Marco Grüll steckt mit Kult- und Österreicher-Klub Werder Bremen nicht nur mitten im Abstiegskampf, er fightet auch um sein Ticket für die WM in den USA.
Im großen 90minuten-Interview spricht er über hoch emotionale Derbys von Hamburg bis St. Johann, Druck im Tabellenkeller, verschiedene Trainertypen und die aktuelle rot-weiß-rote Kolonie an der Weser.
90minuten: Du bist mit Ried in die Bundesliga aufgestiegen, hast mit Rapid ein paar Wiener Derbys geschlagen und auch schon im Europacup einiges erlebt. Aber war der 3:1-Erfolg im Nordderby gegen den HSV am vergangenen Wochenende der emotionalste Sieg deiner Klub-Karriere?
Marco Grüll: Ein Derby zu gewinnen ist immer speziell! Das galt auch für die Spiele mit Rapid gegen die Austria, und auch schon davor, als ich in der Regionalliga mit St. Johann gegen Bischofshofen gespielt habe. Auch wenn da weniger Zuschauer waren, aber es war in dem Moment das wichtigste Spiel des Jahres. Aber klar: Je höher die Liga ist, desto besonderer wird es. Da nehmen sich das Nordderby und das Wiener Derby nicht viel.
90minuten: 1.500 Fans und Choreo beim Abschluss-Training, das erste Bundesliga-Heimderby gegen den HSV seit acht Jahren, es war hitzig ohne Ende, wenn auch zum Schluss mit Bildern, die man nicht sehen möchte. Was macht diese Partie aus?
Grüll: Dass so viele Leute zum Training kommen, um uns auf das Derby einzustimmen, sagt viel darüber aus, was das Spiel den Fans bedeutet. Das hat uns sicher einen Extra-Push gegeben. Im Stadion war die Stimmung super, unsere Fans, aber auch die des HSV, haben alles gegeben. Was am Schluss passiert ist, kann man natürlich nicht gutheißen, das gehört einfach nicht ins Stadion. Ich bin froh, dass dabei niemand zu Schaden kam.
90minuten: Dank des Sieges steht ihr vier Runden vor Schluss fünf Punkte vor dem Relegationsrang, es ist aber noch alles eng beieinander. Am Wochenende geht es gegen den Vierten VfB Stuttgart, du bist für das Spiel wegen deiner fünften Gelben Karte gesperrt. Wie brutal ist die Lage im Abstiegskampf?
Grüll: Natürlich sind wir noch nicht durch. Wir müssen unsere Punkte machen, bis es sich rechnerisch nicht mehr ausgeht. Nur weil wir das Derby gewonnen haben und die Tabelle mal etwas freundlicher ausschaut, ist noch lange nichts entschieden. Es stecken noch einige Teams im Abstiegskampf, es kann viel passieren. Wenn wir auf uns schauen und unsere Punkte holen, werden wir die Liga halten.
Es ist nicht immer so, dass andere Trainer schlechter sind. Aber jeder Trainer bringt seinen ganz eigenen Stil ein. Ole hat sein Ding immer durchgezogen, hat sehr gute Ansätze, wie er Fußball sieht und wie er Fußball spielen lassen will. Er ist ein toller Trainer und auch ein toller Typ.
90minuten: Die restlichen Gegner nach Stuttgart heißen Augsburg (H), Hoffenheim (a) und Dortmund (H) – leicht ist irgendwie anders…
Grüll: Leicht ist in der Bundesliga gar kein Spiel. Deswegen muss man sowieso jedes Spiel mit 100 Prozent bestreiten. Es gilt zu punkten, egal wie die Gegner heißen.
90minuten: Vor genau einem Jahr wart ihr nach 30 Runden Achter, hattet 23 Punkte Vorsprung auf Rang 16 und Europa im Visier. Was ist in diesem Jahr schiefgelaufen, dass euch das Wasser so bis zum Hals steht?
Grüll: Als ich im Sommer 2024 kam, war eine Mannschaft da, die unter unserem damaligen Trainer Ole Werner sehr lange zusammengespielt hat. Vor der jetzigen Saison hatten wir einen gewissen Umbruch. Es kam ein neuer Trainer, neue Spieler, die Mannschaft wurde verjüngt, eine neue Spielweise; man kann nicht erwarten, dass das immer auf Anhieb funktioniert. Hinzu kamen die schweren Verletzungen von Leistungsträgern.
