In Fußballösterreich gibt es wohl wenige Menschen, die in den letzten 14, 15 Monaten eine lässigere Zeit hatten als Dietmar Kühbauer. Cupsieger mit dem WAC, Double mit dem LASK – entsprechend gut gelaunt kommt er zum Media Day der Admiral Bundesliga Anfang der Woche. Noch schnell im Eingangsbereich das Alltagsleiberl mit dem offiziellen Klubleiberl tauschen und los geht's.
Im 90minuten-Exklusiv-Talk reflektiert er die letzten Wochen und Monate. Denn eines ist klar: "Küh", wie er gerufen wird, polarisiert. Das weiß jeder in Österreich, also auch der ehemalige Real-Sociedad- und Wolfsburg-Legionär. Sein Standpunkt: "Der, der mich nicht mag, wird mich nie mögen – so ehrlich muss man sein. Jetzt ist es in eine andere Richtung gegangen."
Ausgangspunkt dieser Aussage ist die Frage, ob er Genugtuung verspürt, weil er eben polarisiert; ob er viele neue Freunde hat und ob die Schultern vom Beklopftwerden schon schmerzen.
Genugtuung verspürt er dabei nicht. Er wusste ja schon vor den Erfolgen der letzten Zeit, dass er mit dem Fußball mehr als nur per Du ist: "Es ist ja in den Jahren zuvor nicht schlecht gelaufen. Bei mir wird eben vieles anders interpretiert."
Noch nicht perfekt
Kühbauer hat in der Sache durchaus nicht unrecht. Er, der als Spieler als Hitzkopf verschrien war, hat dieses Image in das Trainerleben mitgenommen. Hin und wieder tritt diese Emotionalität zutage. Etwa dieses Jahr nach dem Cupspiel bei der SV Ried lieferte er sich verbale Scharmützel mit Fans, nachdem er von selbigen angeschüttet worden war.
Ich kommuniziere vielleicht nicht so wie andere. Ich brauche nicht ständig die Öffentlichkeit oder die Aufmerksamkeit um mich herum.
In der hitzigen Atmosphäre verweigerte er seinem Gegenüber Maximilian Senft den Handschlag. Muss sicherlich nicht sein, passiert manchmal. Ob jede seiner Aktionen bei anderen Coaches auch so bewertet würde, sei einmal dahingestellt.
"Ich bin heute noch nicht perfekt", gibt er zu bedenken. Er sei zwar als Mensch gewachsen, sicherlich anders als noch vor zehn Jahren, aber "das bedeutet nicht, dass es keine Aussetzer mehr gibt – auch wenn ich mir das nicht wünsche!"
Der Erfolg gibt ihm allerdings recht, nicht nur in den letzten Monaten, wenngleich auch seine Leistungen als Trainer kritisch betrachtet wurden. Dass Kühbauer nur kurzfristig funktioniere, gehört seit Jahren zu den gängigen Urteilen über ihn. Seine Trainerstationen erzählen allerdings eine andere Geschichte.
Leistungsnachweis
2010/11 übernimmt er die Admira, führt sie in die Bundesliga und dort in der Folgesaison auf Rang drei. Bei seinem ersten Engagement beim WAC liegt er in der Saison 2014/15 nach acht Spieltagen auf Rang eins – es ist das allererste Mal, dass ein Verein aus Kärnten so weit oben steht. Am Ende wird es Rang fünf, damals Bestmarke.
Im November 2015 endet die Zusammenarbeit mit dem WAC. Später wird er TV-Experte. Ein gutes halbes Jahr 2018 beim SKN St. Pölten erfüllt ihm einen Lebenstraum: Er wird Trainer des SK Rapid.
Die Hütteldorfer werden aber hinter den übermächtigen Salzburgern zwei Mal Zweiter und schaffen es in die Europa League. "Da meinte ich dann: Eigentlich sind wir der österreichische Meister. Ich wurde belächelt, aber Salzburg war zu gut", sagt er.
Im Herbst 2022 entscheiden sich die Verantwortlichen nach mäßig guten Leistungen für eine Trennung. Für Rapid wurde es in weiterer Folge nicht besser. Kühbauer geht zum LASK, fällt dort der eigenwilligen Entscheidung, sich von ihm zu trennen, zum Opfer, nachdem er den dritten Platz 2022/23 erreicht.
