Wie ein mexikanischer Weltstar in Linz landete
Foto © Montage/IMAGO/APL/KI

Wie ein mexikanischer Weltstar in Linz landete

Ein Weltstar in Österreich? Das kommt heute nicht mehr wirklich vor. 1995 heuerte mit Hugo Sánchez ein mexikanischer Superstar beim FC Linz an. Wie das möglich war:

Diese Geschichte beginnt am 11. Juli 1958 in der mexikanischen Hauptstadt. Dort erblickt Hugo Sánchez Márquez das Licht der Welt.

Er ist eines von sieben Kindern, die Familie ist insgesamt sehr sportbegeistert. Bereits im Alter von 14 Jahren wird der Stürmer in die mexikanische Juniorenauswahl einberufen. Er wird später den Goldenen Schuh gewinnen und für das Weiße Ballett auflaufen.

Dass Sánchez einige Jahre später in der 2. Liga beim FC Linz gegen Klingenbach und Gerasdorf kicken sollte, ist eine Story, die im heutigen Fußball nicht mehr allzu oft geschrieben wird.

Damals, bevor die Gehälter und Ablösesummen astronomische Dimensionen annahmen, war das keine Seltenheit: 1986 heuerte Weltmeister Mario Kempes bei der Vienna an, zwei Jahre später tauchte der sowjetische Superstar Oleg Blochin im Dress von Vorwärts Steyr auf. Österreich war immer wieder Endstation großer Namen – einen größeren als Hugo Sánchez gab es aber kaum.

Erst Superstar, dann Österreich

Heute gehen die Kicker den umgekehrten Weg, siehe Sadio Mané, Erling Haaland oder Dominik Szoboszlai. Geld verdienen lässt sich so einfacher, der Glamour-Faktor ist aber eher klein. Der war bei Sánchez groß. Aber – um dieses Wortspiel zu bemühen – der Reihe nach.

Der talentierte Hugo Sanchez 1986 im Dress von Real Madrid, er erklärt Antonio Maceda Frances etwas
Foto © IMAGO / Ferdi Hartung
Der talentierte Hugo Sanchez 1986 im Dress von Real Madrid, er erklärt Antonio Maceda Frances etwas

Der Mexikaner kickt zunächst für die UNAM Pumas, den Fußballverein der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko.

Ab 1976, im Alter von 18 Jahren, gehört er dem Profikader an und wird 1977 Meister – es ist der erste Meistertitel für das Team. 1980 und 1981 gewinnen die Pumas den CONCACAF Champions' Cup, die Nord- und Zentralamerikanische Champions League. 1981 gewinnt das Team zudem die Copa Interamericana, wo der CONCACAF-Champion gegen den Sieger der Copa Libertadores, dem südamerikanischen Pendant, spielt.

Auf nach Europa

Denn 1981, in dem Jahr, in dem er das Studium abschließt, wechselt der lediglich 1,74 Meter große, begnadete Techniker zu Atlético Madrid und wird 1985 Torschützenkönig.

Bereits zuvor war er von 1978/79 bis 1980/81 drei Mal in Folge Torschützenkönig der mexikanischen Liga geworden. Lokalrivale Real Madrid schlägt zu.

Mit den Königlichen feiert Sánchez herausragende Erfolge: Real wird fünf Mal in Folge spanischer Meister, Sánchez steuert vier Mal die meisten Ligatore bei, 1989/90 sind es gar 38 Treffer.

Mit dieser Anzahl stellt er den Rekord von Zarra für Athletic Bilbao aus dem Jahr 1950/51 ein. Erst Cristiano Ronaldo (41 Tore, 2010/11) und Lionel Messi (50 Tore, 2011/12) überbieten diese Marke. Allerdings erzielt Sánchez alle Tore mit dem ersten Kontakt - den Rekord wird ihm wohl keiner nehmen.

