Mit dem Boykott einer Weltmeisterschaft hat man hierzulande Erfahrung. Wir erinnern uns: Die gescheiterte Qualifikation für Katar wurde 2022 kurzerhand umgedeutet - lustig war’s. Dem sportlichen Scheitern sei Dank, blieben dem ÖFB damals unangenehme Diskussionen über die Verletzung von Menschenrechten erspart.
Vier Jahre später, das hart erarbeitete WM-Ticket fest in der Hand, findet sich Österreich in einer anderen Position. Diesmal hätte man ein Wort mitzureden, will aber nicht.
Der ÖFB-Aufsichtsratsvorsitzende Josef Pröll schob eine Frage zu einem möglichen Boykott in der ORF-Sendung 'Sport am Sonntag' schon Anfang März kurzerhand beiseite und verlor sich in einer schwer greifbaren Ausdifferenzierung von politischen und unpolitischen Eigenschaften des Fußballs.
Nein zu Parteipolitik, Ja zu Integration und Förderung von besserer Gesundheit - grundsätzlich ist Prölls Haltung nachvollziehbar, geht aber völlig an aktuellen Fragen rund um Sicherheit, Grundrechten und moralischen Grundsätzen vorbei. Wer hier eine standfeste Linie des ÖFB erkennt, ist zu beneiden.
So kategorisch, wie es der Verband darstellt, sollte ein Boykott dabei eigentlich gar nicht außer Frage stehen. Österreich spielt mit großer Wahrscheinlichkeit ausschließlich in den USA - in der Gruppenphase in Dallas, Kansas City und der Bay Area. Mindestens drei Gründe für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Gastgeber sind schnell gefunden.
1 - Die USA sind an mehreren Krisenherden beteiligt
Die Situation der FIFA ist verzwickt. Sollte der Iran unter Protest auf seine Teilnahme an den Gruppenspielen in Los Angeles und Seattle verzichten, könnte man ihn mit einer Strafe belegen, einen Nachfolger bestimmen und sich so aus der Affäre ziehen. Ob dem Weltverband dieser Gefallen getan wird, bleibt aber offen.
Ausgeschlossen wird eine Verlegung der Spiele nach Mexiko, in den USA ließen sie sich gegenwärtig aber wohl nicht sicher und sportlich fair austragen. Gegen iranische Staatsbürger besteht schon seit 2025 eine Einreisesperre in die Vereinigten Staaten - von Völkerverbindung oder einem unpolitischen Fußballfest konnte daher ohnehin keine Rede gewesen sein.
Mehrere WM-Teilnehmer verstrickt
Seit über drei Wochen fliegen zwischen vier WM-Teilnehmern - USA, Iran, Katar und Saudi-Arabien - Dronen und Raketen. Auch ein deutscher Stützpunkt auf dem Staatsgebiet von ÖFB-Gruppengegner Jordanien wurde in Mitleidenschaft gezogen. Dass die Gastgebernation den aktuellen Konflikt begonnen hat und derzeit aktiv um Unterstützung diverser NATO-Staaten wirbt, wirft einen Schatten auf das Turnier.
Ein Ende ist nicht in Sicht, die Regierung von Präsident Donald Trump schnürt dieser Tage ein 200-Milliarden-Dollar-Paket für die kommenden Monate. Auch ein weiterer Militäreinsatz, diesmal in Kuba, wird derzeit nicht ausgeschlossen. Havanna und den WM-Austragungsort Miami trennen rund 300 Kilometer.
FIFA-Statuten setzten anderen Anspruch
Fest steht: Die unter fragwürdigen Umständen aus dem Boden gestampfte Vergabe des "FIFA Peace Prize" altert schlecht.
In ihren Statuten steckt sich die FIFA hinsichtlich der Wahrung von Menschenrechten und Antidiskriminierung hohe Ziele. Auch möchte man freundschaftliche Beziehungen zwischen Mitgliedsverbänden fördern. Mit dem aktuellen Kurs der US-Regierung, die noch vor wenigen Wochen Anspruch auf Staatsgebiet des EU-Mitglieds Dänemark erhob und sich bei mehreren Interventionen bestenfalls an den Grenzen des Völkerrechts orientiert, sind diese Ziele nicht in Einklang zu bringen.
2 - Interne Spannungen in den USA
Vor allem Fans mit Reiseplänen sollten die innenpolitische Situation in den USA wachsam verfolgen. Aktuell versinken viele Flughäfen im Chaos, weil der US-Kongress über die Finanzierung mehrerer Behörden verhandelt und Personal fehlt.
