Wenn es sowas wie Laptop-Sportdirektoren geben würde, dann wäre Dino Buric einer. Der LASK-Sportchef ist erst 35 Jahre alt, aber schon seit 2017 in leitender Funktion im Fußball tätig. Damals noch bei der Admira, wechselte der studierte Betriebswirt 2022 nach Linz; zuerst als Sportkoordinator, seit rund einem Jahr als Sportdirektor.
Hätte man sich dieses Interview nach Spieltag sieben ausgemacht, hätte Buric Kritiker bestätigt. Der LASK hatte das Derby gegen Blau-Weiß Linz gewonnen, es war zu einem Vorfall im Trainerteam gekommen. Sacramento verließ den Verein. Wie lange die Athletiker zugesehen hätten, ist unklar. Zu dem Zeitpunkt war man Vorletzter, eine auf den ersten Blick wild zusammengewürfelte Truppe spielte schlecht.
Zwei Runden unter Interimscoach Maximilian Ritscher folgte die Unterschrift des bisherigen WAC-Trainers Didi Kühbauer. Der Rest ist (Erfolgs-)Geschichte.
90minuten reflektiert mit Dino Buric diese Zeit und bespricht die Transferstrategie nach dem Double-Coup.
90minuten: Meister, Cup-Sieger – der Saisonstart war aber alles andere als gut. Blicken wir noch einmal darauf zurück!
Dino Buric: Den können wir nicht leugnen. Wir wurden dafür auch vollkommen zurecht kritisiert. Den Saisonstart haben wir uns klarerweise anders erwartet, aus diversen Gründen konnten wir unsere Leistungen nicht auf den Platz bringen. Nach dem Trainerwechsel war ersichtlich, dass die idente Mannschaft ein komplett anderes Gesicht zeigen kann.
Das hat dem einen oder anderen, der die Entscheidungen im Sommer kritisiert hat, zu denken gegeben – wenngleich die Trainerbestellung von Joao Sacramento einfach keine gute war. Es war eine mutige Entscheidung, einem jungen Trainer die Chance zu geben. Die Rückkehr von Didi Kühbauer war dann ein Glücksgriff. Dass es sich so entwickelt, haben wir natürlich nicht erwarten können. Was die Jungs seit Oktober gespielt haben, ist einfach sensationell.
Das Grundgerüst bildet die defensive Stabilität und die Organisation gegen den Ball. Daran wollen wir festhalten. Darüber hinaus haben wir eine gute Basis und viele positive Ansätze, die wir weiter ausbauen wollen.
90minuten: Für Trainer von außen ist die Liga durchaus schwierig, siehe Lijnders, Klauß und Co. Was waren Ihre Gedanken, mit Sacramento in die Saison zu gehen?
Buric: Den heimischen Markt hatten wir im Blick. Ihn hatten wir dennoch schon länger genannt und dachten, es sei der richtige Zeitpunkt. Denn in der Liga geht der Trend dazu, dass viele Mannschaften zwar Ballbesitz-Fußball spielen, doch damit Probleme haben. Darauf stellt sich die Konkurrenz, denen die Qualität für Ballbesitz vielleicht etwas fehlt, ein und sucht den Erfolg im Umschalten und Standardaktionen.
90minuten: Manche nennen es Terrorfußball.
Buric: Diese Art zu spielen ist vollkommen legitim, weil die Budgets begrenzt sind und jeder versucht, das Maximum herauszuholen.
90minuten: Über Didi Kühbauers Qualitäten muss man nicht mehr viel sprechen – er schafft es, dass ein Ruck durchs Team geht, das weiß man. Es war aber dennoch letztlich das richtige Team mit dem falschen Trainer?
Buric: Ob es die Ansprache war oder Sacramento die Dinge nicht so klar rüber gebracht hat, ob die Umsetzung zu kompliziert war, ist nicht wichtig. Didi ist jemand, der die Dinge genau auf den Punkt bringt und wo jeder eine klare Aufgabe hat. Mit gewissen kleinen Anpassungen schafft er es, dass die Spieler ihre PS auf den Platz bringen. Das hat man vom ersten Spiel weg gegen Rapid gesehen. Ich glaube, die Mannschaft hat sich dann einfach auch mit kleinen Systemanpassungen auch einfach wohler gefühlt. Wir haben schon im Finish der Vorsaison unter Maximilian Ritscher mit Dreier-/Fünferkette gespielt und gemerkt, dass sich das Team mit Wingbacks wohl fühlt.
90minuten: Es ist aber bekanntlich leichter, einen Erfolg einzufahren, als ihn zu wiederholen. Die Gegner haben sich den LASK jetzt zehn Monate angesehen und ihre Schlüsse daraus gezogen. Wie kann es jetzt weitergehen?
