Der Neue liebt den Ball

Ab Jänner 2018 wird der Deutsche Heiko Vogel die Schwarz-Weißen aus Graz an der Linie dirigieren. Genauer hingeschaut, wird diese Entscheidung viel mehr sein, als nur der Versuch Franco Foda adäquat zu ersetzen. Das nächste Level einer bereits begonnenen Entwicklung könnte mit dem neuen Mann erreicht werden.

Ein 12 Meter von Jürgen Pucher (alle 12 Meter auf einen Blick)

 

Als er im Sommer 2017 seinen Ex-Klub FC Basel im bayrischen Sommertrainingslager besucht hat, erklärte Heiko Vogel dem Vereins-TV, man werde sehen, welche spannende Aufgabe als nächstes auf ihn zukommen werde. Jetzt, ein paar Monate später, weiß er es. Und wir auch. Der 42-Jährige tritt seine zweite Profi-Cheftrainerstation auf der Bank in Graz-Liebenau an. Als er erst 36-Jahre alt war, übernahm er im ‚Joggeli‘ nach einem gewissen Thorsten Fink den Schweizer Serienmeister, zunächst interimistisch, und dann als Cheftrainer. Er besiegte in der Champions League Manchester United und holte 2012 das Double an den Rhein. Danach begann es im Gebälk ein wenig zu krachen, Vogel legte sich da und dort mit Journalisten an, zeigte sich teilweise dünnhäutig und emotional und man trennte sich nach 55 Spielen. Nichtsdestotrotz gilt er bei den Rotblauen retrospektiv als Erfolgstrainer.

 

Grader Michl liebt Ballbesitz

Danach ging Heiko Vogel zurück zur zweiten großen Konstante seiner bisherigen Trainerkarriere, einem gewissen FC Bayern. Pep Guardiola war gerade Cheftrainer und Vogel wurde zunächst U19-Coach und später der ‚neue starke Mann im Nachwuchs‘ der Münchner. Schon vor seiner Zeit in Basel werkte er an der Säbener Straße im Jugendbereich, trainierte damals als sehr junger Mann bei der U17 Leute wie Philipp Lahm und Thomas Müller. Warum er nach den Erfolgen bei Basel zurück in den Nachwuchs ging, hat einige Beobachter gewundert. Vogel erklärte in einem Interview mit 11freunde, es hätte Gespräche mit Vereinen gegeben „aber es war einfach nicht der richtige Klub dabei. Mir hat die Nachhaltigkeit gefehlt. Und ich wäre auch jedes Mal der falsche Mann gewesen – da muss man realistisch sein. Authentizität ist mir sehr, sehr wichtig. Ich wollte mich nicht verbiegen. Was die Sache auch noch erschwert hat: Ich liebe den Ballbesitzfußball.“

Diese Aussage sagt uns zweierlei: Erstens dürfte es sich beim markant rothaarigen Mann um einen ‚graden Michl‘ handeln, wie man so schön sagt. Und zweitens dürfte seine Geburt im deutschen Bundesland Rheinland-Pfalz eine der wenigen Gemeinsamkeiten mit Franco Foda sein. Der bisherige Sturmtrainer hat alles Mögliche gemacht, aber der Ballbesitzfußball war nicht die ‚Einserphilosophie‘ in seinem Spiel. Meine Vermutung ist, dass Günter Kreissl mit dieser Trainer-Neuverpflichtung das nächste Level der Entwicklung anstrebt.

 

Sieht man sich den damaligen FC Basel an und liest man Interviews des neuen Sturmtrainers, dann werden die Ballbesitzanteile bei den Blackies in nächster Zeit steigen. Eine Weiterentwicklung des SK Sturm kann, vom aktuellen Niveau ausgehend, auch nur in diese Richtung führen.

Bringt Vogel die Fähigkeit zur Dominanz?

