Die SV Ried ist nicht nur für Spieler ein Sprungbrett, sondern auch für Trainer und Funktionäre - das beweisen die Wechsel von Maximilian Senft (Karlsruher SC) und Wolfgang Fiala (SK Rapid). Dem Präsidenten Thomas Gahleitner kommt bei der Bestellung neuer Führungskräfte eine Schlüsselrolle zu - schließlich muss er diese Fans, Mitgliedern, Sponsoren und der Öffentlichkeit erklären.
Das tut er im 90minuten-Interview und es ist notwendig: Neo-Coach Mario Despotovic war noch unbekannter als sein Vorgänger, Lukas Brandl ist als neuer Sportdirektor gerade einmal 28 Jahre alt. Gahleitner erklärt, wie er mit den Abgängen umgegangen ist und welche Rolle die erstarkte Konkurrenz aus dem Umfeld für ihn spielt - namentlich Ex-Serienmeister Red Bull Salzburg, der Gast am Freitagabend, und der große Rivale LASK.
90minuten: Die SV Ried hat in den letzten Monaten die sportliche Leitung komplett neu aufgestellt. Wie viele Stunden wenden Sie pro Woche für das Präsidentenamt auf?
Thomas Gahleitner: (denkt nach) Aktuell rund 20 Stunden in der Woche.
90minuten: Das ist intensiv, aber vielleicht wird es jetzt mit neuem Trainer und neuem Sportchef ruhiger – und Sie als Präsident verantworten dies letztlich. Ich möchte aber noch einmal weiter zurückgehen: Was wäre passiert, wenn Ried nicht gemäß des Zweijahresplans in die ADMIRAL Bundesliga aufgestiegen wäre?
Gahleitner: Grundsätzlich haben wir alles daran gesetzt, dass wir innerhalb der zwei Jahre aufsteigen. Die Sponsoren haben uns wegen des Aufstiegsversprechens die Treue gehalten. Wenn wir es nicht geschafft hätten, wäre es schwieriger gewesen, noch einmal ein Budget in der Größenordnung aufzustellen, mit dem wir aufsteigen könnten. Es wurde jedoch nicht alles riskiert, wir hätten auch einen Plan B gehabt, der vorsah, dass der Verein auch im Falle eines Nicht-Aufstieges trotzdem gesund dasteht.
Nein, überhaupt nicht. Es war für uns ja auch absehbar, dass das passieren wird. Die SV Ried ist dafür bekannt – und wir haben das auch in unserem Leitbild verankert –, Spieler und Führungskräfte weiterzuentwickeln.
90minuten: Einer der Architekten des Erfolgs ist Wolfgang Fiala. Jetzt holt der Rekordmeister während der Saison den Sportchef eines Konkurrenten und dann nicht einmal auf einer gleichwertigen Position. Hegen Sie Groll gegen Rapid?
Gahleitner: Nein, überhaupt nicht. Es war für uns ja auch absehbar, dass das passieren wird. Die SV Ried ist dafür bekannt – und wir haben das auch in unserem Leitbild verankert –, Spieler und Führungskräfte weiterzuentwickeln. Wir sehen uns also auch für eine derartige Position als Sprungbrett. Es ist doch eine Auszeichnung, wenn auch Funktionäre von uns geholt werden.
90minuten: Was für einen Mitarbeiter haben die Hütteldorfer da bekommen?
Gahleitner: Der Fußball hat sich in den letzten Jahren stark verändert, ist viel datengetriebener als früher. Es wird nicht mehr nur "optisch" gescoutet und im Netzwerk kommuniziert. Er verkörpert eine neue Generation von Funktionären. Sie bekommen einen absoluten Fußballfachmann, der Fußball lebt.
90minuten: Mit Lukas Brandl ist jetzt ein neuer, junger Mann Sportdirektor. Fiala war Geschäftsführer – warum nun Sportdirektor?
Gahleitner: Lukas Brandl ist ebenfalls ein wichtiger Teil der Aufstiegsgeschichte. Für uns war klar, dass Lukas nachrückt, wenn Wolfgang seinen nächsten Karriereschritt macht. Bezüglich der Stellenbezeichnung ist es so, dass Wolfgang deshalb Geschäftsführer wurde, weil man ihm einen Teil der wirtschaftlichen Verantwortung übertragen hat. Natürlich musste er bis zu einem gewissen Punkt Rücksprache mit dem Präsidium halten. Lukas hat dieselben Kompetenzen im sportlichen Bereich wie Wolfgang, ist aber "nur" Sportdirektor, weil wir ihm den Titel Geschäftsführer aufgrund seines Alters nicht zumuten wollten.