Buric: Also wir werden uns sicherlich noch weiterentwickeln und steigern müssen. Das Grundgerüst bildet die defensive Stabilität und die Organisation gegen den Ball. Daran wollen wir festhalten. Darüber hinaus haben wir eine gute Basis und viele positive Ansätze, die wir weiter ausbauen wollen. Jetzt braucht es Kontinuität, weswegen wir bei Krystof Danek und Joao Tornich die Kaufoptionen aktiviert haben. Im Sommer 2025 gab es mit 14 Abgängen bekanntlich einen XXL-Umbruch. Natürlich kommen und gehen in einer Ausbildungsliga zwar immer Spieler, aber das muss sich in Grenzen halten.
90minuten: Inwiefern kann man das erreichen?
Buric: Wir haben uns bereits im letzten Sommer darüber Gedanken gemacht. Die meisten Leistungsträger haben noch zwei Jahre und mehr Vertrag. Das ist eine komfortable Situation und man kann überlegen, wer nun für den nächsten Schritt bereit ist oder noch ein halbes oder ganzes Jahr beim LASK bleiben sollte. Dazu sondieren wir den Markt, weil wir uns auf der einen oder anderen Position noch breiter aufstellen müssen. Auf uns kommt in den nächsten Monaten viel zu. Die Saison mit dem Double war sensationell, aber wir werden keine verrückten Dinge machen — und das ist auch gut so. Wir haben das viertgrößte Budget in der Liga, weil wir konsequent auf finanzielle Nachhaltigkeit gesetzt haben. Genau das wollen wir beibehalten: finanzielle Disziplin, klare Strukturen und Organisation.
90minuten: Kommen wir zur Transferpolitik. Der LASK hat ein starkes Auge auf den österreichischen Markt, aber eher auf gestandene Spieler, weniger auf Transferaktien. Warum?
Buric: Das ist schon unsere Transferstrategie, aber das Alter muss man ausklammern. Es geht darum, ob ein Spieler einen Mehrwert mit sich bringt. Da wehren wir uns nicht gegen Talente, siehe Goalie Lukas Jungwirth. Der hat eine super Saison gespielt und davon hätten wir gerne mehr, sei es Österreicher oder Ausländer. Dennoch haben wir im Blick, wenn sich eine Situation ergeben kann, dass ein Spieler mit hoher Qualität und wenig Anpassungs- und Integrationszeit geholt werden kann; siehe Sasa Kalajdzic.
Fußball ist ein weltweiter Markt. Es gibt gewisse Positionen, da suchen wir genaue Eigenschaften. Wenn dann einer aus unserem gerade erwähnten Filtersystem hervorsticht, schauen wir ihn uns an.
90minuten: Ist es zuletzt schwieriger geworden, junge Österreicher mit Qualität zu finden?
Buric: Einfacher ist es nicht geworden. Wir haben uns auch mit dem einen oder anderen Spieler wie Veratschnig beschäftigt. Fakt ist aber: Wenn der Lockruf aus dem Nachbarland kommt, geht es um ganz andere finanzielle Rahmenbedingungen. Dann tritt manchmal sogar die sportliche Perspektive in den Hintergrund oder ob es nicht noch einen Zwischenschritt brauchen würde. Talente gibt es genug, dann braucht es aber Vertrauen sowie den richtigen Trainer zum richtigen Zeitpunkt, der dem Talent eine Chance gibt.
90minuten: Jetzt muss man bei einem Transfer wie Alessandro Schöpf wohl keine Leistungsdaten ansehen. So mancher Transfer letzten Sommer wirkte aber eher "random", wie Tornich oder Jörgensen. Mit welchen Tools arbeiten Sie, um diese zu finden?
Buric: Es ist ein Mix aus vielen Komponenten. Man sondiert den Markt mit Daten, filtert und kategorisiert die Spieler aufgrund diverser Parameter. Das können Eventdaten oder physische Daten sein. Daraus ergibt sich ein Vergleich zu den eigenen Spielerprofilen und den Durchschnittswerten auf den jeweiligen Positionen in der Liga — so kann man Ligen und Spieler qualitativ bewerten. Das heißt Video- und Live-Scouting, Kontakte zu Personen aus dem Umfeld. Dadurch erhöht man die Wahrscheinlichkeit, die richtigen Spieler zu finden und zu verpflichten, und versucht etwaige Fehlentscheidungen zu minimieren.
90minuten: Einen Aalborg-Spieler wie Jörgensen findet man noch, aber konkret: Wie kommt man auf die Tornichs und Adenirans?
Buric: Fußball ist ein weltweiter Markt. Es gibt gewisse Positionen, da suchen wir genaue Eigenschaften. Wenn dann einer aus unserem gerade erwähnten Filtersystem hervorsticht, schauen wir ihn uns an. Deswegen sind die LASK-Positionsprofile bis ins Kleinste definiert. Dann müssen am Ende noch die finanziellen Rahmenbedingungen stimmen.
90minuten: Mit Hilfe von (KI-)Tools?
Buric: Wir benutzen diverse, die in unsere eigene Datenbank eingegliedert sind. Daten sind heutzutage einfach wichtig, weil der Markt offener und transparenter geworden ist im Vergleich zu noch vor zehn Jahren.
