Silberberger: "Haben im Training fliegende Menschen gesehen"
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Silberberger: "Haben im Training fliegende Menschen gesehen"

Als vierter Trainer der WAC-Saison konnte Thomas Silberberger doch noch den Klassenerhalt fixieren. Im Interview spricht er über angepasste Trainingsmethoden, Feierlichkeiten und Ziele für 2026/27.

Die Saison des Wolfsberger AC ging mit einer Niederlage gegen die SV Ried zu Ende, trotzdem überwiegt im Lavanttal Erleichterung.

In der Liga hat der Überraschungsverein des Vorjahres die entscheidende Kurve gerade noch rechtzeitig erwischt und seinen Ligaverbleib gesichert.

Verantwortlich dafür zeichnet sich Thomas Silberberger. Der erfahrene Tiroler wurde Anfang April als Feuerwehrmann installiert und hatte Erfolg. In den letzten vier Runden holte der Verein ausreichend Punkte, um sogar noch den Einzug ins Europacup-Playoff zu schaffen.

Im 90minuten-Interview schildert Silberberger seine Sicht auf herausfordernde letzte Wochen.

90minuten: Trotz einer schwierigen Saison fährt ein WAC-Spieler mit Österreich zur Weltmeisterschaft. Alessandro Schöpf steht im Kader, Nikolas Polster immerhin auf der Abrufliste. Geht das für Sie so in Ordnung? 

Silberberger: Absolut. Für Alessandro freut es mich riesig. Für Nik ist es natürlich schade, dass es sich nicht ausgegangen ist.

Für uns war Alessandro das Herz und Hirn der Mannschaft.

Silberberger über WM-Fahrer Schöpf

90minuten: Wenn man sich die Reaktionen vieler Fans anschaut, sind nicht alle mit der Nominierung von Alessandro Schöpf einverstanden. Vermutlich ist er sowieso nicht als Stammspieler eingeplant - was macht ihn zu einem wertvollen Backup?

Silberberger: Für uns war Alessandro das Herz und Hirn der Mannschaft. Es war wichtig, dass er rechtzeitig fit geworden ist. Nachdem er wieder in der Startelf gestanden ist, haben wir vier Ligaspiele gewonnen. Alessandro ist unheimlich ballsicher und hat technisch ein hohes Level - er hat in seiner Karriere schon extrem viel erlebt und kann dem Team als Ergänzungsspieler einen wertvollen Impuls geben, wenn man ihn brauchen sollte.

90minuten: Hat Ralf Rangnick sich in den letzten Tagen oder Wochen eigentlich irgendwann mit Ihnen zu den Nominierungen ausgetauscht?

Silberberger: Nein, gar nicht.

90minuten: Dann kommen wir zurück zum WAC. Sie haben sich dem Verein rund zwei Wochen nach Ihrem Rücktritt bei der Admira angeschlossen. Wäre eigentlich eine längere Auszeit geplant gewesen?

Silberberger: Eigentlich wäre geplant gewesen, dass ich bis zum Sommer nichts mehr mache. Dass der WAC dann dazwischengrätscht, war natürlich nicht absehbar. Auch wenn die Situation kritisch war, ist die Aufgabe hier natürlich sehr spannend. Der WAC hat in den letzten Jahren schon bewiesen, dass man eine Top-Adresse in Österreich ist. 

In meinen ersten Tagen habe ich gemerkt, dass die Mannschaft fast in Auflösung begriffen war.

Thomas Silberberger

90minuten: Es gibt viele Trainer, die es im Nachhinein bereuen, zu schnell den nächsten Verein übernommen zu haben. Man hat ja bis zum letzten Moment mit seiner vorherigen Mannschaft mitgelebt und hat kaum Zeit, das ordentlich zu verarbeiten. Hatten Sie keine Bedenken? 

Silberberger: Nein. Ich wollte die Saison ja eigentlich sowieso mit der Admira beenden. Dazu ist es nicht gekommen, weil ich meinen Rücktritt angeboten habe. Das habe ich aber nicht getan, weil ich mit meinem Latein am Ende oder burnoutgefährdet war. Ich wollte dem Verein die Möglichkeit geben, einen Impuls zu setzen - da ist der Trainer oft die letzte Patrone. Die neue Aufgabe habe ich dann nicht zwingend herbeigesehnt, bin jetzt aber froh, dass es so gekommen ist.

90minuten: Sie wussten aufgrund der Tabellenkonstellation, dass Sie sich beim WAC auf eine Herausforderung einlassen, an der sich in dieser Saison auch schon andere Trainer die Zähne ausgebissen haben. Wie sehr hat Sie die Situation vor Ort überrascht?

Silberberger: Es war schon eine Spur heftiger, weil man den WAC nach der letzten Saison als gut funktionierenden Verein in Erinnerung hat. In meinen ersten Tagen habe ich dann aber gemerkt, dass die Mannschaft fast in Auflösung begriffen war. Ich glaube, sie waren auch nicht auf den Spielstil in der Qualigruppe vorbereitet. Es war unheimlich schwierig, das alles wieder in die Bahn zu bringen.

