Gelernte Österreicher reden hinter dem Rücken schlecht, insofern war es auffällig, dass Valentino Müller nach dem Duell mit der SV Ried deutliche Worte fand: "Nicht böse gemeint, aber der Fußball von Ried ist schon grenzwertig." Nach dem 1:1 gegen die Innviertler spielt die WSG Tirol nun gegen den Letzten und Vorletzten um den vorläufigen Klassenerhalt.
Der Kick wird da kaum ansehnlicher sein, vermutet er. Genauso wenig wie in der Qualifikationsgruppe. Dabei will Trainer Phlipp Semlic Fußball spielen. Wie lange Kapitän und Coach überhaupt noch gemeinsam in Wattens sind, ist offen. Auch darüber spricht der Mittelfeldspieler.
Dieser begann seine Karriere auf der anderen Seite des Arlbergs, beim SV Ludesch. Der gebürtige Lustenauer schaffte es in die AKA Vorarlberg, zum SCR Altach und in alle Nachwuchsnationalteams. 2019 schlug der LASK zu, Müller aber noch nicht ein. Das tut er seit 2021 im Dress der Tiroler.
90minuten: Valentino, nach dem Ried-Spiel hast du deren Spielweise kritisiert. Was ist am Fußball der Wikinger "grenzwertig"?
Valentino Müller: Eigentlich äußere ich mich in Interviews eher sachlich und haue selten einen raus. Ich habe auch betont, dass sie ihre Idee richtig gut durchziehen. Aber es ist meine ehrliche Meinung, dass es wirklich unangenehm ist. Es weiß jeder, was zu tun ist und das ist mitunter am Rande des Erlaubten. Etwa, wenn die Ersatzspieler in die Nähe von dem kommen, der den Eckball ausführt.
Zwar haben sie phasenweise spielerische Elemente und einen klaren Plan, aber sie versuchen, den Rhythmus zu brechen und sind stark auf Standardsituationen ausgerichtet. Dennoch: Sie sind gut in dem, was sie tun.
Also auf Social Media habe ich schon die eine oder andere nicht so nett formulierte Nachricht von Ried-Fans bekommen. Dazu sind noch ein paar positive Nachrichten gekommen, à la: Gut, dass das einmal einer anspricht.
90minuten: Eigentlich redet man hierzulande nicht schlecht über den Gegner. Haben dich schon viele Leute deswegen kontaktiert?
Müller: Also auf Social Media habe ich schon die eine oder andere nicht so nett formulierte Nachricht von Ried-Fans bekommen. Dazu sind noch ein paar positive Nachrichten gekommen, à la: Gut, dass das einmal einer anspricht. Am Ende geht es mir da ein bissl um Meinungsfreiheit. Ich stehe zu dem, was ich gesagt habe, ein allzu großes Ding muss man da auch nicht daraus machen.
90minuten: Gut, wenden wir uns dem Spiel zu. Wie wichtig war es, hier noch einen Punkt mitzunehmen?
Müller: Natürlich war es wichtig, etwas mitzunehmen und das Spiel nicht zu verlieren. In der ersten Halbzeit waren sie klar überlegen. So ehrlich muss man sein und das muss man nicht schönreden. In der zweiten Halbzeit haben wir uns dann angepasst und sind ebenfalls etwas ekliger geworden. Wir wollten das Spiel dann gewinnen und das ist uns schlussendlich nicht geglückt.
90minuten: Eure letzten zwei Gegner im Grunddurchgang sind der Letzte und der Vorletzte. Das werden nicht unbedingt Gegner sein, die schönen Fußball spielen. Die Tabelle ist mega eng, ihr habt sechs Punkte Rückstand auf Hartberg – geht man da jetzt noch auf die Meistergruppe los oder will man einfach viele Punkte für die Qualifikationsgruppe?
Müller: Die Wahrscheinlichkeit, dass wir es oben reinschaffen, ist – Stand jetzt – nicht allzu hoch. Es war aber von Anfang an unser Ziel, in der Liga zu bleiben, und der schnellstmögliche Weg dazu ist es, in der Meistergruppe zu sein. Wir haben uns vor der Saison vorgenommen, aus jedem Spiel das Maximum herauszuholen. Das sagt sich einerseits leicht, andererseits ist es uns gegen die Großen auch geglückt. Umgekehrt müssen wir ebenfalls die Punkte gegen die vermeintlich Kleinen holen, das ist letztlich das Entscheidende. Am Ende müssen wir nicht groß rumrechnen: Wir wollen die Spiele gewinnen und dann sehen wir, was dabei herauskommt.
90minuten: Zwei Siege gegen Sturm, einer gegen Rapid, einer gegen den LASK und Hartberg, nur ein Sieg gegen einen anderen Klub, der aktuell "unten" drin ist. Das ist auffällig – Trainer Semlic lässt eher Positionsspiel als Konter spielen, da wäre es logischer, tiefere Gegner zu knacken. Wieso?
