Robert Gucher kennt den italienischen Fußball wie kaum ein anderer ÖFB-Legionär.
Seit 14 Jahren ist der Österreicher ununterbrochen in Italien aktiv, hat Auf- und Abstiege miterlebt, sämtliche Ligen von der Serie A bis hinunter zur Serie D kennengelernt und bereits in jungen Jahren Verantwortung als Kapitän übernommen.
In der vergangenen Saison führte er den gefallenen Traditionsklub FC Treviso als Kapitän zum Aufstieg von der vierten in die dritte Liga. 90minuten hat mit dem 35-Jährigen über seinen frühen Schritt ins Ausland, die Besonderheiten des italienischen Fußballs und eine mögliche Rückkehr nach Österreich gesprochen.
90minuten: Du bist mit dem FC Treviso in der vergangenen Saison souverän in die Serie C aufgestiegen. Was erwartet euch nun in der neuen Spielklasse?
Robert Gucher: Es wird ein spannendes Jahr. Wir befinden uns gerade am Ende der Sommervorbereitung, die bislang gut verläuft. Wir waren zuletzt in den Dolomiten im Trainingslager und sind nun zurück in Treviso, wo wir uns auf den Saisonstart am 23. August vorbereiten. Die Mannschaft befindet sich aktuell allerdings im Umbruch. Deshalb geht es für uns zu Beginn vor allem darum, uns nach dem Aufstieg wiederzufinden.
90minuten: Woran liegt das?
Gucher: Der Verein hat sich dazu entschlossen, die Mannschaft nach der vergangenen Saison neu aufzustellen. Nur vier Spieler und das Trainerteam sind geblieben, wobei mit Filippo Artioli einer der vier Spieler aufgrund eines Kreuzbandrisses lange ausfallen wird. Es ist also fast alles neu. Gleichzeitig sind einige Spieler mit viel Qualität dazugekommen, die bereits Erfahrung in höheren Ligen gesammelt haben. Jetzt müssen wir so schnell wie möglich zu einer Einheit werden, damit die Mannschaft den nächsten Schritt gehen kann.
90minuten: Nach dem Aufstieg ist die Fluktuation also eine Folge weiterer Professionalisierung?
Gucher: Nicht wirklich. Schon in der Serie D hatten wir einen kompletten Profibetrieb. Jetzt haben sich die Trainingszeiten zwar etwas verändert, aber der Wochenablauf und der große Betreuerstab waren bereits in der Vorsaison vorhanden. Große Traditionsklubs führen den Profibetrieb hier meist auch in den unteren Ligen weiter – das ist in Italien durchaus üblich und auch in Treviso der Fall. Der Klub hat im Norden Italiens eine große Tradition, unser Präsident ist sehr ambitioniert und kommt selbst aus der Gegend. Er verfolgt einen Dreijahresplan mit dem Ziel, wieder nach oben zu kommen. Dass wir gleich in der ersten Saison den Aufstieg in die Serie C geschafft haben, war natürlich ein perfekter Start.
90minuten: Wie blickst du persönlich auf die vergangene Saison zurück?
Gucher: Mich hat es stolz gemacht, diesen Schritt in die Serie D gewagt zu haben und dann mit dem Klub direkt erfolgreich zu sein. Ich wusste, dass das Risiko ziemlich hoch ist, in meinem Alter in die vierte Liga zu gehen. Ich war in meiner Karriere aber immer jemand, der sehr auf Projekte geschaut hat und langfristig gedacht hat – nicht nur über ein paar Monate oder eine Saison. Der Schritt nach Treviso hätte auch bedeuten können, dass meine Karriere danach vorbei ist und ich nur noch ein paar Jahre in der vierten Liga spiele. Deshalb hat mich die vergangene Saison richtig stolz gemacht. Solange ich mich körperlich noch fit fühle, möchte ich die Zeit auf dem Platz genießen und viel spielen. Gleichzeitig möchte ich den jungen Spielern mit meiner Erfahrung helfen und dem Klub auch abseits des Platzes mit meinem Wissen zur Seite stehen.
90minuten: Du bist selbst als junger Spieler nach Italien gewechselt und warst im Alter von 23 Jahren bereits Kapitän. Wie hast du dich als Talent aus dem Ausland im italienischen Fußball durchgesetzt?
