Die 2. Liga ist zu groß: "Wasser steht allen bis zum Hals"
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Die 2. Liga ist zu groß: "Wasser steht allen bis zum Hals"

Der SV Stripfing musste den Spielbetrieb im Herbst einstellen. Das war vor mehr als 20 Jahren das letzte Mal der Fall. 90minuten geht der Frage nach: Ist die 2. Liga zu groß?

2001/02 musste mit dem SV Braunau das letzte Mal ein Klub wegen Lizenzverstößen während des Jahres den Spielbetrieb einstellen. Zwar kamen einige andere Vereine ebenfalls in finanzielle Turbulenzen, aber bis zum SV Stripfing konnten zumindest alle Spielzeiten mit allen Klubs zu Ende gespielt werden. 

Was mit diesen Vereinen in Folge passierte, ist zwar nicht egal, aber für den Wettbewerb in den höchsten Spielklassen nicht das Entscheidende. Schließlich überprüft die Lizenzierung bzw. Zulassung lediglich, ob die kommende Saison gespielt werden kann. Dieser Umstand sorgt regelmäßig für Diskussionen rund um den Wert diesen Vorgang.

Demzufolge ist der Fall Austria Klagenfurt kein ursächliches Problem der 2. Liga, sondern der Bundesliga. Schließlich erhielten die Kärntner die Lizenz für 2025/26, als sie noch oben um den Klassenerhalt zitterten.

Geht sich schwer aus

Dennoch droht der 2. Liga eine zweite Spielbetriebseinstellung. Das liegt zwar auch an der allgemeinen, seit geraumer Zeit angespannten Wirtschaftslage, wirft aber eine Frage ganz konkret auf: Ist die zweite Leistungsstufe mit 16 Vereinen zu groß?

Wenn sich vor der Reform keine 20 Profivereine ausgegangen sind, gehen sich 22 im Jahre 2025 erst recht nicht aus.

Christian Ebenbauer

"Wenn sich vor der Reform keine 20 Profivereine ausgegangen sind, gehen sich 22 im Jahre 2025 erst recht nicht aus. Entweder die Klubs schaffen es, massiv zu sparen – oder man ändert das Format", sagte Bundesligavorstandsvorsitzender Christian Ebenbauer neulich im ausführlichen 90minuten-Interview

Der Gürtel muss enger geschnallt werden, somit auch Solidaritätszahlungen. Weitere Einnahmen schwinden. Die höchste Spielklasse zahlt in Zukunft statt 3,8 Mio. Euro nur noch 3,15 Mio. Euro, die Einnahmen aus den Wettdatenrechten sind gesunken. Dazu kommen die Schiedsrichterkosten, die der ÖFB nicht mehr tragen wird. In der 2. Liga gilt ein (steigender) Kollektivvertrag und generell aufgrund verschiedenster Umstände de facto Profizwang.

Mehr Umsatz, aber weniger Geld

Dabei steigen die Erlöse aus dem TV-Deal deutlich. Generell ist es etwas paradox, dass die Umsätze eigentlich steigen. 2019/20 erwirtschafteten die 15 2. Liga-Klubs (ohne Liefering) gesamt rund 32 Mio. Euro und gaben knapp 18 Mio. Euro für das Personal aus. 2024/25 konnten zehn Vereine (ohne Absteiger Klagenfurt und den zwei Aufsteigern aus den Regionalligen) etwas über 41 Mio. Euro lukrieren, bei 25,7 Mio. Euro Personalkosten.

Aufgedröselt betrugen die Umsätze 2019/20 2,13 Mio. Euro pro Klub, bei 1,2 Mio. Euro Personalkosten. 2024/25 nahmen weniger Vereine zwar im Schnitt 4,1 Mio. Euro ein, gaben mit 2,57 Mio. Euro mehr für das Personal aus. Wenn der Umsatz nur um 28,1 Prozent steigt, das Personal aber um 42,8 Prozent, unterstreicht das eine Schieflage.

