Umbau Liebenau: Round Table oder Game Over
Der Fußballmeister weckt am Feld ein wenig Frühlingsgefühle, was man von den Entwicklungen rund um den Umbau des Stadions Liebenau leider nicht behaupten kann. Entweder es gibt demnächst ein Ergebnis auf höchster Ebene oder es droht ein Scheitern.
Erstmals seit Langem hat der SK Sturm wieder ein einigermaßen ansehnliches Fußballspiel abgeliefert. Speziell die zweite Halbzeit beim 2:0 gegen Altach in der letzten Runde des Grunddurchgangs (Spielbericht >>>) hat erahnen lassen, was die im Umbruch befindlichen Schwoazn an guten Tagen zu leisten imstande sind.
Sturm geht damit als Tabellenführer in die Meistergruppe. In einen Wettbewerb, in dem nach der Punkteteilung tatsächlich alle Teilnehmer am Ende ganz oben stehen könnten. Die nächsten Wochen werden das zeigen. Aber auch abseits des Sportlichen, wird dieses Frühjahr in Graz noch etwas ans Tageslicht bringen.
Lösung vor der Wahl wird unwahrscheinlicher
Nämlich, ob es zum ewigen Thema Umbau Graz-Liebenau noch vor der Grazer Gemeinderatswahl Ende Juni eine Entscheidung geben wird. Das ist alles andere als gewiss, obwohl es zu Beginn des Jahres ja eigentlich erstmals so richtig nach Lösung gerochen hat. Die Stadt Graz hat eine Planung beauftragt, was mit 60-70 Millionen Euro alles gemacht werden könnte. Finanziert werden soll das zu gleichen Teilen von Stadt und Land Steiermark.
Bis heute hat die Stadt Graz die für eine Bearbeitung notwendigen Unterlagen nicht vollständig übermittelt.
Sturm-Präsident Christian Jauk hat nun aber unlängst im Podcast „BlackFM.at“ aufhorchen lassen: "Das Vorziehen der Wahl in Graz verschärft das Stadion-Thema massiv. Die Stadt will bis Ende Mai einen Plan abgeben, damit ist man mitten im Wahlkampf. Deshalb glaube ich nicht, dass man zwischen Stadt und Land im Juni noch zu einer Einigung kommt."
In der Sturm-Mitgliederversammlung am Montag hat er seinen Pessimismus noch einmal unterstrichen. KPÖ-Mann Stefan Herzog aus dem zuständigen Büro des Finanzstadtrats in Graz versteht Jauks zeitliche Sorgen nicht. Die Planung solle ja schon Ende April fertig sein, man hätte also genug Zeit, noch vor der Wahl den Planungsbeschluss zu fällen, sagt Herzog auf Nachfrage von 90minuten.
Büro Kunasek: "Wir haben nicht alle Unterlagen"
Das Land Steiermark sei außerdem eingeladen, schon jetzt an den Planungssitzungen teilzunehmen und seine Vorstellungen einzubringen, so Herzog. Zum letzten Mal saß allerdings Ende Jänner ein Vertreter des Bundeslandes, ein nicht näher beschriebener Abteilungsleiter, mit am Tisch. Stefan Haring vom Büro des FPÖ-Landeshauptmanns Mario Kunasek erklärt:
"Vereinbart wurde im Zuge dieses Gesprächs, dass die Stadt Graz weiterführende Informationen liefert, die dem Land Steiermark eine weitere Bewertung des Vorhabens ermöglichen. […] Bis heute hat die Stadt Graz die für eine Bearbeitung notwendigen Unterlagen nicht vollständig übermittelt."
Und deshalb, ohne belastbare Informationen, könnten der Herr Landeshauptmann und seine Koalition im Land zum aktuellen Zeitpunkt freilich nichts Verbindliches zusagen. Es ginge ja schließlich um einen mehrstelligen Millionenbetrag, so Haring. In Graz versteht derweil Stefan Herzog nicht, was Stefan Haring meint. Alles sei übermittelt worden, außer jene Dinge, die gerade noch in der Planung seien bzw. schlicht - weil noch Planungsphase - derzeit nicht fertig sein könnten.
Fehlt das Vertrauen? Wird absichtlich verzögert?
Sie sehen, meine Damen und Herren, die nächste Runde im "Stadionumbau-Kindergarten" ist längst voll im Gange. Die einen planen und laden zur Mitarbeit ein, die anderen warten auf irgendwelche Zettel und kommen deshalb erst gar nicht zur Sitzung. Derweil wächst der Frust bei den Fußballvereinen.
Wenn man in den SK Sturm hineinhorcht, hört man: Bei der nicht vorhandenen Vertrauensbasis zwischen Stadt und Land sei es einfach nahezu ausgeschlossen, dass es vor der Wahl eine Einigung gebe.