Schon in der laufenden Saison hat sich, durch den veränderten Kader und wahrscheinlich auch auf sanften Druck des Sportchefs, Fodas Spiel ein wenig vom reinen Umschaltfußball der letzten Jahre zu einer ab und an dominanteren Spielweise weiterentwickelt. Mit dem neuen Trainer, der bei Bayern unter Guardiola gearbeitet hat, und sich ganz offen zur Liebe das Spiel zu gestalten bekennt, wird sich auch das Spiel des SK Sturm in diese Richtung verändern. Und ich bin der Meinung, dass diese Wahl kein Zufall ist, sondern dass die sportliche Leitung in Graz damit etwas bezweckt. Das mögen andere Beobachter sehen wie sie wollen, aus meiner Perspektive ist dieser Schritt, und damit ein Stück weit auch ein Paradigmenwechsel, absolut zu begrüßen. In der heimischen Bundesliga steht die Mehrheit der Gegner in der Regel tief und versucht in erster Linie hinten dicht zu machen. Will man sich langfristig und nicht nur als sporadischer Gast im Titelkampf etablieren, dann gilt es den nächsten Schritt zu machen und der heißt: Die Fähigkeit zur Dominanz.

Sieht man sich den damaligen FC Basel an und liest man Interviews des neuen Sturmtrainers, dann werden die Ballbesitzanteile bei den Blackies in nächster Zeit steigen. Eine Weiterentwicklung des SK Sturm kann, vom aktuellen Niveau ausgehend, auch nur in diese Richtung führen. Die Fähigkeit, die hinten drinnen hängenden Gegner auszuhebeln und ihnen spielerisch beizukommen, ist das, was in Österreich nur wenige Mannschaften können und ich meine, das ist der Masterplan hinter der Verpflichtung von Heiko Vogel. Dieses Element soll forciert werden, ruckzuck nach vorn und scoren hat die Mannschaft schon drauf. Jetzt geht es an die kompliziertere Aufgabe.

 

Platzhalter oder Next Level?

All diese Dinge sind natürlich solche, die der Großteil des Publikums als Fachgesimpel abtut und nur für ein Nischenpublikum interessant sind. Das Umfeld will in erster Linie weiterhin Siege sehen. Und natürlich ist es eine Tatsache, dass Heiko Vogel eine denkbar schwere Aufgabe übernimmt. Nach dem Langzeittrainer Franco Foda in Graz anzutreten, wird kein Honiglecken werden. Noch dazu in einer absoluten Erfolgsphase des Klubs, wo es unmittelbar auch nicht mehr steiler bergauf gehen kann. 90minuten.at-Spielanalyst Momo Akhondi ging unlängst bei BlackFM sogar soweit, den jetzt übernehmenden Trainer als wahrscheinlichen Platzhalter zu bezeichnen. Der ‚Neue’ könne nur scheitern und erst der nächste Mann hätte wieder eine realistische Chance.

 

Nichtsdestotrotz ist diese Phase auch eine Chance und die rein faktenbasierten Vorzeichen sind nicht die Schlechtesten: Für Heiko Vogel ist der SK Sturm in der aktuellen Phase seiner Karriere eine logische Station. Er kann in Österreich bei einem öffentlichkeitswirksamen Verein um den Titel mitspielen und er wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nächste Saison international dabei sein – das klassische Sprungbrett für einen jungen Mann, der schon einen Namen hat und neu durchstarten will. Günter Kreissl wird sich außerdem jemanden geholt haben, mit dem er auf einer Wellenlänge ist und bei der Weiterentwicklung wird wohl an einem Strang gezogen werden. Nüchtern betrachtet ist das eine schlüssige Wahl. Joachim Standfest vom Amateure- zum Co-Trainer zu befördern und den renommierten Spielanalysten Patrick Dippel dazu zu nehmen, liest sich auf dem Papier ebenfalls alles andere als schlecht. Auch die Laufzeit des Vertrages bis zum Ende der Folgesaison scheint sinnvoll.

Ob das alles am Ende schließlich funktioniert, wird sich wie immer erst weisen. Aber die Hausaufgabe wurde zumindest einmal gewissenhaft und nachvollziehbar erledigt. Auch insofern, als ich mich an keine Trainerbestellung in Graz erinnern kann, wo so wenig unterwegs nach außen gedrungen und alles in so geordneten Bahnen verlaufen ist. Wenn es Heiko Vogel außerdem schafft, sich Medienscharmützel wie in Basel zu ersparen, er sich weitestgehend der Phalanx an Menschen mit guten Ratschlägen aus der Salonsteirerszene entzieht und die Vereinsführung den aktuell sehr besonnenen Kurs hinsichtlich Einmischung in sportliche Agenden weiterfährt, dürfen wir vorsichtig optimistisch in die Sturm-Zukunft blicken.

 

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