Hoff Thorup: "Ob mich jemand rauswirft, kann ich nicht kontrollieren"
Im großen 90minuten-Interview erklärt Rapid-Cheftrainer Johannes Hoff Thorup, wie er für langfristigen Erfolg in Hütteldorf sorgen will. Der Däne spricht über seine Zukunftsperspektive, taktische Ideen und die Weiterentwicklung des Vereins.
Mit Johannes Hoff Thorup hat sich der SK Rapid Anfang Jänner einen Trainer auf die Bank gesetzt, der sich selbst als Entwickler eines langfristig angelegten Projekts sieht. Vorerst wurde der 37-jährige Däne mit einem Vertrag bis 2027 ausgestattet, darüber hinaus gibt es eine Verlängerungsoption auf eine weitere Saison.
Sollte die Zusammenarbeit tatsächlich mindestens zweieinhalb Spielzeiten andauern, wäre er neben Didi Kühbauer einer von nur zwei Rapid-Trainern in den letzten zehn Jahren, die sich so lange auf dem heißen Stuhl in Hütteldorf halten konnten.
Mit dem knappen Einzug in die Meistergruppe hat Hoff Thorup Anfang März die erste Hürde seiner Amtszeit erfolgreich genommen. Sportlich ist in der laufenden Saison weiterhin alles möglich, vom Meistertitel bis zum Verpassen der Europacup-Plätze. Während im Hintergrund wichtige Vorbereitungen auf 2026/27 laufen, moderiert der neue Cheftrainer die Erwartungen von Spielern und Fans bis dato erfolgreich mit klaren Ansagen.
"Die Frage ist immer, welchen Umgang man sich selbst wünschen würde. Ist es mir lieber, wenn mein Trainer immer das Positive hervorhebt, aber klare Antworten meidet? Oder bekomme ich lieber eine ehrliche Einschätzung, die vielleicht nicht immer angenehm ist?", eröffnet er das Gespräch im grün-weißen Trainingszentrum. "Mir ist die zweite Option lieber. Natürlich bemühe ich mich trotzdem, den Spielern Lösungen aufzuzeigen und für gute Stimmung im Team zu sorgen."
Im 90minuten-Interview spricht Johannes Hoff Thorup über seine Ansprüche an Rapid, nachhaltige Arbeit unter konstantem Leistungsdruck und die spielerische Entwicklung der Mannschaft.
90minuten: Zu Ihrem Beruf gehört neben allen Aufgaben rund um Ihre Mannschaft auch die Kommunikation nach außen. Beim FC Bayern gibt es mit Vincent Kompany ein aktuelles Beispiel für einen jungen Trainer, der in einem anspruchsvollen Umfeld mit klaren Aussagen für Ruhe sorgen kann. Gibt es Vorbilder, an denen Sie sich in dieser Hinsicht orientieren?
Hoff Thorup: Sie können gerne schreiben, dass ich mich bemühe, Toto Wolff für einen Vortrag beim SK Rapid zu gewinnen (lacht). Er strahlt viel Ruhe aus, arbeitet mit einer klaren Strategie und ist zusätzlich ein sehr empathischer Mensch. Ich habe erst vor einigen Wochen herausgefunden, dass er in Wien aufgewachsen ist. Also müssten wir ja eine Chance haben. Toto arbeitet in der Formel 1 unter großem Druck, uns geht es ähnlich. Ich sehe es als meine Aufgabe, den Spielern und meinem Team ein bisschen von diesem Druck von den Schultern zu nehmen.
90minuten: Über das letzte Jahr war die Kabinensprache immer wieder Thema. Es gibt viele französischsprachige Spieler, im Alltag wird Englisch gesprochen. Sie sind vermutlich der erste Rapid-Cheftrainer, bei dem die Sprachbarriere zum Team geringer ist, als zu Teilen der Medien und Fans. Das birgt die Gefahr von Missverständnissen. Hat es seit Ihrem Amtsantritt welche gegeben?
Hoff Thorup: Hier und da gibt es Kleinigkeiten, bisher war das aber kein Problem. Ich versuche, meine Sicht in den Pressekonferenzen möglichst klar zu erklären. Wenn ein Journalist fünf Fragen stellen möchte, nehme ich mir gerne die Zeit dafür. Für meinen Tagesablauf macht es keinen großen Unterschied, wenn wir ein paar Minuten länger zusammensitzen. Mir ist wichtig, dass am Ende alle offenen Fragen ausgeräumt sind. Was die Mannschaft betrifft: Rund die Hälfte unserer Spieler spricht kein Deutsch, die Kommunikation auf Englisch ist daher deutlich sinnvoller. Für die französischsprachigen Spieler haben wir 'Sako' [Anm.: Issiaka Ouédraogo, Integrations-Manager] dazugeholt, der bei Bedarf im Training oder in Besprechungen übersetzen kann. Es sollten also immer alle Botschaften klar transportiert sein.
