Sturms Gorenc-Stankovič: "Spielen, spielen, spielen – nur so lernst du"
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Sturms Gorenc-Stankovič: "Spielen, spielen, spielen – nur so lernst du"

Beim SK Sturm starteten zuletzt die Youngsters durch. Führungsspieler wie Jon Gorenc Stankovič spielen eine noch größere Rolle, wenn sie die Jungen mit ihrer Erfahrung führen. Im Interview spricht Gorenc Stankovič darüber, was er einbringt.

Es ist fast 13 Jahre her, dass Jon Gorenc-Stankovič sein Debüt für seinen Heimatklub NK Domzale feierte. Seitdem ist nicht nur die Save, dem Fluss zwischen Domzale und Ljubljana, viel Wasser hinuntergeflossen. 2014 tauschte der Defensivmann Save gegen Ruhr und heuerte bei Borussia Dortmund an.

An die ersten Einsätze erinnert er sich heute noch gut. Diese sind aktuell wichtig, gehört der mittlerweile 30 Jahre alte Slowene beim Meister SK Sturm Graz doch zu den Routiniers, die die Hödls, Rozgas und Grgic' anleiten.

Gorenc Stankovič spricht im Interview über die Rolle der erfahrenen Spieler, die Personen auf der Trainerbank und seinen Weg, der ihn von seiner Heimat über die Premier League nach Graz brachte. Vorneweg: Es gibt mehr Zeit.

Zwar ist die Meistergruppe von außen gesehen stressig, aber, so der Spieler: "Es ist jetzt sogar einfacher als im Herbst, weil wir da alle drei, vier Tage spielen. Jetzt bleibt eine ganze Woche Zeit, um zu regenerieren und sich vorzubereiten."

90minuten: Ein Schlüsselspieler, nicht nur in dieser Saison, ist Otar Kiteishvili. Was wäre Sturm aktuell ohne den "georgischen Messi"?

Jon Gorenc Stankovič: Otar war schon immer extrem wichtig für uns. Wenn er auf dem Platz steht, hat unser Spiel eine ganz andere Qualität. Er macht in der Offensive den Unterschied, das sieht jeder. Aber wir müssen als Mannschaft schauen, dass wir defensiv stabil stehen. Wenn wir vorne ein Tor machen, aber zwei kassieren, reicht das nicht. Wir müssen hinten gut stehen, damit Otar und die anderen Kreativspieler die Freiheiten haben, um Tore zu erzielen und zu gewinnen.

Ich bin nicht derjenige, der die Tore und Assists liefert, aber ich sorge für die nötige Stabilität und versuche, Angriffe des Gegners im Keim zu ersticken.

Jon Gorenc Stankovič über seine Rolle

90minuten: Offensive Akteure stehen oft im Rampenlicht. Wie würdest du deine eigene Rolle beschreiben – was wäre Sturm ohne Jon Gorenc Stankovič?

Gorenc Stankovič: Das ist für mich schwer zu beantworten. Ich versuche einfach, in jedem Spiel alles zu geben. Ich bin nicht derjenige, der die Tore und Assists liefert, aber ich sorge für die nötige Stabilität und versuche, Angriffe des Gegners im Keim zu ersticken. Das ist meine Rolle bei Sturm, die ich sehr gerne ausfülle und die mir viel Spaß macht.

90minuten: In den letzten Jahren sind vor allem Offensivspieler schnell gewechselt, letzten Sommer besonders viele, auch ein Gregory Wüthrich. Ist deine Rolle als Vorbild für die vielen jungen Spieler wichtiger denn je?

Gorenc Stankovič: Es ist immer so, dass Spieler kommen und gehen. Wir verkraften es als Mannschaft eigentlich recht gut, auch wenn es nach außen hin nicht immer so wirkt. So auch dieses Jahr. Es ist fast eine neue Mannschaft, aber wir haben nicht viel darüber geredet und trotzdem gute Ergebnisse gehabt. Es ist nicht immer einfach, hinter den Kulissen passieren ja auch viele Dinge. Am Ende ist es wichtig, dass Spieler wie Kite, Hierli (Otar Kiteishvili, Stefan Hierländer, Anm.) und ich Vorbilder für die jungen Spieler sind, ihnen den Weg zeigen und vermitteln, welche Werte wir hier in Graz vorleben wollen. Das fängt schon beim Training an. Wenn wir sie überzeugen, können sie es besser umsetzen.

