Dietmar "Didi" Kühbauer in Fußballösterreich vorzustellen, ist ungefähr so, wie zu erklären, dass das Runde ins Eckige muss. Vielleicht liegt es daran, dass er ungefähr keinem Klischee entspricht, er ist sowohl vom 98er-Schmähbruder, als auch vom Laptoptrainer weit entfernt. Machen wir es trotzdem in aller Kürze:
Dritter Platz mit der Admira, Tabellenführer mit dem WAC, Sensationslauf mit dem SKN, zwei zweite Plätze mit Rapid, Cupsieg mit den Wölfen. Dass man ihn zwischen den beiden letzten Stationen schon zum LASK holte, stanzte und wieder verpflichtete, spricht ebenfalls für sich.
Im Vorfeld des Duells mit dem SK Rapid (Sonntag, 17 Uhr im LIVE-Ticker) spricht er im 90minuten-Interview über den Erfolgslauf des LASK, wie Talente zu Profis werden, was ihm beim Wechsel von Wolfsberg nach Linz durch den Kopf ging sowie Hire-and-fire.
90minuten: Sechs Spiele, sechs Siege. Was ist das Kühbauer-Geheimnis?
Dietmar Kühbauer: Wenn ich das wüsste, würde ich es Ihnen verraten. Wir sind gegen Rapid gut rein gestartet, das hat uns sehr viel Selbstvertrauen gegeben. Vieles läuft im Moment sehr gut, vergangene Woche gegen Altach haben wir in der ersten Halbzeit nicht so performt, aber dennoch kein Gegentor erhalten. Der Run ist natürlich unglaublich gut, aber wir werden das nicht überbewerten.
90minuten: Davor gab es aus neun Ligaspielen nur sieben Punkte. Was für eine Mannschaft haben Sie vorgefunden?
Kühbauer: Es strotzt natürlich niemand vor Selbstvertrauen, gerade wenn man wie der LASK Ambitionen hat. Aber was war, hat kein Trainerteam zu interessieren. Du musst versuchen, den Spielern zu vermitteln, dass wir bei null anfangen. Und du kannst nicht irgendwelche Dinge erzählen, die dann nicht eintreten. Also habe ich gesagt: Was war, ist vorbei. Wir drücken auf den Resetknopf und schauen, dass wir mit harter Arbeit wieder in die Spur kommen. Klar, du musst analysieren, was nicht gut gelaufen ist und der Sieg gegen Rapid hat uns geholfen, aber wie das Team performt, war und ist super.
90minuten: Sprich: Aufrichten, auf die berühmten Basics konzentrieren und viel reden?
Kühbauer: Ja, wobei ich nicht glaube, dass du mit jedem drei Stunden reden musst. Du führst kurze Gespräche mit den Spielern, die länger da sind, oder mit dem Mannschaftsrat. Außerdem habe ich es mir angewöhnt, mir nicht die Probleme erklären zu lassen, wenn ich zu einem neuen Klub komme. Du wirst schnell beeinflusst und ich will es selbst fühlen und spüren.
Also mache ich mir mein eigenes Bild und beurteile die Spieler nur aus meiner Sicht. Natürlich kennt man den einen oder anderen aus der Liga, aber nie den Menschen dahinter. Das ist jetzt auch bisher nicht der Fall. Und du kannst nur die Basics angehen, nicht den achten Schritt vor dem ersten machen. Es braucht Kontinuität in der Abwehr, dann geht es sukzessive weiter nach vorne.
90minuten: Im modernen Fußball sind viele Herkunftsländer normal, beim LASK ist das vielleicht noch einmal mehr der Fall. Wie managt man so viele verschiedene Nationen, kulturelle Hintergründe, Herangehensweisen, in Krise und Erfolg?
Kühbauer: Es hat sich in den letzten Jahren viel verändert, beim WAC gab es ebenfalls einige Afrikaner. So konnte ich diese Kulturen kennenlernen. Allerdings ist jeder Mensch unterschiedlich, egal ob aus Europa oder Afrika. Du musst die Spieler "kriegen". Bei 25 Leuten wirst du aber nie alle erreichen können, auch wenn das die Wunschvorstellung ist. Aber wenn das beim Großteil klappt, ist das gut und wichtig für das Mannschaftsklima.
90minuten: Gerade Usor und Adeniran haben einen Schritt nach vorn gemacht. Wie haben Sie das gemacht, welche Ansprache brauchen sie und warum kann Kühbauer das?
Kühbauer: Usor kannte ich schon, er ist nicht mehr Flügelspieler, sondern zentral. Adeniran kannte ich aus dem Fernsehen und von den Spielen gegen den WAC. Die große Gefahr bei Stürmern ist, jemanden zu sehr unter Druck zu setzen. Müssen tun wir nur sterben, das wissen alle. Es geht auch bei ihnen darum, Dinge Schritt für Schritt zu ändern.
