Rainer Pariasek heuerte 1987 beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk an, zunächst bei Ö3, ab 1996 in der Fernsehredaktion des ORF-Sports. 1998 war die erste Fußball-Weltmeisterschaft für den gebürtigen Wiener.
Diese war bekanntlich die letzte bis zu diesem Jahr, bei der Österreichs Männernationalteam mit dabei war - und es wird Pariaseks letzte sein, ORF-Mitarbeiter müssen im Alter von 65 Jahren in Pension gehen. Das wird 2029 der Fall sein.
Dass er das "Sportgesicht der Nation" ist, darauf "bin ich schon ein bisschen stolz und sehr dankbar, dass es sich so ergeben hat. Dazu braucht es im Laufe einer langen Karriere auch ein paar glückliche Zufälle", erzählt er im 90minuten-Gespräch.
Diese letzten knapp drei Jahrzehnte waren im Fußball nicht immer die allerbesten, jedenfalls aber unterhaltsam. Wie sich der Fußball und das Berichten darüber verändert hat, das verrät er im Gespräch.
90minuten: 1998 war Ihre erste Fußball-Weltmeisterschaft, mit dem Antreten Österreichs 28 Jahre später schließt sich der Kreis – es wird Ihre letzte, im Winter und im Sommer präsentieren Sie die wichtigsten Ereignisse. In der Öffentlichkeit zu stehen, hat nicht nur Vorteile. Wie gehen Sie mit dem online oftmals nicht gerade nett formulierten Feedback um?
Rainer Pariasek: Ich bekomme diese Kritik sowie die teilweise negativen Kommentare mit - aber nicht in einem so großen Ausmaß, weil ich nicht auf Facebook oder Instagram bin. Hin und wieder lese ich mir gewisse Foren durch, oder Freunde und Kollegen weisen mich auf etwas hin. Dann lese ich es nach. Generell geht es mir wie allen, die in der Öffentlichkeit stehen, und ich weiß, dass du es nicht allen recht machen kannst. Zum Teil ist die Kritik sicherlich auch berechtigt. Im Großen und Ganzen bin ich mit der Wahrnehmung meiner Person in der Öffentlichkeit zufrieden.
Wir haben eine Frage und eine Antwort, bevor Werbung kommt und da kannst du niemanden nach der Relativitätstheorie fragen.
90minuten: Sind Sie manchmal auch ein bisschen neidisch auf die guten Seiten? Beispielsweise auf Sky-Kollegen Gerhard Krabath, der aus Günther Neukirchner den ikonischen Spruch "Des is die nächste deppade Frog" entlockte?
Pariasek: Mein Kollege Andi Felber war bei "Hoch gwinn ma's nimmer" dabei, ich hatte dieses Interview mit Thorsten Fink, das viral gegangen ist. Das passiert einem einfach. Und solche Antworten sind mir eigentlich fast lieber, als wenn einer nur Floskeln und Standardsätze von sich gibt.
90minuten: Wäre es auch zu hoch gegriffen, von ausgelaugten 23-Jährigen direkt nach der Abfahrt oder dem Spiel die intelligentesten Abhandlungen zu bekommen?
Pariasek: Ja, und man kritisiert meine Fragen immer wieder. Wir haben eine Frage und eine Antwort, bevor Werbung kommt und da kannst du niemanden nach der Relativitätstheorie fragen, sondern eben, ob er oder sie mit dem Spiel oder Lauf zufrieden ist oder wieso dieses oder jenes passiert ist. Dann wiederholen sich die Fragen natürlich. Das ist etwas ganz anderes, als wenn ich in Sport am Sonntag zehn oder 15 Minuten mit den Leuten spreche.
90minuten: Gehen wir in Ihre Anfangstage zurück. Da war es der Journalismus, der das Bild der Sportler prägte. Heute kann ich auf Instagram gehen und sehe: Aha, der hat eine Frau und einen Hund und spielt gerne Golf. Das heißt: Sie haben bis zu einem gewissen Punkt entschieden, was wir über Herzog, Polster und Co. wussten. Wie war das?
