Schon wieder so einer ohne Akademie: Simon Seidl wuchs in Kuchl auf, kickte dort und in Grödig. Als er beim Zivildienst war, meldete sich Blau-Weiß Linz. Einen Aufstieg und starke Auftritte in der ADMIRAL Bundesliga später rief Sturm Graz an. Und dorthin geht man natürlich.
Aktuell ist Seidl einer der wichtigsten Offensivspieler. Er erklärt im 90minuten-Interview, wie er auf die bisherige Saison und die heutzutage hohe Belastung blickt und worauf es gegen die Wiener Austria am Samstag (ab 19:30 Uhr im LIVE-Ticker) ankommen wird. Die mögen zwar weiter unten stehen, aber letztlich kickt man immer elf gegen elf.
Ein großes Thema ist aktuell auch wiederum seine Nicht-Akademie-Ausbildung. Ohne dieser Grundausbildung stellt sich schließlich die Frage nach dem Plan B.
Auch darüber spricht Seidl - genauso wie über die Unterschiede zwischen ihm und den "Akademikern" und worauf es ankommt, um besser zu werden.
90minuten: Die Länderspielpause war ungewöhnlich lang. Wie hast du sie verbracht, gab es "Herbstferien"?
Simon Seidl: Die erste Woche hatten wir sieben Tage frei und ich habe in Barcelona Urlaub gemacht. Es gab ein Heimtrainingsprogramm, das ich vor Ort absolviert habe. In der zweiten Woche haben wir normal trainiert, es waren statt der Nationalteamspieler welche von der Zweiermannschaft mit dabei. Da schaust du ohne Spiel am Wochenende natürlich, dass du im Training ein bisschen mehr Gas gibst. Es gab dann noch ein Testspiel, also war die zweite Woche so normal wie sonst auch.
Die, die in England oder anderen großen Ligen spielen, haben alle drei Tage ein Spiel und dann auch noch vier mit dem Nationalspiel – die haben praktisch nie frei. Ich denke also, dass wir Österreicher es schon schaffen, auch alle drei Tage zu spielen.
90minuten: Du hast, wie Sturm, schon 14 Saisonspiele absolviert. In einer 16er-Liga würde noch eines auf eine halbe Meisterschaft fehlen. Wie notwendig sind solche Pausen mittlerweile, zumindest für die Nicht-Nationalspieler?
Seidl: Die, die in England oder anderen großen Ligen spielen, haben alle drei Tage ein Spiel und dann auch noch vier mit dem Nationalspiel – die haben praktisch nie frei. Ich denke also, dass wir Österreicher es schon schaffen, auch alle drei Tage zu spielen. Dass die Belastung hoch ist und man sich erst daran gewöhnen muss, ist klar. Wenn alles aufgeht und du alle drei Tage spielst, nimmst du das gerne an. Aber ich bin auch froh, wenn es eine Pause gibt und ich wegfliegen kann.
90minuten: Allerdings betrifft dieses "drei Tage spielen" ja nur die Top-Top-Spieler.
Seidl: Genau. Ich glaube auch, dass so eine Pause schon ganz gut tun kann, damit du neue Kräfte sammeln kannst und vielleicht Dinge adaptierst. Das geht natürlich nicht, wenn es während der Saison Schlag auf Schlag geht.
90minuten: Sturm ist gut in die Saison reingestartet, gegen Fenerbahce kann man schon ausscheiden. Die Rapid-Niederlage hatte für euch einen schlechten Spielverlauf, gegen Salzburg wusstet ihr wohl nicht, wie ihr da 0:3 verliert.
Seidl: Das war natürlich bitter, aber die Saison ist kein Sprint, sondern ein Marathon und dauert 32 Spiele. Natürlich ist es jetzt ohne die Punkteteilung anders, weil nun jeder Punkt gleich viel zählt. Gegen die WSG haben wir die Tore nicht gemacht, gegen Lustenau daheim haben wir kein gutes Spiel gemacht und wir haben wieder zwei Punkte liegen lassen. Du hast schon recht, die Spiele gegen Rapid und Salzburg haben wir gut gespielt, aber am Ende stehen wir mit null Punkten da und sind nicht zufrieden.
90minuten: Du hast die Punkteteilung ja auch vom anderen Tabellenende her gekannt. Ich denke aber, es ist besser, nach ein paar Runden als Vierter fünf Punkte hinten zu sein als letztes Jahr wie Wattens 16 Punkte vor dem Letzten – und dann in Abstiegsnöte zu kommen.
Seidl: Es gibt manche, die das unfair gefunden haben, aber die Regeln sind für alle gleich und sie haben dann auch die 16 Punkte gebraucht, um in der Liga zu bleiben. Ich sage jetzt nicht, dass die Spiele bis zur 22. Runde in der letzten Saison nicht wichtig waren, aber jetzt merkst du halt schon, dass alle Spiele gleich viel zählen und du in die Top-6 kommst. Was anderes können wir uns als Sturm Graz eh nicht vorstellen, aber es gibt auch dafür keine Garantie.
90minuten: Woran hakt es denn so ein bisschen derzeit? Sind es die vielen Verletzungen?