90minuten: Das heißt im sportlichen Bereich setzt er fort, wo Fiala aufgehört hat, allerdings mit "Welpenschutz". Darf er sich den einen oder anderen Transfer leisten, der nicht aufgeht?
Gahleitner: Sportlich haben beide das Gleiche drauf. Wir wollen ihn bis zu einem gewissen Grad schützen, weil mit der Position als Geschäftsführer auch rechtliche Themen hinsichtlich Haftung verbunden sind. Jetzt soll er sich in einem sicheren Umfeld entwickeln.
90minuten: Bleiben wir noch im Frühjahr. Wie haben Sie den Wunsch von Maximilian Senft aufgenommen? Es standen ja heimische Topklubs im Raum, dann wurde es ein deutscher Zweitligist – mit vermutlich einem etwas größeren Geldbeutel.
Gahleitner: Letzteres würde ich nicht sagen. Es war mir schon während der Saison klar, dass er am Ende der Spielzeit gehen wird. Er geht aber nirgends nur wegen des Geldes hin. Ich habe zu ihm ein freundschaftliches Verhältnis und er ist intelligent und überlegt sich, wo er die größten Chancen auf einen sportlichen Erfolg hat. Damit einher mögen auch finanzielle Möglichkeiten gehen, aber der Max ist keiner, der wegen des Geldes davonrennt – sonst wäre er im Winter zu Sturm gegangen.
90minuten: Brandl war auch maßgeblich an der Trainerentscheidung beteiligt. Wir Journalisten haben uns zu Beginn schwergetan, viel über den Nachfolger Mario Despotovic herauszufinden. Wie haben Sie reagiert, als dieser Name auf der Trainershortlist stand?
Gahleitner: Mir hat der Name nichts gesagt. Aber er war Lukas' absoluter Topkandidat. Der erste Eindruck war eher in die Richtung, dass sich das nicht ausgehen wird. Nach zehn Minuten Unterhaltung war ich aber überzeugt, dass Despotovic zu Ried passt.
90minuten: Wenn ein Trainer geht, melden sich viele Coaches selber. Ihr Präsidentenkollege Ziesler meinte, er wurde schon während des Spiels, das Feldhofer den Job kostete, kontaktiert. Wie viele Trainer haben sich Ried angeboten?
Gahleitner: Es haben sich wirklich sehr viele Trainer direkt oder über den Berater angeboten. Die SV Ried dürfte sportlich sehr interessant sein.
90minuten: Wie lang war dann die Shortlist?
Gahleitner: Wir hatten eine Liste von rund zehn Personen, intensiv haben wir uns mit drei bis fünf Personen befasst, die zum Verein, unserer Identität und dem sportlichen Plan passen. Mario hat sich da schnell herauskristallisiert.
Fans, Sponsoren und Journalisten fragten, wer Despotovic ist und meinten, dass sich das nicht ausgehen kann. Ich habe immer entgegnet: Wir hatten auch Trainer wie Miron Muslic. Der ist unglücklich gescheitert – man sieht jetzt ja, was er kann.
90minuten: Waren die anderen eher Preisklasse Despotovic oder – ich nenne irgendeinen vereinslosen und bekannten Trainer – Manfred Schmid?
Gahleitner: Den Mani Schmid kenne ich sogar sehr gut (lacht). Aber wir wissen schon, in welcher Preisklasse wir uns bewegen und kontaktieren keine Spieler und Trainer, von denen wir vorher schon wissen, dass es sich finanziell nicht ausgehen wird. Die Bandbreite war dennoch sehr groß, weil wir zuerst auf den Inhalt schauen und ob einer sich mit uns als Klub identifizieren kann. Erst wenn das passt, reden wir über das Gehalt. Das haben wir immer schon so gehalten und das ist meiner Meinung nach auch der Grund, warum wir so erfolgreich sind. Wenn ich nur nach dem Preis aussuche, bekommen wir nicht das, was wir wollen. Die, die sich mit Ried identifizieren, kommen ohnehin nicht wegen des Geldes, sondern wegen der Sprungbrettfunktion.