Gucher: Mir war damals gar nicht bewusst, wie schwer es als Ausländer eigentlich ist, sich hier durchzusetzen. Erst mit etwas Abstand habe ich zu schätzen gelernt, was ich erreicht habe. Vor allem, wenn ich sehe, wie viele Spieler versucht haben, nach Italien zu gehen, und dann schnell wieder weg waren. Man muss schon einige Jahre hier sein, um den Fußball und die Mentalität wirklich zu verstehen. Mein Glück war, dass ich sehr jung nach Italien gewechselt bin. Damals habe ich mir darüber keine großen Gedanken gemacht, sondern wollte einfach Fußball spielen. Es ist aber enorm wichtig, sich einzufügen und die Sprache zu lernen. Und man muss klar sagen: Als ausländischer Spieler musst du in Italien besser sein als ein Einheimischer, sonst bist du schnell wieder weg.
90minuten: Warum ist das so?
Gucher: Es laufen viele Dinge im Hintergrund, die man als Spieler anfangs überhaupt nicht mitbekommt. Im italienischen Fußball reden viele Leute mit – Präsidenten, Berater, Manager. Trainer haben zu mir immer wieder gesagt: "Nimm einen italienischen Berater, dann wirst du eine super Karriere haben." Das ist auch üblich, denn diese Berater haben gute Verbindungen zu Trainern und Klubs und bringen dich dadurch in ein Netzwerk. Wenn du einmal drinnen bist, hast du gute Chancen, jahrelang mitzufahren.
90minuten: Warum hast du dich dagegen entschieden?
Gucher: Ich habe stets gesagt, dass ich mit meinem Berater und meinem Vater zwei tolle Ansprechpartner an meiner Seite habe, die ein gutes Gespür für die richtigen Vereine haben. Ich wollte es aus eigener Kraft schaffen und nicht von irgendwelchen Kontakten abhängig sein. Das ist mir letztlich auch gelungen. Erst kürzlich habe ich erfahren, dass ich der Österreicher mit den meisten Einsätzen in den italienischen Profiligen bin. Das macht mich natürlich stolz.
90minuten: Du hast in Italien bisher für sieben Klubs gespielt, kennst das Ligensystem von der Serie A bis zur Serie D. Wie groß sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Spielklassen?
Gucher: Der Qualitätsunterschied zwischen Serie B und Serie C ist relativ gering. Aufsteiger haben oft gute Möglichkeiten, mit der Euphorie eine solide Rolle zu spielen. Von der Serie B in die Serie A ist der Schritt hingegen extrem. Trotzdem findet man Topspieler in allen Ligen, auch in der Serie D. Es gibt viele gefallene Topklubs in den unteren Ligen, deshalb ist dort nach wie vor viel Geld im Spiel.
90minuten: Was zeichnet den italienischen Fußball aus?
Gucher: In den vergangenen Jahren hat sich viel verändert, auch taktisch. Es gibt viele junge Trainer, die nun von hinten aufbauen wollen und offensiv mehr riskieren. Früher gab es viel mehr taktisches Verschieben, das, was man traditionell mit dem Calcio verbindet. Zum italienischen Fußball gehören aber auch viele Dinge abseits des Platzes – Sportpolitik, Beziehungen und Verträge. Das bekomme ich jetzt immer mehr mit, auch durch ehemalige Kollegen, die mittlerweile als Trainer oder Sportdirektoren tätig sind.
Ich habe viele Bekannte und Verbindungen und könnte mir beispielsweise vorstellen, italienische Fußballer in den österreichischen Profifußball zu bringen.
90minuten: Und wie stark wird der Fußball von den Fans noch gelebt?
Gucher: Fußball hat hier im gesamten Land nach wie vor einen sehr hohen Stellenwert, teilweise ist er schon eine eigene Religion. Extrem ist das vor allem im Süden, aber es beginnt schon in der Toskana. Als ich damals in Pisa war, waren während eines Trainingslagers alle Hotels in der Umgebung ausgebucht, weil bis zu 3.000 Fans jedes Training sehen wollten. In Pisa habe ich außerhalb der Stadt gelebt, weil dort einfach sehr viel los war. Im Norden ist es ähnlich wie bei uns in Österreich, etwas distanzierter. Insgesamt leben die Menschen in Italien Fußball aber ganz anders, und das prägt einen auch als Spieler und als Mensch.
90minuten: Du spielst seit 2012 ununterbrochen in Italien. Hättest du damals gedacht, dass es so eine lange Zeit werden würde?
Gucher: Ehrlich gesagt hätte ich mir das niemals gedacht. 2008 bin ich erstmals nach Frosinone gewechselt, zunächst mit dem Ziel, die Sprache zu lernen und gleichzeitig meine Matura zu Hause fertigzumachen. Damals bin ich jeden Monat zwischen der Steiermark und Italien hin- und hergependelt, um meine Prüfungen zu absolvieren. Dann habe ich 2009 plötzlich in der Serie B debütiert. Im zweiten Jahr kam dann ein neuer Trainer und ich habe viele Spiele gemacht.
