These: Diese WM-Neuerung sorgt für Wettbewerbsverzerrung
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These: Diese WM-Neuerung sorgt für Wettbewerbsverzerrung

Die zu XXL-Spielen mutierte Weltmeisterschaft wartet mit allerhand Neuerungen auf. Nicht jede ist im Sinne des Fußballs, wie die 90minuten-Redakteure Daniel Sauer und Georg Sohler diskutieren.

Wird es in Europa langsam Abend, rollt über dem Atlantik das runde Leder. Erstmals nehmen 48 Nationen an der Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko teil. Auf der Habenseite stehen 104 Spiele – so viele wie noch nie.

Allerdings stellen sich dabei einige Fragen: Wird das irgendwann zu viel? Welchen Mehrwert bringen Spiele wie Haiti gegen Schottland oder Kongo gegen Usbekistan und die fortschreitende Hyperkommerzialisierung?

Die 90minuten-Redakteure Daniel Sauer und Georg Sohler diskutieren im Format "Ansichtssache" vor dem dritten Spieltag die Erkenntnisse aus all den Neuerungen wie den Trinkpausen sowie die Schiedsrichterleistungen – mit vier Thesen aus der LAOLA1-Redaktion.


These: Ausrufezeichen von Kap Verde und Co. bestätigen: Die Aufstockung auf 48 Teams war gerechtfertigt und hat der Attraktivität des Turniers nicht geschadet.

These: Ausrufezeichen von Kap Verde und Co. bestätigen: Die Aufstockung auf 48 Teams war gerechtfertigt und hat der Attraktivität des Turniers nicht geschadet.
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Georg Sohler: Die Frage ist, was wir hier als attraktiv ansehen. Wenn es heißt, dass mehr Nationen und somit Fans aus unterschiedlichen Ecken dabei sind, kann ich nicht widersprechen. Bemisst man Qualität an Ballstafetten à la Arsenal unter Arsene Wenger, muss man das differenzierter sehen. Unter diesem Aspekt ist ein tiefer Block mit Konterfokus nicht schön anzusehen.

Weit kommt man damit ohnehin nicht, wenn man sich die jüngere WM-Geschichte seit 1994 ansieht. Es waren am Ende fast ausschließlich Europäer und Südamerikaner, die es bis ins Viertelfinale schafften. Die Ausnahmen: USA, Südkorea, Senegal (2002), Ghana, (2010), Costa Rica (2014) und Marokko (2022). Sprich: Von 56 Viertelfinalplätzen gingen seit 1994 nur sechs bzw. zehn Prozent an den Rest. Darüber hinaus sagen die Erfolge kleinerer Fußballnationen wenig über das Land aus, wenn sie ihre Erfolge vor allem mit Spielern erzielen, die in starken Fußballländern ausgebildet wurden. Von den 26 Kaderspielern Marokkos erblickten lediglich zwölf Spieler das Licht der Welt in Marokko. Im Nationalteam von Curacao steht nur ein Kicker, der dort geboren wurde.

Dazu einen Hot Take: Wenn sie gut genug wären, hätten die wohl für die Oranje gekickt – Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel, aber ein Paul Wanner hätte vermutlich für Deutschland gespielt, wenn dies möglich gewesen wäre. Klar, in Cupbewerben gelingen auch Amateurvereinen Überraschungen, am Ende machen es die klassischen Fußballnationen untereinander aus. Also: Der Fußballromantiker in mir stimmt zu, der Journalist muss verneinen.

Daniel Sauer: Wie so oft sehe ich das Problem nicht im Wer, sondern im Wie. Das Gemauere der kleinen Teams hat sein Fundament in der Tatsache, dass drei Unentschieden zum Aufstieg ins Sechzehntelfinale reichen könnten. Es bräuchte einen klareren Cut, um mehr Risikobereitschaft zu erzwingen. Das ÖFB-Team hat erst einen Sieg in der Tasche, schon wird in Medien über eine mögliche absichtliche Niederlage spekuliert.