Stripfing gegen Klagenfurt - ein passendes Bild
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Stripfing gegen Klagenfurt - ein passendes Bild

Eins zu eins sind diese Zahlen nicht anwendbar, es illustriert recht deutlich, dass der Kuchen kleiner wurde und eben noch kleiner wird. 

Kleinerer Kuchen, was tun?

Immerhin wird die Anzahl der Absteiger von drei auf zwei verringert. Eine Erleichterung möchte man meinen. Ebenbauer sieht dies in Kombination mit der Übernahme der Schiedsrichterkosten aber nicht als Gewinn an. 

Um Abhilfe zu schaffen, könnten Kosten gesenkt werden. Eben durch eine Reduktion der Vereine. In der Sechzehnerliga finden aktuell 240 Spiele statt, die alle mit Schiedsrichtern besetzt werden müssen. Eine Zehnerliga umfasst lediglich 180 Spiele, bei zwei Absteigern ist das allerdings zu brutal.

Also wird das Format diskutiert: "Wenn man zwei Absteiger hat, geht eine Zehnerliga nicht. Bei eineinhalb Absteigern kann man eine Zwölferliga andenken, bei einem sogar eine Zehnerliga. Eine Zwölferliga wie in der höchsten Liga halte ich für nicht uninteressant."

Wir 'verschweigen' hierzulande gerne, dass wir ein massives Problem haben. Oftmals werden Durchschnittskennzahlen als Parameter herangezogen, wobei diese Zahlen durch wenige Vereine beschönigt werden.

Andreas Zinkel

Wenigstens gibt es ein Problem nicht

Angesicht dieser Zahlen und Rechnungen wird es auf Sicht auf keine Rolle spielen können, dass das aktuelle 2. Liga-Format sportlich gewinnbringend ist. Wenigstens hat sich im übrigen die Infrastrukturoffensive der letzten Jahre bezahlt gemacht.

Tabellenführer St. Pölten und die beiden ehemaligen Bundesligisten Admira und Lustenau haben geeignete Spielstätten. Amstetten will nicht rauf, der FAC hat in Wien zumindest Ausweichmöglichkeiten, sollte ein Aufstieg ein Thema werden. 

Dass taugliche Stadien noch nicht finanziellen Erfolg bedeuten, zeigen Klubs wie Austria Klagenfurt oder Leoben eindrucksvoll. Hinter mäßig vorgehaltener Hand gibt es nicht nur einen Verein, der finanziell kämpft. Dass man nun vor der akuten Misere steht, unterjährig vielleicht sogar zwei Klubs zu verlieren, hätte gar nicht sein müssen.

"Steht allen bis zum Hals"

Denn die Leidtragenden, SV Horn und ASK Voitsberg, hätten beide oder zumindest einer nicht absteigen müssen, hätten die Verantwortlichen bei Stripfing (oder vielleicht Klagenfurt) die finanzielle Lage anders eingeschätzt. Entsprechend sauer ist Horn-Geschäftsführer Andreas Zinkel. Er betont gegenüber 90minuten, dass im Sommer 2025 offiziell darauf hingewiesen habe.

Thomas Pichlmann (Younion) und Gernot Baumgartner (VdF, rechts) sind sich hierbei einig: Besser weniger Klubs, die überleben können
Foto © Younion (Niklas Schnaubelt) / VdF
Thomas Pichlmann (Younion) und Gernot Baumgartner (VdF, rechts) sind sich hierbei einig: Besser weniger Klubs, die überleben können