Österreichs Spieler sind drei- bis viermal teurer als andere. Ich wollte Fabian Wohlmuth aus der 2. Liga von Ried zum WAC holen. Auf einmal hat er eine hohe sechsstellige Summe gekostet.
90minuten: Und dann gibt es noch die, die nicht spielen bzw. jene, die am Feld standen, bevor sie gekommen sind.
Kühbauer: Es ist einfach so: Du musst Entscheidungen treffen und dann wird der eine oder andere nicht damit zufrieden sein. Ich würde ja eh gerne alle spielen lassen, die gut trainieren. Am Ende kann es dann sein, dass einer sich ungerecht behandelt fühlt. Aber ich vermittle immer, dass ich die Besten aufstelle und niemanden wegen persönlicher Dinge.
90minuten: Die Wintertransferzeit steht an, zu klein ist der Kader nicht. Werden Sie Veränderungen vornehmen?
Kühbauer: Wie jeder andere Trainer auch, will ich die eine oder andere Sache verändern. Aber es wird keine großen Veränderungen mit vielen Abgängen geben.
90minuten: Unser Nachwuchs ist nicht so schlecht, wie man gerade in Katar gesehen hat. Der LASK hat eben Kicker aus fast aller Herren Länder. Wollen Sie da wieder vermehrt drauf schauen, was in der zweiten Mannschaft für Talente schlummern?
Kühbauer: Mich freut dieser Erfolg ungemein, und ich habe dem Hermann Stadler schon vor dem Finale gratuliert. Und beim folgenden denke ich, dass ich für alle Trainer in Österreich spreche: Wenn ein eigener gleich gut oder besser als ein Legionär ist, wird es niemanden geben, der den Legionär spielen lässt. Unsere Thematik ist derzeit, dass es im Klubfußball international nicht so läuft und dann werden Dinge thematisiert, über die in Erfolgszeiten niemand spricht. Das ist auch wieder sehr typisch. Und: Die heimischen Spieler müssen bezahlbar sein.
90minuten: Wie meinen Sie das?
Kühbauer: Österreichs Spieler sind drei- bis viermal teurer als andere. Ich wollte Fabian Wohlmuth aus der 2. Liga von Ried zum WAC holen. Auf einmal hat er eine hohe sechsstellige Summe gekostet. Ich sag' zu ihm: Fabian, das ist zu viel, ich wünsche dir, dass du einmal so viel wert bist, aber jetzt nicht. Ich verstehe sowohl den Verein, der so einem Transfer nicht zustimmt, als auch den, der viel verlangt. Aber trotzdem sollte man das irgendwann auch einmal überdenken.
Beim WAC wurden dann auch andere Kicker um weniger Geld geholt. Persönlich habe ich bei Alt und Jung immer dasselbe gesagt wie bei Österreichern und Legionären, also dass ich den Jungen nehme, wenn er gleich gut ist. Seit Admira-Tagen sind so schon viele Spieler von mir herausgebracht worden.
90minuten: Vielleicht gehen wir da kurz drauf ein: Wie wird aus einem Talent ein Profi?
Kühbauer: Jetzt spielen sie gegen Gleichaltrige, wenn sie in den Erwachsenenfußball kommen, spielt's dort eine andere Musik. Sie müssen mit mehr Gegenwehr rechnen, die Gegner sind kräftiger, abgebrühter – da darf der Bursche den Kopf nicht in den Sand stecken. Es braucht einen langen Atem, um dabei zu bleiben. Jeder Trainer will den Spielern helfen und ihnen Spielzeit verschaffen. Da wird sich kein heimischer Coach dagegen wehren.
90minuten: Der kommende Gegner ist ein Ex-Klub. Rapid hat zuletzt gegen die Rotjacken verloren, was erwarten Sie sich für einen Gegner?
Kühbauer: Ich habe gehofft, dass Rapid das Spiel in Polen gewinnt. Ich sage das nicht wegen meiner eigenen Rapid-Vergangenheit, so etwas wäre für den österreichischen Fußball schön gewesen. Aber unabhängig von diesem oder einem anderen Spiel: Rapid ist immer gefährlich und kann überall gewinnen. Ich schaue auf uns und wir müssen eine adäquate Leistung zeigen. Wenn wir liefern, gehen wir als Sieger vom Platz.
90minuten: Die Hütteldorfer sind schwer einzuschätzen. Sie kennen die dort gefühlt immer herrschende Unruhe. Wie geht man als Trainer damit um?
Kühbauer: Ich wusste das alles ja und habe ein dickes Fell. Die Spieler müssen auch verstehen, was es bedeutet, dort zu spielen. In der Öffentlichkeit wird viel über Rapid gesprochen, das macht es auch nicht einfacher. Aber ich bin im Moment eigentlich zu weit weg und rede lieber über den LASK.
90minuten: Dann tun wir das: 15 Punkte aus fünf Ligaspielen lesen sich gut, ein Auswärtssieg beim Meister ist eine Ansage. Andererseits waren viele Siege knapp. Wie ordnen Sie diesen Lauf nun gegenüber der Mannschaft ein?