Aushelfen soll die höchstumstrittene Einwanderungsagentur"ICE", der willkürliche Kontrollen von Privatpersonen in diversen Städten vorgeworfen werden. Für zusätzliche Schlagzeilen sorgten zwei Todesfälle im Bundesstaat Minnesota, die auf Schüsse von ICE-Beamten zurückzuführen sind.
Die Fanvereinigung "Football Supporters Europe" meldete schon im Februar "extreme Sorge über die zunehmende Militarisierung von Polizeieinheiten in den USA" an. Der Austausch mit europäischen Behörden laufe schleppend, die verfügbaren Informationen seien mangelhaft, hieß es damals.
Dazu kommen diverse Nebenschauplätze. Erst am 18. März wurde in Foxborough nahe Boston eine Einigung erzielt, um die dort geplanten WM-Spiele behördlich freizugeben. Zuvor hatte man monatelang um die Finanzierung für Sicherheitsmaßnahmen und Organisation gerungen, die Kleinstadt hielt deshalb die nötige Lizenz zurück.
Viele Probleme sollten sich bis zum Start der Weltmeisterschaft lösen lassen. Spannend wird, wie viele neu dazukommen.
3 - Preispolitik der FIFA
Von allen politischen Verwerfungen abgesehen, gäbe es auch an der Organisation des Turniers genug zu hinterfragen. Die Thematik um die enorm hohe und oftmals undurchsichtige Preisgestaltung von WM-Tickets ist bekannt.
Statt den Wert eines WM-Erlebnisses sachlich zu bemessen und große Kontingente an möglichst leistbaren Tickets auf den Markt zu bringen, entschied sich die FIFA für dynamische Preisgestaltung. Schon für Gruppenspiele wurden so oft mehrere hundert Euro pro Sitz aufgerufen.
Dass sich der Weltverband letztlich doch dazu durchringen konnte, winzige Kontingente von Tickets für rund 50 Euro anzubieten, ist daher bestenfalls ein Tropfen auf einem glühenden Stein.
90minuten hat die Preisentwicklung von WM-Reisen im Dezember aufgearbeitet:
Zumal man an anderer Stelle inzwischen beide Hände aufhält und kräftig kassiert: Wer nahe den - mehrheitlich schlecht öffentlich angebundenen - Stadien parken möchte, hätte im Herbst einen Platz für rund 65 Euro buchen können. Inzwischen hat die FIFA die Preise abermals angehoben und teils fast verdoppelt. Behindertenparkplätze sind von solchen Steigerungen im Übrigen nicht verschont.
FIFA schreibt Rekordzahlen
Für den Zeitraum 2023 bis 2026 rechnet die FIFA - formal eine Non-Profit-Organisation - mit Rekordeinnahmen von über 11 Milliarden Euro.
Präsident Gianni Infantino hält wenig von Kritik an Ticketpreisen und meint, die hohe Nachfrage gebe ihm Recht. Die Frage, warum seine Organisation den Fans daraus zwingend einen Nachteil bauen muss, bleibt freilich offen.
Warum schweigen?
Teamchef Ralf Rangnick und sein Team dürfen und sollen sich auf den Sport konzentrieren. Auch Peter Schöttel sei das zugestanden. Er wollte seine Gedanken am Montag gegenüber der 'Krone' nicht mit der Öffentlichkeit teilen und verwies auf Pröll. "Dass es eine schwierige Situation ist, ist klar", viel mehr war dem ÖFB-Sportdirektor nicht zu entlocken.
Aus höheren Verbandsetagen sollte man sich aber deutlich mehr Perspektive über die großen Zusammenhänge erwarten können - auch, um der Nationalmannschaft den Rücken freizuhalten. Die Entwicklung von FIFA-Großveranstaltungen läuft in eine falsche Richtung, das muss man so ansprechen, wenn man jetzt auch an ihnen teilnimmt.
Selbst wenn man sich der Diskussion über einen Boykott entziehen möchte, könnte man eindeutige Zeichen setzen: Für Frieden, für europäische Einigkeit, für Solidarität mit Kriegsopfern, gegen Diskriminierung, gegen die aktuelle Politik der FIFA. Nichts hindert den ÖFB daran, seine Werte glaubwürdig nach außen zu tragen.
Man stelle sich vor, Österreich gelingt tatsächlich eine Sensation. Spätestens wenn Präsident Donald Trump und Gianni Infantino David Alaba am 19. Juli den Pokal in die Hände drücken, sollte allen klar sein, wie man mit all diesen Themen umgehen möchte. Dem ÖFB ist zu wünschen, dass es schon einige Zeit davor soweit ist.
Daniel Sauer