Ingolitsch: "Polen und Slowakei haben uns budgetär überholt"
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Ingolitsch: "Polen und Slowakei haben uns budgetär überholt"

Der Sturm-Trainer spricht mit 90minuten über seinen Start in Graz, den Titelkampf, neue Strukturen und warum Österreich international den Anschluss verliert.

"Strukturen aufbrechen und Neues implementieren" – mit diesem Anspruch ging Fabio Ingolitsch bereits beim SCR Altach seine Arbeit an. Nun verfolgt der 33-Jährige dieselbe Idee auch beim SK Sturm Graz.

Zum Jahreswechsel übernahm der Salzburger den Trainerposten bei den "Blackies", leitete den Kaderumbruch mit ein und sollte eine aus dem Tritt gekommene Mannschaft stabilisieren.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten – inklusive des überraschenden Cup-Aus in Altach – stimmen mittlerweile die Ergebnisse. Den Grunddurchgang der ADMIRAL Bundesliga beendete Sturm sogar als Tabellenführer.

Im Interview mit 90minuten spricht der Cheftrainer über seinen Start in Graz, neue taktische Anforderungen in der Liga, Titel-Druck – und warum Österreich im internationalen Vergleich zunehmend ins Hintertreffen gerät.

90minuten: Sie haben Sturm zum Jahreswechsel in einer schwierigen Phase übernommen, nach dem Cup-Aus beendete der Klub den Grunddurchgang nun als Tabellenführer. Wie turbulent waren diese ersten zwei Monate für Sie persönlich?

Fabio Ingolitsch: Auf jeden Fall eine sehr spannende, aber vor allem auch herausfordernde Zeit. Wir hatten durch die Europa League eigentlich keine richtige Vorbereitungsphase. Es war sicher nicht der beste Zeitpunkt, um international direkt in Entscheidungsspiele zu gehen. Auch weil wir ja bekanntlich noch viel am Kader gearbeitet haben. Wichtig war, mit Abschluss der Transferphase Klarheit zu haben, um uns neu und nachhaltig ausrichten zu können. Der Spagat – sowohl kurzfristig erfolgreichen Fußball zu spielen, als auch nachhaltig etwas aufzubauen – in dem befinde ich mich gerade mit meinem Trainerteam. Wir wollen einerseits Ergebnisse liefern, andererseits aber auch diesen Umbruch bzw. diesen neuen Zyklus vorantreiben.

90minuten: Sie haben den schwierigen Start mit den Entscheidungsspielen in der Europa League erwähnt. Direkt danach kam dann auch noch das Cup-Aus in Altach. Wie sehr hat das ihre Arbeit erschwert?

Ingolitsch: Der Einstieg war, wie erwähnt, sicher nicht ideal, wenn du direkt bei Feyenoord spielst. Trotzdem muss man da auch die Kirche im Dorf lassen. Das ist ein Verein, der in ganz anderen Dimensionen spielt und den x-fachen Marktwert von uns hat. Wir haben dort auch verdient verloren. Das Heimspiel gegen Brann Bergen wiederum hat dann gezeigt, dass wir, wenn wir das Ding auf den Platz bekommen, gut performen können. Das Cup-Aus wiederum hatte sicherlich zwei Gründe. Einerseits weil wir keine gute Leistung gezeigt haben. Und andererseits, weil der Spielfilm, mit dem fragwürdigen Elfmeter und dem sehr harten Ausschluss, komplett gegen uns war. Das hat sicher die Anfangsphase etwas getrübt, aber in der Liga haben wir uns von Woche zu Woche verbessert. Mittlerweile sind wir punktetechnisch die beste Mannschaft der Rückrunde. Trotzdem haben wir noch Luft nach oben.

Wir haben sehr mutige Entscheidungen getroffen, gewohnte Dinge aufgebrochen und Neues implementiert. Und das in einer Phase, in der es aufgrund des dicht getakteten Spielplans sowie dem Naturell des Modus mit oberem und unteren Playoff nur wenig Zeit für Experimente gibt.

