komponente der Pacht ist neu geregelt: Bislang hat der Sport-Club von einer sehr günstigen Regelung mit Kosten von wenigen Cent pro Quadratmeter profitiert. Künftig werden laut 90minuten-Informationen mindestens 50.000 Euro pro Jahr fällig, zusätzlich fließt ein Teil aller Einnahmen, die in der Anlage erzielt werden, an die Stadt.

Mühsame Detailfragen

Nach langen Verhandlungen hat man sich auf diesen beidseitig gesichtswahrenden Kompromiss geeinigt. Dass trotzdem noch nicht alle zufrieden sind, zeigt sich an Nebenschauplätzen. So waren die schwarz-weißen Sitze ursprünglich als WSC-Schriftzug verbaut, heute sind sie willkürlich verteilt. Vor dem Stadion prangt - anders als auf ersten Renderings - nicht die Aufschrift "Wiener Sport-Club", sondern "Stadion der Stadt Wien". Zumindest dieser Diskussionspunkt sollte in den kommenden Wochen an Bedeutung verlieren. Sobald die Bäume vor dem Haupteingang Blätter tragen, sind weder Schrift noch Logo zu sehen.

Frontalsicht auf den Spieler-Eingang
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Frontalsicht auf den Spieler-Eingang

Alle Seiten glücklich machen könnte die Formulierung "Stadion der Stadt Wien am Sport-Club-Platz", eine offizielle Linie gibt es dazu aktuell nicht.

Noch nicht fertiggestellt ist der Nachfolger des ikonischen Fanlokals "The Flag" unterhalb der Friedhofstribüne. Bei weißen Wänden und guter Einsehbarkeit dank großer Fenster wird es wohl nicht bleiben.

Das Fanlokal im Stadion bleibt vorerst eine Baustelle
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Das Fanlokal im Stadion bleibt vorerst eine Baustelle

Wie für das restliche Stadion gilt: Trotz Fertigstellung und Einzug fällt aktuell gerade nur der Startschuss für eine neue Ära. Nach kurzer Unterbrechung setzt sich am Freitag die über 120-jährige Fußballtradition in Wien-Hernals fort und wird mit Sicherheit auch in Zukunft viele Geschichten schreiben.

Die Stadion-Tour im VIDEO:


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