Arase in den USA: "Ich lebe meinen Traum"
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Arase in den USA: "Ich lebe meinen Traum"

Kelvin Arase spielt seit einigen Monaten bei Phoenix Rising. Warum die zweite US-amerikanische Liga für ihn der richtige Schritt ist, erklärt er im Interview mit 90minuten.

Auf den ersten Blick ist die zweite US-amerikanische Liga gegenüber Kelvin Arases letztem Arbeitgeber ein gefühlter Rückschritt. Und Waldhof Mannheim war "nur" in der 3. Liga Deutschlands.

Doch der Außenpracker liebt die USA und möchte sich bei Phoenix Rising in der USL Championship, der zweithöchsten Liga der Vereinigten Staaten, für höhere Weihen empfehlen. Das bedeutet für ihn: die MLS.

Wie der ehemalige Rapid-Kicker dort gelandet ist, hat er 90minuten im Interview erklärt. Eines ist für ihn klar: "Ich glaube schon, dass ich meinen Traum lebe. Ich kann Amerika bereisen und mein Hobby zum Beruf machen."

Anfänge in Nigeria

Den Ausgangspunkt bildet Benin City. Eine Stadt mit knapp so vielen Einwohnern wie Wien im Süden Nigerias, knapp fünf Stunden östlich der Großstadt Lagos. Dort erblickt Kelvin Arase 1999 das Licht der Welt. Im Alter von sechs Jahren tauschen die Eltern die Heimat gegen Wien-Donaustadt ein. Die Familie kommt im Winter, der kleine Kelvin sieht das erste Mal Schnee.

Ich dachte mir: Fußball gibt mir die Chance, die Welt zu sehen, Kulturen kennenzulernen und Sprachen zu lernen. Diese Chance wollte ich nutzen.

Kelvin Arase

Ansonsten sieht er den Ball, kickt gerne in der Freizeit. Mit elf Jahren beginnt seine Vereinskarriere bei Donaufeld, kurz darauf wechselt er zum SK Rapid. Als Kind gefiel ihm Ronaldinho, bei Rapid der heutige Köln-Kicker Florian Kainz. Arase fällt bei Nachwuchsturnieren auf, will sich aber in Hütteldorf durchbeißen.

Bereits mit 17 Jahren debütiert er im September 2016 gegen den SV Mattersburg in der Bundesliga. Die Saison 2018/19 verbringt er als Kooperationsspieler bei Zweitligist SV Horn, die Folgesaison in derselben Leistungsstufe bei der SV Ried, erarbeitet sich aber einen Platz in der ersten Elf der Hütteldorfer. Bis Sommer 2022 absolviert er in Summe 105 Spiele für die Grün-Weißen.

Abschied aus Österreich

2022 unterschreibt er beim deutschen Zweitligist Karlsruher SC, wechselt im Winter leihweise zu Oostende nach Belgien. Die letzten beiden vollen Spielzeiten ist er in Mannheim unter Vertrag.

Phoenix Rising war nicht sofort die erste Wahl, um die Karriere fortzusetzen. Das erste Angebot ist ihm dann auch noch zu niedrig. Der Klub bessert nach, Arase unterschreibt. "Ich war vor zwei Jahren allein auf einem Trip in den USA und es hat mir super gefallen", sagt er, "Ich dachte mir: Fußball gibt mir die Chance, die Welt zu sehen, Kulturen kennenzulernen und Sprachen zu lernen. Diese Chance wollte ich nutzen."

Arase im Europacup-Einsatz für den SK Rapid
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Arase im Europacup-Einsatz für den SK Rapid

Der Unterschied ist groß. Der Klub zahlt ansprechend, die Bedingungen sind sehr professionell. Aktuell ist er verletzt, das Fixgehalt bekommt er dennoch, im Gegensatz etwa zu Österreich, wo nach sechs Wochen die Krankenkassa das Gehalt übernimmt.

"Extrem heiß"

Die USA sind ein anderes Pflaster als Österreich, Deutschland oder Belgien. Aus verschiedenen Gründen: "Es ist extrem heiß. Egal, wie viel du trinkst, es reicht nicht aus. Und ohne Auto bist du hier verloren, die öffentlichen Verkehrsmittel in Arizona sind nicht die besten."

