Österreich mit Qualität im Spielaufbau, aber passivem Pressing [Spiel-Analyse] (2)

Die österreichische Nationalmannschaft gewann beide Nations League-Partien mit einem knappen 1:0. Auch bei diesem Lehrgang stellte sich wieder heraus, dass Passivität und defensivorientiertes Pressing uns Punkte kosten könnten.

Der horizontale Pass im letzten Drittel

Doch was machten die Österreicher, wenn sie mal in der Nähe des Strafraumes waren? Oft zu sehen war, dass sie nicht direkt über die Mitte versuchten zum Torabschluss zu kommen, sondern – wenn man mal das Mittelfeld überbrückt hat oder die gegnerische Mannschaft hineingedrückt hat – über den Flügel den Ball in den Strafraum zu spielen. Dabei wird häufig der horizontale Pass entlang des Sechzehners als Mittel benützt. Besonders Stefan Lainer spielte diese Pässe sehr gerne. Wie zum Beispiel im Spiel gegen Rumänien.  (Abbildung 6)

Nach dem man sich in der eigenen Hälfte aus dem Pressing der Rumänen herauslösen konnte, bekam Lainer den Ball am rechten Flügel und konnte Richtung Tor dribbeln. Als er beim Sechzehnereck ankam, spielte er wieder einen seinen horizontalen Pässen entlang des Strafraumes. Dies war auch nur möglich da Gregoritsch und Schöpf in die Tiefe liefen und dadurch die Abwehrkette nach hinten drängten. Dazu kam, dass sich Baumgartner immer wieder klug in diese Räume hinein bewegte. Eine Analyse zum Hoffenheim-Legionär und seinen Bewegungen gibt es hier.

Nach dem Querpass von Lainer kam der Offensivspieler frei zum Abschluss, verpasst aber nur knapp das Tor.

Besonders in der zweiten Hälfte im Spiel gegen Rumänien kamen die Österreicher dann immer wieder über die rechte Seite und Lainer konnte mehrmals hineinflanken. Dadurch kam Baumgartner öfters zum Abschluss, verfehlte allerdings einmal das Tor und traf einmal die Latte. Der 1:0-Treffer fiel auch über eine ähnliche Situation wie in Abbildung 6 , allerdings über Alaba und die linke Seite. Wieder liefen zwei Spieler in die Tiefe und machten Platz für Baumgartner der im Rückraum wartete. Diesmal schloss er aber nicht selber ab, sondern spielte auf Alessandro Schöpf weiter, der mit dem zweiten Kontakt abschloss.

Auch spielte Lainer aus dem mittleren Drittel viele diagonale Bälle in die Sturmspitze, um eine Chance einzuleiten. Diese Pässe sind auch wieder besonders effektiv, um den Zwischenlinienraum des Gegners zu bespielen. (Abbildung 7)

Lainer wird am Flügel unter Druck gesetzt, hat jedoch keine richtige Anspielstation und konnte sich in einem 1 gegen 1 Duelle zunächst herauslösen. Daraufhin spielte er beinahe horizontalen Pass auf Gregoritsch im Zwischenlinienraum. Der Stürmer konnte sich aufdrehen und auf die andere Seite spielen. Diese Pässe macht Lainer sehr häufig, da sie gegen die Laufrichtung der Abwehrkette sind und dadurch der Angespielte oft genug Zeit und Raum hat sich aufzudrehen. Dadurch könnte der Stürmer auch mehrmals die Seite wechseln.

 

Bringt uns diese „Passivität“ ins Schwanken?

Ein großes Thema bei mehreren Medien und bei viele Fans war vor allem die „Passivität“ gegen Nordirland nach der Führung. Allerdings sollte man „Passivität“ nicht mit einem defensiverem Pressing verwechseln. Vor allem in der zweiten Halbzeit gegen Nordirland attackierten die Spieler erst in der Nähe der Mittellinie. Das heißt, man ließ den Gegner weiter vorne aufbauen und versuchte die Räume in der eigenen Hälfte enger zu machen.

Zudem fehlte vor allem eines, und zwar den andribbelnden Innenverteidiger unter Druck zu setzen. Der Abwehrspieler in der 1. Aufbaulinie wurde kaum unter Druck gesetzt und konnte vertikale Pässe oder genaue hohe Bälle nach vorne spielen. Dies könnte man klarerweise als Passivität der ersten Pressinglinien benennen, allerdings wurde von vielen Spielern bereits kommuniziert, dass dies keine Anweisung von Franco Foda waren. Das bedeutet jedoch, dass Foda entweder mit den Entscheidungen in den Partien mit seinen Spielern zufrieden wäre oder einfach den Spielern bezüglich den Pressing keine Anweisungen gab.

Dazu kam noch, dass vor allem in den zweiten Hälften von beiden Partien kein situationsgerechtes Anlaufen mehr geschah. Oft wurden Gegenspieler überhaupt nicht in den Deckungsschatten gestellt und somit war es für den gegnerischen Abwehrspieler einfach die erste Pressinglinie zu überspielen. Hier ein Beispiel in der Partie gegen Nordirland. (Abbildung 8)

 

Herr Foda, Sie können auch früher Spieler einwechseln!

Und auch diesen beiden Partien der Nations League kann man die Ein- und Auswechselungen von Teamchef Foda hinterfragen. Klar sind Einwechslungen ein heikles Thema und im Nachhinein könnte man immer sagen, dass es falsch beziehungsweise richtig war, jedoch war es wieder einmal bemerkenswert, dass Foda erst sehr spät im Spiel wechselte. Gegen Nordirland kam der erste Wechsel in 73. Minute und auch hier wurde eher eine Sicherheitsvariante ausgewählt. Christopher Trimmel wurde für Ranftl eingewechselt. Auch im Spiel gegen Rumänien kamen erst Wechsel in der 76. Minute. Zwar wurde zuvor Stefan Posch für Hinteregger (53.) eingewechselt, jedoch war der Eintracht-Spieler Gelb-Rot gefährdet.

Besonders in der jetzigen Zeit, in der Profis wegen der Corona-Pandemie viele Partien hintereinander haben und mit der Nationalelf auch hin und her reisen müssen, wäre es besser einigen Spieler mehr Pause zu geben. Vor allem, wenn man Spieler auf der Bank hat, die auch eine sehr hohe Qualität haben und ein Spiel genauso gut machen könnten. Nicht nur merkte man dem ein und dem anderen Spieler an, dass sie in der Partie immer müden werden, sondern durch einen Wechsel könnte man das Verletzungsrisiko vermindern und die Spieler müssen nicht übermüdet zu ihrem Verein zurückkehren.

 

Fazit

Die österreichische Nationalmannschaft hatte in den beiden Nations League-Partien vor allem im Spielaufbau eine klare Idee und in beiden Spielen zeigte sie auch, dass sie aus der eigenen Hälfte Chancen erspielen können. Besonders nach Umschaltmomenten in die Offensive kreierten sich immer wieder Torabschlüsse. Zudem sind die vertikalen Pässe der beiden Innenverteidiger und die horizontalen Zuspiele der Außenspieler wichtige Mittel, um nach vorne zu kommen.

Jedoch gab es auch in diesem Lehrgang wieder einige Probleme. Neben den Einwechslungen, die zu spät stattgefunden haben, kam wieder die „Passivität“ im Pressing hervor. Jedoch attackierte die erste Pressinglinie  in den zweiten Hälften nicht nur ein wenig passiver, sondern auch das Anlaufverhalten war nicht mehr situationsgerecht und man wurde leichter ausgespielt.