Kühbauer: Solche Siegesserien sind immer möglich, das war beim WAC letztes Jahr auch so. Und irgendwann verlierst du wieder Spiele. Wir wissen das ganz genau – und auch, dass wir noch nichts erreicht haben. Die Spiele waren eng und so wird es weiterhin sein. Ich möchte die Spieler an dieser Stelle auch loben, denn der Druck ist beim LASK sehr hoch, die Ansprüche gehen über eine mögliche Teilnahme an der Meistergruppe hinaus. Also müssen wir bis zur 22. Runde alles hineinhauen, dann werden wir sehen, wo die Reise hingeht.
90minuten: Rapid, Hartberg, GAK – da will man neun Punkte holen, aber einfach wird es gegen die beiden defensiv agierenden Steirer auch nicht.
Kühbauer: Es klingt abgedroschen, aber es ist so: Wir rechnen am Ende des Jahres ab und möchten in jedem Spiel unser Bestmögliches abliefern. Danach weiß man, ob man keinen, einen oder drei Punkte hat. Wenn ich jetzt eine Ansage mache und dann mit null dastehe ... Ich weiß, es gibt den Journalisten nicht viel, aber es gilt: "Wir schauen nur auf das nächste Spiel." Für mich hat der Spruch seine Berechtigung.
Am Ende war ich überrascht, wie das alles so dargestellt wurde, als ob ich jemanden im Stich lasse. Das stimmt nicht. Ich habe mit den Spielern gesprochen und sie meinten: Trainer, ich verstehe das.
90minuten: Kommen wir zum Trainerbusiness. In Österreich werden Gegner eher wegen Misserfolgs hinaus geworfen, seltener geht es darum, wegen Erfolgs einen besseren Job zu ergattern. Was ist in Ihnen vorgegangen, den Cupsieger zu verlassen und gegen einen kriselnden Großklub mit kurzer Zündschnur einzutauschen? Dietmar Riegler hat es im 90minuten-Interview nicht verstanden.
Kühbauer: Ich habe mit ihm gesprochen, ob er mich versteht oder nicht, liegt nicht an mir. Ich bin alt genug, meine eigenen Entscheidungen zu treffen. Letztlich dachte ich, dass es mir auch dank der Vertragsklausel einfach zusteht. Und ich habe ja auch etwas Funktionierendes hinterlassen; schlimm wäre es gewesen, wenn nichts klappt und ich mich "schleiche". Am Ende war ich überrascht, wie das alles so dargestellt wurde, als ob ich jemanden im Stich lasse. Das stimmt nicht. Ich habe mit den Spielern gesprochen und sie meinten: Trainer, ich verstehe das. Dass wir jetzt einen Punkt vor dem WAC sind, hätte ich nicht gedacht. Ich war mit Herzblut dabei, das haben sie gespürt – dasselbe versuche ich auch hier beim LASK.
90minuten: Was unterscheidet den LASK im September 2025 von dem LASK im Juni 2023?
Kühbauer: Das ist für mich Vergangenheit, und ich hatte nie ein Problem. Das ist keine Worthülse. Was war, kann ich eh nicht ändern. Vielleicht bin ich da etwas anders. Aber ich denke, wenn man immer der Vergangenheit nachrennt, kann man wenig für die Zukunft tun.
90minuten: Kontinuität ist oftmals besser, als kurzfristig Trainer zu tauschen. Wie stehen Sie zur Hire-and-fire-Mentalität?
Kühbauer: Schlechte Zeiten passieren. Du definierst Ziele, dann kommen Verletzungen oder Sperren und man erreicht sie nicht; dann muss man adaptieren und neu über Ziele sprechen. Meines Erachtens werden Trainer zu schnell gewechselt. Das ist in Österreich generell ein Thema, und das nicht erst seit gestern. Aber das sage ich als Trainer, denn es ist part-of-the-game und man kann es nicht ändern. Es helfen nur Resultate, auch wenn ich mir in Zukunft wünsche, dass man erkennt, dass nicht alles, was vorher gut war, nachher schlecht ist. Man muss die Reißlinie nicht so schnell ziehen.
90minuten: Bei Ihnen geht es gerade in die andere Richtung. Gerade im Internet gibt es Stimmen, die sagen, der LASK ist ein Meisterkandidat. Sagen Sie das auch?
Kühbauer: Ich bin nicht in dieser virtuellen Welt, aber man vernimmt das. Aber man kann nicht innerhalb von fünf Spielen vom Zero zum Hero werden. Man muss das richtig einschätzen, das können wir. Jetzt geht es einmal um die Meistergruppe, auf Basis von ein paar Siegen Rückschlüsse zu ziehen, ist eher etwas für die Medien. Für mich ist das genau gar nichts, tut mir leid.
90minuten: Wir danken für das Gespräch!
Georg Sohler