Auswärtsspiele sind prinzipiell Flugreisen. Lokalduell bedeutet hier: Phoenix gegen Albuquerque – bei besten Bedingungen fährt man sieben Stunden mit dem Auto, die kürzesten Flüge dauern knapp über eine Stunde. Bei weiteren Auswärtsreisen muss er mit dem Jetlag umgehen.

Aber: "Die Amerikaner lieben die NFL und NBA, dann kommt Fußball. Sie stecken allgemein viel Geld in den Sport, damit wir Spieler so wenig Stress wie möglich haben und uns perfekt vorbereiten können."

Wenn man Nachrichten liest, bekommt man viel mit. Man merkt eine gewisse Nervosität bei den Leuten, was unter Trump passieren könnte.

Gutes Niveau

Fußballerisch zeigt er sich angetan. "Spielerisch oder vom Tempo her merke ich kaum einen Unterschied zur 3. Liga oder sogar 2. Bundesliga in Deutschland", denkt er. "Nur defensiv fehlt manchmal die Absicherung. Aber kicken können hier alle."

Sein Fazit lautet: "Wenn sie es schaffen, taktisch aufzuholen, wird das eine extrem spannende Liga, in die jeder wechseln will. Durch die WM wird Fußball hier sicher noch populärer werden." Die Weltmeisterschaft ist für ihn natürlich ein Thema. Medien fragen ihn immer wieder, was er dazu denkt.

Er selbst möchte sich die Spiele seiner Landsleute geben und hat auch einen Tipp für sie parat: "Die Stadien in San Francisco oder Houston sind Weltklasse und die Plätze sind top gepflegt. Die größte Herausforderung neben der Hitze wird der Jetlag bei den Reisen zwischen den Zeitzonen sein."

Während er in den USA neu beginnt, bleibt der Kontakt in die Heimat überschaubar. Mit Rapid hat er nach bald vier Jahren wenig am Hut. Wenn sein Freund Paul Gartler spielt, freut er sich, sonst hat er mit kaum jemanden Kontakt, "außer vielleicht Hedl oder Auer".

Verbleib geplant

Doch nicht nur sportlich und klimatisch ist es eine Umstellung, die er meistern will. Immerhin will er ja dort bleiben. "Wenn man Nachrichten liest, bekommt man viel mit. Man merkt eine gewisse Nervosität bei den Leuten, was unter Trump passieren könnte. Aber wir Sportler mit unserem Arbeitsvisum gehen damit eigentlich recht entspannt um", muss er zugeben. Die Menschen in der Gegend sind das ebenfalls, Minneapolis ist weit weg.

Wenn er mal wieder in Wien ist, wird er sich vielleicht hier dazu stellen
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Wenn er mal wieder in Wien ist, wird er sich vielleicht hier dazu stellen

Sorgen bereitet ihm eher das liberale Waffengesetz: "Dass man einfach so eine Waffe sehen kann, ist etwas, das man aus Europa gar nicht kennt. Da passt man am Anfang schon auf, wo man hingeht. Aber nach einem Monat weiß man, welche Gegenden man meiden sollte." Sein Eindruck ist also durchaus positiv.

Auch in einer bestimmten Sache, die ihm positiv auffällt: "Hier ist jeder offen. Keiner schaut dich dumm an, weil du eine andere Hautfarbe hast oder anders sprichst."

Dass er mit 27 Jahren in der zweiten US-amerikanischen Liga spielt, und nicht etwa in einer höheren Liga, damit könne er gut leben. Im Fußball, so Arase, braucht man da und dort eben das Quäntchen Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Und nach der Karriere? "Ich interessiere mich sehr für Immobilien. Das finde ich spannend, weil man viele unterschiedliche Leute trifft. Aber ganz ohne Fußball wird es wohl nicht gehen – den kann man einem Fußballer nicht wegnehmen. Wahrscheinlich werde ich dann irgendwann bei Rapid auf der Tribüne sitzen und zuschauen."


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