Seidl: Schwer zu sagen. Ich glaube, dass es zum Teil unser Spiel im letzten Drittel ist und zum Teil, dass wir unnötige Tore bekommen haben. Wir müssen aus den Fehlern die richtigen Schlüsse ziehen und es in Zukunft besser machen.
90minuten: Das nächste Spiel ist gegen Austria Wien. Das ist ein Gegner, der ein bisschen in den Seilen hängt. Wie wir aber alle wissen, sind das gemeinhin gefährliche Gegner. Wie bereitet ihr euch – vor allem nach dem skurrilen Spiel in Salzburg – darauf vor?
Seidl: Ich glaube, dass sich da nicht viel ändert und es bringt ja nichts, da noch nach hinten zu schauen und das letzte Spiel mit einzubeziehen. Sicher müssen wir schauen, was wir nicht gut gemacht haben und wie wir es besser machen wollen, aber letztlich spielst du dann wieder elf gegen elf gegen die Wiener Austria. Wir sind hungrig, die sind hungrig und wer es mehr auf den Platz bringt, wird schlussendlich die drei Punkte mitnehmen.
90minuten: Vor den letzten beiden Spielen hat die Austria auch gut gegen Sturm performt. Haben die einen Spielstil, der Sturm nicht liegt – vielleicht weil sie ein bisschen so spielen wie Teams, die eben dort stehen, wo sie sind?
Seidl: Ich denke schon, dass unser System gut auf das Spiel der Austria passt. Schlussendlich geht es darum, sich individuell durchzusetzen, und wenn wir das schaffen, gewinnen wir die Partie. Letztes Jahr war das Spiel auch nicht so gut, am Ende hat Sturm 5:2 gewonnen. Wir sind schon auch der Favorit.
90minuten: Wie viel Druck liegt auf deinen Schultern? Mit (bewerbsübergreifend) drei Toren und fünf Assists bist du Topscorer.
Seidl: Ich schau einfach, dass ich am Platz Spaß am Spielen habe, dann ist man meiner Meinung nach am besten. So kann ich meine Qualitäten einbringen und der Mannschaft und somit dem ganzen Verein helfen, dass wir unsere Ziele erreichen.
90minuten: Gehen wir einen Schritt zurück. In den letzten Jahren bei Blau-Weiß Linz ging es eher darum, in der Liga zu bleiben. Wie hat sich dann dein Arbeitsalltag verändert, als du von einem "Qualigruppen-Klub" zu einem der Topklubs gegangen bist?
Seidl: Du merkst den Unterschied. Die Erwartungshaltung ist eine ganz andere, du solltest schon jede Woche gewinnen. Sonst hat sich nicht viel geändert, es sind eben andere Spieler, ein anderes Trainingszentrum an einem anderen Ort, aber wir spielen noch immer elf gegen elf und du versuchst dein Bestes zu geben.
Der Mensch gewöhnt sich schnell an ein neues Niveau. Wenn ich jetzt in ein Hotel einchecke, möchte ich beim nächsten Mal nicht in ein schlechteres.
90minuten: Realistischerweise geht es für die "Kleinklubs" ja erst so richtig nach 22 Runden los und, ich denke, das ist nur menschlich, da ist man nicht jedes Spiel auf Anschlag. Wie spricht denn der Trainer mit den Spielern, die gerade so einen Step gemacht haben und plötzlich um Titel und Europacup spielen?
Seidl: Du musst in einem guten Zustand sein, egal, ob du gegen den Abstieg spielst oder um den Titel spielst. Egal, in welcher Position du bist, du versuchst Woche für Woche zu performen. Da ist das Mentale schon wichtig und dass man sich dabei nicht zu viel Druck macht. Es ist wichtig, zu performen, aber auch die Spiele zu genießen.
90minuten: Vielleicht geht das auch leichter, wenn du, wie dein Bruder Matthias, Sasa Kalajdzic oder Marco Grüll, nie eine Akademie von innen gesehen hast. Nimmst du dein derzeitiges Profileben anders wahr als jene, die schon mit 14 ein Sturm-Leiberl anhatten?
Seidl: Ich kann mir schon vorstellen, dass die Wertschätzung bei mir anders ist. Andererseits gewöhnt sich der Mensch schnell an ein neues Niveau. Wenn ich jetzt in ein Hotel einchecke, möchte ich beim nächsten Mal nicht in ein schlechteres. So ist es auch im Fußball. Du denkst dir am Anfang: Boah, geil, super! Aber nach einer gewissen Zeit mit diesem Lifestyle ist es normal. In dem Zusammenhang ist es schon wichtig, dass man sich immer wieder vergegenwärtigt, dass das etwas Besonderes ist. Das sollte man nie vergessen.
90minuten: Es ist generell spannend, dass ich da gerade vier Nationalspieler bzw. Kicker von Topklubs aufzähle, die keine Akademie gemacht haben.
