Manfred Schmid hat als Trainer und Betreuer zwar nicht alles erlebt, aber sehr viel: Er war Co-Trainer bei Austria Wiens letztem Titel, danach in Köln und Dortmund in selber Funktion tätig. In Österreich war der 54-Jährige Headcoach bei den Veilchen und dem Wolfsberger AC. Den TSV Hartberg führte Schmid ins Cup-Finale und nun in die Meistergruppe.
Wird der WAC aufgrund der Erfolge in jüngerer Vergangenheit sowie der Transfererlöse eher zu den Großklubs gerechnet, schaut die Bilanz der "Kleinen" in der Meistergruppe nicht rosig aus. Die besten Ergebnisse erzielte Hartberg, man wurde zwei Mal Fünfter.
Dieses Jahr ist mehr drinnen. Zwei Punkte trennen die Steirer vom zweiten Platz. Selbst Sturm ist mit 22 Punkten nicht unendlich weit entfernt. Das M-Wort nimmt Schmid nicht in den Mund, aber "jeder kann jeden schlagen", sagt er im 90minuten-Interview dann doch.
Der Erfolg der Hartberger ist kein Zufall, sondern basiert auf Planung, Prophylaxe und Kommunikation, wie Schmid ausführlich darlegt.
90minuten: Die Meistergruppe wird aufgrund des Finalcharakters oft als sehr stressig beschrieben. Wie viel Stress haben Sie?
Manfred Schmid: Wichtig ist die Vorbereitung. Ich laufe ungern hinten nach, sondern erledige Dinge im Vorhinein. Man weiß ja bis zum Ende des Grunddurchgangs nicht, gegen wen man spielt, da braucht es dafür ein gutes Team. Das habe ich, also habe ich keinen Stress.
Kalajdzic oder Adeniran sind g'standene Spieler. Die "Kleinen" stoßen nicht nur an Leistungsgrenzen, es fehlen einfach die finanziellen Möglichkeiten, derartige Spieler zu holen und dann auch zu halten.
90minuten: Die sogenannten kleinen Klubs – zu denen ich den WAC nicht zähle – waren nie besser als Fünfter. Das hat der TSV Hartberg zwei Mal geschafft. Warum geht nicht mehr?
Schmid: Zuerst muss ich festhalten, dass die Leistung meiner Mannschaft nicht hoch genug einzuschätzen ist. 2019/20 war der Kader im Schnitt 26,3 Jahre alt, 2023/24 waren es 24,4 Jahre. Insgesamt stehen wir heute bei 23,8 Jahren – gegen den LASK betrug der Schnitt unserer fünf startenden Verteidiger 21,2 Jahre. Für viele Spieler ist das die erste Saison auf höchster Ebene. Was macht es für die Kleinen nun so schwierig?
Nehmen wir den LASK her: Kalajdzic oder Adeniran sind g'standene Spieler. Die "Kleinen" stoßen nicht nur an Leistungsgrenzen, es fehlen einfach die finanziellen Möglichkeiten, derartige Spieler zu holen und dann auch zu halten. Dazu kommt, dass man den Kader jedes Jahr umbauen muss. Und wir sind vom Kader her nicht besser als jene, die hinter uns gelandet sind. Aber wir haben eine Art und Weise zu spielen gefunden, die uns taugt, mit der sich das Team identifizieren kann und wir haben ganz viel Mentalität, Teamgeist und natürlich auch Qualität. Ich denke, das sieht man am Platz. Im Endeffekt spielt aber der kleinstmögliche Verein der Bundesliga gegen die Größten und will sie Woche für Woche ärgern.
90minuten: Die Liga ist in diesem Jahr generell verrückt, auch wenn nicht davon auszugehen ist, dass Salzburg in vier weiteren Pflichtspielen nicht treffen wird. Rechnerisch muss man jetzt aber dennoch sagen, dass alle Meister werden können. Was ist in diesem "Chaos" für Hartberg realistisch drin?
