Von einem Weckruf sprach Sturm-Verteidiger Jürgen Heil nach dem Spiel am Sonntag in Wien gegen Rapid. Die 1:3-Niederlage seiner Mannschaft in Hütteldorf mag ein solcher gewesen sein, klingeln tut das Alarmgerät aber schon ein wenig länger.
In Wahrheit fällt Sturm seit dem souveränen Europacupauftritt gegen die Hearts of Midlothian im Juli jede Woche ein Stück weiter zurück. Und das trotz eines gut aufgestellten und ausbalancierten Kaders.
Abwärtsspirale
Dieser Kader und die Möglichkeiten von der Bank haben in den Spielen gegen Hartberg und Altach dürftige erste Spielhälften hinten hinaus noch eingefangen und in Siege drehen können. Gegen Lustenau in Runde vier der Bundesliga musste die Ingolitsch-Elf sich zuhause schon mit einem 1:1 begnügen.
Waren gleich nach der Vorbereitung noch Ansätze da, sind die irgendwo am Weg in den Bundesligaalltag wieder verloren gegangen.
Und beim SK Rapid, der 120 Minuten samt bitterem Ausscheiden im Europacup in Beinen und Köpfen hatte, setzte es schließlich die erste Liganiederlage für die Schwoazn seit Februar.
Zu den schon offenkundig gewordenen Problemen im Offensivspiel kamen am Sonntag in Wien auch ungewohnte Fehler im Abwehrverhalten dazu.
Der Spielverlauf samt unglücklichem Elfmeter ganz zu Beginn half zwar auch nicht mit, daran ist die Niederlage aber nicht festzumachen. Es fehlt im Spiel gegen den Ball und in der Weiterverwertung nach Ballgewinnen einiges bis viel im aktuellen Auftreten des Vizemeisters.
Neue Elemente im Spiel greifen noch nicht
Selbst die Grundtugend, von der Fabio Ingolitsch so gerne spricht, die viel zitierte Intensität, ist derzeit kaum etwas zu sehen. Dabei hatte man die zu Saisonbeginn noch als ohnehin gegeben angenommen. Vielmehr wollte man dem Sturmspiel den einen oder anderen Aspekt hinzufügen.
Spielerische Elemente, besseres Positionsspiel, mehr Ballbesitz und dominanteres Auftreten auf dem Feld sollten die im Frühjahr, seit Ingolitsch in Graz arbeitet, stabilisierte Defensive heuer ergänzen. Noch im Trainingslager in Irdning zeigte sich der Trainer zuversichtlich, dass das gelingen werde.
Der Cheftrainer muss mit seiner Mannschaft zeigen, dass er das Ganze auf das nächste Level heben und die im Vergleich zur Vorsaison besseren Möglichkeiten im Kader auch nutzen kann.
Davon ist leider bis dato wenig zu sehen. Waren gleich nach der Vorbereitung noch Ansätze da, sind die irgendwo am Weg in den Bundesligaalltag wieder verloren gegangen. Und das, wie eingangs erwähnt, trotz eines am Papier gut aufgestellten Kaders.
Formkurvendiskussion
Ja, Otar Kiteishvili fehlt noch immer. Ja, der eine oder andere Neuzugang wird sich erst noch besser einfügen müssen – aber für das Niveau der heimischen Liga sollte das, was Sportchef Michael Parensen seinem Trainer zur Verfügung gestellt hat, allemal ausreichen.
Was außerdem Sorge bereitet: Die wesentlichen Protagonisten im Kader zeigen allesamt eine absteigende Formkurve, seitdem das Ziel europäische Ligaphase erreicht wurde. In den offiziellen Verlautbarungen wird von sehr guten Trainingswochen und guter Stimmung gesprochen. Der Wahrheitsbeweis dafür wird am Feld in diesen Tagen aber nicht angetreten.
Irgendwo hakt es also und Fabio Ingolitsch ist früh in der Saison gefordert, diese Entwicklung wieder einzufangen. Er muss den Snooze-Button abstellen. Der Cheftrainer muss mit seiner Mannschaft zeigen, dass er das Ganze in seiner Gesamtheit auf das nächste Level heben und die im Vergleich zur Vorsaison besseren Möglichkeiten im Kader auch nutzen kann.
Die Zeit ist knapp, der Wind ist rau
Die Geschichte hinten wieder zu stabilisieren, wird dabei nicht das Problem darstellen. Vielmehr zeigt das jahrzehntelange Fußballbeobachten, dass die Etablierung eines strukturierten, zielgerichteten und eventuell auch noch passabel anzusehenden Offensivspiels die Königsdisziplin darstellt. Daran wird der in diesem Bereich noch unerfahrene Sturm-Trainer in den nächsten Wochen gemessen werden.
Es ist noch nicht die Zeit, in Alarmismus zu verfallen, aber es ist der richtige Moment, um alle wieder ein wenig wachzurütteln.
Der Wind rund um dieses Unterfangen wird ein rauer sein. Selbst angesichts dessen, was man aus dem sozial-medialen Dreckschleuderbereich gewohnt ist, fällt ein besonders aggressiver Ton nach der Rapid-Niederlage in den Kommentaren auf. Nicht nur wegen der anstehenden Europa League ist die Zeit für Verbesserungen also eher knapp.
Und auch die Geschäftsstelle und die dortige sportliche Leitung sind gefordert, dieses Vorhaben kommunikativ adäquat zu begleiten und nicht durch unbedachte oder unbedarfte Äußerungen noch zusätzlich zu erschweren, wie es in der Vergangenheit mitunter der Fall war. Es ist noch nicht die Zeit, in Alarmismus zu verfallen, aber es ist der richtige Moment, um alle wieder ein wenig wachzurütteln.
Jürgen Pucher ist Buchautor, Politikwissenschaftler, Fußballjournalist und praktizierender Sturmfan in Wien. Der Steirer war Mitgründer der Fanplattform Sturm12.at. Seit 2015 ist Pucher als Betreiber des Podcast BlackFM aktiv, der sich den "Schwoazn" widmet. Für 90minuten.at schreibt er in regelmäßigen Abständen die Kolumne "12 Meter".
Jürgen Pucher