90minuten: Wurde intern kommuniziert, dass das verdiente Geld nicht eins zu eins in den Kader fließt? Jürgen Säumel hatte öffentlich angemerkt, dass Qualität fehlt und ist mittlerweile nicht mehr Trainer.

Gorenc Stankovič: Es wurde darüber geredet. Aber es war nie so, dass wir jeden Abgang eins zu eins ersetzt haben. Es kamen immer junge Spieler, und es hat gedauert, bis sie angekommen sind. Eine Sofortverstärkung kam nie. Wir wussten auch, wie viel Talent unser Nachwuchs hat. Darum haben sie die Chance bekommen. Es ist ein guter Weg, auf die eigene Jugend zu setzen. Sie werden jedes Spiel besser und gewöhnen sich immer mehr an das Niveau.

Fabio Ingolitsch hat so seine Vorstellungen. Diese funktionieren.
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Fabio Ingolitsch hat so seine Vorstellungen. Diese funktionieren.

90minuten: Wie hat die Mannschaft den Abgang von Säumel aufgenommen?

Gorenc Stankovič: Ein Trainerwechsel ist im Profifußball Realität. Als Spieler oder Mannschaft kann man nicht viel machen. Wir müssen die Situation annehmen und dürfen nicht zu viel darüber nachdenken, was wäre, wenn. Das lohnt sich nicht, sonst macht man sich im Kopf zu viele Gedanken. Es ist wie bei den Spielern, manche bleiben, andere gehen. Das wird immer so sein. Unser Job ist es, professionell weiterzuarbeiten.

90minuten: Ist es nicht absurd: Man feiert im Mai den Titel, ein halbes Jahr später ist der Trainer weg.

Gorenc Stankovič: Alle im Verein müssen dafür arbeiten, dass die Abläufe funktionieren. Wenn das nicht der Fall ist, geht es im modernen Fußball sehr schnell. Und so ist es leider passiert. Aber der Trainer ist nie alleine schuld, wir als Mannschaft haben auch nicht gut gespielt.

90minuten: Nun ist Fabio Ingolitsch da. Was macht ihn aus?

Gorenc Stankovič: Wir arbeiten ein paar Monate zusammen und er ist ein richtig guter Trainer. Man merkt sofort die Schule, die er in Salzburg durchlaufen hat. Er steht für sehr intensiven Fußball mit vielen Offensivaktionen. Die Wintervorbereitung war kurz, da blieb nicht viel Zeit, bevor schon die Europa- und ÖFB-Cup-Spiele anstanden. Das macht es nicht so einfach. Eine Sommervorbereitung ist länger und besser. Seine Ideen greifen immer besser. Selbst wenn wir einen Schritt zurück machen, folgen danach zwei nach vorne. Die Mannschaft hört ihm zu und ist von seinem Plan überzeugt.

90minuten: "Wir haben sehr mutige Entscheidungen getroffen, gewohnte Dinge aufgebrochen und Neues implementiert", sagte der Cheftrainer in einem 90minuten-Interview neulich. Das könnte jeder Manager in jeder Branche auch so sagen. Was macht er konkret anders als seine Vorgänger?

Gorenc Stankovič: Jeder Trainer hat seine eigene Philosophie. Er wollte vom ersten Training an Energie und Intensität reinbringen. Wir haben viel darüber gesprochen, wie wir spielen und uns auf dem Platz positionieren wollen. Es ist noch nicht alles perfekt, aber das ist bei so vielen jungen Spielern normal. Dass wir trotz guter Ergebnisse noch Luft nach oben haben, ist eigentlich ein sehr gutes Zeichen.

Ich denke nicht, dass die Liga deswegen schlechter ist. Am Ende wird sich die Mannschaft durchsetzen, die die meisten Punkte hat – hoffentlich sind wir das.

Jon Gorenc Stankovič über Qualität

90minuten: Die Liga wirkt dieses Jahr extrem ausgeglichen. Das nächste Spiel ist gegen Salzburg. Ist das trotz deren Problemen sehr entscheidend?

Gorenc Stankovič: Es ist dieses Jahr alles sehr eng. Seit ich in Österreich bin, habe ich so eine Situation noch nicht erlebt. Früher gab es vielleicht zwei oder drei Teams an der Spitze, jetzt ist jedes Spiel entscheidend. In der Meistergruppe ist es in jeder Partie schwierig, einen Sieg einzufahren. Alle können Meister werden.

90minuten: Du bist ja seit ein paar Jahren hier. Was sagt der Tabellenstand über die Qualität der Liga aus?