90minuten: Welche Rolle spielen Leihgeschäfte in der Transferstrategie? Einen Sasa Kalajdzic kann man sich nicht leisten, es ist also immer "bittersüß", wenn ein Spieler nur sechs oder zwölf Monate da ist – und man keine Ablöse kassiert.
Buric: Hierbei gilt es immer abzuwägen, was die Rolle des Spielers ist und was wir uns erwarten. Bei Sasa wussten wir natürlich schon, welchen Mehrwert er für uns haben kann und dass er ein unglaublich wichtiger und entscheidender Faktor sein kann. Da sagst du schon einmal: "OK, ich gehe mal ein reines Leihgeschäft ein, mit wenig finanziellem Risiko, weil der Stammverein so gut wie das komplette Gehalt übernimmt."
Wir konnten ihm ja auch helfen, zu alter Stärke zu finden und zur WM zu fahren. Bei einer Leihe mit Kaufoption kann man den Spieler wiederum über eine längere Zeit kennenlernen und weiß beispielsweise auch, wie er reagiert, wenn es nicht so gut läuft. Dann ist es mit der Entscheidung im Mai leichter, weil man weiß, welche Chancen und Risiken es gibt, welches Wiederverkaufspotenzial er hat, wenn es eines gibt – und so weiter. Das ist für einen Verein wie den LASK ein interessantes Modell.
90minuten: Wie wichtig ist die Finanzierungssäule Transfererlöse für den LASK, wie viele Millionentransfers wie Nakamura braucht es?
Buric: Der LASK ist hinsichtlich des Portfolios an Partnern und Sponsoren gut aufgestellt. Der Verein ist auch sehr innovativ, wenn es darum geht, sich nachhaltig aufzustellen. Es geht darum, wettbewerbsfähig zu bleiben, ohne auf Transfererlöse angewiesen zu sein. Sicher, es ist gut, jedes Jahr Millionentransfers zu schaffen. In einem Land, in dem die TV-Erlöse nicht so hoch sind, ist es für jeden Verein wichtig, auch im Erfolg eine finanzielle Disziplin zu haben.
Wir haben den Kader noch einmal verjüngt. Dazu braucht es aber auch Ankerspieler, die Stabilität geben und um die sich die Jungen entwickeln können. Wir können nicht sofort fünf 18-Jährige reinwerfen.
90minuten: Hinsichtlich Erfolg ist es jetzt wohl auch wichtig, denen, die ihn eingefahren haben, nicht unbekannte Kicker vor die Nase zu setzen, oder?
Buric: Es braucht eine Balance im Kader, mit klar abgesteckten Rollen. Dennoch gilt das Leistungsprinzip. Inklusive Cup haben wir bis Weihnachten aber 27 Spiele, das geht nicht mit 14 Mann. Es ist zudem oftmals eher die psychische Komponente, die nach internationalen Highlight-Spielen wichtig ist. Also nach einem Europaknaller runterfahren und dann in der Liga antreten, das ist schwierig. Da braucht es eben einen gewissen Mix.
90minuten: Gegen einen Schöpf, der gerade bei der WM ist, wird auch niemand etwas haben, oder?
Buric: Wir haben den Kader noch einmal verjüngt. Dazu braucht es aber auch Ankerspieler, die Stabilität geben und um die sich die Jungen entwickeln können. Wir können nicht sofort fünf 18-Jährige reinwerfen, sonst geht die Balance verloren. Gerade deswegen machen wir uns schon bei jedem Neuzugang einfach all die erwähnten Gedanken, welche Rolle die Spieler in den nächsten sechs oder zwölf Wochen einnehmen. Wir hatten im Winter mit Xavier Mbuyamba nur einen Neuzugang, weil wir den Kader mit Bedacht sortieren wollten, gute Lösungen finden und keine Unruhe reinbringen.
90minuten: Stichwort Ups and Downs: Wird es zusätzliche Unterstützung geben, durch Mentalcoaches oder Sportpsychologie?
Buric: Die Verantwortung liegt beim Trainerteam und Didi ist sehr erfahren. Er kann das sehr gut steuern. Letztlich müssen die Spieler, die diese Erfahrungen im Europacup noch nicht gemacht haben, sie einfach durchleben. Da hilft auch kein Mentalcoach. Und gerade deswegen sind einige geblieben, obwohl sie finanziell lukrativere Angebote hatten.
90minuten: Kommen wir zu den Zielen. Klar, Titelverteidigung und Champions League-KO-Phase würde jeder gerne erreichen, aber was ist realistisch?
Buric: Es geht um langfristige, nachhaltige Entwicklung. Es ist für den Verein wichtig, um die internationalen Plätze zu spielen, was in den nächsten Jahren aufgrund des Koeffizienten nicht einfacher wird. Also lautet das Ziel: "Wir wollen Jahr für Jahr in der Meistergruppe mitspielen und wir wollen um die internationalen Plätze spielen."
90minuten: Wir danken für das Gespräch!
Georg Sohler