Seidl: Uns macht es eben aus, dass wir dran geblieben sind und uns nicht unterkriegen haben lassen. Wenn du nicht in der Akademie bist, musst du dich selber um gewisse Dinge wie Ernährung, Zusatztraining, Athletik und so weiter kümmern. Vielleicht ist das bei den Spielern, die in der Akademiestruktur drinnen sind, in der vieles vorgegeben ist, anders. Es fällt ihnen in Folge vielleicht schwerer, sich umzustellen, wenn sie alles selber in die Hand nehmen müssen. Am Ende denke ich, dass beide Wege schwer sind.
90minuten: Wie war das eigentlich bei dir? Du hast mit 20 Jahren noch Regionalliga gespielt, andere Kicker haben da schon 100 Profispiele in den Beinen. Wie hast du den Traum vom Profifußball so lange verfolgen können, wenn die Besten schon mit 14 in die Akademie gehen?
Seidl: Ich war damals in Grödig, das war offiziell keine Akademie, aber wir haben viermal in der Woche trainiert und ich bin in die Sportschule gegangen, da hatten wir noch zweimal in der Früh Training. So anders als in einer Akademie war das also nicht. Mit 16 Jahren bin ich in den Erwachsenenfußball gekommen, da wird dann doch anders gespielt und du musst dich als gefühltes Kind gegen erwachsene Leute durchsetzen. Und wenn du körperlich keine Vorteile hast, musst du eben spielerische Lösungen suchen. Irgendwann bekommst du dann auch einen Wachstumsschub und das hilft dir dann natürlich auch.
90minuten: Was hättest du gemacht, wenn es nicht geklappt hätte?
Seidl: Das ist eine gute Frage. Ich muss sagen, dass ich eigentlich immer dran geglaubt und alles dafür gegeben habe. Ich habe natürlich bei meinem Bruder oder Nici Seiwald, der auch aus Kuchl kommt, gesehen, dass das möglich ist. Du musst einfach nur das tun, was notwendig ist. Ich war damals beim Zivildienst, der Vertrag bei Blau-Weiß Linz hat sich ergeben, dadurch habe ich auch keine Pläne für die Zukunft gebraucht.
90minuten: Wolltest du nach vier Jahren Blau-Weiß sowieso den Schritt machen oder hätte es Sturm sein müssen?
Seidl: Es geht im Fußball immer schnell. Wenn du dran bleibst, machen sich immer neue Türen auf und wenn der nächste Schritt möglich ist, gehst du ihn. Du gibst ja auch Gas, um Titel zu holen. Als sich die Chance ergeben hat zu Sturm zu gehen, war ich megahappy und wollte das unbedingt machen.
90minuten: Österreich ist eine Ausbildungsliga. Wo sollte es dich hin verschlagen?
Seidl: Ich habe ja erzählt, dass ich in Barcelona war und die spanische Liga gefällt mir beim Zuschauen extrem. Ich würde richtig gerne dort spielen.
90minuten: Um solche Schritte zu machen, braucht man Ziele. Von außen sehen wir oft nur Tore und Assists. Was sind deine Saisonziele?
Seidl: Es gibt viele Dinge, die man messen kann, aber es gibt auch sehr vieles, was man schwerer definieren kann, etwa wie man den ersten Touch oder seine Positionierung verbessert, wie man sich im Zwischenraum bewegt. Das steht dann in keiner Statistik, aber es gibt viele Dinge, an denen man feilen kann und ich denke nicht, dass einem dabei langweilig wird.
90minuten: Woran feilst du gerade?
Seidl: Der athletische Bereich ist wichtig. Sturm Graz will, dass wir uns perfekt weiterentwickeln und ich möchte die nächsten Schritte bei der Schnelligkeit machen. Fußballerisch ist es wichtig, beidfüßiger zu werden, dass der linke Fuß dieselbe Qualität hat wie der rechte. Ich mache das auch abseits des Trainings, trainiere Abschlüsse, den ersten Touch oder meine Orientierung. So kann ich noch mehr Impact auf das Spiel haben.
90minuten: Viele große Spieler erzählen, dass sie oft nach dem Training geblieben sind.
Seidl: Du kannst schon ein gewisses Level erreichen, wenn du das nicht machst. Mit diesen Zusatztrainings wirst du aber Schritt für Schritt besser und überholst die, die sich nur auf das Talent verlassen. Wenn du dann noch Spaß am Spiel hast, wirst du jedes Jahr besser.
90minuten: Woran kann man neben den fußballerischen Fertigkeiten arbeiten?
Seidl: Wichtig ist einmal Konstanz. Routinen und Gewohnheiten, die man Tag für Tag hat, helfen dabei, leistungsfähig zu sein. Es geht um Kleinigkeiten wie zum Beispiel der Schlaf oder die Ernährung. Wenn du das durchziehst, wirst du in allen Belangen besser. Auch hier wird es immer wieder neue Sachen geben, an denen ich feilen kann. Mein Ziel ist einfach, an vielen Toraktionen beteiligt zu sein, selber viel zu kreieren und andere in Szene zu setzen – und natürlich selbst Tore zu machen. Das ist für einen Offensivspieler am Ende am wichtigsten.
90minuten: Wir danken für das Gespräch!
Georg Sohler