Pariasek: Bei den beiden genannten war es schwierig, weil sie ja im Ausland gespielt haben und wir wenig Kontakt hatten. Der ORF hatte aber lange ein Live-Spiel am Sonntag und viel mehr über die Bundesliga berichtet. Das ist heute leider nicht mehr so. Wir waren viel in den Stadien und alles war easy, um mit den Spielern in Kontakt zu kommen. So haben wir immer wieder gute Sachen erfahren. Ohne diesem regelmäßigen Kontakt ist es heute viel schwieriger.
90minuten: Dennoch gab es lange die Vorwürfe, der Sportjournalismus wäre mit den Entscheidern verhabert?
Pariasek: Das schließe ich für mich aus. Ich habe dadurch keine Beißhemmung entwickelt. Wenn irgendwas passiert ist, hat man das angesprochen, die Trainer sogar noch eine Spur härter. Da wurden schon ein paar Sträuße ausgefochten, etwa als Hans Krankl Teamchef war (2002 bis 2005, Anm.). Da waren die Leistungen nicht gut und dann fragst du natürlich danach. Er hat mir einmal vorgeworfen, dass ich immer so negativ frage, und es gipfelte darin, dass er sagte: "Ich hab das Gefühl, du freust dich, wenn wir verlieren." Ich erwiderte: "Du kannst nicht ernsthaft glauben, dass ich mich freue, wenn wir verlieren." Irgendwann hat er eingesehen, dass das Teil meines Jobs ist, und heute haben wir ein sehr gutes Verhältnis.
90minuten: Die Zeit zwischen 1998, der Heim-Euro 2008 sowie der ersten EM-Quali unter Koller 2016 war von Misserfolgen geprägt. Da mussten Sie dann Teamchef um Teamchef kritisch befragen. Wie war das für Sie?
Pariasek: Man lernt eine gewisse Leidensfähigkeit, fiebert aber natürlich mit und will, dass das Nationalteam Erfolg hat. Jede Quali hoffst du, dass es klappt, weil es ja auch deine Berichterstattung beeinflusst. Nach 2008 war es etwas Besonderes bei der EM dabei zu sein. Ich selber profitiere ja auch davon, weil ich sichtbarer bin, Fragen bei Interviews stelle und moderiere, wenn Österreich gewinnt.
Das war eher beim ÖSV der Fall, dass sich heute nicht mehr in Amt und Würden befindliche Personen darüber aufgeregt haben, dass wir die Ski-Trainer nur interviewen, wenn es schlecht läuft, beim Fußball aber immer.
90minuten: Das war auch die Zeit der großen Charaktere, Beppo Mauhart war von 1984 bis 2002 ÖFB-Präsident, Gigi Ludwig war ab 1986 Generalsekretär. Hat es da auch Versuche gegeben, beim ORF Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen?
Pariasek: Von ÖFB-Seite her nicht, das war eher beim ÖSV der Fall, dass sich heute nicht mehr in Amt und Würden befindliche Personen darüber aufgeregt haben, dass wir die Ski-Trainer nur interviewen, wenn es schlecht läuft, beim Fußball aber immer.
90minuten: Und von Vereinsseite her? Hannes Kartnig oder Rudi Edlinger waren ja auch eher schillernde Personen. Denen hätte ich schon zugetraut, dass sie direkt beim ORF-Generaldirektor anrufen.
Pariasek: Die beiden haben sich eine Zeit lang befetzt. Dann haben wir sie zu "Sport am Sonntag" eingeladen, und der Edlinger hat beim Rausgehen gemeint, ich wäre eher auf der Seite von Kartnig und dass das vielleicht ein Auftrag von Elmar Oberhauser war, dem Sportchef und Freund vom Sturm-Präsidenten. Sonst ist es vielleicht zweimal vorgekommen, dass irgendwelche Pressesprecher anrufen. Echte Interventionen hat es nicht gegeben. Nur einmal hat ein Präsident mit ORF-Boykott gedroht, aber ich will da jetzt im Nachhinein nicht mehr erzählen, wer das war.