Dass sich bei vielen außerdem bald eine WM-Übersättigung einstellen wird, liegt daran, dass wir innerhalb von zwei Wochen über 50 Spiele hinter uns gebracht haben. Angesichts herausfordernder Ankickzeiten und der Aufteilung auf (in Österreich) zwei Sendeanstalten kommt man ja kaum noch hinterher. Der Spielplan müsste aufgelockert werden, es bräuchte mehr Zeit.

Dass der DFB seinen ersten K.-o.-Gegner erst einen Tag vor Spielbeginn erfährt, ist eigentlich ein Skandal. Ich finde es unumwunden schön, dass Curacao, Kap Verde, Haiti & Co. bei der WM dabei sind. Man sieht auch den eingebürgerten Spielern viel Stolz und Leidenschaft an. Ich glaube nicht, dass einer von ihnen seine "Nationenwahl" bereut. Für kleine Länder ist es obendrauf eine enorme Chance, um ihren Fußball weiterzuentwickeln. Sie haben sich die Teilnahme in der Qualifikation ja auch einfach verdient.


These: Die Tiebreaker auf Direkte Duelle umzustellen, war ein Fehler. Zu viele Mannschaften haben am letzten Gruppenspieltag bedeutungslose Spiele – was für Wettbewerbsverzerrung sorgen wird.

These: Die Tiebreaker auf Direkte Duelle umzustellen, war ein Fehler. Zu viele Mannschaften haben am letzten Gruppenspieltag bedeutungslose Spiele – was für Wettbewerbsverzerrung sorgen wird.
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Daniel Sauer: Es gibt schon Argumente für den Direktvergleich als Tiebreaker, in der Bundesliga stört er nicht. Bei der WM 2026 macht er vor allem das Lesen der Tabellen kompliziert und ist mir vor allem deswegen ein Dorn im Auge. Die Bedeutungslosigkeit der letzten Runde rührt letztlich aber daher, dass zu viele (66 Prozent) Mannschaften die Gruppenphase überstehen werden.

Nur für neun Teams in sieben Partien (von 24) ist das Ergebnis wirklich völlig belanglos. Beim Rest geht es teils noch ums Überleben, teils um die Ermittlung des nächsten Gegners. Dass in vielen Gruppen die Luft draußen ist, liegt daran, dass schon ein Sieg für den Aufstieg reicht.

Georg Sohler: Vornweg: In dieser Sache bin ich eigentlich meinungsbefreit. Ich finde die alte Regelung mit der besseren Tordifferenz bzw. den Toren gut und argumentierbar, die jetzige ebenfalls und in Detailfällen sogar besser: Man stelle sich vor, die Argentinier gönnen ihren doch schon in die Jahre gekommenen Leistungsträgern eine Pause und Jordanien gewinnt, gleichzeitig verliert Algerien und muss nach Hause fahren – obwohl man den direkten Vergleich gewonnen hat. Ähnlich wäre die Sachlage in der Gruppe L bei Panama.

Am Ende entsteht dann eh die absurde Situation, dass es in mancher Gruppe sogar besser ist, das durch diese Regelung an und für sich bedeutungslose letzte Gruppenspiel zu verlieren. Wenn mich die FIFA einlädt, würde ich ja vorschlagen, dass man nach der Gruppenphase neu auslost, bevor man das schon vorher weiß. Als Uruguay wäre es beispielsweise besser, sich von Spanien abschießen zu lassen, sonst würde man fix auf Argentinien treffen.


These: Die Schiedsrichter-Leistungen bei dieser WM lassen teilweise zu wünschen übrig. Bei einer Weltmeisterschaft sollten wirklich nur die besten Referees der Welt zum Einsatz kommen, ohne irgendwelche Quoten erfüllen zu müssen.

These: Die Schiedsrichter-Leistungen bei dieser WM lassen teilweise zu wünschen übrig. Bei einer Weltmeisterschaft sollten wirklich nur die besten Referees der Welt zum Einsatz kommen, ohne irgendwelche Quoten erfüllen zu müssen.
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Daniel Sauer: Eigentlich ist das, was wir sehen, ja nur eine logische Konsequenz aus all den WM-Reformen, die man bei der FIFA in den letzten Jahren durchgewunken hat. Zusätzliche Spiele bedeuten zusätzlichen Raum für Fehlentscheidungen, außerdem fischt man beim Personal zwangsläufig mit großem Netz. Über 170 Personen sind im Einsatz - es wäre enorm schwierig, alle Rollen zentral gesteuert zu besetzen. Mit Quoten habe ich deswegen kein Problem, sofern die Verbände nach klaren Kriterien nominieren. Blöd ist es nur, wenn dann zum Beispiel Afrikas Schiedsrichter des Jahres an der Einreise gehindert wird.