Müller: Die Spiele, wo wir auf Augenhöhe sind, sind ehrlicherweise selten attraktive Fußballspiele. Dort ist es nicht leicht, spielerische Lösungen im eigenen Ballbesitz zu finden. Gegen die Großen gibt es vielleicht etwas mehr Raum. Und ich denke schon, dass du gegen sie ein bisschen bereiter bist, eine Spur mehr auf den Platz bringst. Das macht vielleicht die paar Prozent aus, aber so ganz genau kann ich es nicht festmachen, warum das so ist.
90minuten: Sieg gegen Salzburg, Remis gegen die Austria, und dann folgten zwei Niederlagen zum Jahresende. Thematisiert der Trainer das?
Müller: Wir haben den Herbst in der Winterpause ganz allgemein nochmals analysiert und klar angesprochen, was gut war und wo es noch Luft nach oben gibt. Ich denke, wir sind seitdem noch ein Stück weit klarer in unserem Spiel geworden. Du musst auch denen, die die Bundesliga nicht kennen, das System erklären und worum es geht.
Die Mannschaft hat einen guten Charakter, alle sind lernbereit. Denn bei einem Klub wie der WSG Tirol ist es immer wichtig, dass sich jeder vom Sommer weg weiterentwickeln will. Wir haben selten top ausgebildete Spieler, die gleichzeitig in ihrer Entwicklung fertig sind und immer am Punkt abliefern.
Das Interesse im Stadion ist nicht groß, da kommen 2.000, vielleicht 3.000 Menschen. Umgekehrt bricht kein Riesenchaos aus, wenn man zwei-, drei Mal verliert.
90minuten: Im Sommer ist bei einem Verein wie der WSG, die im Vergleich das kleinste Budget hat, immer viel los. Wie angenehm ist es, dass mit Jamie Lawrence, Matthäus Taferner oder Adam Stejskal doch einige wichtige Stützen geblieben sind?
Müller: Der Trainer hat eine anspruchsvolle Spielidee und taktische Herangehensweise, da braucht es halt einfach seine Zeit. Und weil die von dir angesprochene zentrale Achse beim Verein geblieben ist, ist es im zweiten Jahr dennoch leichter; vor allem für die Neuzugänge. Das sind echte punktuelle Verstärkungen, da muss man Trainer Philipp Semlic und Sportdirektor Stefan Köck loben, was sie da mit diesen limitierten Mitteln Jahr für Jahr auf die Beine stellen.
90minuten: Unter den 15 meist eingesetzten Spielern sind sieben Neuzugänge, wobei Nikolai Baden Frederiksen und Thomas Sabitzer schon hier waren. Welcher deiner neuen Kollegen hat dich am meisten überzeugt?
Müller: Ich will keinen hervorheben, aber der eine oder andere bringt Zweikampfhärte und das Dreckige mit rein, das uns als doch eher brave Mannschaft etwas gefehlt hat. Und es ist keine Selbstverständlichkeit, dass ein Großteil der Neuzugänge sofort einschlägt bzw. gleich funktioniert. Es ist ein großer Pluspunkt, dass man sich hier aufs Wesentliche konzentrieren kann.
Diese Medaille hat immer zwei Seiten. Das Interesse im Stadion ist nicht groß, da kommen 2.000, vielleicht 3.000 Menschen. Umgekehrt bricht kein Riesenchaos aus, wenn man zwei-, drei Mal verliert.
90minuten: Aber diese Ruhe, kann die dich nicht etwas genügsam machen? Dass es eben zu sehr Wohlfühloase ist, weil es wurscht ist, ob man gewinnt oder verliert?
Müller: Das habe ich mit den zwei Seiten der Medaille gemeint. Schau dir die Spieler an, die zu uns kommen. Es sind entweder junge Spieler oder solche, die es bei größeren Vereinen nicht auf Anhieb geschafft haben. Sie machen "einen Schritt zurück" und etablieren sich in der Bundesliga, um den nächsten Schritt zu wagen. Für sie ist die Wohlfühloase gut. Aber: "Pressure is a privilege" – du musst erst etwas erreichen, um Druck zu haben. Daraus kann viel Energie entstehen, die dich zu Höchstleistungen pusht.
Wir haben uns im Sommer darauf verständigt, eine Kultur mit Siegermentalität zu entwickeln. Es soll nicht jeder damit zufrieden sein, wenn wir knapp gegen Salzburg oder Rapid verlieren. Wir wollen gegen sie gewinnen und das nicht nur ein Mal, sondern eine Siegesserie starten. Das hat man in dieser Saison ansatzweise gesehen, aber es fehlt noch die Konstanz. Das liegt sicherlich daran, dass wir recht jung sind, aber wir befinden uns auf einem guten Weg.
Es geht es nicht um kontinuierlichen Ballbesitzfußball, sondern um stabile Defensive und schnelles Umschalten bei wenig Risiko. Wir witzeln intern, dass schlussendlich alle in der Qualifikationsgruppe bei einem 5-3-2 landen.