90minuten: Dann bist du 2010 nach Genua gewechselt.
Gucher: Genau. In Genua habe ich mit späteren Nationalspielern wie Mattia Perin oder Stephan El Shaarawy die Primavera-Meisterschaft gewonnen, ehe ich nach Frosinone zurückgekehrt bin. Dort habe ich mir den Meniskus gerissen. Zum ersten Mal hatte ich zu dieser Zeit das Gefühl, dass mir die Heimat fehlt. Plötzlich war ich alleine in einer schwierigen Situation und wollte wieder zurück nach Österreich. Deshalb bin ich 2011 leihweise nach Kapfenberg gewechselt.
90minuten: Dort hast du in der Bundesliga debütiert. Dennoch hat es dich aber wieder zurück nach Italien gezogen. Warum?
Gucher: Ich habe mich in Kapfenberg gut in die Bundesliga eingefunden. Ich wusste aber schon vor dem Wechsel, dass ich anschließend wieder nach Italien zurück möchte. Ich habe gespürt, dass ich noch eine offene Rechnung hatte. Zurück in Frosinone haben wir mit zwei Aufstiegen in Folge den Durchmarsch in die Serie A geschafft und ich war endgültig angekommen. Es gab aber danach immer wieder schwierige Situationen und mögliche Knackpunkte – Transfers, Konkurse und andere Dinge. Ich wollte aber nie davonlaufen und habe meinen Weg gemacht. Dadurch sind die Jahre vergangen, ohne dass ich es wirklich bemerkt habe. Und plötzlich habe ich eine Frau und zwei Kinder und bin immer noch in Italien (lacht).
90minuten: War eine Rückkehr nach Österreich zwischenzeitlich erneut Thema?
Gucher: Ja, in den vergangenen Jahren hat es immer wieder Gespräche gegeben – zum Beispiel als Andreas Schicker beim SK Sturm zum Sportchef aufgestiegen ist. Als dort alles im Entstehen war, befanden wir uns im engeren Austausch. Auch mit Markus Schopp in Hartberg gab es damals Gespräche. Richtig konkret wurde es aber im vergangenen Sommer, als der GAK Interesse hatte. Ich war damals ein freier Spieler und habe schon darüber nachgedacht, nach Österreich zurückzukehren. Gleichzeitig hat es sich aber richtig angefühlt, das Projekt in Treviso anzugehen.
90minuten: Wie hat dich diese lange Zeit in Italien geprägt?
Gucher: Allein die unterschiedlichen Mentalitäten innerhalb Italiens – zwischen der Toskana, Rom, dem Süden und dem Norden gibt es teilweise enorme Unterschiede. Das prägt einen, weil man ständig neue Menschen, Perspektiven und Situationen kennenlernt. Vor allem wenn man auf sich allein gestellt ist, wächst man fast zwangsläufig mit der Aufgabe. Heute gehe ich vieles gelassener an, wobei das natürlich auch mit dem Alter zu tun hat. Mir war es in meiner Karriere immer wichtig, wie ich als Mensch von den Fans und meinem Umfeld wahrgenommen werde. Ich bin sehr dankbar, dass ich meinen Weg hier machen durfte.
90minuten: Gibt es bereits Pläne für die Zeit nach deiner Karriere?
Gucher: Ich fange aktuell an, mir darüber Gedanken zu machen. Ich bin nicht der Typ, der irgendwo einfach dahinkickt, nur um noch bis 40 zu spielen. Wenn ich etwas mache, dann muss es einen Sinn haben. Auf der einen Seite würde ich nach dem Ende meiner Profikarriere schon gerne im Fußball bleiben und meine Erfahrungen an junge Spieler weitergeben, zum Beispiel als Trainer.
Auf der anderen Seite wäre es interessant, aufgrund meiner besonderen Verbindung zu Italien und Österreich eine Brücke zwischen den beiden Ländern zu schaffen. Ich habe viele Bekannte und Verbindungen und könnte mir beispielsweise vorstellen, italienische Fußballer in den österreichischen Profifußball zu bringen. Das sind aber alles noch grobe Ideen. Ich habe jetzt noch zwei Jahre Vertrag in Treviso. Grundsätzlich führt mein Weg langfristig aber schon zurück nach Österreich.
90minuten: Danke für das Gespräch!
Manuel Tonezzer