Foto: © GEPA Taktik / Q3

Finks Austria läuft taktisch inferior ins Debakel (2)

Thorsten Fink und Franz Wohlfahrt meinten nach dem Milan-Spiel, dass man taktisch nicht viel ausrichten konnte. Dabei offenbarte die Fink-Elf eklatante Mängel im taktischen Bereich. Eine Taktik-Analyse von Momo Akhondi.

Die gravierenden Probleme der Austria im Pressing kommen aber erst dann zum Vorschein. Das Mittelfeld der Austria geht gegen die Gäste aus Italien Mann gegen Mann vor. Dadurch, dass jeder Austrianer bereits einen Gegenspieler nehmen muss, kann keiner mehr auf den durchbrechenden Biglia reagieren nachdem Lee aus dem Spiel genommen wurde. Dadurch kann der Argentinier einfach mit dem Ball am Fuß marschieren, ohne von einem Austrianer gestört zu werden.

Bild 5 – Biglia geht vom eigenen Strafraum fast bis zum Mittelkreis und wird von keinem Austrianer gestört, nur Lee versucht ihn verzweifelt einzuholen.

Nachdem Biglia mit seinem Dribbling die halbe Mannschaft der Austria überspielt hat, holt Lee endlich seinen Gegenspieler ein und zwingt ihn dadurch sein Dribbling abzubrechen, es folgt der Flachpass auf Andre Silva. 

 

Wie problematisch die Manndeckung der Austria an diesem Abend war zeigt auch dieses Bild:

Bild 6 – Pure Manndeckung bei der Austria.

Es ist schon lange bekannt, dass das Verteidigen Mann gegen Mann zwar für den Trainer ungemein einfach zu coachen ist, jedoch eine Unzahl von strategischen Schwächen mit sich bringt. So kann der direkte Gegenspieler mit geschickten Körperfinten seinen Manndecker ins Leere laufen lassen, da dieser gezwungen ist seinem Gegenspieler zu folgen und auf dessen Bewegungen nur reagieren kann. Ist die erste Manndeckung gebrochen, zerfallen auch die Restlichen wie ein Kartenhaus. Ist der erste Spieler der angreifenden Mannschaft erstmal freigespielt, sind alle anderen Manndecker der verteidigenden Mannschaft automatisch in einem Dilemma: soll man den Gegner laufen lassen? Oder seinen eigenen Gegenspieler verlassen um den Ballführenden anzugreifen? Verlässt der erste seine Position, so muss der nächste und übernächste Mitspieler automatisch auch aus der Position um nacheinander freiwerdende Gegenspieler zu decken oder anzulaufen – ein Teufelskreis.

 

Gegen den AC Milan wurde dies besonders offensichtlich, weil die Italiener bereits in der ersten Linie keinerlei Probleme hatten, die Manndeckungen im hohen Offensivpressing der Austria auszuspielen.

 

Spricht man im modernen Fußball in diesem Zusammenhang eigentlich lieber von „Mannorientierungen“ , so trieben die Spieler von Thorsten Fink gegen Milan die Mannorientierungen soweit, dass das Wort „Manndeckung“ eine akkuratere Beschreibung dessen ist.

Bild 7 – Holzhauser und sein direkter Gegenspieler Kessie, eine Liebesgeschichte in drei Akten.

Bild 8 – Kessie weicht aus dem Zentrum aus, Holzhauser geht mit. Dadurch öffnet er das Zentrum. Großer Unterschied zur österreichischen Bundesliga: der Gegner besetzt das offengewordene Zentrum auch gleich.

Bild 9 – Holzhauser geht mit seinem Gegenspieler bis ans Ende der Welt und gibt seine ursprüngliche Position frei. Dort sieht man weiterhin die klassischen Manndeck-Pärchen Lee-Biglia (21-21) und Prokop-Calhanoglou (16-10)

Was erschwerend hinzukam, war der Umstand, dass ausgerechnet die Viererkette der Gastgeber im entscheidenden Moment kein Auge mehr für den Gegenspieler hatte, sondern nur noch auf den Ball achtete. So auch Kadiri vor dem 0:1.

Bild 10 – Kadiri verliert den Ball an Calhanogou und läuft dem Türken hinterher. Dieser spielt den Ball zurück zu Silva.

Bild 11 – Silva wiederum wird von Westermann gestellt, Kadiri hat die Wahl: Raum neben Westermann decken oder den ausweichsenden Calhanoglou begleiten, Kadiri entscheidet sich für ersteres – und lässt Calhanoglou aus den Augen. 0:1.

Trotz – oder gerade auch wegen – der massiven Probleme gegen den Ball versuchte die Austria im eigenen Ballbesitz seinen persönlichen Prinzipien treu zu bleiben und einen kontinuierlichen Spielaufbau anzustreben. Dementsprechend oft versuchte man Tormann Hadzikic einzubinden und auch die Abstöße wurden bemerkenswert oft kurz auf die Innenverteidiger abgespielt. So weit, so lobenswert. 

 

>>> Weiterlesen - Seite 3: Das Ballbesitzspiel der Austria hatte zwei entscheidende Schwächen

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