Schmid: (denkt nach) Wir haben gesehen, dass wir gegen jeden in der Meistergruppe eine Chance haben. Jeder kann jeden schlagen – und wir sind unangenehm zu spielen, wiewohl wir jede Woche ans Limit gehen müssen, um zu punkten. Aber wir haben jetzt von den letzten 15 Spielen nur eines verloren, die Brust wird immer größer. Siehe Linz: Da haben unsere Routiniers Kainz und Spendlhofer nicht gespielt und Heil musste angeschlagen raus und auch wenn wir nicht unser bestes Gesicht gezeigt haben, hätte Fridrikas am Ende fast eine hundertprozentige Torchance gehabt.
90minuten: Sprechen wir über das Coaching. Der große Wurf in Form des Cup-Sieges wurde letztes Jahr verpasst. Beim WAC sehen wir, dass ein paar Änderungen nach einem Riesenerfolg schnell in die andere Richtung gehen können. Woran liegt das?
Schmid: Ich kann das nur allgemein sagen: Es passiert immer wieder, dass Mannschaften alles richtig machen und etwas erreichen. Dann ändern sich aber die Begehrlichkeiten von Spielern, Beratern, Trainern und Funktionären. Im Erfolg passieren die größten Fehler, man glaubt, es geht einfach so weiter. Die Leute sehen den Erfolg als selbstverständlich, es fehlt die Wertschätzung, dann wird oft falsch geplant. Bei uns in Hartberg weiß jeder, dass wir "nur" ein Sprungbrett sind. Die Kicker sehen uns insofern als gute Plattform, weswegen wir auch so viele gute Leihspieler bekommen. In Kombination mit unseren Führungsspielern funktioniert das!
90minuten: Kommen wir zur aktuellen Saison. Welche Rolle spielten die Auswärtsspiele? Erleichterte das vielleicht ein paar Dinge, weil eh jeder wusste, wie schwierig das wird – gerade nach dem großen Erfolg der Cupfinal-Teilnahme?
Schmid: Das ist eben ein Teil dieser Mentalität, die ich vorher schon angesprochen habe. Da geht es um die Einstellung, dass es nahezu egal ist, ob wir daheim oder auswärts antreten. Aber es ist natürlich ein großer Nachteil mit dem Ausweichstadion. Wir sind das erste halbe Jahr nur im Bus gesessen. Du kommst nicht zwei Stunden vor dem Spiel ins Stadion, sondern triffst dich schon am Vormittag. Da braucht es gute Planung: Wo isst das Team? Wie regenerieren die Spieler? Was passiert nach den Partien? Ich möchte hier die Verantwortlichen in der Südstadt übrigens loben: Unsere Jungs haben sich sehr wohlgefühlt.
Wir müssen Einnahmen generieren und die trotz des erweiterten Stadions nicht ausreichende Infrastruktur verbessern. Es muss unser Ziel sein, den einen oder anderen Spieler dazu zu holen, den wir für mehr Geld verkaufen können.
90minuten: Der Kader verändert sich ständig. Mit Donis Avdijaj sind "14 Tore und fünf Assists" gegangen, Mijic hat gut gespielt, trifft noch nicht so. Andere springen natürlich ein, aber wie managt man derartige Umbrüche?
Schmid: Auch hierbei geht es in erster Linie um die richtige Vorbereitung. Erich Korherr und ich haben unsere Netzwerke. Wir schicken uns gegenseitig Spielerprofile, die ich analysiere. Dann diskutieren wir diese offen und ehrlich. Er vertraut auf meine lange Erfahrung als Chefscout, bzw. in Deutschland, also liegt die Letztentscheidung bei mir. Aber wir sind klar in unseren Meinungen – das macht uns erfolgreich. Unser Ansatz beim Kader ist es, zu erfahrenen Spielern wie Tobias Kainz, Lukas Spendlhofer und Kapitän Jürgen Heil unerfahrene Spieler zu holen, sei es aus zweiten Teams wie Vincze und Pazourek oder aus dem Ausland, wie Coulibaly oder Hülsmann.
90minuten: Inwiefern erschwert die Tabellenteilung die Kaderzusammenstellung? Gibt es einen "Schattenkader"?
