Die Debatte um Nationenwechsel geht an der Realität vorbei
Foto © GEPA

Die Debatte um Nationenwechsel geht an der Realität vorbei

Salko Hamzic hat sich für eine Karriere im bosnischen Nationalteam entschieden. Die Diskussion über Nationenwechsel wurde damit neu entfacht. Manche sehen dabei nur eine Seite.

Diesmal war es Salko Hamzic, über den sich die Entrüstung ergossen hat. In der Vergangenheit standen auch schon andere in der Kritik, deren Fälle unterschiedlich gelagert waren - Leon Grgic, Adis Jasic, Ermin Mahmic.

Dabei hatte sich der Torwart eigentlich bemüht, die Türe zum ÖFB sanft zu schließen. Ein Dank an Mitspieler, Staff, den gesamten Verband und ein Verweis auf die gute Perspektive beim bosnischen Team. Zwischen den Zeilen ließ sich lesen, dass man schlicht weniger um ihn bemüht war als die Konkurrenz.

Darum hat sich Hamzic gegen den ÖFB entschieden >>>

Inzwischen wurde Hamzic von Bosnien einberufen und könnte in der nächsten Länderspielpause debütieren. Völlig leere Versprechen dürfte Teamchef Sergej Barbarez also nicht gemacht haben.

Die ersten Reaktionen am Freitag waren trotzdem wieder weit unter der Gürtellinie. Ein 19-Jähriger wurde im Internet nach Strich und Faden beleidigt und imaginär des Landes verwiesen, weil er bei einem anderen Nationalteam bessere Einsatzchancen sieht. Um beim Bild mit der Tür zu bleiben: Der Mob hat sie zugemauert.

Keine Einbahnstraße

Streng genommen war der ÖFB bei Salko Hamzic zweiter Sieger. Als 16-jähriges Ausnahmetalent hatte er Kontakt mit dem bosnischen Verband, ehe Österreich auf den Plan trat. Staatsbürger war der gebürtige Salzburger damals noch nicht, wenig später schon.

Der ÖFB spielt das Spiel des gegenseitigen Abwerbens genauso aktiv mit wie jede nationale Organisation.

Der ÖFB spielt das Spiel des gegenseitigen Abwerbens genauso aktiv mit wie jede nationale Organisation. Vor kurzem wurde ein brasilianischer Teenager als "Neuzugang" präsentiert. Als Verbindung zu Österreich halten die Urgroßeltern her. 

Vor der WM hat Österreich Carney Chukwuemeka mit offenen Armen empfangen, dazu Paul Wanner. Keeper Nicolas Kristof könnte Thema für den kommenden Lehrgang sein: Der 26-Jährige hat sich mit der SV Elversberg in die Deutsche Bundesliga hochgearbeitet und besticht dort mit starkem Spielaufbau. In Österreich gelebt hat er nie. 

Diese Personalien bestätigen, dass beim ÖFB gut gearbeitet wird. Man muss deshalb auch nicht beleidigt auf die Hamzic-Entscheidung reagieren. Es ist ein Geben und Nehmen, mit dem man sich eher früher als später abfinden sollte. Man hat einfach nicht in jeder Situation die besten Argumente.

Nachvollziehbare Beweggründe

Zawieschitzky, Wiegele, Polster, Jungwirth: In den kommenden Jahren hat der ÖFB ein Überangebot an talentierten Torhütern. Bei Bosnien, immerhin WM-Teilnehmer, ist der Weg zur Nummer 1 kurz und auf Sicht frei.

Die Perspektive, mit Kerim Alajbegovic, Tarik Muharemovic und Amar Dedic an Großereignissen teilzunehmen, ist jedenfalls keine schlechte. Hätte Hamzic sie aufgeben sollen, nur um beim ÖFB womöglich jahrelang auf eine Chance zu warten? Wir wissen nicht, wie viele Spieler nur mangels Alternativen geduldig auf ihr ÖFB-Debüt gewartet haben.

Christian Zawieschitzky (Red Bull Salzburg) ist eine zukünftige Option für das ÖFB-Tor
Foto © GEPA
Christian Zawieschitzky (Red Bull Salzburg) ist eine zukünftige Option für das ÖFB-Tor

Dass man sich obendrein durchaus in zwei Ländern zuhause fühlen kann, beweist Marko Arnautovic. Seine Bindung zu Serbien hat dem Commitment zum ÖFB-Team keinen Abbruch getan. Dass der Stürmer 2008 für einen Wechsel offen war, interessiert heute kaum noch jemanden. Serbien war damals schlicht nicht engagiert genug.

Wenn sich dann das eine Nationalteam aber intensiv bemüht und das andere weder Einberufung noch Spielzeit in Aussicht stellen kann, darf man als junger Spieler ins Grübeln kommen. Es ist eben nicht nur ein "Anruf aus der Heimat der Eltern", wie der "Kurier" über Hamzic schreibt.

Ralf Rangnick hat nach dessen Bundesliga-Debüt keinen Kontakt zu Hamzic gesucht. Im erweiterten Kreis des Nationalteams gibt es mehrere Spieler, die sich intensivere Betreuung wünschen würden.

Ralf Rangnick hat nach dessen Bundesliga-Debüt keinen Kontakt zu Hamzic gesucht. Im erweiterten Kandidatenkreis des Nationalteams finden sich im Übrigen mehrere Spieler, die sich intensivere Betreuung wünschen würden. 

Es sollte für den ÖFB ein Ansporn sein, sich noch mehr um Spieler zu bemühen und konkretere Entwicklungspfade zu erarbeiten. Vielleicht erlaubt die Nations League ja auch, im ein oder anderen Spiel Priorität darauf zu legen, Talente an Österreich zu binden.

Überharte Diskussion

Natürlich wäre es wünschenswert, wenn jeder in Österreich geborene Spieler das österreichische Nationalteam als größtes Ziel sehen würde. Es gibt enorm viele Gründe, warum es nicht so ist. Hamzic ist ein perfekt integrierter junger Mann, der seine Staatsbürgerschaft erst mit 16 Jahren und Unterstützung eines Sportverbandes erhalten hat. Warum hätte er sich davor intensiv mit dem ÖFB auseinandersetzen sollen?

Die unreflektierte Härte, mit der sehr junge Spieler nach einem Nationenwechsel in Österreich konfrontiert sind, wird in Zukunft jedenfalls nicht bei der Rekrutierung helfen. Luka Sucic und Amar Dedic haben sich große Skandale mit frühen Entschlüssen gegen den ÖFB erspart. Andere werden es ihnen gleichtun.

Dass es im Fußball keine langfristigen Commitments gibt, ist schade, aber Realität. Auf Nationalteamebene ist es nicht anders. Es ist ein Versäumnis der FIFA, die mit strengeren Regeln viele Diskussionen obsolet machen könnte.

Kommentare