Solange wir uns alle einig darüber sind, welche Ziele wie erreicht werden sollen, kann ich gut arbeiten.
90minuten: Sie amtieren seit weniger als vier Monaten, haben aber schon jetzt alle Phasen, die ein Rapid-Trainer früher oder später erlebt, hinter sich gebracht. Nach den ersten Resultaten war die Stimmung zunächst gedrückt, nach einigen Siegen in Serie galt man schnell als Titelanwärter. Auch Nebenschauplätze, wie die Vorkommnisse nach dem ersten Derby, hat es gegeben. Fühlt es sich so an, als hätten Sie in kurzer Zeit mehrere Trainerleben gelebt?
Hoff Thorup: Ich habe schon einmal gesagt, dass es eine meiner Stärken ist, solche Dinge nicht persönlich zu nehmen. Ich kippe emotional weder in die eine, noch in die andere Richtung und bin in den meisten Situationen relativ ruhig. Was mich am meisten beschäftigt, sind unsere Leistungen. Das ist der beste Hebel, um das Umfeld von unserer Arbeit zu überzeugen. Nach dem Abschlusstraining vor dem zweiten Derby hatte ich die Gelegenheit, mit einigen Fans zu sprechen. Sie sollen wissen, was wir hier tun – in Zukunft kann man diesen Austausch wahrscheinlich weiter intensivieren. Je offener wir sind, desto mehr fühlen sie sich mitgenommen und als Teil des Klubs. Wir sollten uns aber von allem, was um uns herum passiert, nicht zu sehr aus der Ruhe bringen lassen.
90minuten: Im vergangenen Sommer haben Sie in einem Interview über Ihren Abschied aus Norwich erklärt, man habe Sie ursprünglich mit der Idee einer langfristigen Zusammenarbeit vom Wechsel nach England überzeugt. Anders als Sie es aus Dänemark gewohnt waren, ist der Verein in einer schwächeren Phase aber nicht enger zusammengerückt, sondern hat sich für einen erneuten Trainerwechsel entschieden. Beim SK Rapid sind Sie der neunte Cheftrainer seit 2016. Wie passt die Unterschrift in Wien zu Ihrem Wunsch, eine Mannschaft über Jahre entwickeln zu können?
Hoff Thorup: Die Ausgangssituation war hier grundsätzlich anders als in Norwich. Das erklärte kurzfristige Ziel war das Erreichen der Meistergruppe, darauf war zu Beginn alles ausgerichtet. Nachdem uns das gelungen ist, haben wir jetzt mehr Zeit, um die Mannschaft zu entwickeln und auf die nächste Saison vorzubereiten. Wir versuchen trotzdem, Woche für Woche, das bestmögliche Resultat zu erreichen. Ergebnisse sind bei Rapid weiterhin sehr, sehr wichtig. In Norwich haben sich die Vorgaben mit der Zeit verschoben. Wir sollten eines der ältesten Teams der Championship verjüngen, was sich auf die Ergebnisse auswirkt. Diese Vorgabe gibt es hier nicht. Wir wollen trotzdem den eigenen Nachwuchs fördern, haben dabei aber mehr Kontrolle über das Timing. Solange wir uns alle einig darüber sind, welche Ziele wie erreicht werden sollen, kann ich gut arbeiten.
90minuten: Eine Gefahr im Fußball ist, dass sich trotz aller Planung und aller Vereinbarungen eine Eigendynamik entwickeln kann. Dafür ist die laufende Rapid-Saison ein gutes Beispiel. Ist die Stimmung erst einmal gekippt, lässt sich daran oft nicht mehr viel ändern.