90minuten: Wir sprechen gerade über eine Zeit, die viele meiner Leser nicht mehr aktiv mitbekommen haben. Rund um 2010 herum hat sich der Fußball auch durch Online-Medien stark verändert. Der mittlerweile verstorbene FM4-Chef Martin Blumenau oder auch wir bei 90minuten haben einen komplett anderen, in unserer Wahrnehmung freieren und analytischeren Zugang zu Sportjournalismus gewählt. Inwiefern hat sich der TV-Journalismus dadurch bzw. durch mehr taktisches Verständnis und Daten verändert?
Pariasek: Du wächst mit. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Bezeichnungen für bekannte Dinge ich in den letzten Jahren gelernt habe, vornehmlich englische Ausdrücke. Ich denke aber, dass wir es nicht verkomplizieren dürfen. Natürlich gibt es viele Zahlen-, Daten- und Taktikfreaks, die uns zuschauen. Aber viele andere wollen einfach ganz normal Fußball schauen und eine gute Zeit haben. Da darf man es mit Fachausdrücken und Daten nicht übertreiben, sondern muss eine gute Mischung finden, bevor es zu verkopft und kompliziert wird. Und ein bissl Schmäh muss auch dabei sein, weil ich glaube, dass die Menschen auch leichte Unterhaltung genießen.
90minuten: Vor allem Jüngere kommen über den Sport bzw. Fußball überhaupt das erste Mal mit Journalismus in Berührung. Darüber hinaus geht es im Fußball schon lange nicht mehr nur um Fußball. Wenn Millionen Österreicher zuschauen, entsteht daraus auch eine Verantwortung, oder?
Pariasek: In der Analyse möchte ich aber schon herausarbeiten, warum das Spiel so ausgegangen ist, wie es ist oder warum man trotz viel Ballbesitz nie in die gefährliche Zone kam. Traineraussagen müssen eingeordnet, Fehler angesprochen werden. Vor anderen Themen dürfen wir unsere Augen nicht verschließen. Du musst Menschenrechtsverletzungen oder Rassismus ansprechen, das ist klar.
90minuten: Ist die Zeit vor und nach dem Spiel der richtige Ort, das anzusprechen?
Pariasek: Das entscheiden wir von Fall zu Fall. Gerade in Bezug auf die USA diskutieren wir, ob es nicht auch gewisse Themen gibt, die wir den Korrespondenten überlassen. Wenn bei einem Spiel etwas passiert, werden wir natürlich darüber berichten.
90minuten: Damit kommen wir in das Hier und Jetzt. Für David Alaba schließt sich ein Kreis...
Pariasek: (unterbricht) Der hat 2009 unter Didi Constantini debütiert. Ein Wahnsinn. Das muss man sich erst vorstellen!
90minuten: Die WM kann die Krönung seiner Karriere werden. Man darf ja auch nicht vergessen, dass die Quali zur Euro 2016 sehr eng war, von den neun Siegen waren sechs mit nur einem Tor Unterschied. Dann ist in Frankreich alles schief gelaufen, auf himmelhochjauchzend kam gegen Ungarn schnell zutodebetrübt. Und es gab ja auch diese angebliche Fetzerei, über die die Tageszeitung Österreich berichtete. Haben Sie das mitbekommen und wie sind Sie damit umgegangen?
Pariasek: Wir haben dazu von verschiedenen Seiten etwas gehört, die Spieler haben in Abrede gestellt, dass da Suppenlöffel und Teller geflogen sind. Selbst wenn mehrere Personen das erzählen, muss man vorsichtig sein, wenn so ein Gerücht gestreut wird. Ob es stimmt, ist ja nicht verifizierbar, weil wir nicht dabei waren und es keine Bilder gibt. Ich habe mit den Experten Prohaska und Mählich über die Möglichkeit solcher Vorfälle gesprochen, ohne Namen oder konkret zu werden.
Er wurde kritisiert, und gerade Roman Mählich hat sich kein Blatt vor den Mund genommen. Daraufhin war er nicht gut auf uns zu sprechen und hat uns vorgeworfen, wir würden ihn zu hart kritisieren.