Zweierlei Maß
Mit der Übernahme des Cheftrainerpostens beim Wolfsberger AC 2024 schreibt er nun seine persönliche Erfolgsgeschichte fort. Der Abschied vom WAC wird wieder kritisch betrachtet, weil die Wölfe gut unterwegs waren, der LASK katastrophal in die Saison gestartet war. Er bekam, obwohl nicht auf Social Media unterwegs, den "Shitstorm" durchaus mit:
"Ich dachte mir aber, dass mir etwas zusteht, wie jedem anderen auch. Bei mir soll das nicht in Ordnung sein? Wofür hat man denn so eine Klausel?" Mit Meistertitel und Cupsieg mit dem LASK hat er im Rückspiegel betrachtet alles richtig gemacht.
Dass er medial viel abbekommt, das stimmt mit Sicherheit. In einer Welt der Message Control, von aalglatten Nullaussagen, die sich Journalisten auch selber schreiben könnten, sticht er mit seiner direkten Art hervor. Das mag die Öffentlichkeit, und vermutlich funktioniert das eine nicht ohne das andere.
Es ist nicht selbstverständlich, bei einem guten Klub Trainer zu sein. Ich bin einfach so gerne Trainer!
Als Mensch gewachsen
Er macht sich auf jeden Fall viele Gedanken darüber, wie er sich verbessern kann. Man wächst als Mensch ganz natürlich, er ist jetzt "nicht mehr dieser Typ, der ich vor zehn Jahren war – auch wenn das abgelutscht klingt."
Dass das draußen in den Medien nicht so ankommt, nimmt er mit einem Schulterzucken zur Kenntnis: "Ich kommuniziere vielleicht nicht so wie andere. Ich brauche nicht ständig die Öffentlichkeit oder die Aufmerksamkeit um mich herum. Für den Klub vor die Kameras zu treten und Verantwortung zu übernehmen, ist für mich selbstverständlich. Aber ich muss nicht immer selbst im Mittelpunkt stehen."
Die Spieler loben ihn für seinen Coaching-Stil, und das ist wichtiger als die Frage, ob die Medien ihn gut oder schlecht finden. Mehrere Kicker berichten, dass sie kaum einen Coach kennen, der sie ihren Fähigkeiten nach so gut einsetzt und zur besten Leistung pusht.
Er will eben die Menschen hinter den Spielern kennenlernen und dann seine Schlüsse daraus ziehen. So war das auch beim LASK. Großartig viel ändern muss man dann ohnehin nicht: "Ich habe drei, vier Dinge geändert, das war's."
Privileg wahrnehmen
Abheben wird er nun trotz dieser Erfolge nicht. Dazu sei er zu "sachlich-nüchtern". Dass ein erfolgreicher Trainer Begehrlichkeiten weckt, weiß er. Überstürzen will er nichts, es wirkt, als ob er seine Position im Markt gut einschätzen kann – auch wenn kaum mehr als das Double hierzulande möglich ist.
Er erinnert an Christian Ilzer, der vor ähnlichen Themen stand: Erfolg im Lande, aber Bayern oder Barcelona haben nicht angerufen. "Er hat hier gute Arbeit gemacht, aber es hat ihn Andreas Schicker zu Hoffenheim geholt – dort zeigt er, dass er das gut macht."
Wenn es für ihn nicht ins Ausland gehen sollte, würde er aber auch "nicht daran zerbrechen. Es ist nicht selbstverständlich, bei einem guten Klub Trainer zu sein. Ich bin einfach so gerne Trainer!"
Somit steht nun ohnehin die schwerste Prüfung an: Den Erfolg irgendwie zu bestätigen. Landläufig wird es ja auch als schwieriger beschrieben, zur Spitze zu kommen, als dort zu verweilen.
Und jetzt?
Das Überraschungsmomentum ist jedenfalls weg, genauso wie Sasa Kalajdzic, der wohl beste Liga-Stürmer der letzten Jahre.
"Es wird klarerweise eine komplett andere Saison, mit mehr Spielen und weniger Trainings", so der Coach. "Letztes Jahr konnte man unter der Woche noch Dinge verändern. Wenn wir Champions- oder Europa League spielen, sind wir voll im Regenerationsmodus."
Insofern müsse jeder fußballerische Plan, der an den bestehenden andockt, sitzen. Was dann am Ende des Tages dabei rauskommt, wird sich weisen.
Eines, das sagt er fast spitzbübisch, scheint ihm klar: "Ich werde eben anders beobachtet und das wird heuer nicht anders sein. Ich sage ironisch: Ich bin jetzt schon davon überzeugt, dass es ein Wahnsinn wird, wenn wir das Double nicht wiederholen."
Ganz am Ende kommt aber doch noch etwas Genugtuung durch: "Früher hat es immer geheißen, dass ich nur für Rapid bin. Aber jeder Klub wird bestätigen, dass ich den bestmöglichen Erfolg haben möchte."
Georg Sohler