Gorenc Stankovič: Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Die Spielzeiten sind nicht einfacher oder schwieriger, sondern schlichtweg anders als beispielsweise vor zwei Jahren. Mit der Punkteteilung wird alles noch knapper und dieses Jahr ist das noch mehr der Fall. Jetzt sind fünf Teams innerhalb von zwei Punkten und alle sechs innerhalb von fünf. Ich denke nicht, dass die Liga deswegen schlechter ist. Am Ende wird sich die Mannschaft durchsetzen, die die meisten Punkte hat – hoffentlich sind wir das.

90minuten: Wir schauen ja immer auf die Großen, aber ich denke, die Kleinen sind besser geworden. Teilst du diese Ansicht?

Gorenc Stankovič: Viele von denen sind schon länger zusammen und wissen daher genau, wie sie spielen wollen. Es ist also in Ried oder Tirol immer schwierig zu spielen. Das war es schon vor ein paar Jahren, aber jetzt ist es noch schwieriger. Das heißt nicht, dass die oben schlechter geworden sind, die unten sind nun besser. Vor zehn oder 15 Jahren wusstest du, dass du gegen die kleinen Klubs gewinnst – diese Zeit ist vorbei.

90minuten: Wenn wir kurz ausschließen, dass Sturm Meister werden kann: Wer soll den Teller dann holen?

Gorenc Stankovič: (lacht) Wenn nicht wir, dann niemand.

90minuten: Sprechen wir noch über dich. Du kennst das Gefühl vieler deiner jungen Teamkollegen, als Teenager zu debütieren, in deinem Fall für Domzale in Slowenien. Wie fühlt sich das an?

Gorenc Stankovič: Das war schon ein besonderer Moment. Ich war 17 Jahre alt und auf einmal spielst du Woche für Woche für den Klub, bei dem du die Ausbildung durchlaufen hast. Das ist ein wahrgewordener Traum. Es ist für unsere Jungs wichtig, diese Erfahrung zu machen und eine Chance zu bekommen. Wenn sie mehrere Spiele machen, werden sie nur besser werden. Du siehst auch, wie sie kämpfen und Woche für Woche ihr Potenzial zeigen wollen.

Am Ende sollen aus seiner Sicht wieder der SK Sturm jubeln
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Am Ende sollen aus seiner Sicht wieder der SK Sturm jubeln

90minuten: Was war das für ein Gefühl, als Dortmund angerufen hat?

Gorenc Stankovič: Sie haben meinen Vater angerufen. Ich konnte es auch gar nicht glauben. Das ist ein Beweis, dass du gut bist. Es ist ja nicht oft passiert, dass einer aus Slowenien zu Dortmund geht. Am Ende des Tages weißt du aber auch, dass du noch nichts erreicht hast. Das ist ein Schritt von vielen, du musst am Boden bleiben und weiter an dir arbeiten.

90minuten: Spielzeit ist in dem Alter wichtiger, auch wenn es "nur" die dritte deutsche Liga ist?

Gorenc Stankovič: Ich war Stammspieler und konnte viel lernen. Spielen, spielen, spielen – nur so lernst du und entwickelst dich weiter.

90minuten: Sturm ist kein Premier-League-Klub. Wie blickst du auf die Zeit bei Huddersfield mit elf Premier-League-Spielen und dem Abstieg zurück?

Gorenc Stankovič: Ich hatte zwar mit dem Kreuzbandriss Pech, möchte aber die Zeit in England nicht missen. Dann kam Sturm auf mich zu. Andreas Schicker überzeugte mich in guten Gesprächen von dem Projekt und ich wollte Teil dieser Geschichte sein. Wir wissen, wie das weitergegangen ist.

90minuten: Graz ist nah an der Heimat, als du hergekommen bist, war Corona. Hat das eine Rolle gespielt?

Gorenc Stankovič: Ich bin nicht deswegen hergekommen. Am Ende hat mich das Projekt überzeugt.

90minuten: Wenden wir uns der Zukunft zu. Dein Vertrag geht noch bis 2027, du bist im Jänner 30 Jahre alt geworden. Willst du noch etwas anderes sehen?

Gorenc Stankovič: Jetzt haben wir einmal noch neun Spiele. Dann werden wir sehen, wie sich die Dinge weiterentwickeln. Aber ich fühle mich hier richtig wohl und genieße es, bei Sturm zu spielen. Im Fußball können aber immer Sachen passieren und man weiß nicht, wo man am Ende landet.

90minuten: Wir danken für das Gespräch!


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