Thomas Silberberger mit Donis Avdijaj
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Thomas Silberberger mit Donis Avdijaj

90minuten: Wie kann es so weit kommen? Auch in der Qualigruppe wird Fußball gespielt, die Gegner kennt man grundsätzlich auch. 

Silberberger: Es wird Fußball gespielt, es gibt aber Unterschiede zwischen dem Grunddurchgang und der Qualigruppe. Man muss erst einmal zwei, drei Zweikämpfe auf Messers Schneide gewinnen, bevor man überhaupt richtig ins Spielen kommt. Das war nicht der Fall, als ich hergekommen bin. Man hat versucht, vieles spielerisch zu lösen, was nicht funktioniert hat. Dann steckt man in einer Spirale, die in der kurzen Zeit sehr gefährlich ist. Außerdem kommt die große Angst vor dem Verlieren dazu. Man war sich dieser Lage einfach nicht bewusst, dass es wirklich schnell nach unten gehen kann.

90minuten: Dabei bekommt man den Spiegel ja von Woche zu Woche von Medien und Fans vorgehalten… 

Silberberger: Absolut. Wir hatten trotzdem eine Vielzahl von Spielern im Kader, die intuitiv eigentlich Fußball spielen wollen und nicht unbedingt kämpfen. Sie haben diese Situation zum ersten Mal erlebt. Wir haben einige Dinge verändert, dann ist es besser gegangen. Es hat aber sehr, sehr viel Trainingsarbeit gebraucht. Dann haben wir natürlich auch das notwendige Glück gegen den GAK gebraucht, eigentlich waren wir ja schon erledigt.

90minuten: Auch für Sie war es eine neue Situation - Ihr erster Einsatz als Feuerwehrmann. Ich nehme an, es ist eine andere Herausforderung, als eine Mannschaft ab Saisonbeginn zu betreuen?

Silberberger: Das würde ich zu hundert Prozent unterschreiben. Zum Saisonstart weiß man, dass man über 32 Spiele auf eine Mannschaft einwirken kann. Es gibt deutlich mehr Gelegenheiten, neue Ideen zu implementieren. Wir haben beim WAC zu Beginn auch radikal umgestellt, das muss dann aber auch in sieben Spielen greifen. In den ersten Runden hat das eh noch nicht so gut funktioniert.

Hätten wir das Spiel nicht verloren, wäre die Lage später vielleicht noch kritischer geworden.

Silberberger über die 0:3-Niederlage in Linz

90minuten: Von außen betrachtet ist die Erwartung oft, dass man eine Mannschaft möglichst hart anpacken muss, um eine Reaktion von ihr zu bekommen. Hat der WAC einen verbalen Tritt gebraucht?

Silberberger: Dieser Ansatz ist Geschichte. Natürlich muss man den Spielern mit einer gewissen Schärfe vor Augen führen, was andere Teams machen. Am Ende des Tages war die Niederlage bei Blau-Weiß die Initialzündung dafür, dass wir es noch geschafft haben. Ich habe danach alle Instrumente, die man als Trainer braucht, in die eigene Hand gekriegt. Da war dann kein Ansatz mehr falsch. So hat dann auch der Letzte im Kader unsere Situation begriffen. Hätten wir das Spiel nicht verloren, wäre die Lage später vielleicht noch kritischer geworden. 

90minuten: Mit Videostudium und Ansprachen alleine ist es vermutlich nicht getan. Welche Ansätze waren am Ende erfolgreich?

Silberberger: Es gehört viel Arbeit auf dem Trainingsplatz dazu. Zweite und dritte Bälle werden normalerweise kaum trainiert. Wir haben das aber schon einfließen lassen. Es ging einfach nicht mehr, Fußball über sieben Stationen spielen zu wollen und Abkippmuster zu üben. Wenn es läuft, hat das alles natürlich seine Berechtigung. Bevor man in der Qualigruppe darüber redet, in welche Räume man vorstoßen will, müssen die Basics funktionieren. Außerdem definieren sich fast alle Teams über Standardsituationen, auch da haben wir viel Zeit investiert. 

90minuten: Wie schaut eine Trainingsübung aus, mit der zweite und dritte Bälle im Abstiegskampf trainiert werden? 

Silberberger: Da will ich nicht zu viel verraten (lacht). Jedenfalls haben wir bei diesen Übungen fliegende Menschen gesehen. Es geht um Körperlichkeit und hochintensive Luftduelle.

90minuten: Glücklicherweise gab es keine allzu großen Verletzungen…

Silberberger: Ja, wobei wir auch eine Platzwunde hätten akzeptieren müssen. Am Ende des Tages geht es im Abstiegskampf um Existenzen. Ich habe diese Intensität davor nicht so vorgefunden, deswegen haben wir eine hochrobuste Einheit in der Woche implementiert. 