Fabio Ingolitsch über seine Ideen.

90minuten: Unter Ihnen spielt Sturm mittlerweile mit Dreierkette. In den ersten Spielen – etwa beim Cup-Aus in Altach – gab es noch Abstimmungsprobleme. Wie weit ist die Mannschaft mittlerweile in der Umsetzung Ihrer Idee?

Ingolitsch: Wir haben sehr mutige Entscheidungen getroffen, gewohnte Dinge aufgebrochen und Neues implementiert. Und das in einer Phase, in der es aufgrund des dicht getakteten Spielplans sowie dem Naturell des Modus mit oberem und unteren Playoff nur wenig Zeit für Experimente gibt. Das haben wir aber durchgezogen, weil wir uns alle zu diesem neuen Weg bekennen. Die Liga bringt neue Herausforderungen mit sich, die Art und Weise des Fußballs hat sich in Österreich verändert. Es ist wichtig, die Identität mit diesem hohen und aggressiven Pressing weiterhin in sich zu tragen und vor allem strukturell ein paar Dinge zu verändern, um den Handwerkskoffer mit neuen Tools zu füllen.

90minuten: Sie waren lange ein Verfechter des 4-4-2 mit Raute. Sprechen aber die Veränderungen des Fußballs an, haben Sie deswegen ihr System auch adaptiert?

Ingolitsch: Die Herausforderungen haben sich verändert. Früher konnte man mit dem 4-4-2 den Gegner gut rausziehen und für viel Raum hinter der Kette sorgen. Sturm hat das die letzten Jahre sehr gut vorgezeigt. Mittlerweile ist es aber so, dass die meisten Gegner entweder ganz hoch Mann gegen Mann anlaufen oder mit einem Fünferblock sehr tief stehen. Deswegen hast du mit der Raute einfach strukturell einen Nachteil, das hat Sturm im Herbst auch bemerkt. Status quo ist, dass nur noch Salzburg und teilweise Rapid mit einer Viererkette spielen. Ich bin überzeugt, dass es in der aktuellen Situation einfacher ist, mit der Dreierkette zu verteidigen.

90minuten: Wo sehen Sie aktuell noch die größten Entwicklungsschritte?

Ingolitsch: Wie bei all meinen Stationen lag der Fokus darauf, für Struktur und Ordnung zu sorgen. Jeder muss, egal zu welcher Nachtzeit er geweckt wird, wissen, was er wann und wo am Feld zu tun hat. Da geht es vor allem um die Arbeit gegen den Ball mit hohem Angriffspressing und darum, keine Gegentore zu bekommen. In diesem Prozess stecken wir gerade.

Unter Fabio Ingolitsch gewann Sturm alle vier Heimspiele zu Null.
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Unter Fabio Ingolitsch gewann Sturm alle vier Heimspiele zu Null.

90minuten: Und wo soll es dann hingehen?

Ingolitsch: Wir haben jetzt vier Heimspiele in Serie zu Null gewonnen. Das ist kein Zufallsprodukt, sondern Zeichen für ein gutes Kollektiv, eine gute Struktur und Verhaltensweise. Jetzt geht es darum, was wir aus den zahlreichen Ballgewinnen machen. Wie kommen wir daraus zu Chancen? Speziell im Konterspiel haben wir da unsere größten Stärken. Im Ballbesitz wollen wir den Gegner vor mehr Herausforderungen stellen, da haben wir noch die meiste Luft nach oben.

90minuten: Sie haben gerade die Heimserie angesprochen. Bei Ihrem Antritt war Sturm in der Heimtabelle Letzter, jetzt gab es vier Heimsiege in Serie. Warum läuft es genau zuhause so gut?

Ingolitsch: Das war mir ein großes Anliegen. Schon in Altach wollten wir eine Heimmacht werden. So gibst du einfach den Fans, die immer für uns da sind, etwas zurück. Sturm Graz hat mit Abstand die beste Fanbase in ganz Österreich. Unsere Atmosphäre, unsere Energie im Stadion ist einzigartig. Dieses Wechselspiel zwischen Fans und Leistung auf dem Platz sorgt dann für die extra Prozent. Die Jungs sind zuhause einfach nochmal extra motivierter.

