Gerhard Zallinger ist eines der Urgesteine im Betreuerstab der österreichischen Nationalmannschaft.
Der Sportwissenschafter ist seit rund eineinhalb Jahrzehnten beim ÖFB tätig. Turniererfahrung hat der frühere Leistungssportler schon jede Menge gesammelt. Die EURO 2016 unter Marcel Koller war seine erste Endrunde.
"Die WM ist aber nochmal eine Dimension größer als eine EURO", sagt der 55-Jährige, der unter anderem auch schon für die Wiener Austria und Panathinaikos Athen gearbeitet hat.
Im 90minuten-Interview spricht Zallinger über Jetlags, die frühe Anpfiffzeit gegen Argentinien und die kommenden Teamspieler, die körperlich noch besser drauf sein werden.
90minuten: Wie lange werden die Spieler nach dem Flug nach Los Angeles Zeit haben, um den Jetlag auszugleichen?
Gerhard Zallinger: Nicht allzu lange. Es geht in den Westen, das ist bekanntlich etwas leichter zu verkraften. Es ist einfach ein langer Tag, den wir mit einem recht zeitigen Nachtschlaf beginnen. Wir werden den nächsten Tag aber nahe an dem, was wir brauchen, eintakten.
90minuten: Wie groß ist die Vorfreude auf das Turnier schon?
Zallinger: Extrem groß! Im Vorfeld haben mich gefühlt hundert Leute gefragt, ob ich jetzt viel Stress habe. Ich versuche dann immer, zu erklären, dass mich wahrscheinlich 1.000 Leute um diesen Job beneiden. Insofern kann das kein Stress sein.
90minuten: Was ist vor dem Turnier noch zu tun?
Zallinger: Wir werden versuchen, mit einem sehr gut angepassten Rhythmus eine Matchfitness zu erreichen, die sich Richtung 16. Juni hin orientiert.
90minuten: Welche Werte werden täglich gemessen bzw. abgefragt?
Zallinger: Wir messen den CK-Wert, schauen uns den Flüssigkeitshaushalt und in weiterer Folge die Schwankungen des Körpergewichts an. Außerdem schauen wir uns an, was am Feld passiert, welche physischen Einzeldaten wir da auslesen können. Außerdem spielt die subjektive Befindlichkeit der Spieler eine große Rolle. Wie erlebt er die Nacht? Wie die Trainingseinheiten?
90minuten: Worauf gilt es dann während des Turniers zu achten?
Zallinger: Regeneration! Das bedeutet manchmal, körperlich gesehen fast nichts zu tun. Man kann verschiedene physiologische Vorgänge unterstützen – Fueling, Cooling, Heating. Es wird das Um und Auf sein, das inklusive der Reisebedingungen, gut zu lösen. Es ist aber genug Zeit, es ist kein Stress.
Es gibt irrsinnig viele Daten, aber nur wenige helfen dir wirklich weiter.
90minuten: Was ist in Sachen Regeneration die wichtigste Zeit?
Zallinger: In der ersten halben Stunde bis Stunde kann man sehr viel erledigen, da ist der Organismus besonders aufnahmefähig für Nährstoffe. Da leiten wir auch schon passive, therapeutische Maßnahmen ein. Über allem steht ein ruhiger, ununterbrochener Schlaf. Das sind die zwei wesentlichen Dinge.
90minuten: Es sind viele Flüge, längere Flüge. Wie geht ihr das an?
Zallinger: Wir versuchen, bis ins kleinste Detail zu überlegen, was eintreten könnte. Die Flüge sind für die Spieler ja nicht zwingend ungewohnt. Wenn sie Europacup spielen, sind sie in einer normalen Woche auch mit Hin- und Rückflügen konfrontiert.
90minuten: Welchen Einfluss hat die Anstoßzeit des Argentinien-Spiels, das ja zu Mittag stattfindet?
Zallinger: Wir werden das mittelfristig vorbereiten, die biologische Kurve auf diese Zeit hin verschieben – ein bisschen früher aufstehen, die Trainings auf die Spielzeit anzupassen. Wir trainieren ja jetzt auch um die Mittagszeit, da gibt es keinen Intensitätsabfall, auch der Biorhythmus passt ganz gut.
