Gibt es einen Ausweg aus Versuch und Irrtum, Herr Riegler?
Vier Trainer in einer Saison sind kein Qualitätsmerkmal für einen Bundesliga-Klub. WAC-Präsident Dietmar Riegler versucht gegenüber 90minuten zu erklären, wie aus einem Cupsieger- und Fast-Double-Sieger ein Abstiegskandidat wird.
Nach neun Spieltagen lag der Wolfsberger AC nur einen Punkt hinter Tabellenführer Sturm Graz, punktgleich mit Red Bull Salzburg und dem SK Rapid. Seitdem klappte nicht viel: in der Liga gelangen nur zwei Siege. Statt Europacupträumen geht das Abstiegsgespenst in Wolfsberg um.
Peter Pacult hätte den Erfolgslauf weiter gestalten sollen. Von Nachfolger Ismail Atalan erhoffte man sich einiges. Nun holte Präsident Dietmar Riegler mit Thomas Silberberger den vierten Trainer in der laufenden Saison, der die Wölfe in der Liga halten soll.
Damit sieht sich die Mannschaft mit dem vierten Übungsleiter konfrontiert. Das bedeutet vier verschiedene Coaching-Stile, vier verschiedene Ansprachen – und entsprechend wenig Kontinuität im täglichen Arbeiten.
Im Interview mit 90minuten nimmt sich Riegler in turbulenten Tagen Zeit, um zu erklären, wie es dazu kam
Kühbauer "schuld"
Der unübersehbare Ausgangspunkt des Niedergangs der Wölfe ist der für den WAC überraschende Abgang von Dietmar Kühbauer zum damals Vorletzten, dem LASK. Ein ungewöhnlicher Schritt, wiewohl Kühbauer in Linz heute um den Meistertitel mitspielt und sportlich erfolgreich arbeitet.
Ich habe vielleicht mit zu wenigen Leuten gesprochen. Ich dachte, das passt.
Theoretisch sagt dies auch viel über die Möglichkeiten des WAC im Vergleich zu den Athletikern aus. Dass Linz mehr Potenzial als Wolfsberg hat, wird dennoch niemand bestreiten.
Der Absturz, der die Folge war, sei für Riegler überhaupt "ein klassisches Beispiel, dass der Fußball nicht nur mit den Beinen, sondern auch dem Kopf entschieden wird." Zwei Dinge stimmen dabei gleichzeitig: Viele Spieler lobten Kühbauer für seine Art, mit ihnen umzugehen. Das war in der Folge offensichtlich nicht mehr der Fall. Und im Fußball ist es mitunter schwierig, aus einer Negativspirale heraus zu kommen.
Die Gründe für diese engen Verbindungen reichen für den Präsidenten aber nur bis zu Kühbauers zweitem Amtsantritt zurück. Als dieser 2024 sein zweites Engagement im Lavanttal nach 2013–2015 antrat, musste erst eine Mannschaft zusammengestellt werden. Die Kicker, die jetzt am Platz stehen, sind also bis zu einem gewissen Punkt wegen ihm da. Er aber eben nicht mehr.
"Fehler" Pacult
Auf ihn folgte Pacult. Der Ex-Klagenfurt-Trainer überzeugte Riegler durch seine vorherige Arbeit. Allerdings hielt das nur kurz an. Nach nur fünf Spielen, darunter das gewonnene Duell mit Amstetten im Cup, war Pacult schon wieder Geschichte.
"Ich habe vielleicht mit zu wenigen Leuten gesprochen. Ich dachte, das passt", räumt Riegler einen Fehler ein. Atalan wurde ihm schließlich von mehreren Seiten empfohlen, dem Verein war der Ex-Kapfenberg-Coach intern nicht so bekannt.
"Wir haben seine Leistungen analysiert und hatten schon gute Erfahrungen mit 2.-Liga-Trainern gehabt, die bei uns nahtlos an ihre Erfolge anschließen konnten", spielt er auf beispielsweise Christian Ilzer (zuvor Hartberg) oder Ferdinand Feldhofer (davor Lafnitz) an.
Entscheidende Stunden
Die Ergebnisse sprechen auf jeden Fall gegen Atalan, auch wenn die Sachlage nicht ganz eindeutig scheint. Der Präsident führt im Gespräch öfter Glück und Pech an. Tatsächlich gab es einige Partien, die man etwas unglücklich verloren hatte – allerdings auch Spiele, in denen das Pendel in die andere Richtung ausschlug. Doch irgendetwas läuft schief.
"Das Altach-Spiel war schon ein Schlüsselspiel. Davor gab es intensive Gespräche, ich habe viel Energie investiert und dachte, es könnte in die richtige Richtung gehen. Wer das Spiel am Tivoli gesehen hat, weiß, dass dem nicht so war", meint er.
Ein Spiel ging gut, das nächste ging wieder in die Hose. Darum habe ich auch den Spielern die Rute ins Fenster gestellt und unsere Erwartungshaltung an sie kommuniziert.
Dabei lief es gegen die WSG Tirol zuerst noch gut. Jessic Ngankam brachte die Wölfe am Tivoli gar noch in Führung, am Ende stand es aus WAC-Sicht 1:3. Noch am Samstag ruft er Thomas Silberberger an.