90minuten: Nach der Ära Koller kam die Ära Foda. Da trafen talentierte Kicker auf einen eher vorsichtigen Trainer.
Pariasek: Er wurde dafür kritisiert, und gerade Roman Mählich hat sich kein Blatt vor den Mund genommen. Daraufhin war er nicht gut auf uns zu sprechen und hat uns vorgeworfen, wir würden ihn zu hart kritisieren. Sein Argument war, dass er mit dieser Art Erfolge gefeiert hatte. Dass die Spieler schon damals häufig durch die Red-Bull-Schule gegangen waren, hat er weggewischt. Ob er erfolgreicher gewesen wäre, wenn er diesen Spielstil praktiziert hätte, wissen wir natürlich auch nicht.
90minuten: Bis zu einem gewissen Punkt ist sein Ärger wohl auch verständlich. Er kann sich immer anhören, wie schwach die Liga bei seinem Titel war. Und beim LASK wird es auch wurscht sein, mit welchem Fußball sie Meister geworden sind. Sind wir als Journalisten da manchmal zu kritisch?
Pariasek: Journalisten sind auch Fans, und man wünscht sich immer den Fußball, den wir im Hinspiel zwischen PSG und Bayern gesehen haben. Das spielt es aber nicht. Beziehungsweise muss man das relativieren, und man kann das von österreichischen Klubs nicht verlangen. Aber dass wir Trainer wegen ihrer Aufstellung, der Spielweise oder Spielerwechseln kritisieren, ist auf jeden Fall 'part of the game'.
90minuten: Ist das bei Leuten von außen, wie Koller oder nun Ralf Rangnick, leichter, als wenn man sich schon jahrelang jedes Wochenende über den Weg läuft? (Rangnick ist in seiner Salzburg-Zeit selten greifbar gewesen, Anm.)
Pariasek: Rangnick habe ich nicht wirklich gekannt und bin dann nach dem zweiten Spiel von ihm gleich ein bisschen angeschnauzt worden. Aber wie erwähnt, ist mir so eine Antwort lieber. Er ist auch eine andere Persönlichkeit, als Koller oder Foda es waren, aber darauf darf man keine Rücksicht nehmen und die Frage nach so einer Antwort nicht in Watte packen. Ein anderes Mal war er auch nicht happy, aber das wird er aushalten.
90minuten: Er hat uns ja auch nach Amerika gebracht. Wie gestaltet sich die Berichterstattung vor Ort?
Pariasek: Wir sind ein kleines Team, Andreas Herzog und ich sowie Paul Passler als Reporter, dazu noch zwei Kamerateams. Wir fliegen gemeinsam mit dem Team in die USA und sind in einem günstigen Hotel in der Nähe der Nationalmannschaft untergebracht. Von dort aus melden wir uns. Bei den Spielen melden der Herzerl und ich uns dann aus dem Stadion.
90minuten: Wir hoffen auf einen langen Einsatz – wie wird es für Sie sein, nicht mehr im Zielbereich oder neben dem Spielfeld zu stehen?
Pariasek: Sportgroßereignisse sind das Tollste für mich. Bei Olympia sind ja immer unsere Sportler dabei. Ich durfte dann zwei WMs und vier EMs mit rot-weiß-roter Beteiligung begleiten und freue mich jetzt einmal riesig auf die WM.
90minuten: Womit rechnen Sie?
Pariasek: Natürlich bist du auch ein gebranntes Kind, weil wir ja schon 1998 oder 2016 damit gerechnet haben, weiterzukommen. Jetzt kommen auch die Dritten weiter, mit der K.-o.-Phase rechne ich schon. Dann kommt es auf die Auslosung an - wenn wir Spanien bekommen, wird es schwierig. Ich hoffe einfach, dass wir wie in Deutschland 2024 für eine Euphorie sorgen können, weil das Nationalteam eine unglaubliche Sogwirkung hat.
90minuten: Wir danken für das Gespräch!
Georg Sohler