Ich war von der Idee nicht begeistert, weil er so alt war. Aber Christian Stumpf ist zu Rapid gegangen. Ich hatte ein Team mit elf Spielern übernommen und sechs Leute aus meiner U18 dazugenommen.

Heinz Hochhauser über den Vorschlag, Sánchez zu holen

Spannend ist weiters, dass ausgerechnet jener Mann, der einen Abschluss in Zahnmedizin erworben hatte, nicht nur als Lebemann und Schöngeist galt, sondern auch als schwierig.

Kein Einfacher

Anfang 1991 verletzt sich Sánchez am Knie und spielt ein Jahr nicht. Klubintern sorgt er für Probleme; nach der Genesung fasst er eine zweimonatige Sperre aus disziplinären Gründen aus.

Ein Wechsel in die Heimat zu Club América macht ihn nicht ruhiger, auch dort fällt er auf. Er spielt noch einmal in Spanien bei Rayo Vallecano und nochmals in Mexiko für CF Atlante. Und schließlich geht Sánchez auch in die zweite Liga Österreichs, zum FC Linz. Jürgen Werners Hartnäckigkeit hilft dabei.

Er spricht im Zuge eines Atlante-Trainingslagers mit dem Weltstar und macht dem damals 37 Jahre alten Spieler den Wechsel nach Linz schmackhaft.

Hugo Sanchez im Duell mit Günther Neukirchner bei einem Test mit Atlante
Foto © GEPA pictures
Hugo Sanchez im Duell mit Günther Neukirchner bei einem Test mit Atlante

In Linz geht's weiter

Sánchez kennt Linz, war 1989 das erste Mal in der Stadt an der Donau, im Zuge einer Fußballgala auf der Gugl. Zunächst spielt der LASK gegen VÖEST Linz, danach Sánchez' Real Madrid gegen Ernst Happels FC Tirol. Mag sein, dass dies eine Rolle spielt. Dank eines Zuschusses von Franz Grad kommt der Deal zustande.

Trainer der gerade abgestiegenen Stahlstädter ist Heinz Hochhauser. Bei einem Freundschaftsspiel beobachtet er den Kicker, verpflichten will er ihn eigentlich nicht.

"Ich war von der Idee nicht begeistert, weil er so alt war", erinnert sich Hochhauser gegenüber 90minuten. "Aber Christian Stumpf ist zu Rapid gegangen. Ich hatte ein Team mit elf Spielern übernommen und sechs Leute aus meiner U18 dazugenommen." Nachdem die Suche nach einem anderen erfahrenen Spieler erfolglos bleibt, willigt er ein.

Zu alt?

Der erfahrene Stürmer mit dem artistischen Torjubel fügt sich entgegen der bisherigen Erwartungen gut ein. "Er war konsequent, hat alles mitgemacht, wollte nur seinen eigenen Masseur mithaben", erzählt Hochhauser weiter.

Werner will Sánchez dank eines Platztausches mit dem VSE St. Pölten auf der Gugl präsentieren. Die Niederösterreicher stimmen nicht zu. Beim Stand von 3:1 fällt nach 64 Minuten das Flutlicht aus. Das Spiel wird abgebrochen, nicht gewertet.

Man hat Sánchez gerochen. Die Haare waren immer perfekt. Er wollte schon etwas darstellen, hatte eine gewisse Aura, hat sich aber nicht alles gefallen lassen.

Günther Zeller, ehemaliger Mitspieler

In Runde acht ist es so weit mit dem echten Debüt. "Im ersten Spiel gegen die Vienna war er der nervöseste Spieler", schmunzelt Hochhauser. "Er hat sich andauernd in den Spiegel geschaut, ihn eingesteckt und gleich wieder herausgenommen. Ich frage ihn: Hugo, was ist los? Er wollte wissen, gegen wen er da eigentlich spielt. Dann hat er zwei Tore gemacht und das Eis war gebrochen."

Auch für die Mitspieler war er ein ganz Besonderer. Günther Zeller, seit 1994 beim FC Linz, verfolgt die Karriere als Real-Madrid-Fan schon länger.