Simon Piesinger könnte seinen Vertrag beim WAC verlängern
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Simon Piesinger könnte seinen Vertrag beim WAC verlängern

90minuten: Es ist kein Geheimnis, dass beim WAC im Sommer ein Umbruch stattfinden wird. Viele Spieler wussten über den gesamten Abstiegskampf hinweg nicht, ob sie beim Verein bleiben werden - bei anderen war der Abschied sogar schon beschlossen. Ist das ein zusätzlicher psychischer Nachteil in der Qualigruppe?

Silberberger: Für Spieler ist es nie fördernd, wenn man nicht weiß, wie es weitergeht. Ich habe mir die Vertragssituationen schon angeschaut, weil ich wissen wollte, wer nächstes Jahr noch hier ist. Natürlich denken alle darüber nach. Einen Spieler, der bei einem Abstieg ablösefrei gehen könnte, trifft die Situation ganz anders. Das sind extrem heikle Themen. 

90minuten: Zwei Spieler, die ihr Interesse an einem Verbleib schon hinterlegt haben, sind Markus Pink und Simon Piesinger. Ein paar Verlängerungen wird es brauchen, zählen die beiden zu den Kandidaten?

Silberberger: Sie haben sich im Abstiegskampf absolut empfohlen. Wir können auch keinen Radikalumbau machen. Es wird Abgänge geben, konkret kommentieren werde ich aber nichts, solange es nicht fix ist. Fest steht für mich aber schon, dass wir sieben oder acht Neuverpflichtungen brauchen werden. 

90minuten: Die kritischen Reaktionen auf den Kurzausflug nach Mallorca haben Sie bestimmt mitbekommen. Ist für Sie nachvollziehbar, dass das polarisiert hat?

Silberberger: Wer keinen Abstiegskampf erlebt hat, kann diesen Druckabfall kaum nachvollziehen. Natürlich wird das dann kritisch hinterfragt. Wir hätten es auch nicht gemacht, wenn es bei der WSG noch um etwas gegangen wäre. Ob ich zu Hause feiere oder auf Mallorca, sollte aber keinen großen Unterschied machen. Die drei Tage hätten wir den Spielern sowieso freigegeben. Ich finde da nichts Verwerfliches dabei. 

In den letzten Wochen waren wir einem enormen Druck ausgesetzt - das ist keine Lebensqualität.

Thomas Silberberger

90minuten: Man muss dazu sagen, dass auch die WSG vor dem Spiel ausgiebig gefeiert hat. 

Silberberger:  Ich kenne ja auch die WSG in- und auswendig und habe es dort über viele Jahre ähnlich erlebt. In den letzten Wochen waren wir als Trainer, als Spieler, als Menschen einem enormen Druck ausgesetzt - das ist keine Lebensqualität. Wenn das dann wegbricht, sollte man dafür auch ein bisschen Verständnis haben. 

90minuten: Auch Ihre Situation hat sich durch den geschafften Klassenerhalt verändert, eigentlich wäre Ihr Vertrag ja nur bis Saisonende gelaufen, hat sich jetzt aber verlängert…

Silberberger: Das wurde bis jetzt immer falsch kommuniziert, ich habe von Anfang an für 2028 unterschrieben, egal in welcher Liga. Ich habe mich dadurch auch nie unter Druck gesetzt gefühlt. 

90minuten: Sie können sich jetzt jedenfalls auf die Zukunft konzentrieren. Der WAC hat sich in den letzten Jahren einen klaren Kurs auferlegt. Spieler sollen sich hier entwickeln und einen nächsten Schritt machen. Welchen Zugang haben Sie zu diesem Ansatz?

Silberberger: Ich tausche mich täglich mit der Geschäftsführung aus. Mit der Herangehensweise, Spieler zu entwickeln und weiterzuverkaufen, kann ich mich gut identifizieren. Ich habe es jahrelang bei der WSG und der Admira ähnlich erlebt, wobei der WAC natürlich den Vorteil hat, dass man durch die Transfererlöse der letzten Jahre bei der einen oder anderen Entscheidung ein bisschen mutiger sein kann. Bei der WSG musste damals  jeder Schuss ein Treffer sein. Ich bin Fan davon, Spieler zu entwickeln. Ich habe auch schon bewiesen, dass ich das kann - mit Baden-Frederiksen, Yeboah, Vrioni - auch wenn mir bei der Admira manche das Gegenteil vorgeworfen haben.

90minuten: Wir haben den WAC im letzten Jahr als Meisterkandidaten erlebt, in dieser Saison im Abstiegskampf. Was kann man sich 2026/27 erwarten?

Silberberger: Letzte Saison war natürlich Wahnsinn. Es ist fast unmöglich, das zu toppen. So kritisch wie jetzt darf es aber auch nicht wieder werden. Ich glaube schon, dass wir eine Mannschaft zusammenstellen werden, mit der man die Top 6 definitiv als Ziel ausrufen muss. 



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