90minuten: Du sprichst den Abgang von Ole Werner an, der euch abhandenkam und jetzt in Leipzig sehr erfolgreich arbeitet. Warum war das so schwer zu verkraften?
Grüll: Es ist nicht immer so, dass andere Trainer schlechter sind. Aber jeder Trainer bringt seinen ganz eigenen Stil ein. Ole hat sein Ding immer durchgezogen, hat sehr gute Ansätze, wie er Fußball sieht und wie er Fußball spielen lassen will. Man sieht auch jetzt in Leipzig, dass er tolle Arbeit leistet. Er ist ein toller Trainer und auch ein toller Typ.
90minuten: Ihr habt Anfang Februar den Trainer getauscht, Horst Steffen musste gehen und wurde durch Daniel Thioune ersetzt. Du warst unter Steffen Stammspieler, er gilt als menschlich sehr angenehmer Typ. Hat man da als Spieler ein schlechtes Gewissen, wenn es so einen Trainer erwischt?
Grüll: Ein Trainerwechsel ist immer schwierig. Jeder kennt die Mechanismen im Fußball, wenn wer gehen muss, ist es meist der Trainer. Wir sind nach kurzen Startschwierigkeiten ganz gut in die Saison gekommen, kamen dann in eine lange Negativspirale. Dass es dann zu einem Wechsel kommt, gehört zu den Mechanismen im Fußball dazu. Schön ist es nie, vor allem, wenn es einen Typen wie Horst Steffen trifft, der vor allem auf menschlicher Ebene immer schwer in Ordnung war. Aber das Geschäft geht weiter, du musst performen, brauchst die Punkte. Das ist uns in den letzten Runden wieder besser gelungen.
90minuten: Thioune kam zwar mit null Bundesliga-Erfahrung, hat aber die Mannschaft stabilisiert. Wo liegt seine große Stärke?
Grüll: Auch er hat seine eigenen Ideen, die er durchzieht, wir Spieler ziehen natürlich alle mit. Dass er keine Bundesliga-Erfahrung hatte, finde ich überhaupt nicht entscheidend. Er hat sicher ein gewisses Feuer entfacht, spricht Dinge klar an, die ihn stören. Das brauchst du in solchen Phasen. Er hat uns defensiv stabilisiert, wir bekommen unter ihm weniger Gegentore.
90minuten: Was hat ihn gestört?
Grüll: Er hat in jedem Training eingefordert, dass wir seine Ideen umsetzen. Es gibt ja kaum einen Verein auf der Welt, wo im Training immer alles perfekt läuft. Vielleicht bei Bayern München, aber dann spielst du eben auch um die Champions League und nicht um den Klassenerhalt. Der Trainer sagt uns, dass wir Fehler machen dürfen, dass jeder andere aber gefordert ist, sie auszubügeln. Das sind seine Hauptthemen.
90minuten: Du hast in deiner Debüt-Saison 24/25 sechs Tore und zwei Assists gesammelt, stehst aktuell bei drei Toren und einem Assist – warum fällt dir das Scoren heuer schwerer?
Grüll: Natürlich wünschte ich mir bessere Zahlen mit mehr Toren und Assists, das geht jedem Offensivspieler so. Gerade am Anfang ging die eine oder andere größere Chance nicht rein, das führt eben zu geringeren Werten. Rückwirkend kann ich es nicht mehr ändern. Ich schaue jetzt, dass ich in den letzten drei Spielen noch Scorerpunkte sammele, wobei das Hauptziel immer der Erfolg der Mannschaft sein muss.
90minuten: Du warst in deiner Karriere als Profi nie in akuter Abstiegsgefahr, erlebst diese Situation zum ersten Mal. Was macht das mit dir als Mensch? Erst recht bei einem Traditions- und Publikumsverein wie Werder?
Grüll: Als ich 15 Jahre alt war, bin ich mit Pfarrwerfen aus der Landesliga abgestiegen. Auch das war nicht schön, auch wenn es um viel weniger ging als hier bei Werder. Natürlich ist die Situation nicht einfach. Jeder Spieler würde lieber woanders in der Tabelle stehen, vor allem nach der letzten Saison. Aber wenn du in dieser Lage bist, ist es wichtig, sie auch anzunehmen. Wenn der Druck dazu kommt und der Kopf involviert ist, gehört es dazu, dass man nicht immer imstande ist, seine beste Leistung abzurufen. Das habe ich auch bei Rapid erlebt. Plötzlich gelingen dir die einfachen Dinge nicht mehr. Aber: Wir haben uns nie aufgegeben, immer weiter hart gearbeitet, das sah in den letzten Runden schon viel besser aus.
