Stephan Helm ist seit mehr als eineinhalb Jahren Trainer des FK Austria Wien. Von den aktuellen Bundesliga-Trainern ist nur Rieds Maximilian Senft länger im Amt.
Und doch sieht sich der 42-Jährige immer wieder Kritik ausgesetzt. Zum zweiten Mal haben die Veilchen einen Fehlstart in die Saison hingelegt, das hohe Durchschnittsalter seiner Mannschaft wird hinterfragt.
Im 90minuten-Interview erklärt der Burgenländer, warum er nach dem schwachen Start pragmatisch reagieren musste, wann er junge Spieler einsetzt und weshalb er in Sachen Vertragsverlängerung aktuell keinen Stress hat.
90minuten: Nach einer eingehenden Analyse: Wie fällt Ihre Herbst-Bilanz aus?
Stephan Helm: Man muss zwischen der Start-Phase und der restlichen Saison unterscheiden. In der Start-Phase haben wir phasenweise richtig gut gespielt, hatten aber in der Innenverteidigung schwere Personalnöte, deswegen hatten wir schlechte Ergebnisse. Wir mussten taktisch darauf reagieren, was die Mannschaft sehr gut gemacht hat. Mit der Rückkehr der Verletzten haben wir direkt wieder Punkte geholt und gut in die Saison gefunden. Danach hatten wir in der Offensive wieder schwere Verletzungen. Die Entwicklung hat am Ende raus wieder gepasst, aber wir hätten insgesamt den einen oder anderen Punkt mehr machen können.
90minuten: Wie angesprochen, wurde der Ansatz nach dem Fehlstart geändert. Sie haben auf mehr Kompaktheit gesetzt, das Team später attackieren lassen. Hat Ihnen das weh getan? Wahrscheinlich haben Sie geglaubt, das Team ist schon weiter.
Helm: Wir waren weiter, das haben Vorbereitung und die ersten Spiele gezeigt. Ich versuche aber immer, zu erkennen, was der Mannschaft gerade guttut. Mit diesen Ausfällen war es das Richtige, es den Spielern wieder etwas einfacher zu machen. Man muss klare Entscheidungen treffen. Ja, im Prozess, was unsere Spielweise betrifft, hat es uns ein bisschen zurückgeworfen. Im Prozess den Zusammenhalt betreffend, sind wir aus dieser Phase gestärkt hervorgegangen. Das ist genauso wichtig.
"Du musst als Trainer pragmatisch sein. Ich bin in meinem Job Realist."
90minuten: Man kann diesen bewusst in Kauf genommenen Rückschritt auch pragmatisch nennen.
Helm: Du musst als Trainer pragmatisch sein. Ich bin in meinem Job Realist. Mir geht es immer um die Mannschaft. Ich mache nichts, um selbst gut dazustehen und mein eigenes Ego zu pflegen. Mir ist das nicht wichtig.
90minuten: Wohin soll der Prozess am Ende des Tages führen? Wie sieht die Idealvorstellung aus?
Helm: Wir wollen dominanten Fußball spielen, den Rhythmus bestimmen. Unser Fußball wird den Parametern des modernen Fußballs gerecht. Wir haben in allen Spielphasen eine klare Idee. In unserer Spielweise können sich Spieler individuell weiterentwickeln. Wir verteidigen aggressiv gegen den Ball, sind in den Umschaltmomenten gut und haben mit dem Ball eine klare Idee. Ein Beispiel.
90minuten: Bitte!
Helm: Wir wollen unser Spiel so aufbauen, dass wir Bälle so nach vorne spielen, dass unsere Zehner, unsere Wingbacks und unsere Stürmer möglichst oft in Offensivsituationen kommen. Wir haben eine hohe Präsenz im gegnerischen Strafraum und im Angriffsdrittel. Wir haben mit die meisten Eckbälle. Das ist alles so, weil wir grundsätzlich Angriffsfußball spielen. Gleichzeitig lassen wir relativ wenig zu. Wenn wir etwas zugelassen haben, haben wir aber zu viele Tore kassiert.
90minuten: Haben Sie manchmal das Gefühl, dass in der Abwehrkette der Speed fehlt, um auf Umschaltsituationen zu reagieren?