Aber das sei nur ein Symptom einer größeren Dramatik: "Wir 'verschweigen' hierzulande gerne, dass wir ein massives Problem haben. Oftmals werden Durchschnittskennzahlen als Parameter herangezogen, wobei diese Zahlen durch wenige Vereine beschönigt werden. Nehmen wir die Zuschauerzahlen her. Die waren in der 2. Liga die letzten beiden Jahre nur wegen des GAK und der SV Ried gut. Aber auch bei Finanzkennzahlen, die nur bei sehr wenigen Vereinen wirklich gut sind, sollte man nicht nur die Durchschnittswerte zur Bewertung heranziehen“

Auch seine Horner hätten dieses Jahr raufen müssen, wäre man in der Liga geblieben. Der heimische Fußball ist stark sponsorenlastig: "Man braucht sich nur die wirtschaftliche Gesamtsituation anzusehen: Derzeit ist es fast unmöglich nennenswerte Sponsoringeinnahmen zu generieren, das Wasser steht allen bis zum Hals."

Ist das Personal schuld?

Mitschuld sollen laut Ebenbauer die Personalkosten sein. Der Kollektivertrag ist für VdF-Vorsitzenden Gernot Baumgartner hinsichtlich des Mindestlohns "für die Fisch", wie er unmissverständlich erklärt. 1.800 brutto, das ist schon wenig genug, dennoch werden die "Profis" bei Bedarf auf 20 Stunden angemeldet, kosten dann nur die Hälfte. Eine "Farce", wie er meint. Darüber hinaus ist die Zahlungsmoral in der 2. Liga ausbaufähig, um es nett auszudrücken.

Der zweite Spielergewerkschafter, Younion-Vertreter Thomas Pichlmann, sieht die Sachlage nicht ganz so krass, ist aber ebenfalls alarmiert. Viele Kicker würden lieber studieren und Regionalliga oder drunter spielen als in der 2. Liga zu kicken. Er muss schon attestieren: "Die natürliche, sportliche Auslese funktioniert nicht, wenn die finanzielle Lage über Auf- und Abstieg entscheidet."

Wenn es nicht mehr Solidarität gibt, werden die großen Klubs bald keine Gegner mehr haben

Andreas Zinkel

Und obwohl man Gewerkschaftern generell unterstellt, keine Jobs verlieren zu wollen, wäre laut Pichlmann eine Liga "mit zehn oder zwölf Vereinen" besser. Oder, wie es Baumgartner formuliert: "Meine Meinung ist, dass verringert werden muss. Es ist besser, es gibt weniger Jobs, von denen man wirklich leben kann und dass das Geld pünktlich kommt."

Eine Ligareform reicht nicht

Zinkel denkt groß und fordert mehrere Maßnahmen. Beim derzeitigen Format etwa, dass Klubs mit Zweitvertretungen in der zweiten Liga mehr zahlen. Denn: "Wenn es nicht mehr Solidarität gibt, werden die großen Klubs bald keine Gegner mehr haben." Er denkt ohnehin, dass eventuell eine einzige Profiliga mit 16 Vereinen und darunter zwei semiprofessionelle Regionalligen der richtige Weg wären.

Diese Idee wird in der Liga aber wohl nicht aufgegriffen werden. Und eine Abschottung des Profibereichs, der Planungssicherheit ermöglicht, scheitert wohl an den Wünschen der Landesverbänden, dass die Meister aufsteigen können.

Es ist insgesamt ein Umdenken wünschenswert, bei allen Beteiligten, also Sponsoren, Partner, öffentliche Hand, Liga, Verantwortliche und letztlich auch bei Fans und Medien. "Es entsteht manchmal der Eindruck, dass lauter Trottel bei den Vereinen arbeiten", bemängelt Zinkel. Dabei würden alle ihr Möglichstes tun, um den Fußball abseits der großen Arenen zu erhalten.

Nimmt man alle Aussagen und Zugänge zusammen, addiert noch die Befindlichkeiten des ÖFB bzw. den Wunsch der neun Landesverbände, einen Aufstieg zu ermöglichen, wirkt eine Zwölferliga mit dem Format der Bundesliga als die salomonische Lösung.


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