90minuten: Sturm ist nach Altach Ihre zweite Station in der Bundesliga. Wie stark hat sich ihr Alltag im Vergleich zur vorherigen Station verändert?

Ingolitsch: Grundsätzlich nicht viel, Fußball bleibt Fußball. Aber wie in Altach wollte ich auch hier gewisse Strukturen aufbrechen und etwas Neues etablieren. Ich versuche alle Menschen in meinem Umfeld, und da ist die Manpower im Staff von der Anzahl her nochmal größer, mitzunehmen. Der Stellenwert von Sturm in der Stadt hat zudem nochmal eine ganz andere Bedeutung. Da spürt man, welche Verantwortung man trägt. Das ist bislang sicher die mit Abstand spannendste und coolste Arbeit, die ich machen durfte. 

90minuten: Sie gehen jetzt als Tabellenführer in die Meistergruppe, durch die Punkteteilung liegen nur drei Punkte zwischen Rang eins und Rang sechs. Das Ziel ist trotzdem die Meisterschaft, oder?

Ingolitsch: Wir denken immer in Etappen. Zuerst war das die Qualifikation für die Meistergruppe, dann die beste Ausgangslage für diese zu schaffen. Beides haben wir nun erreicht. Jetzt wollen wir die Entwicklung vorantreiben und weiter Punkte hamstern. Wir wollen alles dafür tun, nächstes Jahr wieder international zu spielen und dafür braucht es eben eine Top-Platzierung.

Sturm Graz hat mit Abstand die beste Fanbase in ganz Österreich. Unsere Atmosphäre, unsere Energie im Stadion ist einzigartig. Dieses Wechselspiel zwischen Fans und Leistung auf dem Platz sorgt dann für die extra Prozent.

Fabio Ingolitsch über den eigenen Anhang.

90minuten: Vor allem international lief es für die österreichischen Klubs sehr durchwachsen. Wo sehen Sie aktuell die Gründe für die doch eher negative Entwicklung?

Ingolitsch: Das sind mehrere Gründe. Mittlerweile haben uns Länder wie Polen oder die Slowakei budgetär überholt. Die können oftmals mehr externe Qualität dazuholen, die für uns in dem Ausmaß nicht mehr leistbar ist, wenn man im gleichen Becken fischt. Zudem ist die Kluft innerhalb der Liga zwischen den großen und vermeintlich kleineren Teams geringer geworden. Die Großklubs setzen auf Potenzialspieler, die noch nicht fertig sind, um sie dann teurer zu verkaufen. Unsere Liga hat sich zu einer Ausbildungsliga entwickelt und dann hast du eben international gegen gestandene Klubs oft das Nachsehen.

90minuten: Sie sprechen gerade die jungen Talente an. Mit Luca Weinhandl und Jacob Peter Hödl setzen Sie im Mittelfeld auf zwei sehr junge Österreicher. Was zeichnet die beiden besonders aus?

Ingolitsch: Die beiden sind mental richtig stark. Sie können sich schnell an Herausforderungen anpassen und glauben einfach an sich. Luca (Weinhandl, Anm.) zum Beispiel habe ich im De Kuip vor mehr als 30.000 Zuschauern ins kalte Wasser geschmissen ohne eine einzige Minute für die Profimannschaft, oder JP Hödl, der mittlerweile einer unserer Eckpfeiler ist - beide sind junge Eigenbauspieler und haben unseren Spielstil verinnerlicht. Das ist schon auch unser Anspruch. Mehr auf junge, eigene Jungs zu setzen.

90minuten: Nochmal zurück zu ihnen. Nach Stationen beim FC Liefering, FC Zürich U21 und dem SCR Altach ist Sturm Graz Ihr erster großer Verein. Gleichzeitig steigt natürlich auch der Druck, Titel zu gewinnen. Wie geht man damit als doch noch sehr junger Trainer um?