Schmid: Das macht es nicht einfach. Vor allem, weil wir viele Leihspieler haben. Dabei gilt es abzuwarten, ob einer geht oder doch noch ein Jahr bleibt. Das ist wieder etwas, worauf man sich vorbereiten muss. Einen Schattenkader haben wir aber nicht, auch keinen Scout. Wir überlegen uns, auf welcher Position etwas passieren könnte, und nützen dann unsere Kontakte.
90minuten: Welche Rolle spielen mögliche Transferaktien als Einnahmequelle?
Schmid: Wir müssen Einnahmen generieren und die trotz des erweiterten Stadions nicht ausreichende Infrastruktur verbessern. Es muss unser Ziel sein, den einen oder anderen Spieler dazu zu holen, den wir für mehr Geld verkaufen können. Und wir wollen seit Jahren mit der zweiten Mannschaft aufsteigen. Auch das ist notwendig, um die Spieler auszubilden und den Verein weiterzubringen. Gegenwärtig haben wir in der Landesliga sieben Punkte Rückstand auf Ilz. Zwar haben wir zuletzt ein wichtiges Spiel verloren, aber es ist aufholbar, weil es noch ein direktes Duell mit dem Tabellenführer gibt.
90minuten: Der TSV ist acht Spiele in Folge ungeschlagen. Reden wir später darüber, dass es mit dem Toreschießen aktuell nicht so gut klappt, aber das ist bei keinem Klub eine Selbstverständlichkeit. Wie kommt das zustande?
Schmid: Ich erkläre das so, dass unser System taktisch gewachsen ist. Es macht den Spielern Spaß, richtig gut zu verteidigen. Der Teamgeist ist groß, es ist einfach eine richtig geile Truppe. Außerdem kreieren wir ja immer auch Torchancen. Wir haben sogar Punkte hergeschenkt. Es fehlt vielleicht an Durchschlagskraft, weil wir genug Chancen gehabt hätten. Gegen Blau-Weiß Linz hat Havel den Ball an die Latte gelupft, wenn sich Fridrikas den Ball gegen den LASK mitnimmt … Beachtlich finde ich zudem, dass der Ballbesitz gegen die Athletiker quasi ausgeglichen war – und das gegen einen Titelkandidaten!
Im Training spielen alle Abwehrspieler stets auf allen defensiven Positionen, damit sie wissen, wie die Abläufe sind.
90minuten: Ich mache das normalerweise nicht, aber darf man die Unerfahrenheit als Ausrede für im Herbst hergeschenkte Punkte gelten lassen?
Schmid: Ich lasse diese Ausrede gelten, weil das einfach passiert, wenn ich mit 19 oder 20 Jahre alten Spielern agiere. Aber die hergeschenkten Punkte sind lange her. Wir haben besprochen, wie wir damit umgehen und uns überlegt, was wir machen können. Jetzt verfallen wir nicht in diese alten Muster, weil jeder weiß, was zu tun ist, wenn wir ein Gegentor erhalten. Auch das war ein Lerneffekt, der geholfen hat.
90minuten: Auffällig ist ja, dass man gemeinsam mit Altach die beste Defensive der Liga stellt. Letztes Jahr waren die am häufigsten eingesetzten Spieler zum Teil aus der Offensive, dieses Jahr sind es Keeper, drei Innenverteidiger und Abräumer Markus. Welchen Faktor spielt die Eingespieltheit dabei?
Schmid: Es geht schon drum, dass die gesamte Mannschaft als Einheit agiert, da geht es nicht nur um die Defensive. Die, die viel spielen, machen ihre Sache einfach gut. Auch die Innenverteidiger, die auf der Bank sitzen, wissen, wie wir spielen wollen. Im Training spielen alle Abwehrspieler stets auf allen defensiven Positionen, damit sie wissen, wie die Abläufe sind. In der Offensive ist das etwas anders. Du hast ja fünf Wechsel zur Verfügung und wenn es 0:0 steht, dann wechselst du nicht hinten, sondern hoffst, dass ein neuer Stürmer an dem Tag eher trifft.
90minuten: Man hat auch Verletzungsglück. Von den Leistungsträgern ist keiner wirklich lange ausgefallen.
