Schande von Gijon: Wie schlimm war es wirklich?
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Schande von Gijon: Wie schlimm war es wirklich?

Vier Jahre nach dem Triumph von Cordoba sorgte Österreich auch 1982 mit einem Spiel gegen Deutschland für internationale Schlagzeilen. 90minuten hat das Match mit den heutigen Möglichkeiten nochmal analysiert:

Beim Verlassen des Stadions eine Stunde nach dem Spiel war Co-Teamchef Felix Latztke ordentlich angefressen. "Es gab keine Absprachen. Wenn das jemand in den Raum stellt, lügt dieser Mensch. Bei einem WM-Turnier kann man sich nichts ausmachen, es geht einfach um zu viel."

Gegenüber den um ihn versammelten Medien schob er nach: "Jetzt muss ich euch österreichischen Journalisten auch noch das erklären. Ist es euch lieber, dass wir aufsteigen, oder sollen wir ehrenvoll ausscheiden. Ich verstehe es nicht."

Was war passiert?

Die ÖFB-Mannschaft um Jara, Schachner, Krankl, Prohaska, Pezzey und Koncilia hatte bei der WM 1982 gerade den Einzug in die zweite Runde fixiert. Eine 0:1-Niederlage gegen die BRD im El Molinon Stadion von Gijon war aufgrund der besseren Tordifferenz genug für den zweiten Gruppenplatz, vor Algerien.

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Ganze 44 Jahre später rückt das entscheidende Spiel, die "Schande von Gijon", wieder in den Fokus. 90minuten hat sich vor den Fernseher gesetzt und den Mangel an Geschehen auf dem Platz noch einmal genau angesehen.

Ein Fußballspiel dauert 90 11 Minuten

Im modernen Fußball steht interessierten Fans eine Bandbreite an Statistiken zur Verfügung, um Leistungen besser einordnen zu können: Expected Goals (xG), Laufdaten und Packing zum Beispiel, um nur einige zu nennen.

Als guter Indikator für Pressing-Intensität gilt der PPDA-Wert (Passes Per Defensive Action), mit dem gemessen wird, wie oft eine Mannschaft sich den Ball im Mittel- und Angriffsdrittel ungestört zuspielen darf, bis der Gegner versucht, ihn zu erobern. Je niedriger der PPDA-Wert, desto intensiver der Druck. Im Klubfußball erlauben aggressiv pressende Spitzenteams weniger als acht Pässe, der ÖFB während der WM-Qualifikation für 2026 knapp über sieben.

Wie sieht der - eigens abgezählte - PPDA-Wert für Gijon 1982 aus?

Spielphase

PPDA BRD

PPDA ÖFB

Bis zum 1:0

3,7

9,6

Min. 45 - 60

15,4

13,3

Min. 60 - 75

11,1

8,2

Min. 75 - 90

13,0

20,4

2. Halbzeit Gesamt

13,1

13,9


Wer diese hohen - also schlechten - Zahlen der zweiten Halbzeit mit dem Fußball der damaligen Zeit erklären möchte, vergisst, dass frühes Stören unter dem Begriff 'Forechecking' auch 1982 als taktisches Stilmittel eingesetzt wurde. Auf dieses hat man in Gijon allerdings verzichtet.

Österreich geriet unter die Räder

Zuschauer vor den Fernsehschirmen wurden vor dem Anpfiff von Kommentatoren-Legende Robert Seeger, begleitet von lauten Tröten auf den Tribünen, scharf gemacht: "Die österreichische Mannschaft wird in roten Leibchen und weißen Hosen spielen, wie in Cordoba. Vielleicht ist das ein gutes Omen. Es wäre eine Riesensensation, wenn Österreich heute unentschieden spielt und damit den zweifachen Weltmeister vorzeitig aus dem Turnier wirft."

Richtig los legten dann aber - wie erwartet - nur die Deutschen. Die ÖFB-Auswahl ließ sich in der Anfangsphase überrollen, verteidigte lasch und brachte keine längere Ballstafette zustande. Nach einem Angriff über die linke Seite konnte Horst Hrubesch früh eine Flanke zum 1:0 verwerten.

Damit war die Sache aber noch nicht erledigt. Hrubesch und Paul Breitner hätten die Führung wenig später ausbauen können. Damit wäre Österreich in der Endabrechnung zwar noch nicht hintübergefallen, jedenfalls aber stark unter Druck geraten. Mehrfach musste Tormann Friedl Koncilia brenzlige Situationen entschärfen. Seeger attestierte der BRD einen "Vernichtungswillen." Auch körperlich war das Spiel durchaus intensiv, Zweikämpfe wurden robust geführt.


Noch vor der Halbzeit war das Spektakel dann aber auch schon wieder beendet. Auch ohne sich vorher abgesprochen zu haben, verkam die Partie nach und nach zum Verlegenheitskick.

Kaum hatte die österreichische Hintermannschaft den Ball gemächlich über die Mittellinie geschleppt, machte man ohne großes Zutun des Gegners wieder kehrt. Auf deutscher Seite lief es kaum anders.

Im Fußball ist es schließlich nicht verpflichtend, nach vorne zu spielen, nur weil man gerade in Ballbesitz geraten ist. Wer sich den Ball fernab des Gegners zuschiebt, kann ihn nicht so schnell verlieren. Wer den Ball nicht verliert, wird sich kein Gegentor fangen.

