Dritter Torhüter: Der chilligste Job im Profifußball?
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Dritter Torhüter: Der chilligste Job im Profifußball?

Als Dreier-Goalie steht man stets im Hintergrund. Doch ist es auch der einfachste Job im Fußball? 90minuten hat mit drei "Dreiern" gesprochen.

Du spielst praktisch nie, stehst kaum im Rampenlicht und bist trotzdem Fußball-Profi.

Ist dritter Torhüter der chilligste Job im Profifußball? Darüber und über viele weitere Aspekte der Rolle des Dreier-Goalies hat 90minuten mit den drei österreichischen Dreiern Paul Tschernuth (24, 1. FC Heidenheim), Lukas Wedl (30, FK Austria Wien) und Fabian Ehmann (27, GAK) gesprochen.

Der Weg zum Dreier-Goalie

In der ADMIRAL Bundesliga gibt es einen klassischen Weg zum dritten Torhüter. Die meisten Klubs haben nämlich eine junge Nummer drei, die entweder aus dem Nachwuchs oder der zweiten Mannschaft hochgezogen wird.

Häufig spielt der "Dreier" parallel noch bei der zweiten Mannschaft, in der Regionalliga oder LigaZwa. So war es bei Ehmann, als er 2016/17 diese Rolle beim SK Sturm bekleidete.

"Jetzt, zehn Jahre später, ist es schon aus der Konstellation heraus passiert", erzählt Ehmann, der nach dem Wechsel von Franz Stolz zum GAK vom Ersatz- zum Dreier-Goalie wurde. Diese Situation müsse er nun akzeptieren, "weiter Gas geben und dann schauen, was herauskommt".

Lukas Wedl im Training mit Austria-Kapitän Manfred Fischer
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Lukas Wedl im Training mit Austria-Kapitän Manfred Fischer

Wedl agiert schon weitaus länger als dritter Torwart, nämlich seit seinem Wechsel von Wacker Innsbruck zur Austria im Sommer 2021. Für die Tiroler absolvierte er 60 Spiele in der ADMIRAL 2. Liga.

Beim Transfer war noch nicht klar, dass er Nummer drei in Favoriten wird. Dies habe sich erst über die Zeit so entwickelt. "Ich bin aber nicht zur Austria gewechselt und habe gesagt: Ich möchte dritter Tormann werden. Das Ziel hat ja so keiner."

Sechs Jahre jünger als Wedl ist Tschernuth - und dennoch sind beide gleich lang dritte Torhüter. Der Heidenheim-Profi war bereits in der U18 der AKA Salzburg die Nummer drei. "Also hab' ich die Rolle relativ früh kennengelernt."

Mit 19 Jahren folgte der Wechsel nach Deutschland, wo er nach einer Saison bei der U19 dritter Keeper wurde.

Fabian Ehmann beim Aufwärmen.
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Fabian Ehmann beim Aufwärmen.

Ein Dreier-Goalie spielt natürlich nur in absoluten Notfällen. Den Großteil ihrer Arbeit verrichten Wedl, Ehmann und Tschernuth also auf dem Trainingsplatz.

Was macht einen guten dritten Torwart aus?

"Wenn ich es provokant beantworten müsste: Einer, der so gut ist, dass er auch spielen könnte", antwortet Wedl auf die Frage im Interview.

Darüber hinaus sollte ein "Dreier" laut dem Austria-Profi "nicht viel Ego" haben und sich "bewusst sein, wie wertvoll er für die Mannschaft sein kann": "Der dritte Punkt ist, dass er sich eigentlich nicht mit der Rolle zufrieden gibt."

In eine ähnliche Kerbe schlägt Ehmann. Ein dritter Keeper müsse "trotzdem komplett Gas geben. Einer, der von der Mentalität her ein Winner-Typ ist und den ersten Tormann unterstützt."

Wichtige Qualitäten für Tschernuth sind Verlässlichkeit und: "Geduld haben! Wenn man doch im Spiel gebraucht wird, einfach da zu sein. Auf diesen Moment arbeite ich hin, dass ich irgendwann reinrutsche. Und zeigen kann, dass ich das auch kann."

Viele Spieler sagen zu mir auch zweiter Zeugwart oder Facility-Manager.

Paul Tschernuth

Der Bundesliga-Legionär findet es wichtig, bei jeglichen Problemen zu helfen. Tschernuth ist sich bei Heidenheim nicht zu schade, hin und wieder andere Rollen auszufüllen.

"Wenn vor dem Match irgendwas liegen bleibt in der Kabine, dann laufe ich in die Kabine und hole noch ein Trikot oder die Schuhe, da ich ja offiziell keinen Auftrag habe", beschreibt er sich als "Mädchen für alles".

Dem 24-Jährigen ist bewusst, dass er diese Sachen nicht machen muss. Für ihn gehöre das aber einfach dazu. "Viele Spieler sagen auch zweiter Zeugwart oder Facility-Manager zu mir. Das ist ein bisschen ein Spaß."

Über fünf Jahre ohne Einsatz

Im Gegensatz zu Ehmann, der in der Vorsaison noch Stammkeeper in Voitsberg war, spielten die anderen beiden in den letzten Jahren (fast) gar nicht. Zumindest nicht in Pflichtspielen.

Wedl absolvierte seit 2022 drei Spiele (alle für die Young Violets), das letzte davon im April 2023.

Noch einmal deutlich länger, nämlich über fünfeinhalb Jahre, ist es bei Tschernuth her. Sein letzter Pflichtspiel-Einsatz (für Heidenheims U19) datiert vom Oktober 2020. Somit wartet er noch auf die ersten Profiminuten.

