Analyse: Selbst wenn Salzburg Meister wird, muss sich einiges ändern
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Analyse: Selbst wenn Salzburg Meister wird, muss sich einiges ändern

Red Bull Salzburg ist fünf Spieltage vor Schluss wieder mittendrin statt nur dabei im Kampf um die Meisterschaft. Das kommt dann doch etwas überraschend. Aber egal, wo die Bullen am Ende landen – es muss sich etwas ändern.

"Die erste Halbzeit hat mir überhaupt nicht gefallen, das haben die Jungs auch so zu hören bekommen. Dabei habe ich mich kurz ertappt, fast das Gleiche wie mein Vorgänger zu sagen", sagte Red Bull Salzburgs Cheftrainer Daniel Beichler nach der Heimniederlage gegen den LASK am vorletzten Wochenende.

In einem anderen Interview mit der "Kronen Zeitung" betont er: "Ich weiß nicht, ob es allen so klar ist, wie ich das sehe. Wir sind nicht diese 'outstanding' Mannschaft, wie der Klub, die Medien und Zuschauer das gerne hätten." Einen etwaigen "Meistergedanken" sollten die Spieler eher ablegen.

90minuten wird Beichler dann vor das Mikrofon bitten, wenn klar ist, wohin die Reise geht und ein gehaltvolles Reflektieren seiner ersten Monate im Amt Sinn macht. Von fixem Europacup als Meister im Champions-League-Playoff bis zum erstmaligen Verpassen der Möglichkeit auf Europacup-Spiele ist alles drin.

Es kann schnell gehen: Nach dem Sieg gegen die Veilchen und dem Remis zwischen Sturm und LASK ist man in Lauerstellung. Das kann sich rasch umdrehen.

Eine Einordnung

Wobei man den "Misserfolg" schon einordnen sollte. Selbst wenn man den betriebenen und finanziellen Aufwand gegenrechnet, ist es ja nicht so, dass man mit Bomben und Granaten alle Ziele verpasst.

Ein Szenario wie beim WAC, wo man vom Fast-Double-Gewinner innerhalb von nicht einmal zwölf Monaten zum Abstiegskandidaten Nummer eins wird, ist komplett unrealistisch. Ungeachtet dessen müssen sich Dinge ändern.

Georg Sohler

2023/24 wäre man ohne Punkteteilung vor Sturm gelandet, in einer Champions-League-Gruppe mit Real Sociedad, Benfica und Inter Mailand Letzter zu werden ist kein Schandfleck, das Cup-Halbfinale ging 3:4 verloren.

Im Jahr darauf schaffte der Klub die Quali für die Königsklasse und wurde wieder Liga-Zweiter, im Cup verlor man in Linz in der Verlängerung. Dieses Jahr scheiterte man mehr an sich selbst als an Brügge im Kampf um das Champions-League-Playoff, ankreiden lassen muss man sich wohl nur das 2:3 daheim in der Europa League gegen Ferencvaros. Im Cup-Halbfinale lief man eine Halbzeit lang einem Tor gegen einen Verein aus der Qualifikationsgruppe nach.

Man ist weit davon entfernt, zu wenig zum Leben, aber zu viel zum Sterben zu haben. Und ein Szenario wie beim WAC, wo man vom Fast-Double-Gewinner innerhalb von nicht einmal zwölf Monaten zum Abstiegskandidaten Nummer eins wird, ist komplett unrealistisch. Ungeachtet dessen müssen sich Dinge ändern.

Für viele liegt der Leistungsabfall an dem Abgang von Christoph Freund. Es nur an ihm festzumachen, greift aber zu kurz. Genauso wie zu sagen, dass es an diesem oder jenen Trainerfehlgriff lag. Auch unter dem heutigen Bayern-Sportchef waren Flops dabei, es ist nie nur ein Faktor, der das entscheidet.

Wie kann die Transferstrategie aussehen?

Mag sein, dass Freund ein besonders gutes Auge hatte und die personellen Wechsel am Trainerstuhl die Entwicklung hemmen. Aber es ist beliebig geworden, was die Bullen zusammenkaufen. Mal Routine, mal Perspektive, mal Stoßstürmer, mal Wirbelwind. Eine erkennbare Handschrift, ein klares Profil, das sucht man im Kader derzeit vergeblich. Allerdings sind die Salzburger Opfer des eigenen Erfolgs geworden.

Abgesehen davon, dass national von Sturm abwärts eigentlich alle Klubs Talente suchen, um sie teuer zu verkaufen, machen das auch international so gut wie alle Vereine unterhalb der Preisklasse ManCity, Bayern, Real und Co. Ein möglicher Vorteil kann in dem Zusammenhang der eigene Nachwuchs sein.

Dass die Jungen sich schwer tun, geschenkt. Von einem Routinier wie Karim Onisiwo hätte man sich wohl mehr erhofft.
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Dass die Jungen sich schwer tun, geschenkt. Von einem Routinier wie Karim Onisiwo hätte man sich wohl mehr erhofft.

Die erfolgreiche ÖFB-U17 war etwa eine halbe RB-Mannschaft. In den letzten Jahren taten sich die Talente aber zusehends schwer, in der Kampfmannschaft Fuß zu fassen. Ein erster Schritt wäre es nun, den Trainer einmal arbeiten zu lassen. Damit er die Burschen, die seinen Weg mitgehen, herausfiltern kann. Er weiß dann am besten, welche Typen es kurzfristig für die Spielzeit 2026/27 braucht.