Hoff Thorup: Ja, diese Gefahr ist immer da. Es sollte hier auch ein Umdenken stattfinden. Niemand sollte in Euphorie verfallen, wenn ein neuer Trainer zum Verein kommt. Stattdessen ist es ein Grund, traurig zu sein, weil etwas nicht funktioniert hat. Ich kann und will von mir nicht behaupten, dass ich mit Sicherheit der Richtige bin. Ich denke aber, dass jeder Verein die Pflicht hat, einem Trainer, den er verpflichtet, ausreichend Zeit zuzugestehen. Man sieht weltweit, dass sich die Resultate nicht wirklich ändern, wenn man das Personal zu oft wechselt. Im Gegenteil: Viele der erfolgreichsten Vereine halten schon seit einigen Jahren an ihren Trainern fest. Ein kritischer Blick ist wichtig, das Umfeld sollte den Prozess aber so gut es geht unterstützen.
90minuten: Nach aktuellem Stand der Dinge starten Sie mit einem auslaufenden Vertrag in Ihre erste volle Saison als Rapid-Cheftrainer. Warum hat man sich im Sinne der erhofften langfristigen Zusammenarbeit nicht gleich auf eine längere Laufzeit geeinigt, um ein Zeichen nach außen zu setzen?
Hoff Thorup: Diese Frage dürfen Sie bei der nächsten Gelegenheit an den Geschäftsführer Sport richten, er wird sich freuen (lacht). Ich kann nur sagen, dass ich jeden Tag exakt gleich arbeite - unabhängig davon, ob mein Vertrag noch fünf Tage oder drei Jahre läuft. Ich entscheide so, wie ich es für die langfristige Zukunft des Klubs sinnvoll erachte. Wir wissen, dass Vertragslaufzeiten im Fußball keine großen Auswirkungen auf Personalentscheidungen haben. Mich beschäftigt das überhaupt nicht.
Jeder neue Trainer, der zum Verein kommt, muss in erster Linie an seine eigenen Resultate denken. Diese Mentalität sollte sich ändern.
90minuten: Im Rapid-Podcast 'Vereinhören' haben Sie mich vor kurzem mit einem Vorhaben überrascht. Sie wollen den Verein weiter professionalisieren und Strukturen oder Routinen etablieren. Soweit Sie das beurteilen können: Hat es diese Strukturen bislang wirklich nicht gegeben? Eigentlich sollten gewisse Standards ja vom Verein selbst hochgehalten werden – unabhängig von einem Cheftrainer.
Hoff Thorup: Richtig. Das war ein Thema, das ich mit Markus [Anm: Markus Katzer, Geschäftsführer Sport] bei einem unserer ersten Treffen besprochen habe. Es ist wichtig, dass der Verein in dieser Hinsicht einen weiteren Schritt macht - ich möchte aber genau genommen nicht von Professionalisierung, sondern von Nachhaltigkeit sprechen. Wir haben in den letzten Monaten einige Strukturen aufgezogen, die auch in Zukunft bleiben sollen. Beispielsweise, dass für jeden Spieler der Bundesligamannschaft ein eigener Entwicklungsplan erstellt wird. Darin enthalten sind alle Erwartungen, von Ernährung über Taktik bis zu mentalen Aspekten. So können wir in der Zusammenarbeit viel präzisere Schwerpunkte setzen. Ich kann nicht beurteilen, wie viele Meetings hier früher stattgefunden haben. Mir ist wichtig, dass wir jeden Tag zusammensitzen. Wir essen gemeinsam Frühstück und Mittagessen. Bevor die Spieler einen Schritt auf den Trainingsplatz setzen, sollen sie wissen, was ich mir erwarte. Danach bekommen sie sofort Feedback.
90minuten: Auch hinsichtlich der Nachwuchsarbeit haben Sie Verbesserungen in Aussicht gestellt. Es sollen wieder mehr Talente aus der Akademie in die erste Mannschaft aufrücken. Rapid hat erst vor wenigen Jahren eine umfangreiche Leitlinie ausgearbeitet, die eigentlich genau diesen Zweck verfolgt hat. Was soll in Zukunft passieren, das nicht bereits jetzt passiert?
Hoff Thorup: Die Tür zur ersten Mannschaft muss deutlich offener stehen. In der Akademie wird gute Arbeit geleistet, das Niveau ist hoch. Es gibt eine klare Spielphilosophie, die wir derzeit in Besprechungen gemeinsam leicht adaptieren. Zur besseren Abstimmung haben wir schon Trainer aus der Akademie und Analysten der zweiten Mannschaft, sowie anderer Nachwuchsteams zu uns eingeladen. Am Ende liegt es an mir und meinem Team, den Spielern eine Chance zu geben. Wenn die Trainerposition in der ersten Mannschaft oft neu besetzt wird, macht es genau diesen Schritt nicht einfacher. Jeder neue Trainer, der zum Verein kommt, muss in erster Linie an seine eigenen Resultate denken. Diese Mentalität sollte sich ändern. Ich muss auf meiner Position so arbeiten, als wäre ich für zehn weitere Jahre hier. Ob und wann mich jemand rauswirft, kann ich nicht kontrollieren.