90minuten: Wenn das klappt, wird es euch vermutlich den Trainer kosten. Wie managt Philipp Semlic die doch regelmäßigen Spekulationen euch gegenüber?
Müller: Die WSG Tirol steht für Kontinuität im Führungsbereich. Gut, die lange Ära Thomas Silberberger war sehr außergewöhnlich. Aber Semlic und Köck haben mit der Vertragsverlängerung Anfang Februar schon ein Zeichen gesetzt, dass sie hier etwas weiterbringen wollen, bis wir das neue Stadion haben. Wenn das da ist, gibt es einen Rattenschwanz an positivem Entwicklungspotenzial nach sich. Es ist aber auch das allernormalste in der Fußballwelt, dass Menschen mit Ambitionen und Zielen weiter kommen wollen.
Der Trainer ist zudem ein sehr intelligenter Mensch. Er ist klar in seinen Entscheidungen und der Karriereplanung, wenn man das so nennen will. Vermutlich gab es Kontakte, aber er fühlt sich hier sehr wohl und bekommt Zeit, sich selbst zu entwickeln. Früher oder später geht es zu einem großen Verein, wo er seine Spielidee umsetzen kann. Ich bin mir aber sicher, dass da dann alles für ihn passen muss.
90minuten: Du bist seit 2021 hier, hast noch Vertrag bis Saisonende. Wie lange willst du dir dieses Raufen um den Strich noch antun?
Müller: Das ist alles nicht so leicht, und spätestens im Frühjahr kommt der Druck auf und es gibt keine Wohlfühloase mehr. Die Spiele sind dann meistens alles andere als attraktiv. Es geht nicht um kontinuierlichen Ballbesitzfußball, sondern um stabile Defensive und schnelles Umschalten bei wenig Risiko. Wir witzeln intern, dass schlussendlich alle in der Qualifikationsgruppe bei einem 5-3-2 landen, weil das dieses Spiel am einfachsten macht. Das beschreibt die Situation aber ganz gut.
Dennoch haben wir das in den letzten Jahren gut gemeistert. Wenn ich mir dieses Jahr ansehe, dann ist es trotz Punktehalbierung immer gut, mit der bestmöglichen Ausgangslage reinzugehen. Ebenso gibt es noch das Playoff, es ist schon ein Anreiz, als Siebter oder Achter noch die Chance auf den Europacup zu haben. Die Spiele gegen Rapid am Ende der Saison 2021/22 waren schon richtig cool!
90minuten: "Müller ist auch im Vergleich mit Topligen einer der ballsichersten und pressingresistentesten Spieler in Europa." Das hat der Trainer letztes Jahr im Mai über dich gesagt. Diese Saison bist du zudem noch megatorgefählrich. Jetzt, mit 27, könnte ein Schritt kommen. Wie planst du deine Karriere?
Müller: Ich würde schon gerne eine neue Liga kennenlernen. Dazu gehört zum Beispiel die Erfahrung, wie es ist, wenn du der Ausländer bist und die Sprache nicht kannst. Ich will einfach verstehen, wie die Menschen in anderen Ländern so sind. Das sind Erfahrungen, die dich als Mensch reifen lassen. Klar ist jedoch, dass das Gesamtpaket passen muss. Ich bin mit 27 Jahren nicht mehr der Jüngste, habe das Gefühl, dass der nächste Schritt auf jeden Fall passen muss, vom Fußballerischen und dem Privaten her. Mir ist nicht nur wichtig, dass der Verein zu mir passt und eine Vision hat, sondern auch, dass sich meine Frau wohlfühlt.
Es kann aber immer in beide Richtungen schnell gehen. Darum bin ich der WSG sehr dankbar. Die Lebensqualität ist sehr hoch und es ist eine Ehre, hier Kapitän sein zu dürfen, jede Woche 90 Minuten spielen zu können und insgesamt diese große Wertschätzung zu spüren. Insofern ist die WSG mein Ansprechpartner, wenn es darum geht, auszuloten, welche Möglichkeiten die Zukunft bringt.
90minuten: Worauf kommt's bei einem neuen Klub an? Es gibt spannende Ligen, aber mit Vereinen aus strukturschwachen Gegenden. Woanders kannst du im Haus am Strand wohnen und spielst halt "nur" 2. Liga.
Müller: Ich fürchte, es ist eher unrealistisch, von der WSG Tirol direkt zu einem Topklub in einer großen Liga zu wechseln. Ich finde den Weg von Felix Bacher, der zu Estoril gegangen ist, sehr cool. Für mich ist so manche 2. Liga sehr interessant. Insofern bin ich für vieles offen, wenn das Gesamtpaket passt. Wenn es so weit ist, werde ich das mit meiner Frau und meinem engsten Kreis besprechen.
90minuten: Wir danken für das Gespräch!
Georg Sohler