Helm: Das sehe ich nicht so. Das hängt immer mit dem Gesamtkonstrukt zusammen. Wenn wir Abstöße oder den Spielaufbau über den gegnerischen Tormann anlaufen, sind wir extrem ungut für die Gegner, da passiert relativ wenig. Ich bin überzeugt, wenn unsere Innenverteidiger alle bei 100 Prozent sind, haben wir eine der besten Verteidigungen der Liga.
90minuten: Sie haben im Test gegen Dunajska Streda in der Schlussphase mit einer Vierer-Abwehrkette gespielt. Ist das eine Variante, die ins Repertoire aufgenommen werden soll?
Helm: Letztendlich sollte man zwei Formationen haben, die man ohne Probleme spielen kann. Aber das funktioniert nicht einfach so. Wir sind jetzt an einem Punkt, an dem wir in unserer Spielweise sehr klar sind. Da darf es keinen großen Unterschied machen, ob wir hinten mal zu dritt oder zu viert spielen. Viel wichtiger sind aber die Verhaltensweisen.
"Für mich gibt es nur eine einzige Entscheidungsgrundlage: Was ist die höchstmögliche Chance, dass die Mannschaft gut funktioniert?"
90minuten: Abseits des Rasens war der Herbst von viel Unruhe geprägt. Jürgen Werner ist zurückgetreten, Michael Wagner hat Manuel Ortlechner ersetzt, mit Tomas Zorn gibt es einen neuen Sportvorstand. Was machen Sie, um diese Dinge bestmöglich von der Mannschaft fernzuhalten?
Helm: Ich bin verantwortlich für Staff und Mannschaft. Wir hatten immer gute Bedingungen und den Fokus auf unseren Dingen. Das ist unsere Verantwortung, der wir gerecht zu werden versuchen. Um die anderen Dinge kümmern wir uns nicht. Aber natürlich wird es langfristig wichtig sein, dass eine gewisse Ruhe einkehrt.
90minuten: Nichtsdestoweniger sind das Ihre direkten Vorgesetzten, die da ausgetauscht wurden. Auf Ihren Alltag wird das einen Einfluss haben.
Helm: Mir ist es wichtig, mit Leuten zu arbeiten, mit denen man konstruktiv konzeptionell zusammenarbeiten kann. Das war zu jeder Zeit der Fall. Es war jederzeit gewährleistet, dass wir uns auf unsere Arbeit konzentrieren können.
90minuten: Es hat den Anschein, als ob Philipp Maybach kurzfristig schon ein heißer Startelf-Kandidat sein würde.
Helm: Am Ende zählt das Leistungsprinzip. Für mich gibt es nur eine einzige Entscheidungsgrundlage: Was ist die höchstmögliche Chance, dass die Mannschaft gut funktioniert? Es ist schön, dass er an einem Punkt ist, an dem er ganz klar in der Verlosung dabei ist. Er stabilisiert sich, hat eine sehr gute Entwicklung genommen. Ich erwarte, dass sich jeder der Verantwortung bewusst ist, wenn er startet. Er hat das gut gemacht. Er hat nicht gegen Sturm gespielt, weil ich ihn so gut leiden kann.
90minuten: Der Ansatz des Leistungsprinzips ist völlig logisch. Gleichzeitig gibt es einen Strategiewechsel im Verein. Dem Klub ist es wahrscheinlich ein Anliegen, junge Spieler auf dem Feld zu präsentieren, damit diese möglichst schnell Verkaufskandidaten werden. Wenn eine Sportdirektion oder ein Sportvorstand zu Ihnen sagen würde, dass Sie einen bestimmten Spieler spielen lassen müssen…
Helm: Das macht ja keiner. Das hat auch noch nie jemand gemacht. Wir haben eine sehr enge, gute Kommunikation. Zumindest halbjährlich legen wir uns fest, an welche Spieler wir gemeinsam glauben. Dann werden strategische Entscheidungen getroffen, dass der Kader so zusammengestellt wird, dass diese Spieler einen Weg haben. Ein einfaches Beispiel.