90minuten: Dein erstes Turnier war die EURO 2016. Was hat sich auf deinem Arbeitsgebiet in diesem Jahrzehnt verändert?
Zallinger: Einiges! Es hat sehr viel Technologie Einzug gehalten, man hat viele Daten und Gerätschaften zur Verfügung. Es gibt irrsinnig viele Daten, aber nur wenige helfen dir wirklich weiter. Es ist das Um und Auf, das Wichtige und Wesentliche herauszufiltern. Der Markt bietet wahnsinnig viel an, diese Breite kannst du nicht einsetzen. Je mehr Technologie eingesetzt wird, umso mehr Manpower braucht es. Die Geräte übernehmen nicht unseren Job.
90minuten: Wie schwierig ist es, sich nicht in all diesen Zahlen, die man zur Verfügung hat, zu verlieren?
Zallinger: Daten sind das eine, das zentrale Element ist aber immer noch die Arbeit am Spieler. Wir lassen uns da von den Daten nicht in eine Richtung lenken, sie sollen nur Beitrag zu einem Gesamtbild sein.
90minuten: Wenn man sich den körperlichen Zustand der Teamspieler so ansieht, gewinnt man das Gefühl, dass da eigentlich nicht mehr viel geht. Ist der athletische Peak erreicht?
Zallinger: Noch nicht ganz. Das hat mit einer langfristigen Entwicklung zu tun. Klar sind unsere Spieler auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit, sonst würden sie ja nicht im Nationalteam spielen. Dennoch gibt es in verschiedenen Teilbereichen noch Luft nach oben. Das lässt sich aber nur langfristig herstellen. In den letzten Jahren hat es sich enorm so entwickelt, dass sehr viel abseits des Rasens gearbeitet wird. Der Markt der Fußballer geht noch mehr zum Super-Athleten, der einfach sehr gut kicken kann.
90minuten: An welche Teilbereiche denkst du?
Zallinger: An alle klassischen, konditionellen Bereiche: Schnelligkeit, Kraft, Ausdauer. Da ist in der mittel- und langfristigen Entwicklung sicher noch mehr möglich. Aber durch den Wettkampf-Rhythmus in den Top-Vereinen hast du ganz wenig Zeit und Räume, um solche Kapazitäten aufzubauen. Das muss frühzeitig im jugendlichen Training beginnen. Das passiert auch immer mehr.
Ich muss gestehen, dass mir das Genießen in dem Moment, in dem es passieren sollte, oft schwerfällt.
90minuten: Das heißt, die aktuellen Akademie-Spieler mit 15 Jahren legen durch den wissenschaftlichen Fortschritt jetzt schon die Basis, in zehn Jahren noch athletischer zu sein als die aktuellen Nationalspieler?
Zallinger: Ja. Im Schnitt werden sicher keine Sprünge passieren, aber ich glaube, wir werden immer wieder Spieler sehen, die herausragende konditionelle Merkmale haben.
90minuten: Worauf freust du dich bei der WM am meisten?
Zallinger: Ich freue mich auf die Zeit mit diesem Team und dieser Gruppe. Das ist so eine leidenschaftliche Truppe, mit der man gerne etwas erarbeitet und erlebt. Es sind die Menschen.
90minuten: Wie groß wird dein Zeitaufwand sein? Bist du vom Aufstehen bis zum Schlafengehen beschäftigt?
Zallinger: Möglicherweise gibt es eine arbeitsfreie Phase irgendwann am Nachmittag, wo man sich eine Stunde zur Entspannung gönnt. Aber es geht um 7:30 Uhr los und endet um 23:00 Uhr.
90minuten: Was für die Spieler gilt, gilt wohl für euch Betreuer auch: Die WM dann wirklich zu genießen, ist schwierig.
Zallinger: Ich muss gestehen, dass mir das Genießen in dem Moment, in dem es passieren sollte, oft schwerfällt. Du hast eine Grundspannung. Aber ich kann es kurz danach genießen.
Harald Prantl