"Als es hieß, dass er kommt, dachte ich: Wahnsinn. Ich habe ihn für seinen Handstandüberschlag bewundert", blickt er gegenüber 90minuten auf diese Zeit zurück. Beim ersten Tor gegen die Vienna zeigt Sánchez den Jubel und fällt in Zellers Arme.

Kommt ein Mexikaner nach Österreich

Sanchez zeigt sich über den einen oder anderen Fußballplatz verwundert, noch mehr fasziniert ihn der Schnee. Beim ersten Auswärtsspiel in Mödling ist der Mittelamerikaner davon begeistert. Der VfB Mödling gewinnt, Hochhauser ist aber nicht böse.

Überhaupt zeigt man ihm das Skifahren. Der Ex-Trainer fährt mit ihm nach Gastein, Sánchez steht das erste Mal auf den Brett'ln – am Babylift. Er stößt sich einmal an und fährt in einen Schneehaufen. Eine Stunde später – Hochhauser ist zwischenzeitlich mit einem anderen Spieler unterwegs – erklärt Sánchez seiner Frau bereits, wie man Ski fährt.

Die Trainekarriere war nicht gerade von Erfolg gekrönt
Foto © GEPA
Die Trainekarriere war nicht gerade von Erfolg gekrönt

Der Spieler will später auf der Linzer Landstraße ein Dirndl für seine Frau kaufen, sie kann sich nicht entscheiden. Was tun? Hochhauser meint: "Nimm beide." Und das tut er auch.

Der Schöngeist

Auch am Platz selbst mag er das Schöne. Man hat Sánchez "gerochen", wie Zeller meint. Die Haare sind immer perfekt, das Parfüm wird reichlich eingesetzt.

Einerseits zeigt Sánchez technische Brillanz, andererseits "hat er sich auch reingehauen. Da scheppert es oft. Er wollte schon etwas darstellen, hatte eine gewisse Aura, hat sich aber nicht alles gefallen lassen."

Mit seinen späteren Engagements wollte er sich schlicht die Welt anschauen. Den Star raushängen lässt er nicht, auch wenn der ehemalige Mitspieler berichtet, dass er sich gern eine "Havana und ein Schnapserl" gegönnt hat.

Zwischen Zeller und Sánchez entspinnt sich eine Freundschaft. Man geht gemeinsam essen – Lieblingsessen: Ente Orange. Zeller wird zur Hochzeit nach Madrid eingeladen. "Ein Fernsehereignis, ein unglaublicher Auflauf – alle Real-Granden waren da, bis hinauf zum Präsidenten", erinnert sich Zeller.

Die Legende

Der Mexikaner schießt in Folge sieben Tore, die Linzer steigen auf, nur um 1997 in eine Fusion mit dem LASK gedrängt zu werden.

Die sportlichen Wege der drei trennen sich nach dem Aufstieg. Hochhauser wird später unter anderem Mitarbeiter bei Red Bull Salzburg. Zeller kickt noch bei Wels und Pasching, ist später Trainer und heute im medizinischen Bereich tätig. Befreundet sind die beiden nach wie vor.

Sánchez träumt nach Stationen bei Dallas Burn und Atlético Celaya davon, Real-Madrid-Trainer zu werden. Das geht sich aber nicht aus. Er ist zwei Mal kurzzeitig Nationaltrainer und coacht mit wenig nachhaltigem Erfolg die mexikanischen Klubs Pumas, Necaxa und Pachuca. 2008 darf er sich bei Almería in Spanien versuchen.

Heute lebt Sánchez das Leben einer Fußballlegende, das er auf seinem Instagram-Account gut dokumentiert.

Heutzutage wirkt die Story des alternden Stars vollkommen aus der Zeit gefallen. Dabei hätte es doch Charme, wenn Robert Lewandowski plötzlich beim Bundesliga-Absteiger unterschreibt. Der kommt damals wie heute aus Linz....


Kommentare