90minuten: Als Cheftrainer haben Sie in dieser Hinsicht viel Kontrolle. Ebenso wichtig ist aber wohl auch die Kaderplanung. Wenn von einem jungen Spieler erwartet wird, dass er sich im Training gegen vier oder fünf erfahrene Konkurrenten auf seiner Position überzeugend durchsetzt, liegt die Messlatte sehr hoch.
Hoff Thorup: Wir haben im Jänner Gespräche über die Kaderplanung für die kommende Saison begonnen. Wenn wir uns auf einer Position über Verstärkungen Gedanken machen, sollte der Blick zuerst in den Nachwuchs gehen. Sollte es dort einen Spieler geben, der in einigen Monaten bereit sein könnte, müssen wir das schon jetzt berücksichtigen. Es wäre nicht sehr schlau, Geld auszugeben, das wir uns für einen anderen Transfer sparen könnten. Spieler, die in den nächsten sechs bis zwölf Monaten für Kampfmannschafts-Einsätze in Frage kommen könnten, sollen schon mehrmals pro Woche mit der ersten Mannschaft trainieren und im Trainingslager dabei sein, damit sie alle Prozesse mitbekommen. Wenn sie nur ein Mal wöchentlich mittrainieren, ist der Schritt ins Team zu groß.
90minuten: Halten Sie es auf bestimmten Positionen für besonders schwierig, den Durchbruch nach oben zu schaffen? Vor allem Innenverteidiger stehen in Ihrem System häufig unter Druck, in der Meistergruppe umso mehr.
Hoff Thorup: Das ist eine gute Frage, auf die ich keine klare Antwort geben kann. Verteidiger haben in unserem System derzeit viele herausfordernde Aufgaben. Aber auch auf Stürmern lastet viel Druck, weil sie in den entscheidenden Momenten abliefern müssen.
90minuten: Die österreichische Bundesliga versteht sich als Entwicklungsplattform. Wenn alles gut läuft, bleiben Spieler für eineinhalb oder zwei Spielzeiten bei ihrem Verein und schaffen danach den Sprung ins Ausland.
Hoff Thorup: Wenn ein Spieler zu einem größeren Verein wechseln will, ist es nicht unerheblich, wie er tagtäglich trainiert und in Spielen abliefert. Mich beschäftigt dieses Thema überhaupt nicht. Solange ein Spieler einen aufrechten Vertrag bei uns hat, sollten beide Seiten diese Zusammenarbeit respektieren. Ich finde auch, dass wir kein Verein sein sollten, der Spieler nicht mehr einsetzt, wenn ihr Vertrag ausläuft. Wer hier ist, hat Chancen auf Spielzeit. Dass Spieler immer kürzer bei ihren Vereinen bleiben, ist eine Entwicklung, mit der wir uns abfinden müssen. Wenn wir nur Spieler rekrutieren würden, die Rapid als ihre Endstation sehen, wäre das Niveau wohl nicht gut genug. Im Alltag sollte die Leistung im Hier und Jetzt im Vordergrund stehen.
Sollten uns Spieler verlassen, gibt es eine Liste mit möglichen Neuzugängen für jede Kaderposition.
90minuten: Bis zum Rest der Saison leisten Sie Aufbauarbeit, um spielerische Abläufe innerhalb des Teams zu etablieren. Gibt es eine Grenze, wie viele Spieler Sie im Sommer abgeben könnten, ohne die Fortschritte zu stark einzureißen?
Hoff Thorup: Wenn unsere Spieler nicht interessant für andere Vereine wären, hätten wir ein großes Problem. Wir wissen, in welche Richtung sich der Fußball entwickelt. Für immer jüngere Spieler werden immer höhere Ablösen bezahlt. Selbstverständlich werden wir nicht zehn Stammspieler in einem Transferfenster abgeben. Wenn wir gut planen, können wir uns die Grenze selbst setzen. Sollten uns Spieler verlassen, gibt es eine Liste mit möglichen Neuzugängen für jede Kaderposition. Wichtig ist, dass im Hintergrund konstant gearbeitet wird, damit uns im Sommer niemand auf dem falschen Fuß erwischt.