Schmid: Alle hätten Probleme, wenn Leistungsträger ausfallen. Wir haben eine klare Idee, wie wir Spieler entwickeln, wenn sie zu uns kommen. Manche Spieler haben damit Probleme, wenn sie zu uns kommen und wir sie auf unser Niveau heben möchten. Wir machen das mit klarem Plan und langen Läufen sowie Kraft-Schnelligkeits-Training. Dadurch gibt es wenig verletzte Spieler bzw. Muskelverletzungen. Ich möchte da meine Co-Trainer Andreas Biritz und Martin Mayer loben, die sich mit der Verletzungsprophylaxe befassen. Die Spieler geben auf ihr Training sehr gutes Feedback.
90minuten: Kommen wir nun endlich zur Offensive. Elias Havel hat Ladehemmung, ihm gelang erst ein Assist in diesem Jahr. Ist da der Psychologe Manfred Schmid gefragt? Es würde alle jungen Spieler beschäftigen, wenn ihnen der Knopf just in der WM-Saison aufgeht, oder?
Schmid: Das unterschreibe ich zu hundert Prozent. Er ist ja richtig durchgestartet, ist sehr professionell, schnell und dadurch torgefährlich. Allerdings arbeitet er defensiv extrem viel für die Mannschaft und wünscht sich gleichzeitig, mehr zu treffen. Es ging auch um die Vertragssituation. Man merkte bei den Interviews ja, dass er nicht ganz so locker ist. All das geht nicht spurlos an einem vorbei. Aber es ist ihm klar, was passiert, wenn er Torschützenkönig wird. Jetzt haben wir die Option gezogen und es herrscht Klarheit.
90minuten: Er ist einer der wenigen Nationalspieler. Bei Sturm, Salzburg und Co. ist in der Länderspielpause kaum jemand da.
Schmid: Wir haben schon drei, vier Nationalspieler, aber bei uns gibt es keine Pausen. Während andere Vereine durchschnaufen, trainieren wir hart, spielen interne Testspiele. Gegen andere will ich nicht spielen, das wäre denen gegenüber unfair, die nicht da sind. Natürlich gibt es auch zwei freie Tage.
Die Welt ist schon schlimm genug. Man hat das Gefühl, dass alles aggressiver und weniger tolerant wird. Mehr Respekt würde uns allen helfen.
90minuten: Dazu passend: Dietmar Riegler hat einmal in einem Interview gesagt, dass Sie Dinge zu schön sehen. Sind Sie "zu nett"?
Schmid: Irgendetwas musste er ja auch sagen. Aber ich weiß es nicht. Ich kam zum WAC, als sie Abstiegssorgen hatten, das war eine sehr schwierige Situation dort. Ich musste den Kader komplett verändern und ich möchte auf die Transfers verweisen, weil ich trotz dieser Situation viele Spieler mit meiner netten Art weiterentwickelt habe: Baribo ging um viel Geld, Veratschnig hat sich stark weiterentwickelt, Bamba ist gekommen, Nwaiwu hat auch schon unter mir mittrainiert und einen Vorvertrag unterschrieben.
Außerdem weiß jeder, dass ich nicht nur nett bin. Ich will die Menschen hinter den Spielern sehen, interessiere mich für ihre Sorgen und gehe respektvoll mit ihnen um. Je besser ich jemanden kenne, desto besser kann ich ihn auf seinem Weg unterstützen. Vielleicht ist das mein Erfolgsgeheimnis. Das ist aber nicht "nett", sondern für mich normal.
90minuten: Braucht es auch mehr "nett" im Fußball? Die Sprache und Bildsprache der Fans ist martialisch, wie es bei Derbys zugeht, wissen wir leider alle ...
Schmid: Fans schimpfen und freuen sich gleichermaßen emotional, das gehört dazu. Nach dem Spiel sollte es damit aber vorbei sein. Ich war als Spieler nicht der netteste, wollte mit aller Macht gewinnen. Ich hatte aber Respekt für Gegenspieler, Mannschaften, Trainer und Vereine. Ich habe kein Verständnis dafür, dass alles immer negativer wird. Die Welt ist schon schlimm genug. Man hat das Gefühl, dass alles aggressiver und weniger tolerant wird. Mehr Respekt würde uns allen helfen.
90minuten: Wir danken für das Gespräch!
Georg Sohler