90minuten: Als Präsident ist man natürlich nicht so im täglichen Geschäft eingebunden, sondern für die Identität und das Ausgleichen der verschiedensten Interessen in und rund um den Verein verantwortlich. Wie haben die Fans auf Despotovic reagiert? War Senft, der zuvor in der vierten und der Frauen-Bundesliga Trainer war, genug "Türöffner" für eine derartige Personalentscheidung?
Gahleitner: Fans, Sponsoren und Journalisten fragten, wer Despotovic ist und meinten, dass sich das nicht ausgehen kann. Ich habe immer entgegnet: Wir hatten auch Trainer wie Miron Muslic. Der ist unglücklich gescheitert – man sieht jetzt ja, was er kann, und wir waren damals schon überzeugt. Da haben eben andere Dinge nicht gepasst. Beim Max war es das Gleiche, den kannte auch niemand. Ich wurde auch dreimal aufgefordert, ihn rauszuschmeißen, und dreimal sagte ich, dass ich an ihn glaube. Bei Mario haben wir sehr gut geprüft, wo er herkommt und wofür er steht. Aber es wird auch bei ihm eine Zeit brauchen. Bei ihm kommt noch dazu, dass wir einen großen Kaderumbruch hatten. Wir sind jedoch überzeugt davon, dass er das kann.
90minuten: War's auch deshalb wichtig, mit Stefan Schwab den Ex-Rapid-Kapitän zu holen, damit man atmosphärisch einen Ausgleich schafft?
Gahleitner: Das war ein strategischer Punkt, dass wir Führungsspieler wie Schwab bei uns haben, die positiv unterstützen können.
90minuten: Sprechen wir noch über den Sport. Auftaktremis gegen Lustenau, bislang erst ein Ligasieg, am Freitagabend kommt Red Bull Salzburg, das über die Wiener Klubs drübergefahren ist. Das könnte ein schwieriger Abend werden, oder?
Gahleitner: Mit Salzburg kommt eines der besten Teams des Landes nach Ried und wir stellen uns dieser Aufgabe. Zuhause ist alles schaffbar. Es wird nicht leicht, das wissen wir auch. Sollte das Ergebnis nicht so ideal sein, werden wir aber nicht im Boden versinken. Wir wissen sehr gut, wo wir uns in der Tabelle sehen.
90minuten: Mit dem Ende der Punkteteilung wird der Herbst aufgewertet, mit der Halbierung ist man schnell trotz vieler Punkte in Abstiegsnöte gekommen, siehe die WSG letztes Jahr. Wenn man die sportliche Leitung neu aufstellt und einen derartigen Kaderumbruch hat, wäre so eine Saison mit Punkteteilung unter Umständen ganz gut, oder?
Gahleitner: Das kann immer so sein. Aber sportlich ist es ohne Teilung fairer und wir müssen ohnehin die ganze Saison über beweisen, dass wir in die höchste österreichische Spielklasse gehören.
90minuten: Despotovic wird also seine Zeit bekommen?
Gahleitner: Wir werden ihn sicher nicht wegschicken, wenn die nächsten Spiele nicht so gut laufen.
90minuten: Wechseln wir auf die strategische Ebene. Salzburg war jetzt drei Jahre lang nicht ganz so in Form wie zuvor, nun scheinen die Bullen wieder in die Spur gefunden zu haben. Wie sehr freut es Sie als Präsident, dass das (finanzielle) Flaggschiff wieder erstarkt?
Gahleitner: Wir verkaufen das Produkt Bundesliga alle gemeinsam. Es ist wichtig, dass wir Topklubs haben und wir freuen uns genauso, dass der oberösterreichische Ligakonkurrent in der Champions League vertreten ist. Wir brauchen einen guten und gesunden Mix, in dem die Vereine wissen, wofür und wo sie stehen. Wir als Ried wissen, wofür wir stehen und wir freuen uns über möglichst viele und attraktive Gegner.
90minuten: Ist das Sponsoren- und Spielerinteresse insgesamt größer, wenn die Liga international gut performt?
Gahleitner: Ja, darum habe ich bewusst den LASK erwähnt. Fußball ist in Oberösterreich gerade ein extrem interessantes Thema und das ist gut für die Zuschauer, Spieler und Sponsoren.
90minuten: Wir danken für das Gespräch!
Georg Sohler