Es gab und gibt viele Ösis, die hier waren, es hat sich auch jeder immer wohlgefühlt. Was wohl in erster Linie daran liegt, dass der Klub bei aller Professionalität und Größe immer familiär geblieben ist, familiärer als viele andere.
90minuten: Bremen ist nicht nur ein Urgestein in der Bundesliga, sondern auch ein in Österreich sehr beliebter Verein, auch wegen Typen wie Andi Herzog oder Zlatko Junuzovic. Spürt man die österreichischen Spuren noch manchmal?
Grüll: Ja, natürlich. Es hat sich herumgesprochen, dass Bremen ein Österreicher-Verein ist. Es gab und gibt viele Ösis, die hier waren, es hat sich auch jeder immer wohlgefühlt. Was wohl in erster Linie daran liegt, dass der Klub bei aller Professionalität und Größe immer familiär geblieben ist, familiärer als viele andere. Das erkennt man daran, dass es, wie bei Rapid, einen engen Draht zur Fanbase gibt. Ich schätze das sehr.
90minuten: Aktuell gibt es neben dir drei weitere Österreicher im Kader…
Grüll: … da möchte ich gleich mal sagen, dass alle drei tolle Typen sind, auf die man sich auf und neben dem Platz immer verlassen kann. Wir sind alle miteinander befreundet.
90minuten: Sag mal zu jedem einen oder zwei Sätze, die ihn am besten beschreiben. Beginnen wir mit eurem Kapitän Marco Friedl.
Grüll: Seit acht Jahren beim Verein, unser Kapitän und Leader, gibt uns sehr viel als Fußballer und Mensch. Er hilft jedem, der etwas von ihm braucht, solche Typen braucht jede Mannschaft.
90minuten: Mittelfeldmotor Romano Schmid.
Grüll: Über ihn braucht man fußballerisch nichts zu sagen, er ist einer unserer besten Spieler. Er findet immer Lösungen, selbst da, wo es kaum mehr welche gibt.
90minuten: Dauerpatient Max Wöber.
Grüll: Er hatte diese Saison Verletzungspech, steht uns jetzt aber wieder zur Verfügung. Ich habe früher öfter gegen ihn gespielt, ein sehr guter Verteidiger, der vorne und hinten seine Qualitäten hat.
90minuten: Musstet ihr ihn in den letzten Monaten mental etwas aufpäppeln?
Grüll: Es ist für keinen Spieler einfach, wenn er viel verletzt ist. Nicht trainieren und spielen zu können, ist die schlimmste Zeit als Fußballer. Immer individuell zu arbeiten, immer mit dem Athletiktrainer in der Kraftkammer, anstatt draußen auf dem Platz zu sein, ist brutal. Aber wie ich ihn kenne, ist er in allen Belangen professionell. Klar haben wir immer versucht, ihm aus diesem Strudel hinauszuhelfen.
90minuten: Die Saison mündet in eine WM, noch dazu eine, bei der Österreich seit 28 Jahren wieder dabei ist. Du warst bei der Quali fast immer im Kader, hast aber wenig gespielt. Wie sehr hat es dich getroffen, bei den beiden Testspielen gegen Ghana und Südkorea nicht einberufen worden zu sein?
Grüll: Man will immer zur Nationalmannschaft fahren, ganz klar. Wer da nicht enttäuscht ist, hat wohl keine Lust auf Fußball. Es ist die Entscheidung des Teamchefs, die habe ich akzeptiert. Ich werde weiter Gas geben, um wieder dabei zu sein.
90minuten: Du warst unten auf der Bank dabei, als Michael Gregoritsch dieses epochale Tor gegen Bosnien erzielt hat. Wie sind die Emotionen fünf Monate später?
Grüll: Unbeschreiblich! Wir waren 0:1 hinten, hatten den Druck, ein Tor machen zu müssen und es dann wirklich geschafft. Bei dem Tor selbst war es aber nur die halbe Erleichterung. Richtig groß war sie erst, als der Schiedsrichter abgepfiffen hat und wir wussten, dass wir es wirklich endgültig geschafft haben.
Markus Geisler