Adi Hütter ist nicht nur einer der international profiliertesten Trainer Österreichs, sondern auch ein derzeit äußerst gefragter Mann am Markt. Tottenham, Lazio – es gibt kaum einen großen Klub auf Trainersuche, der nicht mit dem vor einem halben Jahr in Monaco gefeuerten 56-Jährigen in Verbindung gebracht wird.
Wir baten den Vorarlberger zu einem seiner seltenen Interviews, um mit ihm über das Thema "Entscheidungen" zu sprechen. Dabei sprach Hütter detailliert über die Wege seiner Karriere, das schmerzhafte Aus in Monte Carlo und die Gedanken über seine Zukunft.
90minuten: Herr Hütter, sind Sie generell ein entscheidungsfreudiger Mensch?
Adi Hütter: Wenn du als Trainer im Job bist, hast du am Tag unglaublich viele Entscheidungen zu treffen. Ich bin von Haus aus nicht immer derjenige, der gleich auf die Sekunde eine Antwort parat hat oder eine Entscheidung ad hoc treffen möchte. Es sei denn, ich bin mir sofort zu 100 Prozent sicher, was gar nicht so selten vorkommt. Dann finde ich es auch wichtig, klar in der Kommunikation zu sein. Ich bin aber auch jemand, der sich gerne andere Argumentationen oder Meinungen anhört.
"Gleich wieder einen Verein zu übernehmen, wäre so, wie wenn du von einer intensiven Beziehung gleich in die nächste hüpfst. Das geht bei mir schon rein emotional nicht."
90minuten: Sie wurden vor ziemlich genau einem halben Jahr bei der AS Monaco gefeuert. Welche Entscheidungen fielen Ihnen in dieser Zeit am schwersten?
Hütter: (lacht) Meine erste Entscheidung war: Bleibe ich noch etwas länger in meinem Domizil auf Mallorca oder fliege ich zurück nach Monaco, um meinen Umzug zu regeln? Die Entlassung kam ja überraschend für mich. Und dann war die erste große Entscheidung: Will ich jetzt gleich wieder einen Job annehmen? Die Möglichkeit, einen Verein zu übernehmen, hätte es schon 14 Tage später gegeben. Aber da war die Antwort ganz klar: Nein!
90minuten: Warum?
Hütter: Ich möchte Phasen ohne Job dazu nutzen, um zu reflektieren. Dann gleich wieder einen Verein zu übernehmen, wäre so, wie wenn du von einer intensiven Beziehung gleich in die nächste hüpfst. Das geht bei mir schon rein emotional nicht.
90minuten: Sie haben relativ zeitnah kommuniziert, in dieser Saison überhaupt keinen Job mehr annehmen und erst im Sommer wieder als Trainer zurückkehren zu wollen. Was steckte dahinter?
Hütter: Es ist schon so, dass man eine Freistellung auch für sich erst einmal verdauen muss. Man muss reflektieren, warum es so zustande kam und was man selbst besser hätte machen können. Das braucht eine gewisse Zeit. Was ich überhaupt nicht mag, ist Feuerwehrmann zu spielen. Bevor ich nach Monaco ging, hätte ich in England als Feuerwehrmann einspringen können, das habe ich aber abgelehnt. Ich habe in meiner gesamten 18-jährigen Trainertätigkeit vor Monaco erst ein einziges Mal einen Verein während der laufenden Saison übernommen, das war 2015 bei den Young Boys Bern. Da waren aber noch 29 Runden zu spielen, das hat sich wie eine ganze Saison angefühlt. Aber wenn du irgendwohin kommst, wo es brennt, hast du in zehn, zwölf Spielen niemals die Möglichkeit, deine Spielphilosophie zu entwickeln. Du musst eine ganz andere Art an den Tag legen, was Coachen und Management angeht. Das wollte ich nie. Deswegen habe ich auch jetzt schnell und klar kommuniziert, dass ich erst im Sommer wieder einsteigen möchte.
Es ist eine Ehre, bei diesen Klubs Thema zu sein. Ich bin aber nicht derjenige, der jede Anfrage, jede Diskussion an die große Glocke hängt.
90minuten: Trotzdem hat es Anfragen gegeben. Wie oft fiel es ihnen richtig schwer, sich gegen ein Angebot zu entscheiden?
Hütter: Ich wurde mit Lazio in Verbindung gebracht, mit den Tottenham Hotspurs. Klar kann ich hergehen und sagen: Es ist eine Ehre, bei diesen Klubs Thema zu sein. Ich bin aber nicht derjenige, der jede Anfrage, jede Diskussion an die große Glocke hängt. Das ist nicht meine Art, das finde ich auch den Vereinen gegenüber nicht korrekt. Dass es immer wieder Gespräche und Kontakte gibt, ist klar. Aber ich verstehe jeden Klub, der keine Lust darauf hat, eine Trainerdiskussion moderieren zu müssen. Deshalb werden solche Fragen bei mir immer nur intern besprochen.