Georg Sohler: Selbst den besten Schiris der Welt unterlaufen Fehler; es sind eben auch nur Menschen. Da gab es bisher sicher den einen oder anderen: eine mögliche rote Karte für Lionel Messi gegen Algerien; Sadio Mané, der Kylian Mbappé folgenlos im Strafraum umschneidet. Ich bleibe dabei: Das gehört zum Fußball einfach dazu. Ist es letztlich nicht eine schöne Sache, dass trotz VAR noch Fehler passieren, oder?

Abgesehen davon ist es ja ein bissl unfair: Mit dem Videoheadset und Superzeitlupen in Ultra-HD aus 27 verschiedenen Blickwinkeln sehen wir Fans mehr als jemals zuvor. Abgesehen davon weiß ich nicht, wie Schiedsrichter-Qualität über alle Kontinente mit all den verschiedenen fußballerischen und fußball-kulturellen Ansätzen objektiv quantifiziert werden soll. Die These sagt implizit noch etwas anderes aus: Schiedsrichter aus Topligen haben im Schnitt mehr Erfahrung auf höchstem Spielniveau, was ihre Entscheidungsqualität unter Druck wahrscheinlich verbessert. Da weiß man dann, was das bedeutet.


These: Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis die fixen Trinkpausen nicht nur bei der WM, sondern in allen Bewerben stattfinden werden. Diese zusätzlichen Werbeeinnahmen wird sich niemand entgehen lassen wollen.

These: Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis die fixen Trinkpausen nicht nur bei der WM, sondern in allen Bewerben stattfinden werden. Diese zusätzlichen Werbeeinnahmen wird sich niemand entgehen lassen wollen.
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Georg Sohler: Der wichtigste Anwendungsfall ist wohl die eigene Dehydration – also der Klogang. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die gute Idee einer Trinkpause auch kommerzialisiert wird. Überraschen wird es mich nicht, wenn bei Kuopion Palloseura gegen Lech Poznań (fand im Februar in der Zwischenrunde der Conference League so statt) auch ein Hydration Break kommt.

Aber ich will es nicht verblödeln, also: In der heutigen Wirtschaftslage müssen Fußballklubs landauf, landab ohnehin um jeden Sponsoreneuro kämpfen. Und die TV-Verträge werden auch nicht mehr unbedingt fetter, siehe Österreich. Wenn es dann eine Möglichkeit gibt, zusätzliche Werbeflächen zu verkaufen, soll es sie geben. Den TSV Hartberg oder den WAC wird’s freuen und ich kann auf die Toilette gehen, ohne eine Minute des Spiels zu verpassen.

Daniel Sauer:  Habt ihr alle Gianni Infantino nicht genau genug zugehört? Bei den Hydration Breaks geht es gar nicht um zusätzliche Einnahmen. Die FIFA sieht - so ihr Präsident - keinen Cent mehr. Lassen wir das einmal so stehen. Normalerweise wäre die Premier League ein guter Boden für Innovationen dieser Art. Die Witterungsbedingungen auf der Insel ab Mitte September würden eine dauerhafte Einführung aber einigermaßen absurd aussehen lassen. Überhaupt werden sich nicht viele Ligen finden, in denen sich fixe Trinkpausen gut verargumentieren lassen. Vielleicht kommt der Klimawandel den Managern in dieser Hinsicht schon bald entgegen.

Persönlich finde ich die kurzen Unterbrechungen ja gar nicht schlecht: Sie haben bei der WM schon mehrere einseitige Spiele gerettet und wieder spannend gemacht. Nur würde ich den Trainern dann auch gerne bei der Arbeit zusehen können, statt zum Handy zu greifen.

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