Mannschaft in der Pflicht
Er spricht mit dem Vorstand und nimmt den aus seiner Sicht letzten Zeitpunkt für einen Trainerwechsel wahr: vor dem Spiel gegen Qualigruppe-Tabellenführer Ried und zwei Duellen gegen den Letzten, Blau-Weiß Linz.
Vielleicht ein kleines Novum: Denn auf die Trainerentscheidungen angesprochen, betont Riegler, dass er diese im Regelfall alleine trifft. Einen Ausweg aus Versuch und Irrtum zu finden, sei kaum möglich.
Doch wenn Trainer scheitern, liegt das nicht nur an ihnen oder am Präsidenten. Gegen den SCR Altach hatte er beispielsweise schon wieder gesehen, was sein sollte.. "Ein Spiel ging gut, das nächste ging wieder in die Hose. Darum habe ich auch den Spielern die Rute ins Fenster gestellt und unsere Erwartungshaltung an sie kommuniziert", sagt er dazu. Daran wird sich wohl nichts ändern.
Vielleicht, denkt er, ist das Team zu brav, es fehle aktuell ein "Hero" oder zwei, an denen sich der Rest aufrichten könnte. Einen Superstürmer und einen erfahrenen Abwehrchef müsse man entwickeln. Hohe Ablösen zahlen kann und will der "Ausbildungsverein" genauso wenig. Demzufolge ist auch keine Person doppelt besetzt.
Anspruchsmanagement
"Also sind wir immer von einzelnen Leuten abhängig. Wir sind jetzt 14 Jahre in der Bundesliga, das sind Dutzende Spieler und viele Trainer – du kannst als kleiner Verein nicht immer alles beeinflussen.", meint er. "Es entwickelt sich dann eine Eigendynamik: Zuerst haben wir Spiele gewonnen, in denen wir schlechter waren. Und jetzt verlieren wir Partien, in denen wir eigentlich besser sind."
Verantwortlich für den Klassenerhalt ist nun Thomas Silberberger. Der hatte jüngst seinen Vertrag bei der Admira aufgelöst, nachdem man ihn dort vor die Tür gesetzt hatte. Den Aufstieg im ersten Jahr hatte er verpasst, nun sahen die Panther diesen wieder in Gefahr.
Aber der Tiroler kennt die Situation, war mit der WSG Tirol öfters in Abstiegsnot. "Er ist ein Menschenfänger und das ist genau das, was die Spieler brauchen. Er wird sie aufrichten und die richtigen Worte finden", so der Präsident. Als Experte habe er die Gegner auch schon sehr lange im Blick.
Ob er bei noch laufendem Vertrag gekommen wäre, weiß Riegler nicht. Er schaut sich in erster Linie verfügbare Trainer an und "ich hatte immer im Kopf, dass er einmal bei uns Trainerkandidat sein könnte." Es drängt sich die Frage auf, ob hier nicht zu viel dem Zufall überlassen wird.
Das sei für einen kleinen Verein wie den WAC aber nicht anders möglich. "Wir sind ja kein Verein, der regelmäßig um die Spitzenplätze mitspielt. Die Leute jammern ja bei uns schon, wenn wir nur Siebter werden, man muss schon sehen, wo wir herkommen!", erinnert Riegler. Er meint damit vermutlich den schnellen Aufstieg von der Landesliga in die Bundesliga zwischen 2007 und 2012.
Wir versuchen, dass der Worst-Case nicht eintritt. Aber wenn Sie mich so fragen, ist mein Standpunkt, dass ich eine Aufstiegsmannschaft zusammenstelle.
Und nun?
Allerdings sei hier bei allem Verständnis Einordnung notwendig: Die Lavanttaler erzielten 2024/25 einen Umsatz in der Höhe von 17,4 Mio. Euro. Das ist ein Viertel bis ein Drittel mehr als Ried oder Blau-Weiß Linz.
Gemessen daran erscheint die aktuelle sportliche Lage umso erklärungsbedürftiger. Allerdings landete man mit weniger auch schon vor Klubs, die mehr Geld haben. Nun geht es ohnehin einmal um den Klassenerhalt.
Der neue Trainer freut sich indes in einem öffentlichen Statement auf die Aufgabe: "Es war für mich klar, dass ich das unbedingt machen will, weil für mich der WAC schon eine Topmannschaft in Österreich ist, vor allem was die Vergangenheit betrifft. Ich sehe es als Herausforderung, und eigentlich kann man ja nur nach vorne starten. Die Aufgabe ist eine sehr coole."
Ob die Wölfe diesmal ein glückliches Händchen haben, wird sich weisen. Während viele Funktionäre in ähnlicher Situation nur das Notwendigste mit den Medien sprechen und Untergangsszenarien kategorisch ausschließen, tut Riegler das nicht. Zwar sagt er: "Wir versuchen, das Beste herauszuholen und dass der Worst-Case nicht eintritt."
Aber der Vertrag für Silberberger gilt auch für die 2. Liga. Zwar habe sich der Präsident noch keine großen Gedanken über den Abstieg gemacht, aber "wenn Sie mich so fragen, ist mein Standpunkt, dass ich eine Aufstiegsmannschaft zusammenstelle."
Georg Sohler