90minuten: Auf einen Namen möchte ich Sie direkt ansprechen. Andi Weimann konnte sich ansatzlos als Stammspieler etablieren und wäre im Sommer ein bitterer Verlust, sollte er den Verein wieder verlassen. Ich nehme an, dass Sie ihn gerne behalten würden?
Hoff Thorup: Wenn sich alle Seiten darauf einigen können, sehr gerne. Die Öffentlichkeit sieht ihn nur an Spieltagen, ich erlebe ihn aber über eine ganze Trainingswoche. Er hatte seit seiner Ankunft einen beeindruckenden Effekt auf die Mannschaft. Andi ist ein Vorzeigeprofi und hat eine sehr ruhige Ausstrahlung. Aus Trainersicht würde ich ihn gerne behalten.
90minuten: Kommen wir zum Geschehen auf dem Platz. Schon in Norwich war die vielseitige Einbindung von Außenverteidigern in den Spielaufbau und die Offensive eines Ihrer taktischen Markenzeichen. Woher kommt die Faszination für diese Position?
Hoff Thorup: Im Fußball sieht man aktuell vor allem hohes, mannorientiertes Pressing oder einen tiefen Block. Wenn man die Außenverteidiger flexibel einsetzt, kann man so das eine oder andere Dilemma für den Gegner erzeugen. Stehen sie tief, müssen die gegnerischen Flügelspieler weite Wege gehen, um sie unter Druck zu setzen. Stehen sie innen, öffnen sich Räume auf den Außenbahnen. So kann man den Gegner ganz gut auseinanderziehen. Für die Spieler ist es sehr anspruchsvoll. Das klassische Entlanglaufen der Seitenlinie, um dann vorne eine Flanke zu schlagen, gibt es in dieser Form nicht mehr.
90minuten: Aus defensiver Sicht ergibt sich daraus ein Abstimmungsproblem, weil die Spieler im Ballbesitz ihre Positionen verlassen. In den letzten Spielen hatten Gegner daher entweder viel Platz zwischen den Außen- und Innenverteidigern oder links und rechts der Fünferkette. Wie lässt sich diese Schwachstelle beheben?
Hoff Thorup: Das sollte natürlich nicht passieren, weil wir die Defensive auch im Ballbesitz mitdenken wollen. Unsere Struktur sollte so kompakt sein, dass wir auch dann keine Großchancen zulassen, wenn wir im letzten Drittel keinen Erfolg haben. Wir sollten nicht automatisch in einen Konter laufen. Wenn Sie sehen, dass sich offene Räume ergeben, liegt das daran, dass wir in dieser Hinsicht noch nicht gut genug sind.
90minuten: In der Offensive gelingt es Ihrem Team inzwischen besser, kontrollierten Ballbesitz aufzuziehen. Im letzten Drittel hatten die Spieler aber bislang Probleme, konstant Lösungen gegen tiefstehende Gegner zu finden. Braucht es mehr überraschende Elemente – Chipbälle, schnelle Kombinationen, Dribblings –, um letztlich schwerer ausrechenbar zu sein?
Hoff Thorup: Die Spiele haben sich mit der Zeit für uns auch entwickelt. Zuerst waren sie von vielen Umschaltsituationen geprägt. Im Ballbesitz mussten wir erst sehen, wo der Ball hinkommt, und haben uns erst dann entsprechend bewegt. Inzwischen können wir auch gegen aggressives Pressing geordneter aufbauen. Daraus ergeben sich für unsere Spieler andere Laufwege, wir müssen unseren Ansatz kontinuierlich anpassen. Es geht darum, Muster zu erzeugen und zu erkennen, damit wir Situationen schnell antizipieren können. In der Offensive haben wir dabei noch viel Aufholbedarf und feilen im Training an unterschiedlichen Varianten, um in den Strafraum zu kommen und den bestmöglichen letzten Pass zu spielen. Chipbälle sind definitiv ein Mittel, das wir vermehrt einsetzen wollen.
Im Training arbeiten wir gerade daran, wie wir Erci und Andi gemeinsam einsetzen können.
90minuten: Zu Saisonbeginn war Janis Antiste noch als Mittelstürmer eingeplant, kam in den letzten Wochen aber vor allem auf dem Flügel zum Einsatz. Im Zentrum ist dafür Andi Weimann gesetzt, der eigentlich kein klassisches Stürmerprofil mitbringt. Wie hat sich diese Umstellung ergeben?