Ingolitsch: Ich habe, trotz meiner erst 33 Jahre, schon einiges gesehen und erlebt. Druck ist immer da, egal ob du mit der U18 von Red Bull Salzburg der große Gejagte bist, oder mit dem SCR Altach im Abstiegskampf steckst. Aber der Druck, abzusteigen, ist ein ganz anderer, als der, Titel zu gewinnen. In Altach ging es im Vorjahr um meinen Job, um Spielerverträge und Arbeitsplätze von Mitarbeitern. Da geht es teilweise um Existenzen, da ist die Verantwortung eine ganz andere. Als Trainer ist man immer gut beraten, bei sich zu bleiben und fokussiert zu sein.

Youngster Jacob Peter Hödl hat unter Ingolitsch nochmal einen Schritt gemacht.
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Youngster Jacob Peter Hödl hat unter Ingolitsch nochmal einen Schritt gemacht.

90minuten: Sie haben Sturm in einer Phase übernommen, in der der Kader umgebaut wird und die Kosten reduziert werden mussten. Mit Tochi Chukwuani und Tomi Horvat gingen dann direkt zwei Leistungsträger, wie geht man damit als Trainer um?

Ingolitsch: Als ich den Job angetreten bin, wusste ich, dass wir einen großen Umbruch starten wollen und vieles verändern müssen. Dass es dann so schnell und in der Intensität kommt, war aber nicht geplant. Aber ich habe mich klar darauf eingelassen. Ich habe bei meinen diversen Stationen gezeigt, dass ich eine Mannschaft entwickeln kann und Spieler besser mache. Das war sicher ein Hauptargument, warum ich den Job bekommen habe und wieso ich mich dafür geeignet fühle.

90minuten: Abseits des Sportlichen beschäftigt die Stadionfrage Sturm seit Jahren. Spielt so ein Thema im Traineralltag auch eine Rolle?

Ingolitsch: Ich kann das sowieso nicht beeinflussen, weiß aber, wie wichtig das Thema ist. Unser Präsident hat sehr oft betont, was das für finanzielle Einbußen sind, dass wir kein eigenes Stadion besitzen. Ich würde mich sehr freuen, wenn so ein großer und wichtiger Verein in Österreich ein eigenes Stadion hat.

90minuten: Seit Ihrem Wechsel von Altach nach Graz kam es bereits zu zwei Duellen. Im Cup kam das Aus, in der Liga vergangene Woche der Sieg. Wie überrascht sind Sie von der Entwicklung?

Ingolitsch: Wir haben im Sommer sehr smarte Entscheidungen getroffen und auf Stabilität und Kontinuität gesetzt. Dazu haben die Neuzugänge Yann Massombo und Patrick Greil voll eingeschlagen. Dadurch war das Gerüst sehr gut und wir sind von Anfang an gut in die Saison gekommen. Das primäre Ziel war der Klassenerhalt, aber wir wussten, dass wir an einem guten Tag jeden schlagen können. Deswegen haben wir intern immer gesagt, wir wollen ins Cup-Finale und den (Anm. UNIQA ÖFB-Cup) dann auch gewinnen. Dass es jetzt so erfolgreich weitergeht, freut mich riesig. Ich habe die Leute vor Ort alle sehr ins Herz geschlossen und ich bin mit einem guten Gefühl gegangen. Ich drücke ihnen die Daumen, dass sie das Finale für sich entscheiden.

90minuten: Zum Abschluss. Sie sind noch ein sehr junger Trainer. Gibt es irgendwelche Karriereziele, die Sie verfolgen bzw. eine Traumliga, in der Sie gerne mal trainieren würden?

Ingolitsch: Ich habe früh gelernt, dass es keinen Sinn macht, einen Karriereplan zu verfolgen. Das Einzige, dass man beeinflussen kann, ist das Hier und Jetzt. Ich bin total fokussiert auf Sturm Graz und es ist für mich ein Privileg, hier Trainer zu sein. Mit etwas anderem befasse ich mich auch nicht.

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