90minuten: Was bei Ihrer Trainervita unüblich ist: Bis Monaco wurden Sie so gut wie nie gefeuert, das letzte Mal 2014, als Altach unbedingt den Aufstieg schaffen wollte. Ansonsten haben Sie sich gemeinschaftlich getrennt oder den Klub verlassen, um den nächsten Schritt zu gehen. War es Ihnen wichtig, diese Entscheidungsgewalt in der Hand zu haben?
Hütter: Das hat wohl auch damit zu tun, dass mein Trainerteam und ich gute Arbeit geleistet haben. In Salzburg war es so, dass ich ein paar Sachen nicht mittragen wollte, in Gladbach wollte ich die Mannschaft verändern, was vom Verein nicht gewünscht war. In solchen Fällen setzt man sich zusammen und sucht eine Lösung, mit der beide Parteien leben können. Das ist meine Art, das schätzen die Vereine auch. In 18 Jahren fast immer eine Saison fertig machen zu können, macht mich schon stolz!
90minuten: Das bedeutet auch, dass Sie, im Gegensatz zu vielen Ihrer Kollegen, die meisten Ihrer Karriere-Entscheidungen selbst getroffen haben. Waren welche dabei, die Sie im Nachhinein bereut haben?
Hütter: Ich empfinde es als Luxus-Situation, dass ich selbst bestimmen kann, was ich mache. Manchmal müssen Trainer einen Klub übernehmen, weil sie keine Alternativen haben und wieder zurück ins Geschäft müssen. Das musste ich Gott sei Dank nie. Ich treffe viele Entscheidungen auch nicht alleine, habe einen persönlichen Berater, ein Management, meine Co-Trainer Christian Peintinger und jetzt auch Klaus Schmidt.
90minuten: Und was das Bereuen angeht?
Hütter: Bereuen ist immer schwierig, das wäre auch dem betreffenden Verein gegenüber nicht fair. Was ich sagen kann, ist, dass ich mich in Frankfurt immer sehr wohl gefühlt habe und auch heute noch ein sehr gutes Standing dort habe… (schmunzelt)
"Diese Entscheidung hat an mir genagt. Sie stieß auch auf viel Unverständnis, nicht nur bei mir, auch bei vielen Außenstehenden."
90minuten: Wenn so etwas passiert wie in Monaco, wo Sie Vizemeister wurden, Champions League gespielt und einen Punkteschnitt von 1,77 erreicht haben – wie schwer fällt es Ihnen, so eine Entscheidung zu akzeptieren?
Hütter: Nicht leicht, da mache ich keinen Hehl draus. Diese Entscheidung hat an mir genagt. Sie stieß auch auf viel Unverständnis, nicht nur bei mir, auch bei vielen Außenstehenden. Man muss Entscheidungen nicht immer akzeptieren, aber respektieren muss man sie. Entscheidungsträger im Verein haben eben so entschieden. Wir lagen drei Punkte hinter PSG, ein Punkt hinter dem Zweiten. Okay, in der Tabelle waren wir Fünfter, aber das hat nach sechs Runden kaum Aussagekraft. Dazu kamen viele Verletzte. Wir haben zum Beispiel in der Champions League 2:2 gegen Manchester City gespielt, da hat mehr als die halbe Stamm-Mannschaft gefehlt. Ich bin aber kein Jungspund mehr im Trainergeschäft und konnte auch für mich mitnehmen, dass wir viel bewegt haben. Schließlich war Monaco Sechster, als wir damals übernommen hatten, und wir kamen am Ende als Vizemeister direkt in die Champions League.
90minuten: Aktuell ist Monaco Siebenter, 13 Punkte von Platz zwei entfernt und 17 hinter PSG. Wie lange dauert es, bis Sie sich emotional von Wohl und Wehe des Vereins verabschiedet haben? Oder ist das schon bei Spiel eins der Fall?
Hütter: Überhaupt nicht! Nach meinem Aus bin ich nach Monaco geflogen, um meine privaten Angelegenheiten zu regeln. Als ich am Abend mit meinen Co-Trainern essen gefahren bin, sehen wir aus der Entfernung das Flutlicht im Stadion, wo du fast 50 Heimspiele in der Verantwortung standst. Das war eine sehr skurrile Situation. Es hat schon länger gedauert, sich davon zu lösen, auch weil ich sehr viele schöne Nachrichten von Spielern und aus dem Verein bekommen habe. Was mich gewundert hat, ist, dass Monaco von den ersten zehn Spielen nach der Trennung sieben verloren hat. Zuletzt haben sie dagegen wieder alle Top-Spiele gewonnen und sind auf einem sehr guten Weg.
90minuten: Monaco hat im europäischen Fußball eine Sonderrolle. Großartige Lebensqualität an der Cote d’Azur, tolles Ambiente, aber kein Verein, der mit einem traditionsreichen Publikumsklub zu vergleichen ist. Muss man bei solchen Entscheidungen, dorthin zu gehen, einfach Kompromisse eingehen?