Alles in allem ist das ein jämmerliches Schauspiel, dem man eigentlich kaum noch folgen kann und mag.
Auch dass die Planungen der Stadtbaudirektion bis Ende April fertig sein sollen, mag man bei den Schwoazn nicht so recht glauben. Teile der Grazer Stadtregierung mutmaßen derweil, dass im Land absichtlich passiv agiert und verzögert würde, um der KPÖ vor der Wahl keinen Erfolg zu gönnen. Stefan Haring aus dem Landeshauptmannbüro hält auch hochoffiziell fest:
"Eine Einschätzung, ob sich das alles bis zur Gemeinderatswahl noch ausgehen kann, oder es zu einer Verzögerung bis nach der Wahl kommt, lässt sich nicht sachlich abschätzen. Der Zeitpunkt der Wahl ist auch nicht maßgebend. Wichtig ist, dass es eine für den Sport und den Steuerzahler tragfähige Lösung gibt."
Liebenau-Konklave notwendig
Kein Wunder also, dass Sturm schön langsam und immer lauter eine "Variante B" ins Spiel bringt. Die hieße: Raus aus der Stadt, wenn das mit Liebenau nix wird. Man wolle das eigentlich nicht, aber wenn einem nichts anderes übrigbleibe, dann müsse Graz-Umgebung überlegt werden. Auch mit den Fangruppen sei diese Eventualität schon andiskutiert worden. Zustimmung und Ablehnung sollen sich dort ungefähr gleich verteilen.
Alles in allem ist das ein jämmerliches Polit-Schauspiel, dem man eigentlich kaum noch folgen kann und mag. Die Situation ist verfahren, das gegenseitige Vertrauen inexistent und die diametral entgegengesetzten involvierten politischen Lager machen die Blockade perfekt. Es gibt nur noch einen Ausweg aus dieser Misere.
Die gewählten Vertreter des Volkes und Verwalter des Steuergelds müssten nur ihre Arbeit mit einem Mindestmaß an Professionalität ausüben und die ganze Angelegenheit wäre längst erledigt.
Ein runder Tisch mit allen Chefinnen und Chefs. Die Spitzen der Stadtregierung, der Landesregierung und die Präsidenten der Fußballvereine. Nicht irgendwelche Unterhändler, Abteilungsleiter oder Planungsbeauftragte. Tür zu und erst dann wieder auf, wenn weißer Rauch aufsteigt. Ein Liebenau-Konklave für den Fußball in der Steiermark.
Werden die Populisten zur Verschuldensfamilie?
Findet sich auf diesem Weg eine Lösung, gäbe es nur Gewinner. Elke Kahr und ihre KPÖ haben vor der Wahl das Thema vom Tisch, das sie im Wahlkampf ohnehin nicht wollen. Der FPÖ-Landeshauptmann kann sich als Machatschek präsentieren, der durch seine Anwesenheit die Einigung brachte. Erst als er mit am Tisch saß, gab es endlich eine Lösung. Danke Mario. Und Sturm und GAK hätten endlich Gewissheit, wie es weitergeht.
Naiv? Vielleicht. Unmöglich? Keineswegs. Die gewählten Vertreter des Volkes und Verwalter des Steuergelds müssten nur ihre Arbeit mit einem Mindestmaß an Professionalität ausüben und die ganze Angelegenheit wäre längst erledigt.
Da wir aber von Stadtpolitikern reden, die es nicht einmal schaffen, rechtzeitig einen neuen Namenssponsor für das Stadion zu finden, bevor der alte Vertrag ausläuft und von einer Landesregierung, die an Besprechungen und Planungen gar nicht erst teilnehmen will, fehlt freilich der Glaube, dass ein solches Szenario tatsächlich eintreten könnte.
Am Ende ist es dann eben so: Sollte eine solche High-Level-Verhandlungsrunde mit einem validen Ergebnis nicht sehr bald stattfinden, dann werden die steirischen Links- und Rechtspopulisten - ja, FPÖ und KPÖ haben es in der Hand - gemeinsam die Verschuldensfamilie bilden. Sie werden dann einen beschämenden, inkompetenten, von Befindlichkeiten geprägten und unendlich langen Diskussionsprozess zum Umbau des Liebenauer Stadions zu verantworten haben, der am Ende trotzdem keine sinnvolle Lösung zustande gebracht hat.
Jürgen Pucher ist Buchautor, Politikwissenschaftler, Fußballjournalist und praktizierender Sturmfan in Wien. Der Steirer war Mitgründer der Fanplattform Sturm12.at. Seit 2015 ist Pucher als Betreiber des Podcast BlackFM aktiv, der sich den "Schwoazn" widmet. Für 90minuten.at schreibt er in regelmäßigen Abständen die Kolumne "12 Meter".
Jürgen Pucher