Wenn sich alle anderen die Dress überziehen, gehe ich duschen und schaue, dass ich nicht zu viel verpasse vom Spiel. Cool ist es jetzt nicht, aber es gehört irgendwo dazu.

Fabian Ehmann

Ehmann ist erst seit kurzer Zeit die Nummer drei. Gerade der Spieltag war dementsprechend eine große Umstellung. Denn während sich die zwei anderen Torhüter nach dem Aufwärmen für das Spiel oder die Bank fertigmachen, geht es für ihn auf die Tribüne.

"Wenn alle anderen sich gerade die Dress überziehen, gehe ich schnell duschen und schaue, dass ich nicht zu viel verpasse vom Spielstart. Also setze ich mich auf die Tribüne oder neben der Bank hin. Das ist ein bisschen ein Gefühl, wo du dir denkst: Cool ist es jetzt nicht, aber es gehört natürlich irgendwo dazu."

Tschernuth sitzt bei Heidenheim auch als Nummer drei auf der Bank, steht allerdings nicht am Blankett. Bei der Austria nimmt nur ein Torhüter auf der Bank Platz, Wedl sitzt also ebenso auf der Tribüne.

Paul Tschernuth (li) mit Heidenheim-Kapitän Patrick Mainka und Ex-Mitspieler Norman Theuerkauf.
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Paul Tschernuth (li) mit Heidenheim-Kapitän Patrick Mainka und Ex-Mitspieler Norman Theuerkauf.

Entwicklung ohne Spielzeit?

"Das finde ich schwer zu beantworten. Ich bin aber überzeugt von mir, habe gutes Selbstvertrauen und weiß, dass ich funktioniere", sagt Tschernuth.

Selbstsicherer gibt sich die Nummer drei der Austria. "Das mag vielleicht komisch klingen, aber ich bin definitiv besser geworden - und nicht nur ein bissl." Der Grund dafür sei das gestiegene Niveau in den Trainings.

Ein anderer Faktor, der bei der Entwicklung eine große Rolle spielt, fehlt allerdings: Die Spielpraxis.

Was wichtig ist, wenn man nicht spielt

Für Tschernuth nimmt das Mentale eine wichtige Rolle ein: "Du musst dich so ein bisschen selbst verarschen, sag ich mal, und dir sagen: Du spielst am Wochenende." Es könne ja immer etwas passieren.

Als dritter Torhüter stehen ohnehin die Trainingsleistungen im Fokus - das betont auch Ehmann: "Man muss trotzdem immer aktiv bleiben, im Sinne von: Worauf kommt es im Tormann-Spiel an? 80 Prozent ist wahrscheinlich mit dem Fuß. Du musst schauen, dass du trotzdem deine Abstöße sauber machst."

Insgesamt habe sich das Tormann-Training in den letzten Jahren aber stark verbessert, findet der GAK-Goalie.

Du musst dir diese Bestätigung irgendwo anders holen.

Lukas Wedl

"Es ist nicht einfach, dass man jeden Tag rausgeht und sagt: Hey, heute wieder auf 100 Prozent. Weil im Endeffekt, wenn man auf die Bedürfnispyramide schaut, ist Selbstverwirklichung ja irgendwo ganz oben", gibt Wedl offen zu.

Der 30-Jährige benennt klar, woran es einem dritten Torhüter häufig fehlt: Bestätigung. "Die holst du dir ja im Wettkampf. Und das fällt komplett weg. Du musst dir diese Bestätigung irgendwo anders holen. Definitiv ist das eine Herausforderung."

Wedl kann diesen fehlenden Wettkampf durch seinen zweiten Job ausgleichen. Parallel arbeitet er nämlich im Projektmanagement in der Geschäftsstelle der Austria. "Dadurch kann ich die Bestätigung, die man aus dem Wettkampf nicht holen kann, gerade irgendwie anders kompensieren."

Und? Ist es jetzt der chilligste Job im Profi-Fußball?

Bei keinem anderen Thema waren sich Wedl, Tschernuth und Ehmann so einig, wie bei dieser. "Nein" antworteten alle drei sehr überzeugt.

Doch warum nicht? Als dritter Goalie hast du eben keinen ständigen Wettkampfdruck, genießt gleichzeitig aber viele Vorteile eines (unter ständigem Druck stehenden) Profifußballers. Wenngleich das Gehalt einer Nummer eins definitiv deutlich höher ist.

"Ich hab immer das Gefühl, als dritter Tormann ist man immer ein bissl am Sprung", meint GAK-Keeper Ehmann. Entweder springt man nach vorne, will sich also für höhere Aufgaben empfehlen, - oder: "Auf einmal kann es sein, dass sie sagen: Jetzt planen wir gar nicht mehr mit dir oder holen einen anderen rein, der die Position besser ausfüllt."

Schnell wieder weg

Tschernuth ist ebenso der Meinung, dass man "als dritter Torhüter schnell ausgetauscht" wird. Im Normalfall sei eine Nummer drei relativ jung und das Gehalt eben nicht so hoch. "Du hast zwar kein Spiel, aber musst im Training tagtäglich abliefern und deine Leistung bringen, sonst bist du schnell weg."

Könnte er es sich aussuchen, "dann wäre ich auch nicht dritter Tormann", gibt Wedl zu: "Ich glaube, dass jeder gern in der ersten Reihe steht."

Zwar habe man als Dreier-Goalie den Wettbewerbsdruck nicht, den Leistungsdruck jedoch trotzdem. "Aber du bist integraler Bestandteil einer Mannschaft und zuständig dafür, dass das Teamgefüge funktioniert."

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