Kontinuität ist hier das Stichwort: Ein Trainer, der zwei, drei Transferperioden mitgestaltet, weiß irgendwann, welche Spielertypen seinen Fußball wirklich leben können – und welche nicht. Dann tut man sich auch leichter, die aktuellen und konkreten Problemfelder zu beheben:

Offensive Last muss verteilt werden

Im Fußball geht es zunächst darum, mehr Tore als die anderen zu schießen. Und Salzburg fehlen schlichtweg mehrere Unterschiedsspieler. Dass Kerim Alajbegovic große Qualität hat, dürfte sich herumgesprochen haben. Dieser ist wettbewerbsübergreifend gemeinsam mit dem im Winter abgewanderten Petar Ratkov bester Torschütze – mit zwölf Treffern.

Klarerweise sind neben dem jungen Serben im Sommer auch Oscar Gloukh und Dorgeles Nene gegangen. Das waren offensive Kreativspieler. Kicker wie Moussa Yeo, Maurits Kjaergaard, Edmund Baidoo oder – der sehr offensichtlich suspendierte – Clement Bischof haben nicht diesen Entwicklungsschritt gemacht, um zum Unterschiedsspieler zu werden.

Karim Konate muss das Visier noch schärfer einstellen. Auch Routinier Karim Onisiwo ist bislang noch kein Gamechanger. Fakt ist: Aktuell gibt es nur einen, der vorne wirklich für Radau sorgt, der ist aber erst 18 Jahre alt und ab Sommer nicht mehr da.

All das an der Person Christoph Freund festzumachen, greift zu kurz. Genauso wie zu sagen, dass es an diesem oder jenen Trainerfehlgriff lag. Auch unter dem heutigen Bayern-Sportchef waren Flops dabei.

Was auch immer die Bullen machen, es muss klar sein, dass das kein Dorfverein ist, der sich auf die Genieblitze eines Einzelnen verlassen kann.

Defensive Stabilität notwendig

Das gilt auch für das andere Ende des Spielfeldes. Derzeit haben die Salzburger in der Liga 33 Gegentore erhalten. Letztes Jahr waren es nach 27 Runden derer 27. Davor erhielt man bis zu diesem Zeitpunkt drei Jahre lang weniger als 20 Gegentore, 2020/21 netzten die Gegner 29 Mal. Mehr als 33 Gegentore – 35 – musste der Ligakrösus zuletzt 2014/15 hinnehmen. Damals hatten die Offensivkräfte aber 75 Tore geschossen. Derzeit sind es 50.

Hierbei muss man wieder den Faden von zuvor aufnehmen und sich die Transfer- und Ausbildungspolitik ansehen. Abwehrchef zu sein bzw. eine stabile Defensive zu haben, hängt nicht nur am Alter. Kicker wie Ramalho, Hinteregger, Solet oder Pavlovic waren sehr jung, als sie den Laden hinten dicht hielten.

Derartige Spieler zu finden, wird zusehends schwierig – auf allen Positionen. Darum wurden sie in der Frühphase des Rangnick-Kicks auch schon im Teenager-Alter geholt. Und freilich gehören zum Abwehrverhalten nicht nur Innenverteidiger und Tormänner, sondern das ganze Team. Schaut man sich an, welche Abwehrspieler – Caufriez, Rasmussen – zuletzt dazu geholt wurden, wurde vielleicht ein bisschen zu wenig auf deren Können geachtet. Hierbei geht es nicht nur um die Füße, sondern auch den Kopf.

Es beginnt im Kopf

Dass genannte andere Talente nicht zünden, noch dazu in der Masse, ist für Salzburg außergewöhnlich. Und der Übergang vom Nachwuchsspieler zum Profi ist überall die schwierigste Aufgabe überhaupt. Wer sich die Transferliste der Salzburger ansieht, merkt, dass das schon besser geklappt hat.

Ob U17-Held Johannes Moser mit Salzburg einen Titel bejubeln wird?
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Ob U17-Held Johannes Moser mit Salzburg einen Titel bejubeln wird?

Es macht sich auch auf dem Platz bemerkbar. Schon unter Letsch waren die Leistungen sehr schwankend, teilweise während der Halbzeiten. Das ist unter anderem ein mentales Thema. Den U21-Kickern kann man da weniger Vorwürfe machen als den Verantwortlichen, die sie führen sollen. Auch die Routiniers darf man nicht aus der Pflicht nehmen.

Und wenn ein erfahrener Stürmer wie Onisiwo in nur 26 Einsätzen lediglich zwei Tore erzielt, wenn der ebenfalls nicht gerade aus der Akademie rausgekommene Yorbe Vertessen nur alle paar Wochen trifft und Ex-Abwehrchef Jacob Rasmussen der Aufgabe nicht gewachsen war – dann hat man offensichtlich zu wenig darauf geachtet, wie die angeblichen Führungsspieler mit Drucksituationen umgehen.

Natürlich funktioniert alles leichter, wenn man nicht unter massivem Druck steht. Wer alles kann, aber nichts muss, spielt freier auf. Allerdings steht der ganze Verein angesichts einer möglichen dritten titellosen Saison unter Druck. Schließlich gibt es an der Salzach nur zwei Ziele: Meistertitel und Cupsieg.

Alles andere ist eine Niederlage - auch wenn es passieren kann, Zweiter zu werden, betreibt man sehr viel Aufwand. Mit oder ohne dem aktuellen Trainer, mit dem man eben unabhängig vom Ausgang der Meisterschaft zusammenarbeiten sollte.

Parallel muss sich Salzburg auf den Worst Case vorbereiten. Weiß irgendwer im Verein, was man macht, wenn es mit Beichler nicht klappt? Dann bleibt eigentlich nur noch das Installieren eines Startrainers als Option, um wieder in die Erfolgsspur zu finden.


VIDEO: Ist die Austria aus dem Meister-Rennen?

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