Hütter: Ja, muss man! Aber das wusste ich vor meiner Unterschrift. Ich war öfter dort, als Niko Kovac Trainer war, und dachte mir: Schönes Wetter, aber wenige Zuschauer! In Monaco wohnen 38.000 Menschen, davon 30.000 Ausländer. Dass von denen nicht jeder zum Spiel geht, ist klar. Dafür hatten wir bei manchen Spielen im Norden die Unterstützung von 1.000 Auswärtsfans. Das zeigt, dass es trotzdem ein sehr beliebter Verein ist. Ich gebe zu, dass ich die Heimkulisse im Vergleich zur Arbeit in Frankfurt oder Gladbach schon vermisst habe, das war eine riesige Umstellung.
"Ich habe keine Lust, zu einem Verein zu gehen, wo es heißt: Wenn wir die Saison zwischen Platz zwölf und 16 beenden, sind wir happy! Da sage ich: Sucht euch besser einen anderen Trainer."
90minuten: Sie kennen die Dynamik von Traditionsklubs, den Glamour von Monaco, wissen aber auch, wie es sich anfühlt, mit einem Underdog für Furore zu sorgen. Was sind für Sie unverrückbare Attribute, die ein Klub mitbringen muss, damit Sie sich für ihn entscheiden?
Hütter: Für mich ist immer am wichtigsten, dass der Verein ambitioniert bleibt. Ich habe keine Lust, zu einem Verein zu gehen, wo es heißt: Wenn wir die Saison zwischen Platz zwölf und 16 beenden, sind wir happy! Da sage ich: Sucht euch besser einen anderen Trainer. Das bin ich nicht. Ich möchte versuchen, hochgesteckte Ziele zu erreichen, ambitioniert zu sein. Ich möchte zwei, drei Jahre lang eine Mannschaft entwickeln und mich stetig verbessern. Dann bin ich der richtige Trainer. Und ich denke mir sicher nicht, dass ich irgendwo Grisu, den Feuerwehrmann spielen möchte.
90minuten: Sie kennen Deutschland und Frankreich aus den Top-5-Ligen und haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass Sie die Premier League reizen würde. Wissen Sie im Tiefsten Ihres Inneren schon, in welcher Liga Sie als nächstes anheuern?
Hütter: Nein, ich bin wirklich in alle Richtungen offen. Von Österreich und der Schweiz aus war Deutschland ein logisches Ziel. Und nach meinem Aus in Gladbach hätte ich nie gedacht, als nächstes in Monaco zu landen. Aber es war ein spannendes Projekt, das mich total gereizt hat. Natürlich ist die Premier League ein Ziel, das ist ja auch okay, aber ob und wann es klappt, weiß ich nicht. Wenn es woanders eine spannende Herausforderung gibt, bin ich offen, das könnte auch wieder in Deutschland oder Frankreich sein. Ich sage meinem Management jedenfalls nicht: Ihr müsst nur nach England schauen. Entscheidend ist schließlich nicht allein die Liga, sondern vor allem, welcher Klub es ist.
"Nationaltrainer zu sein, wäre für mich eine Ehre, speziell in Österreich."
90minuten: Wir stehen vor einer WM. Gab es mal eine Nationalmannschaft, die sich bei Ihnen erkundigt hat? Oder braucht es dafür ein gewisses Alter, wie manche Ihrer Kollegen sagen?
Hütter: (lacht) Ich bin ja auch schon 56, so ist es ja nicht… Da gibt es weit jüngere Trainer als mich. Vielleicht wird es irgendwann ein Thema, wenn alles zusammenpasst. Aktuell bin ich sehr gerne Klub-Trainer, habe auch da noch große Ambitionen. Aber Nationaltrainer zu sein, wäre für mich eine Ehre, speziell in Österreich.
90minuten: Die Fans träumen vom großen Scoop in Amerika. Sie als Trainer und ehemaliger Nationalspieler – was ist realistisch?
Hütter: Auch ich schätze unsere Nationalmannschaft sehr hoch ein und finde auch, dass es Ralf Rangnick als Teamchef richtig gut macht. Wir haben uns im Jänner mal in Mallorca getroffen und gemeinsam ein Spiel angeschaut. Er hat etwas aufgebaut, aus dem heraus eine Euphorie entstanden ist. Allerdings sind wir in Österreich sehr emotional getrieben. Wenn jetzt schon einige vom Viertelfinale träumen, ist das nicht ungefährlich. Man braucht ja nur schauen, was uns bei der EURO gegen die Türkei passiert ist. Also lasst uns die Gruppe erstmals überstehen, das wird schwer genug, und dann weitersehen. Ich bin überzeugt, dass wir eine gute Rolle spielen werden.
Markus Geisler