Die ein oder andere brenzlige Szene gab es trotzdem, vor allem Walter Schachner konnte die deutsche Verteidigung gelegentlich unter Druck setzen. Beide Mannschaften hätten bei einer entsprechenden Gelegenheit wohl ein Tor erzielt - man hat es aber eben nicht darauf angelegt.

Aufgebrachtes Publikum

Nicht nachvollziehbar waren diese Philosophien beider Mannschaften auch für tausende erboste Fans auf den Tribünen. Nach 50 Minuten wurden weiße Tücher oder Geldscheine gezückt und im Sinn einer abschätzigen Geste geschwenkt.

Um aufgebrachte Algerier von einem Platzsturm abzuhalten, musste das Polizeiaufgebot an den Seitenlinien verstärkt werden - am Rand der TV-Bilder sind die Tumulte gut auszumachen. Noch während des Spiels gab der Teamchef der Nordafrikaner ein Interview, um seinem Unmut Luft zu machen.

Eine Bilanz der 2. Halbzeit:

Netto-Spielzeit 2. HZ

35:50 Minuten

ÖFB in BRD-Hälfte

6:38 Minuten

BRD in ÖFB-Hälfte

8:32 Minuten


Zwischen den Fans saß ein nicht minder aufgebrachter Robert Seeger. Zunächst kündigte er Angriffe noch mit lauter werdender Stimme an, wohl aus Macht der Gewohnheit. Dann hatte aber auch der Routinier genug. Schließlich wirkt es absurd, wenn zum Kommentar "Konter der Bundesrepublik" Bilder laufen, die gemütlich losstapfende Deutsche zeigen.

Begleitet von gellenden Pfiffen resignierte er: "Am besten sagt man gar nichts mehr, denn es ist zeitweise fast peinlich." Später schob Seeger dann doch noch nach: "Ich kann dieses Spiel einfach beim besten Willen nicht mehr ernst nehmen."

Verteilung der Ballkontakte 2. Halbzeit:

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Fünf Minuten vor Spielende schob sich Österreichs Nationalmannschaft in Ruhe elf Pässe um den Mittelkreis zu, dann waren wieder die Deutschen an der Reihe. Nach dem Schlusspfiff riss Herbert Prohaska jubelnd die Hände zum Himmel. Auch er hatte davor keinen Vorwärtsdrang ausgestrahlt.

Goleador Hans Krankl blieb ähnlich blass und verbuchte den Großteil seiner 26 Ballkontakte in der zweiten Spielhälfte weit weg vom gegnerischen Tor.

Heatmap Hans Krankl 2. Halbzeit:

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Ursachenforschung für die Blamage

Am Tag nach dem Spiel sollte Felix Latzke mildere Worte finden. Er bat die Fans vor den Fernsehgeräten um Entschuldigung und versprach versöhnende Auftritte in der zweiten Runde.

Österreichs zweiter Teamchef, Georg Schmidt, begründete den schwachen Auftritt mit der großen Angst vor dem Ausscheiden im rot-weiß-roten Lager. Einige Akteure hätten aus Resignation sogar schon vor dem Spiel die Koffer gepackt. Mit einer defensiveren Taktik habe das Duo versucht, den Spielern ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln.

Auch Keeper Koncilia resümierte im Nachhinein: "Wir waren durch das frühe 1:0 der Deutschen geschockt und gelähmt."

Offener waren die ebenso schwach ins Turnier gestarteten Deutschen. Paul Breitner lehnte zwar Vorwürfe von Packelei oder Schiebung ab, gestand aber, auf ein bestimmtes Ergebnis gespielt zu haben.

Ein Jahr später hielt er fest: "In Wirklichkeit war das Spiel in Gijon die gleiche Katastrophe, wie wenn wir ausgeschieden wären. Da gab es keinen Unterschied mehr."

Österreichs Nationalmannschaft 1982
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Österreichs Nationalmannschaft 1982

Man mochte sich

Wenn die eine Mannschaft ihre Führung wie eine Führung, die andere Mannschaft ihren Rückstand aber ebenso wie eine Führung verwaltet, ergibt das am Ende ein Spiel wie in Gijon 1982. Den Aufstieg aus der Gruppenphase hat sich die Mannschaft erfolgreich, aber teuer mit ihrer Ehre erkauft.

Ob es im Lauf der Partie wirklich irgendwann eine Absprache gegeben hat, wird ein Geheimnis bleiben. Man war sich jedenfalls sympathisch, das steht fest. Breitner und Prohaska teilten sich während des Spiels eine Wasserflasche, "Krone"-Reporter Michael Kuhn berichtete von lockeren Gesprächen vor Anpfiff. Deutschland hätte Österreich ohne Zweifel überrollen und nach Hause schicken können, verzichtete aber.

Leidtragend war Algerien, das seine Nationalmannschaft für die erste WM-Teilnahme schon viele Wochen im Voraus zusammengezogen hatte. Protestschreiben an die FIFA blieben ergebnislos.

Geblieben ist von Gijon auch eine Reform: Die letzten Spiele der Gruppenphase werden inzwischen parallel ausgetragen, um mögliche Absprachen zu erschweren.

Dass es in Kansas City aufgrund der Tabellenkonstellation trotzdem - ausgerechnet zwischen Österreich und Algerien - wieder zu einer Situation kommen kann, in der ein bestimmtes Ergebnis beiden Mannschaften besonders recht ist, macht die Partie am Samstag jedenfalls noch eine Spur interessanter.



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