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Hält das, was Franco Foda sagt?

Wenige Tage vor Beginn der Europameisterschaft hat Teamchef Franco Foda einigen Medien wie APA, Kurier, Die Presse oder Der Standard Interviews gegeben. 90minuten.at hat sich die wichtigsten Aussagen angesehen und einem Faktencheck unterzogen.

++ 90minuten.at-Exklusiv von Michael Fiala ++

 

Mit dem Start der Euro-Vorbereitung ging auch Franco Foda in die mediale Offensive und gab einigen namhaften Medien wie der 'APA', 'Der Standard', 'Kurier' oder auch 'Die Presse' längere Interviews. Die Fragen bei den Interviews unterschieden sich nur in Kleinigkeiten, auch die Antworten wirken meist „einstudiert“. Doch wie sind die Antworten von Teamchef Foda einzuordnen? Erzählt er das „Blaue vom Himmel“ oder versucht er, ein realistisches Bild zu zeichnen? 90minuten.at hat die wichtigsten Antworten unter die Lupe genommen und versucht, im Rahmen eines Faktenchecks einzuordnen.

 

Favoritenrolle?

Franco Foda über die Favoritenrolle in der Österreich-Gruppe: „In der Gruppe sind die Niederlande der Favorit, dann ist alles ausgeglichen. Nordmazedonien hat Qualitäten, hat Deutschland geschlagen. Die Ukraine kann auf Topspieler zurückgreifen. Entscheidend ist, dass wir unsere Leistung abrufen.“

Faktencheck: Ja, die Niederlande sind in der Österreich-Gruppe berechtigterweise als Favorit einzustufen, auch wenn die Ergebnisse in den letzten Spielen nicht immer überzeugt haben. So setzte es etwa in der WM-Qualifikation gegen die Türkei eine Niederlage. In der Fifa-Weltrangliste liegen die Niederlande auf Rang 16, Österreich auf Platz 23. Gleich einen Platz dahinter rangiert die Ukraine. Nordmazedonien liegt abgeschlagen auf Platz 62. Eines ist aber auch klar: Wenn Franco Foda die Niederlande als Favorit bezeichnet, muss man Österreich auch ganz klar über Nordmazedonien stellen.

 

Schlechte Spiele?

Franco Foda über schlechte Spiele in der Vergangenheit: „(…) Ja, gegen Dänemark waren wir richtig schlecht, das darf uns so auch nicht passieren. Aber ich wehre mich dagegen, dass wir in den vergangenen acht, neun Spielen nicht gut gespielt haben. Das war definitiv nicht der Fall."

Faktencheck: Der Teamchef steht schon seit einiger Zeit in der Kritik. Foda hat zwar den besten Punkteschnitt aller Teamchefs vorzuweisen, dennoch hat man gegen Teams auf Augenhöhe – Polen, Israel, Bosnien, Dänemark - insgesamt relativ wenige Punkte geholt. Interessant ist zudem, dass sogar Martin Hinteregger die Aussage von Franco Foda im Gespräch mit der APA widerlegt: Nicht nur die jüngste Team-Zusammenkunft sei unzufriedenstellend gewesen, so Hinteregger. Schon in den zwei oder drei Lehrgängen davor hätte man trotz Siegen "spielerisch nicht überzeugt". "Wir haben die Leichtigkeit nicht gehabt, obwohl wir eigentlich die Klassespieler haben."

"Fakt ist jedoch auch, dass rund um das ÖFB-Team bereits nach erfolgter EM-Qualifikation im Herbst 2019 keine Euphorie herrschte Und, auch wichtig: Damals war Corona noch eine Biersorte."

Schlechter Lehrgang?

Franco Foda über den letzten Lehrgang: „In Schottland hätten wir gewinnen müssen, gegen Färöer haben wir gewonnen, der Sieg hätte höher ausfallen können. Schlecht war Dänemark, das sollte nicht passieren. Wir haben uns selbst reflektiert, im Betreuerstab sachlich und ruhig analysiert. Die erste Halbzeit war ja noch in Ordnung, beide Teams hatten keine Torchancen.“

Faktencheck: Eigentlich lässt die Aussage „Die erste Halbzeit war ja noch in Ordnung, beide Teams hatten keine Torchancen“ tief blicken. Der letzte Lehrgang ist nicht schönzureden, schon gar nicht das Spiel gegen Dänemark und auch nicht die erste Halbzeit. Sogar der dänische Teamchef zeigte sich nach dem 4:0 über die generell schwache erste Halbzeit erstaunt, er hätte von Österreich "mehr Druck erwartet".

 

Mangelnde Euphorie?

Franco Foda über mangelnde Euphorie: „Ich kann damit nichts anfangen. Seit fast eineinhalb Jahren befinden wir uns wegen Corona in einer Extremsituation. Es herrscht nirgendwo eine Euphorie, dass die EM stattfindet.“

Faktencheck: Dass mittlerweile „nirgendwo“ Euphorie herrscht, kann durchaus unterschreiben. Fakt ist jedoch auch, dass rund um das ÖFB-Team bereits nach erfolgter EM-Qualifikation im Herbst 2019 keine Euphorie herrschte – man erinnere sich an die „Party“ im Happel-Stadion und die abschließende Blamage auswärts in Lettland. Und, auch wichtig: Damals war Corona noch eine Biersorte. Franco Foda betont in diesem Zusammenhang auch immer wieder, dass die Ansprüche an das Nationalteam in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen sind. Zu Recht, denn Österreich hatte noch nie so viele Legionäre zur Verfügung.

 

Goldene Spielergeneration?