Hoff Thorup: Weimann ist besser darin, das Spiel zu lesen. Er kann gefährliche Situationen sehr gut antizipieren. Wenn man nur auf die Torbeteiligungen schaut, tut man ihm Unrecht. Beim vierten Tor gegen den LASK springt er clever über den Ball, bekommt dafür aber keinen Assist gutgeschrieben. Janis Antiste wäre aus unserer Sicht als Stoßstürmer verschwendet. Er bewegt sich sehr geschickt in engen Räumen und ist eine gute Anspielstation. Wir sehen ihn deswegen gerne im Aufbau involviert.
90minuten: Ist ein mitspielender, tief agierender Mittelstürmer auch in Zukunft das Profil, nach dem man suchen wird?
Hoff Thorup: Nicht zwingend. Ich suche immer nach der richtigen Mischung. Welche zwei oder drei Spieler sorgen dafür, dass wir in gute Positionen kommen? In den letzten Spielen haben wir gesehen, dass Bendi [Anm.: Bendeguz Bolla], Andi [Anm.: Andi Weimann] und Niki [Anm.: Nikolaus Wurmbrand] gut miteinander harmonieren. Im Training arbeiten wir gerade daran, wie wir Erci [Anm.: Ercan Kara] und Andi gemeinsam einsetzen können. Neben Erci als zentralem Stürmer ergeben sich für Andi viele Räume. Es geht also darum, dass die Spieler gut zueinander und in unsere Spielidee passen.
90minuten: Wenn ein Trainer seine Grundformation umstellt, wird darüber in der Regel viel diskutiert. Sie haben Ihre Entscheidung mit dem zur Verfügung stehenden Personal begründet. Sehen Sie die Umstellung überhaupt als so relevant an, wie sie manchmal dargestellt wird?
Hoff Thorup: Im Spielaufbau hat sich nichts verändert, es würde im 4-3-3 nahezu identisch aussehen. Wir bauen über eine 2-4 oder 4-2-Struktur auf und rotieren Spieler in der vordersten Linie. In einem nächsten Schritt werden auch die Außenverteidiger, Mittelfeldspieler und offensiven Flügel stärker rotieren. Defensiv haben wir uns für eine Umstellung entschieden, weil Gegner uns mit Diagonalpässen und Flanken attackiert haben. Am Anfang hatten wir zu wenige Spieler im eigenen Strafraum, um das entsprechend zu verteidigen. Inzwischen stehen wir deutlich solider. Ein Mitgrund war, dass uns nicht allzu viele zentrale Mittelfeldspieler zur Verfügung stehen. Tobi [Anm.: Tobias Borkeeiet] ist jetzt ins Training zurückgekehrt. Dazu kommen Grgic, Amane und Seidl. Wenn wir alle drei gleichzeitig einsetzen, haben wir keine Option von der Bank.
Ich hoffe, dass ich eher konsequent als einfach nur streng bin.
90minuten: Ein weiteres Thema, das Sie während Ihrer Zeit in Norwich begleitet hat, war der Umgang mit disziplinären Fehltritten Ihrer Spieler. Man hat Ihnen nachgesagt, durchgreifen zu können. Können Sie sich diesen Ruf erklären?
Hoff Thorup: Wir haben gleich zu Beginn einen Rahmen festgelegt. Was erwarte ich mir von den Spielern? Was können sie von ihren Teamkollegen erwarten? Wir müssen uns aufeinander verlassen und einander vertrauen können. Vertrauen stützt sich auch auf Disziplin – wenn sie neben dem Platz verloren geht, tut sie es auch darauf. Teil unserer Vereinbarung ist, dass es für Fehlverhalten Konsequenzen gibt. Wenn diese Konsequenz erledigt ist, beginnen wir wieder bei Null und gehen respektvoll miteinander um. Bei Norwich hat es einige Vorfälle gegeben, die wir nach diesen Prinzipien abgearbeitet haben.
90minuten: Würden Sie sich selbst als "streng" bezeichnen?
Hoff Thorup: Ich hoffe, dass ich eher konsequent als einfach nur streng bin. Meine Stimmung ist sehr stabil. Spieler müssen sich keine Sorgen machen, dass ich an einem Tag härter oder nachlässiger mit ihnen umgehe, als an einem anderen. Alle sollten wissen, was sie von mir erwarten können. Manche mögen das streng nennen, ich würde es als ehrlich und klar bezeichnen.
Daniel Sauer