Sturm hat in Salzburg erneut ein Unentschieden ermurkst, der LASK schickte Rapid in der Giebelkreuz-Arena trotz Rückstands souverän mit 3:1 nach Hause. Es braucht nicht viel Fantasie, um das wahrscheinlichste Szenario für die verbleibenden zwei Runden zu skizzieren.
Es ist schwer vorstellbar, dass Sturm in Hartberg und zuhause gegen Rapid sechs Punkte holt. Genauso weit hergeholt wäre die Vermutung, dass die Kühbauer-Elf gegen Red Bull und die Austria viele Punkte herschenkt. Zu schwach sind die einen in der Offensive, zu stabil und zielgerichtet sind die anderen in den letzten Wochen.
Abwärtskollektiv
Das erste Mal seit 1974, da schaffte es der SK Voest, wird der heimische Meister wohl aus Linz kommen. Der LASK wartet überhaupt schon seit 1965 auf seine zweite Meisterschaft. Es wäre ein Erfolg nach einer wahrlich außergewöhnlich bis merkwürdigen Saison.
Dass eine Mannschaft mit acht Niederlagen und 41 Gegentreffern an der Spitze stehen kann, ist ein Alarmsignal für eine Liga.
Titelverteidiger Sturm startete als Favorit, wurde der Rolle aber nur zwischenzeitlich und sporadisch gerecht. Red Bull schreitet in der seit einiger Zeit stattfindenden Abwärtsspirale zügig weiter voran und die Wiener Vereine taten sich auch nicht irgendwie nachhaltig hervor.
Das schon viel besprochene kollektive Nach-unten-Nivellieren der früheren Spitzenteams der Liga zeigte sich in großteils unansehnlichen Spielen und einer verheerenden Bilanz auf internationaler Ebene. Die Debatte darüber, wohin sich der heimische Kick entwickeln kann und soll, wird in nächster Zeit noch viel intensiver zu führen sein, als es derzeit in Anflügen schon stattfindet.
Mehr Technik, weniger Leichtathletik
Nicht nur, aber auch aufgrund dieses niedrigen Leistungslevels war der Lauf des LASK überhaupt noch möglich, nachdem Dietmar Kühbauer als Trainer nach Linz zurückgekehrt ist. Dass eine Mannschaft mit acht Niederlagen und 41 Gegentreffern an der Spitze stehen kann, ist ein Alarmsignal für eine Liga. Und bevor das Schimpfen aus Linz beginnt: Über einen Meister SK Sturm gäbe es genau dasselbe zu vermelden.
Schön zu beobachten ist in Linz aktuell auch, wie sehr und wie schnell sportlicher Erfolg die Kritik an diversen Missständen zeitweilig verschwinden lässt. Dazu nur die Erinnerung an die LASK-Fans: Siegmund Gruber und alles, was dazu gehört, ist auch in der nächsten Saison noch immer da.
Ein wenig mehr Technik und individuelle Lösungen, ein bisschen weniger heilige Ilzersche Dreifaltigkeit: Pressing-Wucht-Intensität.
In Graz steht man dafür vor mehr als relevanten Weichenstellungen, unabhängig vom Ausgang dieser Meisterschaft. Michael Parensen hat im Podcast "BlackFM" unlängst von einem beginnenden Prozess gesprochen, der hinsichtlich Ausbildung und Spielweise einige Adaptierungen bringen soll. Stichwort: Ein wenig mehr Technik und individuelle Lösungen, ein bisschen weniger heilige Ilzersche Dreifaltigkeit: Pressing-Wucht-Intensität.
Fabio Ingolitsch lässt zudem im Moment jede Woche wissen, aktuell würde er eher improvisieren und nicht seine Ideologie durchziehen, weil er dafür im Kader nicht die Möglichkeiten sähe und es jetzt im Finish ausschließlich um Ergebnisse ginge. Diese beiden Standpunkte zusammengenommen heißen: Der Transfersommer in Graz wird ein wichtiger.
Zufall und Otar
Bis man Änderungen in der eigenen Ausbildungsschiene etablieren kann, werden Jahre vergehen. Kurzfristig wird ein anderes Gesicht also über die Zugänge vom Transfermarkt und den Schwerpunkten in der Sommervorbereitung kommen. Sportchef Parensen hat im Winter eine ordentliche Übertrittszeit hingelegt, es bleibt zu hoffen, dass er jetzt dann bei den großen Kaderbaustellen Sturm und Außenverteidiger nachlegen wird können.
Die Königsdisziplin ist das Offensivspiel. Das ist bei Sturm derzeit noch auf Zufall und den Otar-Kiteishvili-Moment aufgebaut.
Und Ingolitsch wird dann Anfang August seinen Offensiv-Wahrheitsbeweis antreten müssen. Der Sturm-Coach hat seit seiner Ankunft in Graz gezeigt, dass er es versteht, eine Defensive zu stabilisieren. Die Königsdisziplin ist aber das Offensivspiel. Das ist bei Sturm derzeit noch auf Zufall und den Otar-Kiteishvili-Moment aufgebaut.
Das führt dazu, dass die Schwoazn zwar kaum Tore bekommen, aber auch kaum welche schießen und deswegen ein Unentschieden nach dem anderen abliefern. Der nächste Schritt muss folgerichtig das Erlernen – dazu taugliche Spieler vorausgesetzt – einer Angriffsstrategie sein. Daran wird sich entscheiden, ob Fabio Ingolitsch trotz seiner jungen Jahre schon ein Meistertrainer sein kann.
Jürgen Pucher ist Buchautor, Politikwissenschaftler, Fußballjournalist und praktizierender Sturmfan in Wien. Der Steirer war Mitgründer der Fanplattform Sturm12.at. Seit 2015 ist Pucher als Betreiber des Podcast BlackFM aktiv, der sich den "Schwoazn" widmet. Für 90minuten.at schreibt er in regelmäßigen Abständen die Kolumne "12 Meter".
Jürgen Pucher