Franco Foda über die goldene Spielergeneration, die ihm zur Verfügung steht: „Was bedeutet "goldene Generation"? Wir haben viele Junge integriert, eine gute Balance zwischen jungen und erfahrenen Spielern. Wichtig ist, dass wir die Mannschaft weiterbringen und auf dem Platz unsere Leistung bringen, und nicht, ob es eine "goldene Generation" ist oder nicht.“

Faktencheck: Natürlich kann man stundenlang darüber streiten, ob die aktuelle Generation eine „goldene“ sei. In dem einen oder anderen heimischen Medienbericht wird die Wichtigkeit mancher Legionäre durchaus überschätzt. Nur Legionär zu sein, ist noch kein Qualitätsmerkmal. Sehr zum Leidwesen von Franco Foda. Wirkliche Weltklasse-Spieler muss man im österreichischen Kader mit der Lupe suchen. Und dennoch gilt festzuhalten: Kein ÖFB-Trainer zuvor hatte so viele internationale Spieler zur Verfügung, die auch regelmäßig zum Einsatz kommen.

"Franco Foda versucht also den Ball bewusst flach zu halten, das hat seine gesamte Amtszeit als ÖFB-Teamchef geprägt."

Spieler im Verein besser?

Franco Foda auf die Frage, dass viele Spieler im Verein bessere Leistungen bringen: „Im Verein ist es anders, da bist du täglich im gewohnten Umfeld, kennst die Abläufe. Messi spielt in Argentinien auch nicht so wie in Barcelona. Und Lewandowski macht für Polen nicht so viele Tore wie für die Bayern.“

Faktencheck: Für sich allein gestellt und isoliert betrachtet ist diese Aussage von Franco Foda natürlich richtig: Weder Messi noch Lewandowski haben in ihren Auswahlen ihre Leistungen aus dem Verein dauerhaft zeigen können. Das Problem dieser Aussage: Man wird immer einzelne Spieler finden, die im Nationalteam aufgrund der von Foda genannten Gründe ihre Leistung nicht so bringen können. Was Foda allerdings nicht erwähnt: Es gibt auch sehr viele Spieler, die ihre Leistungen sowohl im Klub als auch im Nationalteam abliefern. Punktuell ist dies durchaus auch im österreichischen Team zu sehen, leider jedoch viel zu selten.

 

Kein Block im Nationalteam?

Franco Foda über Blöcke im Nationalteam: „Was wir nicht haben, sind Blöcke, Gerüste von einem Verein. England hat viele Spieler von Manchester City, Deutschland von Bayern, die Niederlande von Ajax, die Ukraine von Dynamo Kiew.“

Faktencheck: Franco Foda hat insofern Recht, dass das ÖFB-Team nicht auf einen Block aus einem Verein zurückgreifen kann. Österreich hätte jedoch den Vorteil einer einheitlich ausgebildeten Spielergeneration, „die es international selten auf diesem Niveau gibt“, wie es zuletzt ein namentlich nicht genannter Trainer der Deutschen Bundesliga im Profil formulierte. Der ÖFB vergäbe „die einmalige Chance, eine moderne Mannschaft aufs Feld zu bringen, die eine Spielweise perfekt intus hat“.

 

Druck und Erwartungshaltung?

Franco Foda über eigenen Druck und Erwartungshaltung: „Ich habe eine hohe Erwartung an mich selbst, stecke mir die höchsten Ziele. Weil ich der Meinung bin, nur wenn du an das Große glaubst, kannst du es erreichen.

Faktencheck: Jesse Marsch hat es etwa bei Salzburg damals nach dem Ausscheiden aus der Champions League mit dem Umstieg in die Europa League so formuliert: „Wir wollen die Europa League gewinnen.“ Das ist eine Ansage, auch wenn man im ersten Moment glaubt: „Spinnt der?“ Wie hoch die eigene Erwartungshaltung ist, hat Foda in einem der Interviews wie folgt formuliert: "Wir wollen ein Spiel gewinnen, das ist noch keiner österreichischen Nationalmannschaft bei einer EM gelungen, das wäre historisch. Am besten gleich zum Auftakt gegen Nordmazedonien, es ist die wichtigste Partie. Schaffen wird das, könnten wir den Schwung, die Energie mitnehmen und neue Ziele definieren. Alle Mannschaften wollen die Gruppenphase überstehen. Das ist völlig normal." Franco Foda versucht also den Ball bewusst flach zu halten, das hat seine gesamte Amtszeit als ÖFB-Teamchef geprägt. Das primäre Ziel, endlich ein  Spiel zu gewinnen, scheint aufgrund des Potenzials und der österreichischen Gegner jedoch wenig ambitioniert.

 

Kritikfähig?

Franco Foda über Kritik an seiner Person: Das sind die Begleiterscheinungen des Trainerjobs. Mit Kritik muss man umgehen können - und wenn man es nicht kann, dann darf man den Job nicht ausüben.

Faktencheck: Dass Franco Foda mit sachlicher Kritik eigentlich gar nicht umgehen kann, hat er im 90minuten.at-Interview im Jänner 2020 unter Beweis gestellt. Teamchef Franco Foda gewährte in einem Interview mit den Journalisten Michael Fiala und Gerald Gossmann einen ungewöhnlich großen Einblick in seine Denkweise. Doch 90minuten.at hat das Interview nicht veröffentlicht. Der Grund: Im Zuge der Autorisierung wurde das Interview inhaltlich stark verändert – und gar versucht Fragen samt der Antworten zu streichen (siehe Artikel „45 Tage-Prozedere: Teamchef Foda schreibt sein Interview neu“).

 

90minuten.at-exklusiv

90minuten.at-TV: Das neue Everton Stadion

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