90minuten: Gerne!
Helm: Wenn ich den besten Neuner der Liga habe und einen jungen Spieler, der nur Neuner spielen kann, dann wäre das strategisch nicht sehr klug. Das muss man gemeinsam vorweg planen. Mit Maybach, Radonjic und Saljic gibt es ja Beispiele.
90minuten: Bleiben wir bei Sanel Saljic.
Helm: Man hat vor eineinhalb Jahren in der Vorbereitung schon gesehen, welche Anlagen er hat. Aber er war damals noch nicht an dem Punkt. Nach einem Jahr in Stripfing ist er zurückgekommen und wir haben gemerkt, er hat einen Schritt gemacht. Dann hat er sich in der Vorbereitung verletzt. Als er zurückgekommen ist, hat er den Schalter umgelegt und Leistungen gebracht, die der Mannschaft sichtbar geholfen haben. Man muss die Spieler dorthin führen und unterstützen, den Schritt müssen sie aber selbst machen. Nur so funktioniert es. Wenn du immer jedem den roten Teppich ausrollst, passiert etwas, das du eigentlich nicht willst. Es ist kein bequemer Weg, du musst selbst in dir die Winner-Mentalität finden. Es gibt sicher keinen Verein in Österreich, in dem so viele Eigengewächse fix im Kader der Kampfmannschaft sind.
"Wenn ich mir unseren Kader ansehe, dann haben wir gehandelt – im Sommer schon, jetzt wieder."
90minuten: Nichtsdestoweniger gibt es viele Spieler, die Ende 20, eher aber Anfang 30 sind. Das Thema Durchschnittsalter hat im Herbst für viel Kritik gesorgt. Nervt Sie das?
Helm: Mich nervt so schnell gar nichts. Wir haben eine Mannschaft, die letztes Jahr sehr erfolgreich Fußball gespielt hat. Da war der eine oder andere junge Spieler schon dabei. Wenn du eine Mannschaft hast, die etwas älter wird, versuchst du junge Spieler so zu entwickeln, dass es einen sauberen Übergang gibt. Das funktioniert nicht von heute auf morgen. Man darf aber nicht vergessen, dass gute Führungsspieler mit dem richtigen Charakter wichtig sind, damit Junge stabil ihre Leistung bringen können. Nicht so viel reden, sondern handeln. Wenn ich mir unseren Kader ansehe, dann haben wir gehandelt – im Sommer schon, jetzt wieder. Wir haben einen klaren Plan.
90minuten: Ist es schwierig, diesen erfahrenen Spielern dann irgendwann mal beizubringen, dass sie zwar noch als Führungskräfte gebraucht werden, aber nicht mehr zwingend immer am Feld?
Helm: Alle geben das Beste fürs Kollektiv. Jeder wird einsehen, dass der andere spielt, wenn er auf der Position besser ist. Wichtig ist, klar zu kommunizieren – das ist intern gegeben. Wir haben eine sehr gute Kultur.
90minuten: Wie klar ist die Kommunikation mit Ihnen, was einen potenziellen neuen Vertrag über den Sommer hinaus angeht?
Helm: Wenn in den Ebenen über mir gewisse Dinge sortiert werden müssen, dann bin ich jetzt gerade nicht der Allerwichtigste. Wenn alles sortiert ist, wird man das Thema wieder besprechen.
90minuten: Wie weit ist Vasilije Markovic?
Helm: Er konnte seine Stärken, die er bei der U17-WM gezeigt hat, auch auf diesem Niveau unter Beweis stellen. Gleichzeitig gibt es in gewissen Bereichen noch großes Verbesserungspotenzial. Ich habe ihn als sehr fokussierten Spieler kennengelernt. Es ist kein Zufall, dass er bei der WM so gut aufgetreten ist. Er hat einen sehr guten Fokus auf das, was wichtig ist – auf und neben dem Platz.
90minuten: Sind Sie traurig, dass Ify Ndukwe im Sommer geht?
Helm: Ich freue mich für ihn, habe ihm auch gratuliert. Er hat sich diesen Transfer hart erarbeitet. Er ist ein richtig guter Typ.
Harald Prantl